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Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft

Ed. by Lasch, Alexander / Dürscheid, Christa / Elmentaler, Michael / Freywald, Ulrike / Spieß, Constanze

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1867-1705
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Tabea Reiner. 2013. Prospektive Verben im Deutschen. An der Schnittstelle von lexikalischer Semantik und Satzsyntax

Łukasz Jędrzejowski
  • Universität Potsdam, Institut für Germanistik, Geschichte der deutschen Sprache, Am Neuen Palais 10, D-14469 Potsdam, Germany
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Published Online: 2016-09-12 | DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2016-0011

Reviewed publication

ReinerTabea 2013 Prospektive Verben im Deutschen. An der Schnittstelle von lexikalischer Semantik und Satzsyntax (Germanistische Bibliothek 50) Heidelberg Universitätsverlag Winter 199 S.

Die hier zu besprechende Monographie beschäftigt sich mit der Klasse sog. prospektiver Verben im Gegenwartsdeutschen und beschreibt ihre wichtigsten Eigenschaften an der Syntax-Semantik-Schnittstelle. Dem Vorhaben der Autorin liegt die Idee zugrunde, die Klasse der prospektiven Verben zu definieren, sie von anderen Verbklassen (z. B. retrospektiven Verben) abzugrenzen und ihre syntaktischen Kennzeichen hervorzuheben.

Die Arbeit ist in zehn Kapitel untergliedert, von denen die ersten fünf den Kern der Untersuchung bilden. Im Kap. 1 führt Reiner das Konzept der prospektiven Verben ein und geht kurz auf die Frage ein, warum es angebracht ist, eine solche Klasse im Gegenwartsdeutschen zu postulieren. Darauf aufbauend zeigt sie exemplarisch, wie prospektive Prädikate aufgebaut sind und wie ihre Argumente in der externen Syntax realisiert werden (Kap. 2). Hierbei wird das Hauptaugenmerk auf die Realisierung des Experiencer-Arguments gelegt. Kap. 3 widmet Reiner Adjunktphrasen und ihrem Skopus. Diesbezüglich bespricht sie einige ausgewählte Ansätze aus der Literatur und stellt ihre eigene Analyse vor. Im Kap. 4 wird der Versuch unternommen, die Erkenntnisse der Arbeit in einen theoretischen Rahmen einzubetten. Kap. 5 fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Im Folgenden gehe ich sowohl auf die in den ersten fünf Kapiteln aufgestellten Hypothesen als auch auf die im Kap. 7 aufgelisteten Prädikate ein, konzentriere mich dabei aus Platzgründen auf ausgewählte Postulate, Behauptungen sowie Beispiele und zeige, inwiefern die von Reiner definierte Klasse der prospektiven Verben im Gegenwartsdeutschen aufrechterhalten werden kann.

In Kap. 1 definiert Reiner die Klasse der prospektiven Verben. Um als solches klassifiziert zu werden, muss ein Verb die folgenden drei Kriterien erfüllen (ebd. S. 8):

  • (1)

    Es besitzt (mindestens) ein Argument, das selbst eine Eventität darstellt.

  • (2)

    Seine lexikalische Bedeutung situiert jene Eventität vollständig in der Zeit nach der Verbalsituation.

  • (3)

    Seine lexikalische Bedeutung enthält eine Antizipation dieser Eventität.

Laut Reiner gehört erwarten zu der Gruppe der prospektiven Verben:

  • (4)

    Jeder erwartete einen Sieg.

Die in (1) bis (3) genannten Eigenschaften lassen sich auf (4) wie folgt anwenden. Erwarten ist ein zweistelliges Prädikat, dessen Objektslot (einen Sieg) als Akkusativ-NP realisiert wird. Das Argument einen Sieg ist hier eventiv zu interpretieren. (2) besagt, dass das Ereignis Siegen der Handlung Erwarten folgen muss und dass diese zeitliche Abfolge auf die Semantik von erwarten zurückzuführen ist. (3) wiederum präsupponiert eine gedankliche Vorwegnahme des eventiven Arguments. Wie das Beispiel unter (4) illustriert, scheint erwarten alle drei Kriterien zu erfüllen. Allerdings räumt Reiner ein, dass erwarten nicht immer prospektiv aufzufassen ist, vgl. ihr Beispiel in (5):

  • (5)

    Ich erwarte, dass es in Wuppertal gerade regnet.

