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Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft

Ed. by Lasch, Alexander / Dürscheid, Christa / Elmentaler, Michael / Simon, Horst J. / Ziegler, Arne

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Michael Tomasello. 2014. Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens

Jürgen Trabant
Published Online: 2016-01-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2015-0034

Reviewed publication

TomaselloMichael 2014 Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder Frankfurt am Main Suhrkamp 252 S.

Von den vielen naturwissenschaftlichen Geschichten, die in den letzten Jahrzehnten über die Evolution der Sprache erzählt worden sind, ist die des Psychologen und Primatenforschers Michael Tomasello ohne Zweifel die plausibelste. Origins of Human Communication (2008; dt. 2009) ist Tomasellos bestes Buch und die schönste evolutionsbiologische Story über die Entstehung der menschlichen Sprache. Das hier besprochene Buch weitet den Blick von der Kommunikation auf eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens insgesamt. Tomasellos Geschichte ist deswegen so gut, weil sie auf ausgedehnten und tiefen vergleichenden Beobachtungen des Verhaltens von Menschenaffen und Menschen, vor allem von Menschenaffenkindern und Menschenkindern basiert. Diese empirische Grundlage hat die Forschung entscheidende Schritte vorangebracht. Die darwinistische Grundannahme ist, dass die Entwicklung des menschlichen Geistes als Evolution der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten der Primaten gedacht werden muss, dass also bei unseren unmittelbaren evolutionären Vorgängern Vorformen unseres Geistes gefunden werden können, aus denen sich in einem allmählichen Adaptationsprozess die kognitiven Fähigkeiten des modernen Menschen entwickeln. Der fundamentale Unterschied zwischen den Menschenaffen und den Menschen ist die völlig andere und tiefere Gesellschaftlichkeit des Menschen. Natürlich sind auch die Affen gesellschaftliche Tiere, daran kann ja gar kein Zweifel bestehen. Aber das Denken, Verhalten und Kommunizieren der great apes ist konkurrentiell und damit individuell. Die menschlichen Primaten – etwa ab dem homo heidelbergensis – sind dagegen von der Konkurrenz zur Kooperation übergegangen, die eine shared intentionality, eine gemeinsame Intentionalität der Kooperierenden, begründet. Das ist die Grundlage ihres gewaltigen Erfolgs. Die vergleichende Primatenforschung hat überzeugend gezeigt, dass der menschliche Geist auf der Erfindung eines Wir basiert. Damit belegt sie empirisch, was Humboldt schon 1827 schön idealistisch formuliert hatte, nämlich:

„Schon das Denken ist wesentlich von Neigung zu gesellschaftlichem Daseyn begleitet, und der Mensch sehnt sich, abgesehen von allen körperlichen und Empfindungsbeziehungen, auch zum Behuf seines bloßen Denkens, nach einem dem Ich entsprechenden Du“ (Humboldt: Über den Dualis, VI: 26).

Bei der Suche nach den Vorformen von Sprache geht Tomasello nicht von den vokalen Produktionen der Primaten aus, sondern von den Gebärden. Tomasello setzt visuell-gestische Kommunikation als primär und legt diese dann der späteren vokalen, im engeren Sinne sprachlichen, zugrunde. Dies ist eine befreiende Einsicht: Die Fixierung auf die Stimme war zu einer Sackgasse der Naturgeschichte der menschlichen Sprache geworden, weil offensichtlich kein direkter Weg von den vokalen Produktionen der Menschenaffen zur menschlichen Sprache führt.

Auf der Basis ihrer kooperativen Gesellschaftlichkeit tun die Menschen etwas, was kein Affe tut: Sie zeigen auf etwas in der Welt für den anderen Menschen, pointing, sie stellen also in der kooperativen Kommunikation einen Weltbezug her. Sie handeln informativ (und nicht nur direktiv oder appellativ wie die Affen). Was Karl Bühler in der Sprachtheorie (1934) Darstellung genannt hat und als Grundfunktion der Sprache betrachtete, findet bei Tomasello im Zeigen auf die Welt ihre gestische Vorform. Pointing ist gleichsam der sichtbare Unterschied zwischen dem Menschen und seinen nahen Verwandten. Diesen deiktischen Weltbezug arbeiten die Menschen dann in mimetischen Gebärden aus: pantomiming. Bei Fehlen der materiellen Präsenz des gezeigten Gegenstandes ahmen die Menschen den Referenten nach. Die visuelle gestische Kommunikation ist nicht nur Deixis, sondern Mimesis oder ikonische Präsenz des Gezeigten in der Gebärde selbst. Kurzum, das Bild (als visuelle, ikonische Bewegung) geht der Sprache voraus.

