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Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft

Ed. by Lasch, Alexander / Dürscheid, Christa / Elmentaler, Michael / Freywald, Ulrike / Spieß, Constanze

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1867-1705
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Utz Maas. 2016. Sprachforschung in der Zeit des Nationalsozialismus. Verfolgung, Vertreibung, Politisierung und die inhaltliche Neuausrichtung der Sprachwissenschaft (Studia Linguistica Germanica 124). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. xiv, 649 S.

Horst Dieter Schlosser
Published Online: 2017-01-04 | DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2017-0003

Reviewed publication

Utz Maas. 2016. Sprachforschung in der Zeit des Nationalsozialismus. Verfolgung, Vertreibung, Politisierung und die inhaltliche Neuausrichtung der Sprachwissenschaft (Studia Linguistica Germanica 124). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. xiv, 649 S.

Nach und nach löst sich die pauschale Gegenüberstellung von Exil und Verbleib in der NS-Diktatur auf, die obendrein immer noch mit der moralischen Einteilung der jeweiligen Personengruppen und ihrer Leistungen in ‚gut‘ und ‚böse‘ einhergeht (in der Zeit vor 1960 galt aus Gründen einer Verdrängung der NS-Vergangenheit zunächst vielfach eine ebenfalls pauschale, aber entgegengesetzte Wertung). Eine der jüngeren Differenzierungen, die zur Auflösung der Klischees beigetragen haben, galt den Schriftstellern im Exil bzw. in NS-Deutschland (Kroll & von Voss 2012). Die vorgelegte jüngste Arbeit von Utz Maas bietet nun eine nicht mehr hintergehbare Analyse der deutschsprachigen Sprachwissenschaft inner- und außerhalb des NS-Reichs, die künftig jeden weiteren Pauschalierungsversuch schon im Ansatz unmöglich machen sollte.

Das Spektrum der von Maas in jahrzehntelanger Arbeit untersuchten sprachwissenschaftlichen Themen und Entwicklungen, die während der Zeit von 1933 bis 1945 bei ‚Opfern‘ wie ‚Tätern‘ ihre je eigene Wirkung hatten, umfasst alle Disziplinen, die sich durch ihre Professionalisierung im 19. Jahrhundert neben einer noch nicht trennscharf zu definierenden „Sprachforschung“ als „Sprachwissenschaft“ etablieren konnten: von der Afrikanistik bis zur Vergleichenden Sprachwissenschaft, die Germanistik selbstverständlich inbegriffen. Bei der ausführlichst, bis ins 18. Jahrhundert zurückgreifenden Darstellung der Fachgeschichten, ihrer theoretischen und methodologischen Begründungen (Kap. 5) hält sich der Verfasser bewusst von einer sonst gern bemühten rein ideengeschichtlichen Betrachtungsweise fern, weil sie die individuellen Positionen und Leistungen der beteiligten Forscher und Forscherinnen, die für ihn im Mittelpunkt des Interesses auch dieser Publikation stehen, zu leicht unterschlägt.

Die geradezu überbordende Fülle seiner Untersuchungen der sprachwissenschaftlichen Entwicklungen seit 1800 lässt sich in einer kurzen Besprechung noch nicht einmal stichwortartig umreißen. Der besondere Wert dieser Darstellung liegt vor allem darin, dass sie zwar chronologisch genau die einzelnen Stationen der Fachgeschichten markiert, dabei aber sehr viel größeren Wert auf die inneren, die theoretischen Zusammenhänge der verschiedenen Ansätze legt, die nicht einfach aufeinander folgen und einander ablösen, sondern jeweils über längere Zeiträume wirken und, sei es in Zustimmung, sei es in Ablehnung, das von Maas überschaubar gemachte Feld der Sprachforschung in seiner vollen Ausdehnung erkennen lassen. Immerhin erreichte aber die deutsche Sprachwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts insgesamt einen Entwicklungsstand, der sogar für die Konstituierung der neuen Psychologie und Soziologie entscheidende Anregungen bot.