In (5) bettet erwarten einen finiten dass-Satz ein. Die eingebettete Proposition wird mit dem temporalen Adverb gerade modifiziert. Reiner schließt solche Fälle aus: „Prospektive Verben können so umgedeutet werden, dass sie ihr eventives Argument als zumindest partiell gleichzeitig ausweisen – also nicht mehr prospektiv sind. In diesem Fall interessieren sie uns nicht“ (ebd. S. 10). Bei dieser Herangehensweise stößt man auf ein zentrales Problem. Auf der einen Seite stuft die Autorin erwarten als ein prospektives Prädikat ein, auf der anderen Seite kann es aber als solches nicht verwendet werden, sobald die Gültigkeit des eventiven Arguments mit einem zirkumstantiellen Adverb eingeschränkt wird. Solch eine Herangehensweise widerspricht dem oben angegebenen definitorischen Rahmen, insbesondere steht sie in großem Widerspruch zu (2). Wenn es von der Semantik des jeweiligen Prädikats abhängen soll, ob es als prospektives Verb klassifiziert werden kann oder nicht, dann ist (5) ein klares Indiz dafür, dass erwarten aus dieser Gruppe ausgeschlossen werden sollte oder die in (2) postulierte Eigenschaft kein gutes definitorisches Kriterium ist. Das Letztere scheint eher zuzutreffen. Hoffen, ein anderes Prädikat, das Reiner als prospektives Verb klassifiziert, verhält sich ähnlich wie erwarten: Dem tabellarischen Überblick in Kap. 7 lässt sich entnehmen, dass hoffen sein eventives Argument als eine auf-PP, einen zu-Infinitiv oder einen dass-Satz realisieren kann (S. 151). Man vergleiche die folgenden Beispiele:

  • (6)

    • a.

      Ich hoffe gerade [PP auf einen Sieg]

    • b.

      Ich hoffe [INF gerade zu gewinnen]

    • c.

      Ich hoffe, [CP dass ich gerade gewinne]

Da gerade in (6a) hauptsächlich das Matrixprädikat modifiziert, hat das Beispiel eine sekundäre Bedeutung für unsere Diskussion. (6b) und (6c) zeigen, dass die eingebettete Proposition durchaus mit gerade kompatibel ist. Dabei kann man sich den folgenden Kontext vorstellen: Ein Linguist nimmt an verschiedenen Pferderennen-Wettbewerben teil und setzt immer auf dasselbe Pferd. Da er bei dem nächsten Wettbewerb verreisen und mehrere Stunden im Flugzeug verbringen muss, kann er den Wettbewerb nicht live verfolgen. Das Einzige, was ihm während der Wettbewerbszeit bleibt, ist zu hoffen, dass sein Pferd in Führung liegt und dass er gewinnt. In diesem Zusammenhang fallen Hoffen und Gewinnen zusammen. Dies verweist darauf, dass weder erwarten noch hoffen prospektive Verben sind. Holistisch besehen scheint aber die ganze Klasse der prospektiven Verben mehr als fraglich, denn bei fast jedem Prädikat, das im Kap. 7 genannt wurde, ließe sich das eventive Argument problemlos so modifizieren, dass seine temporale Situierung der des Matrixprädikats entspräche. Zu beachten ist überdies, dass man dabei nicht das Matrixprädikat modifiziert, sondern eines seiner Argumente. Insofern findet (2) keine praktische Anwendung. Sollte die Semantik des Verbs das eventive Argument „vollständig nach der Zeit der Verbalsituation“ verankern, erwartet man, dass Sätze wie (5) oder (6c) blockiert werden. Darüber hinaus steht es in starkem Kontrast zu der Annahme, die an mehreren Stellen in der Monographie betont wird, dass die Semantik des Verbs entscheidend dafür ist, ob es prospektiv aufzufassen sei oder nicht. Dass zwischen erwarten in (4) und erwarten in (5) ein Bedeutungsunterschied vorliegt, ist zu bezweifeln.