Erst in einem weiteren evolutiven Schritt übernimmt dann auch die Stimme, die bis dahin auf den Ausdruck der Emotion festgelegt war (in Bühlerschen Ausdrücken: auf Ausdruck und Appell), die Funktion des Zeigens und Nachahmens. Diese natürliche vokale Kommunikation, vor allem ihr ikonischer Teil, ist die Vorgängerin der konventionellen Sprache.

Es stellt sich an dieser zentralen Stelle des Übergangs ins Menschliche die Frage, ob nicht das Mimetisch-Ikonische der Gebärde auch der Ursprung der Kunst ist, die damit den Menschen ebenso zum Menschen macht wie die Information. Oder, anders gefragt, manifestiert nicht die unmittelbar mit der Deixis auftretende Mimesis eine gleichursprüngliche Poetizität in der Menschwerdung des Menschen? Aber dazu gibt es bei Tomasello nur Andeutungen über das Als-ob und die Einbildungskraft (S. 100 f.). Diese Zurückhaltung ist insofern bezeichnend, als Tomasello sich auf eine Kooperationstheorie bezieht, die völlig zweckrational denkt. Seine Auffassung von Kommunikation basiert auf der total humorlosen und poesiefreien Griceschen Konversationsethik. Diese kennt keine anderen Motive menschlicher Kooperation als den praktischen Erfolg, der mit sparsamsten Mitteln erzielt wird (Sei relevant! Rede nicht mehr als nötig!). Sie kann sich Kunst wohl nur als „parasitär“ auf dem Praktischen aufsitzend vorstellen, wie der andere englische Kommunikationsphilosoph, John L. Austin, das einmal ausdrücklich gesagt hat. Dieselbe Frage stellt sich auch angesichts des Pantomimischen in der vokalen Kommunikation, also für die Musik. Auch hier schießt die menschliche Kreativität offensichtlich über den rein praktischen Zweck hinaus, aber nicht als Zusätzliches, „Parasitäres“, sondern als wesentlich zu diesem Übergang ins Menschliche gehörend. Ein Blick auf anthropologische Überlegungen, wie sie etwa von Gunter Gebauer und Christoph Wulf (1992) entwickelt worden sind, wäre hier vielleicht wichtig gewesen. Aber diese sind in deutscher Sprache vorgetragen worden, und Autoren aus dem angloamerikanischen Sprachraum wie Tomasello nehmen in der Regel keine Publikationen in anderen Sprachen mehr zur Kenntnis.

In diesem Zusammenhang müsste auch die Frage diskutiert werden, ob Tomasello mit der Grundierung seines gesamten evolutionären Konstrukts durch die Gricesche Konversationsethik nicht einem universellen Naturvorgang eine kulturell spezifische – nämlich anglo-amerikanische – Auffassung von Kooperation und Kommunikation zugrundelegt. In der Diskussion der Griceschen Konversationsmaximen ist deren Kulturgebundenheit durchaus kritisch bemerkt worden.

Während in der ersten Phase der Entwicklung der menschlichen Kooperation die Kommunikation noch zweitpersonal und ohne Festlegung der Formen, also mit sogenannten natürlichen Gesten und Lauten, vor sich geht, werden diese Formen in einem zweiten Schritt der Entwicklung des Menschen, ab dem Auszug aus Afrika (200 000 Jahre vor jetzt), festgelegt oder konventionalisiert. Dies wird nötig, weil Menschen nun in größeren Gruppen zusammenleben. In diesen Konventionalisierungsprozess, der dem Entstehen menschlicher Kultur zugrunde liegt, gehört das Entstehen der – wie es hier immer heißt – konventionellen Sprache. Aus den ikonischen vokalen Sprachgesten werden arbiträre sprachliche Formen.

Auch an dieser Stelle bleibt eine große Frage offen: Die Redeweise von der Konventionalisierung klingt sehr überzeugend – und ist im Übrigen hochtraditionell. Auch Condillac (1746) und Vico (1744) imaginieren im 18. Jahrhundert das Entstehen nicht-ikonischer sprachlicher Formen (Wörter) aus ikonischen vokalen Äußerungen (Schrei und Gesang). Das hat sich vermutlich auch so zugetragen. Wie sollte es anders sein? Die Menschen haben vermutlich holophrastische ikonische Ausdrücke gegliedert, das heißt in semantische Elemente des Gesamt-Bildes einerseits und in phonetische Elemente andererseits artikuliert. Die Menschen haben dabei aber sicher nicht per Vertrag bestimmte Lautsequenzen festgelegt und mit Bedeutungen verbunden. Deswegen ist die Redeweise von konventionell, also: per Zusammenkunft, eher unpassend. Die bloße Feststellung der alten Philosophen und des modernen Kognitionspsychologen einer Konventionalisierung löst nicht die Frage, wie es denn nun genau gewesen ist. Wie ist aus einem „natürlichen“ phonetischen „Bild“ ein Wort entstanden, das aus kleinen festgelegten Bewegungen der Stimmorgane zusammengesetzt ist, die zur Bildung anderer Wörter wiederbenutzt werden? Genau an dieser Stelle liegt das Hauptgeheimnis der Geschichte: Wie ist phonetische Artikulation entstanden, denn nur auf der Grundlage der phonematischen Struktur der Sprache können arbiträre sprachliche Strukturen gebildet werden? Wie kommt es also, dass die Menschen die kleine geniale Erfindung machen, aus einer kleinen Anzahl von festgelegten rekursiven Bewegungen ihrer Stimmwerkzeuge Wörter zu komponieren?

Bezüglich der Evolution sprachlicher Formen folgt Tomasello den Vorschlägen der Konstruktionsgrammatik: Die konventionelle Grammatik der Sprachen entspringt nicht einer in den Menschen genetisch eingeborenen Universalgrammatik, wie die Chomskysche Linguistik das annimmt, sondern bestimmte Typen der Konstruktion menschlicher sprachlicher Äußerungen sind schon in der vorkulturellen Phase vorhanden – etwa Kausalsituation / X VERB Y / oder Objektbewegung / X VERB nach Y / – und werden nun allmählich als feste Muster fixiert und weiter ausgebaut. Mit den verschiedenen Konstruktionen des propositionalen Gehalts werden auch Typen der Einstellung zum propositionalen Gehalt markiert. Diese Typen sind universell, werden aber dann in den verschiedenen Sprachen verschieden, also konventionell realisiert.

In dem hier besprochenen Buch geht es nicht nur um Kommunikation und Sprache, sondern um das Denken insgesamt. Das Denken ist im Wesentlichen durch drei Operationen umschrieben: Bildung von Vorstellungen, Schlussfolgern und Selbstbeobachtung. Das solchermaßen weit gefasste Denken wird in drei zentralen Kapiteln in den angedeuteten drei evolutionären Phasen ausführlich und systematisch entfaltet: Das erste Kapitel ist dem Denken der uns am nächsten stehenden Primaten gewidmet, das zweite dem Denken der Frühmenschen, und im dritten wird dann das entwickelte menschliche Denken in der Phase der Kultur und der konventionellen Sprache dargestellt.

Das Kapitel über das Denken der Menschenaffen zeigt, welche erstaunlichen kognitiven Fähigkeiten unsere Ahnen haben. Vorformen der drei wichtigsten Denkoperationen findet man auch bei den Menschenaffen, aber eben eingebettet in das grundlegend andere, nämlich konkurrentielle Denken der Affengesellschaft. Das kühnste Kapitel des Buches ist dasjenige über das neue Denken der Frühmenschen, sofern es hierfür ja keine empirischen Daten gibt, sondern eine Geschichte imaginiert werden muss. Empirische Daten gibt es über die Affen als Vorfahren der Menschen und über die kulturell voll entwickelten Menschen. Das Frühmenschen-Denken wird als ein Zwischenglied zwischen diesen beiden aus dem Wissen über die nichtmenschlichen und menschlichen Primaten rekonstruiert. Das schöne Kapitel über den Übergang in die Phase der konventionalisierten menschlichen Kultur, der nicht mehr nur geteilten, sondern kollektiven Intentionalität, ist weniger spektakulär.