Dass prospektive Verben tatsächlich eine homogene Klasse im Gegenwartsdeutschen bilden, erscheint mehr als fraglich. Eine Klasse von Prädikaten, die nach bestimmten Kriterien definiert wird, sollte sich immer homogen verhalten. Reiner behauptet, dass die prospektiven Verben eine offene, lexikalische Klasse bilden (ebd. S. 38, Fn. 6). Wir nehmen nun einmal strategisch an, dass es im Gegenwartsdeutschen die Klasse der prospektiven Verben gibt, und überprüfen, inwiefern ihre Hauptcharakteristika empirisch gerechtfertigt sind.

Es-Korrelate. Reiner geht davon aus, dass ein nicht-thematischer dass-Satz als Objekt eines prospektiven Verbs nie durch es vorweggenommen wird (S. 81). Ihr Beispiel (7) soll diese Regel veranschaulichen:

  • (7)

    *Ich hoffe [es]i, [dass alles gutgeht]i

Diese Annahme kann jedoch nicht aufrechterhalten werden. Erstens kann hoffen finite dass-Sätze einbetten, die sich referentiell mit dem es-Korrelat verknüpfen lassen. (8) illustriert einen solchen Gebrauch:

  • (8)

    Ich hoffe [es]i, [dass es mir nochmals gelingt]i

    (DeReKo, St. Galler Tagblatt, 15 / 11 / 1999)

Das es-Korrelat kann sogar in koordinativen Gefügen vorkommen. In (9) hängt der finite dass-Satz von zwei Matrixprädikaten ab: annehmen und hoffen. Nur bei hoffen wird es lizensiert:

  • (9)

    Ich nehme an und hoffe [es]i, [dass bei uns niemand hungern muss]i

    (DeReKo, Braunschweiger Zeitung, 7 / 11 / 2009)

In (10) wiederum treten zwei Arten von Korrelaten auf: da-Korrelat und es-Korrelat. Beide stehen in einer koordinativen Beziehung zueinander und beziehen sich referenziell auf die eingebettete Proposition, die als ein kanonischer dass-Satz realisiert wird:

  • (10)

    Ich gehe aber [davon]i aus und hoffe [es]i, [dass er beim Cup-Spiel vor Ort sein wird]i (DeReKo, Niederösterreichische Nachrichten, 29 / 10 / 2008)

Zweitens ist hoffen nicht das einzige prospektive Prädikat, das es-Korrelate zulässt, wenn dass-Sätze eingebettet werden. Aus Platzgründen beschränke ich mich hier auf drei ausgewählte Prädikate, die Reiner als prospektive Verben klassifiziert und in Kapitel 7 auflistet. Dabei geht es um die Matrixverben, denen Reiner die Möglichkeit zuschreibt, einen dass-Satz zu lizensieren. Das sind erlauben, verbieten und verlangen:

  • (11)

    Sie erlauben [es]i, [dass sich die Parlamentarier in einem Bereich spezialisieren und ihre Detailanliegen und ihr Fachwissen im kleinen Rahmen in ein Gesetz einbringen]i, bevor die grossen Züge im Plenum beraten werden.

    (DeReKo, Die Südostschweiz, 28 / 5 / 2006)

  • (12)

    Sie verbieten [es]i, [dass Musikveranstaltungen im (gerade mit neuer Beleuchtung ausgestatteten) Barock-Vestibül stattfinden]i, während das Haus für Ausstellungsbesucher geöffnet ist.