Die evolutionsbiologische Rekonstruktion der Genese des menschlichen Denkens, die Tomasello vorlegt, ist faszinierend und von einer Plausibilität, die auf einer eindrucksvollen empirischen Forschung über das Verhalten und Denken von Primaten aufruht. Wie die anderen Bücher Tomasellos ist auch dieses wieder klar strukturiert und gut geschrieben. Die elegante und überzeugende Darstellung darf uns aber nicht vergessen lassen, dass die Natur-Geschichte des menschlichen Geistes nach wie vor eine Konjektur ist, die synchrones Wissen (Verhalten von Affenkindern jetzt, von Affengesellschaften jetzt, Verhalten von Kleinkindern jetzt, Sprachstrukturen jetzt) auf eine nicht-dokumentierte Vergangenheit hochrechnet. „Richtige“ Geschichte dagegen deutet die Vergangenheit aus Artefakten (zum Beispiel vom Faustkeil bis zur Kreditkarte in Neil MacGregors A history of the world in 100 objects, 2011) und Dokumenten aus der Vergangenheit und schafft daher ein bedeutend sichereres Wissen. Es ist an Vicos fundamentale Einsicht zu erinnern, dass die Menschen die kulturelle Welt (mondo civile) ja selbst gemacht haben und daher sicheres Wissen von ihr haben können.

Tomasellos grandiose Naturgeschichte des menschlichen Denkens wertet die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung des menschlichen Geistes in drei Hinsichten ziemlich radikal ab und erschüttert damit die traditionelle Überzeugung, dass der Mensch nur Mensch durch die Sprache ist (Humboldt). Erstens macht nach Tomasello nicht die Sprache den Menschen zum Menschen, sondern der Übergang zum kooperativen Denken. Dabei ist dann, zweitens, das – visuelle – kommunikative Zeigen auf die Welt und die gestische Nachahmung derselben (pointing und pantomiming) die erste Verkörperung dieses menschlichen Denkens und nicht das vokale. Das Bild kommt also vor der Sprache. Dass mit Aristoteles’ berühmter Formel der Mensch vor allen anderen Tieren ein zoon politikon ist, bestätigt Tomasello also auf radikal moderne Weise, indem er das Politische schon als eine ganz spezifisch menschliche Denk- und Handlungsausrichtung früh in der Evolution situiert. Und dass der Mensch, mit der zweiten aristotelischen Formel, auch ein zoon logon echon ist, heißt nun gerade nicht, dass er Sprache hat, sondern dass der logos sich zunächst als schema und eikon, als Gebärde und Bild, manifestiert. Die dritte Abwertung der vokalen Sprache besteht in der Tatsache, dass diese dann in der dritten Phase der Menschwerdung nur als Konventionalisierung schon existenter natürlicher Zeichen gefasst wird, die eigentlich nichts wesentlich Neues bringt. Das sind drei Herausforderungen, auf die Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie vielleicht folgendermaßen reagieren könnten:

  • 1.

    Die Entstehung des kooperativen menschlichen Denkens als erster Schritt der Humanisierung ist eine großartige Entdeckung von Tomasellos Forschungen: Der Mensch ist nur Mensch durch die neue Art zu denken und zu handeln. Dies ist eine evolutionsbiologische Fundierung und Bereicherung jeder Sprachtheorie. Wie sagt der Verfasser am Ende seines Buches: „So etwas wie die Hypothese geteilter Intentionalität muss einfach wahr sein“ (S. 225). Stimmt.

  • 2.

    Auch die Präzedenz der Gebärde, des Visuellen, vor der Stimme, dem Hören und dem Laut, also die Präzedenz des Bildes vor dem Wort, ist ein wichtiger, wenn auch nicht ganz neuer Gedanke für die Sprachtheorie. Da der Übergang von der visuellen zur stimmlichen Kommunikation-Kognition aber doch einige Unklarheiten enthält, darf die Sprachtheorie allerdings schon noch fragen, warum die zunächst auf Ausdruck und Appell, also auf Emotion spezialisierte Stimme denn nun zur Darstellung, also zu pointing und pantomiming übergeht. Die Frage ließe sich aus meiner Sicht mit einer Übernahme des Evolutionsszenarios von André Leroi-Gourhan (1964 / 65) lösen, das nahelegt, dass es keinen solchen Übergang gegeben hat, sondern dass Geste und Stimme von vornherein gemeinsam am Zeigen und Pantomiming beteiligt waren. Tomasellos italienischer Vorgänger Giambattista Vico hatte in der Scienza nuova von 1744 visuelle und vokale Zeichen als „ZwilIinge“ bei der Verkörperung des Denkens angesehen, und zwar so, dass die Gebärde der erstgeborene und am Anfang wichtigere Zwilling ist, dass aber die Stimme von vornherein mit einer parallelen kommunikativ-kognitiven Funktion präsent ist. Das würde bedeuten, dass die (vokale) Sprache zusammen mit der Gebärde an der Humanisierung des Menschen beteiligt ist, dass also der Logos in beiden Medien sich verkörpert, in schema und phone.