    (DeReKo, Nürnberger Nachrichten, 23 / 1 / 2013)

  • (13)

    Denn die Haushaltsführung nach der Doppik verlangt [es]i auch, [dass die Ortsgemeinde ihre Vermögensgüter abschreibt]i (DeReKo, Rhein-Zeitung, 25 / 5 / 2009)

Ausgehend unter anderem von Sandberg (1998) räumt die Autorin zwar ein, dass es-Korrelate nach prospektiven Verben durchaus möglich sind, wenn ein dass-Satz eingebettet vorkommt. Doch ihrer Meinung nach sind solche Sätze thematisch zu interpretieren (S. 81, Fn. 85). Es bleibt jedoch unklar, was unter der Opposition thematisch vs. nicht-thematisch zu verstehen ist.

Da-Korrelate. Reiner geht auch kurz auf da-Korrelate ein (S. 82–83). Dabei lässt sie die Frage, ob prospektive Verben da-Korrelate im Allgemeinen zulassen, ganz außer Acht. Stattdessen geht sie der Frage nach, ob sich ein prospektives Verb in ein Nomen umwandeln und ob sich dieses Nomen um einen zu-Infinitiv attributiv erweitern lässt (z. B. verpflichten zu -> die Verpflichtung (dazu), zu erscheinen). Ob diese Operation möglich ist und welche Nominalphrasen sie mit oder ohne Korrelate zulässt, passt m. E. nicht zu dem allgemeinen Rahmen der Untersuchung. Erstens weist schon der Titel der Monographie (Prospektive Verben) darauf hin, dass es sich in der Studie um Verben handeln soll und nicht um Nominalphrasen, von denen Infinitive abhängen. Zweitens bleibt unklar, warum die Autorin die Rolle der da-Korrelate ignoriert. In ihrem tabellarischen Überblick über prospektive Verben (S. 145–155) nennt sie beispielsweise auffordern, aufrufen sowie ermuntern und stellt dabei fest, dass die „nachzeitige Eventität“ sowohl als eine zu-PP als auch als ein zu-Infinitivsatz realisiert werden kann. Dass die drei Prädikate auch dass-Sätze selegieren können, bleibt unerwähnt. Was auffordern, aufrufen und ermuntern verbindet, sind zwei syntaktische Eigenschaften: (i) das Korrelat dazu und (ii) der abhängige dass-Satz. Beide Strukturen stehen in einer koreferentiellen Beziehung zueinander. Reiner listet diese Prädikate in ihrem Inventar auf, aber auf die Möglichkeit, dass sie neben zu-Infinitiven auch dass-Sätze lizensieren, geht sie nicht ein. Dies überrascht, zumal bei anderen Prädikaten (z. B. bei bitten, S. 148) diese Realisierungsmöglichkeit explizit genannt wird, und es führt automatisch dazu, dass solche Strukturen unberücksichtigt bleiben, vgl. (14) für auffordern:

  • (14)

    Aus diesem Grund fordern wir [dazu]i auf, [dass Mitschüler, Lehrer, Eltern, Verwandte, Nachbarn und alle Leser jetzt und in der Zukunft mehr auf solche Anzeichen achten]i, um frühzeitig mögliche Taten verhindern zu können. (DeReKo, Rhein-Zeitung, 25 / 3 / 2009)

Im Endeffekt erfährt der Leser nicht, welche der prospektiven Verben da-Korrelate zulassen, bei welchen Prädikaten sie obligatorisch und bei welchen sie fakultativ vorkommen und inwiefern ihre Lizensierung vom Komplementtyp abhängt (dass-Satz vs. Infinitivsatz).

Abhängige Verbzweit-Sätze. Ob ein prospektives Verb „die nachzeitige Eventität“ in Form eines abhängigen Verbzweit-Satzes (= V2-Satz) realisieren kann, wird in der Arbeit nur marginal thematisiert (vgl. auch Fn. 2, S. 145). Die in Frage kommenden Realisierungsmöglichkeiten beschränken sich hauptsächlich auf vier Strukturen: Präpositionalphrasen, Nominalphrasen, finite dass-Sätze und zu-Infinitive. V2-Sätze werden als eine separate Strategie nicht genannt. Nur an einer Stelle (S. 82) hebt Reiner hervor, dass ankündigen und befürchten V2-Sätze zulassen, wohingegen sie nach androhen und untersagen als ungrammatisch einzustufen sind:

  • (15)

    *Er droht an, die Besprechung werde lange dauern.