  • 3.

    Die Konventionalisierungsthese verdeckt, wie schon angedeutet, ein nicht einmal ins Auge gefasstes und daher auch nicht gelöstes Problem: Es gibt in der Evolution des Menschen eine ziemlich revolutionäre Neuerung, die Sprache im modernen Sinne erst ermöglicht und die die technische Basis für die Konventionalisierung ist: die phonetische Artikulation. Sie ist die Bedingung für die Sprachwerdung der Sprache. Man hat in den Naturgeschichten der Sprache allerlei anatomische Voraussetzungen für sprachlautliche Produktion (zum Beispiel die Senkung des Kehlkopfs) angeführt. Aber niemand hat eine plausible Geschichte über die „Zähmung der Zunge“ erzählt. Das Artikulationsgen FOXP2, das vor 150 000 Jahren im Genom auftaucht (Tomasello 2008: 235), ist auch nur eine genetische Voraussetzung, aber keine Erklärung dafür, warum und wie die Menschen ihre geniale Erfindung gemacht haben. Auf der Basis dieser Neuerung bliebe dann – trotz der kooperativen Wende des Denkens der Frühmenschen und trotz der größeren Bedeutung der Geste (des Bildes) am Anfang der Verkörperung des Denkens – doch die Auffassung der Sprachphilosophen richtig, dass der Mensch nur Mensch durch die – artikulierte – Sprache ist. Nur durch diese kleine geniale Erfindung der Menschen wird nämlich die Sprache zur Sprache, und durch diese wird der Mensch dann zum (modernen) Menschen.

Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens ist Pflichtlektüre und Herausforderung für jeden, der über Sprache und Denken nachdenkt.

PS: Auch dieses Buch ist wieder einmal aus dem Amerikanischen übersetzt worden. Welche Sprache ist gemeint? Nahuatl, Otomì, Delaware, Quechua? Ich vermute, dass es sich um das Englische, die Landessprache der USA, handelt, das man nötigenfalls als amerikanisches Englisch spezifizieren könnte. Das Amerikanische als Sprachname ist eine völlig überflüssige Erfindung europäischer Verlage.

Literatur

  • Bühler, Karl. 1934. Sprachtheorie: Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Fischer. Google Scholar

  • Condillac, Etienne Bonnot de. 1746. Essai sur l’origine des connaissances humaines (Hrsg. Charles Porset). Auvers-sur-Oise: Galilée 1973. Google Scholar

  • Gebauer, Gunter & Christoph Wulf. 1992. Mimesis: Kultur – Kunst – Gesellschaft (Rowohlts Enzyklopädie 497). Reinbek: Rowohlt. Google Scholar

  • Humboldt, Wilhelm von. 1827. Über den Dualis. In: Gesammelte Schriften. 17 Bde. Hrsg. Albert Leitzmann u. a.. Berlin: Behr. 190336. Bd. VI: 430. Google Scholar

  • Leroi-Gourhan, André. 1964 / 65. Le geste et la parole. 2 Bde. Paris: Albin Michel. Google Scholar

  • MacGregor, Neil. 2011. A history of the world in 100 objects. London: Allen Lane.Google Scholar

  • Tomasello, Michael. 2008. Origins of human communication. Cambridge, Mass. u. a.: MIT Press. Google Scholar

  • Vico, Giambattista. 1744. Principj di Scienza Nuova di Giambattista Vico d’intorno alla comune natura delle nazioni. Napoli: Stamperia Muziana. Google Scholar

About the article

Published Online: 2016-01-14

Published in Print: 2015-12-01


Citation Information: Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft, ISSN (Online) 1867-1705, ISSN (Print) 1867-1691, DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2015-0034.

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© 2015, Jürgen Trabant, published by de Gruyter. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License. BY-NC-ND 3.0

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