  • (16)

    *Ich untersage, sie trödeln.

Dass untersagen keine V2-Sätze zulässt, ist hier nicht erstaunlich. Die Klassen von Prädikaten, die V2-Sätze (nicht) erlauben, wurden bereits in Reis (1997) definiert, was jedoch in der Monographie von Reiner unberücksichtigt bleibt. Darüber hinaus ist die Feststellung, dass androhen keine V2-Sätze einbetten kann, empirisch nicht gerechtfertigt. Das folgende Korpusbeispiel illustriert, dass androhen durchaus V2-Sätze zulässt:

  • (17)

    Der Verfasser des Briefes drohte an, er werde angreifen und sich für alles rächen, was man ihm angetan habe.

    (DeReKo, Nordkurier, 28 / 11 / 2006)

In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, welche der untersuchten prospektiven Prädikate abhängige V2-Sätze zulassen, welche sie verbieten und inwiefern diese Aufteilung mit der in Reis (1997) korreliert.

Argumentrealisierung. In Kap. 7 listet Reiner 108 prospektive Verben auf. Bei jedem Prädikat spezifiziert sie, wie das Experiencer-Argument syntaktisch realisiert sowie in welcher Form die nachzeitige Eventität kodiert wird. Für das Letztere stehen hauptsächlich vier Realisierungsmöglichkeiten zur Verfügung: Nominalphrasen, Präpositionalphrasen, zu-Infinitive und finite dass-Sätze. Reiner nimmt an, „dass es die aufgelisteten und nur die aufgelisteten Realisierungsmöglichkeiten gibt“ (S. 145, Fn. 2). Im Folgenden beschränke ich mich auf diese Realisierungsmöglichkeiten und zeige anhand von ein paar exemplarisch ausgewählten Prädikaten, dass bei der erstellten Liste der Prädikate zahlreiche Strukturen außer Acht gelassen wurden.

Laut Reiner kann verhüten sowohl Akkusativ-NPs als auch dass-Sätze lizensieren. Zu-Infinitive schließt die Autorin aus. Insofern erscheint (18) unerwartet:

  • (18)

    Verhüten müssen wir zudem, bereits kurz nach Spielbeginn in Rückstand zu geraten (DeReKo, Rhein-Zeitung, 22 / 10 / 2004)

Verhüten ist aber nicht das einzige Prädikat, das nach Reiner keine Infinitivsätze selegieren kann. Zu dieser Gruppe sollen auch betteln, bezwecken, erbitten, erstreben oder prophezeien gehören. Interessanterweise lässt jedes dieser Prädikate zu-Infinitive zu, vgl. (19) für prophezeien:

  • (19)

    Seinerzeit bei der Gründung hatte man dem Eigenbetrieb prophezeit, keine zwei Jahre zu überstehen. (DeReKo, Braunschweiger Zeitung, 7 / 8 / 2009)

Des Weiteren unterscheidet Reiner zwei drohen-Prädikate. Beide werden als prospektive Prädikate eingestuft. Heine & Miyashita (2008) zeigen überzeugend, wie man sie voneinander unterscheiden kann. Laut Reiner kann das Event-Argument von drohen1 entweder als mit-PP, als zu-Infinitiv oder als dass-Satz realisiert werden. Bei drohen2 wiederum können Nominativ-NPs (Ein Krieg droht) oder zu-Infinitive (In Island droht ein Vulkan auszubrechen) eingebettet vorkommen. Im Rahmen dieser Diskussion stößt man auf zwei Unklarheiten. Erstens fragt man sich, warum die Autorin dass-Sätze nach drohen2 außer Acht lässt. Klein (2009), die auch in der Monographie zitiert wird, weist auf das folgende Beispiel hin:

Reiner geht auf diese Realisierungsmöglichkeit in ihrem Inventar nicht ein. Zweitens bleibt es ein Rätsel, warum bei versprechen nur ein Lexikoneintrag postuliert wurde. Normalerweise werden beide Prädikate (drohen und versprechen) zusammen behandelt (vgl. Reis 2007), was darauf zurückzuführen ist, dass sich versprechen ähnlich wie drohen zu einem funktionalen Kopf entwickelt hat:

  • (21)

    Das Wetter verspricht schnelles Winterende.

    (DeReKo, Burgenländische Volkszeitung, 1 / 3 / 2012)

  • (22)

    Das Buch verspricht ein Erfolg zu werden.

    (DeReKo, Mannheimer Morgen, 7 / 8 / 2004)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die von Reiner verfasste Monographie kein Meilenstein in dem Bereich der verbalen Semantik / Syntax des Gegenwartsdeutschen ist. Abgesehen von kleinen formalen Fehlern (z. B. aus einem temporalem Adjunkt statt aus einem temporalen Adjunkt [S. 58]) hätte diese Arbeit sicherlich davon profitiert, wenn sie mehr aktuelle Literatur berücksichtigt hätte, vgl. z. B. Sudhoff (2003) zu es-Korrelaten oder Bosse et al. (2012) zu Experiencer-Argumenten.

Reiners Versuch, eine Klasse der prospektiven Verben im Gegenwartsdeutschen zu postulieren und zu definieren, erscheint grundsätzlich interessant. Man hätte sich jedoch gewünscht, dass die Autorin detaillierter auf weniger Prädikate eingegangen wäre und die Klasse der prospektiven Verben genauer ausgearbeitet hätte. Solch eine Herangehensweise hätte zweifelsohne zu einem besseren Verständnis nicht nur einzelner Verben geführt, sondern auch eines zusammenhängenden Teils im Verbalsystem des Gegenwartsdeutschen.

Literatur

  • DeReKo – Cosmas II (https://cosmas2.ids-mannheim.de/cosmas2-web/).

  • Bosse, Solveig, Benjamin Bruening & Masahiro Yamada. 2012. Affected experiencers. In: Natural Language & Linguistic Theory 30 / 4, 1185–1230. Google Scholar

  • Heine, Bernd & Hiroyuki Miyashita. 2008. Accounting for a functional category: German drohen ‘threaten’. In: Language Sciences 30 / 1, 53–101. Google Scholar

  • Klein, Katarina. 2009. Semi-modal variation. In: Andreas Dufter, Jürg Fleischer, & Guido Seiler (Hg.). Describing and Modeling Variation in Grammar. Berlin: Mouton De Gruyter, 297–323. Google Scholar

  • Reis, Marga. 1997. Zum syntaktischen Status unselbständiger Verbzweit-Sätze. In: Christa Dürscheid, Karl Heinz Ramers & Monika Schwarz (Hg.). Sprache im Fokus. Festschrift für Heinz Vater zum 65. Geburtstag. Tübingen: Max Niemeyer, 121–144. Google Scholar

  • Reis, Marga. 2007. Modals, so-called semi-modals, and grammaticalization in German. In: Interdisciplinary Journal for Germanic Linguistics and Semiotic Analysis 12, 1–57. Google Scholar

  • Sandberg, Bengt. 1998. Zum es bei transitiven Verben vor satzförmigem Akkusativobjekt. Tübingen: Gunter Narr. Google Scholar

  • Sudhoff, Stefan. 2003. Argumentsätze und es-Korrelate. Zur syntaktischen Struktur von Nebensatzeinbettungen im Deutschen. Berlin: wvb. Google Scholar

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Published Online: 2016-09-12

Published in Print: 2016-12-01


Citation Information: Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft, Volume 8, Issue 1-2, Pages 59–66, ISSN (Online) 1867-1705, ISSN (Print) 1867-1691, DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2016-0011.

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© 2016, Łukasz Jędrzejowski, published by de Gruyter. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License. BY-NC-ND 3.0

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