Angesichts der Pluralität sprachwissenschaftlicher Positionen und Methoden habe ich allerdings gewisse Schwierigkeiten mit dem von Maas häufig verwendeten Terminus „Normalforschung“ (S. 349 u. ö.; vgl. auch „Normalwissenschaft“ Kap. 7.2). Die mit Recht ausführlich kommentierten „Junggrammatiker“ etwa haben ja in ihrer Entwicklung, auch und gerade in ihrer Adaption, keineswegs eine einheitliche Linie der Sprachforschung begründet (S. 280 ff. u. ö.). Von der als „Leipziger Clique“ bezeichneten junggrammatischen Schule um August Leskien haben sich nicht wenige Fachgenossen, teilweise sogar heftig, distanziert (S. 280 Anm. 41). Auch de Saussure, der dem Forschungsprogramm näher stand, als es in manchen trivialisierenden Darstellungen insbesondere seines „Cours de linguistique générale“ erscheint, hatte seine Last mit der ‚reinen Lehre‘ dieser Schule. Als „Normalforschung/-wissenschaft“ könnte in diesem Fall eigentlich nur die Destillierung der junggrammatischen Programmatik einschließlich der „Principien der Sprachgeschichte“ von Hermann Paul für die Zwecke von Lehrveranstaltungen gelten. Maas bestreitet im Übrigen, dass Paul für aktuelle sprachwissenschaftliche Positionen entgegen mancher Behauptung wirklich eine Vorläuferrolle zukomme. Schon früh sei das, was er als „methodologischen [!] Gewinn“ seines Ansatzes bezeichnete, zum Inhalt der weiteren Profilierung des Paradigmas geworden (S. 298).

Wichtig ist dem Verfasser ohnehin, dass sich das heutige Fach-(Fächer-)Verständnis nicht ohne weiteres auf die früheren Stadien der Entwicklung rückübertragen lässt (S. 92). Die Gründe dafür liegen für Maas in einer Neuorientierung nach 1945, die sich aber nicht allein auf eine von den NS-Verfolgungsmaßnahmen verursachte Zäsur zurückführen lässt. Maas plädiert mit guten Gründen gegen die gern zitierte Einschätzung von Helge Pross (1966), dass die Verfolgung und Verdrängung der politisch missliebig Gewordenen eine „geistige Enthauptung Deutschlands“ gewesen sei (Kap. 6.5). Eher wäre für die Entwicklung nach 1945 eine (selbstverschuldete) Reduzierung der theoretischen und methodologischen Bandbreite verantwortlich; an einer Stelle spricht Maas gar von einer „Verkümmerung“ der (west-)deutschen Sprachwissenschaft (S. 523).

Die Lebensläufe der vom NS-Regime Verdrängten und gar Ermordeten, ihre theoretischen Positionen und fachlichen Leistungen hat Maas bereits 2010 in einem zweibändigen Katalog, Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945, mit rund 300 Personaleinträgen und zusätzlichen Auswertungen, dokumentiert. Die dort versammelten Informationen sind von ihm durch großteils eigene mühevolle Recherchen in Archiven und bei Zeitzeugen zusammengetragen worden; selbst seine Auswertung einschlägiger Publikationen umfasst immerhin über 700 Titel. Eine ursprünglich geplante prosopographische Aufarbeitung der deutschsprachigen Sprachforschung in der Zeit von 1900–1950 mit rund 3.500 Namen musste Maas mangels ausreichender Ressourcen zwar aufgeben (S. 4, Anm.), doch boten die dafür schon seit 1988 geleisteten Vorarbeiten eine wesentliche Ausgangsbasis für die vorliegende, im Umfang ‚bescheidenere’, gleichwohl immer noch staunenswert umfangreiche Dokumentation und Analyse. Die Erweiterung des Katalogs von 2010 in einer elektronischen Fassung ist im März 2016 durch einen Hackerangriff zerstört worden, soll aber neu erstellt werden. Kurzeinträge (zugleich als Namensregister) finden sich in der vorgelegten Publikation als Anhang (S. 601–649).

Nach wissenschaftstheoretischen und methodologischen „Vorüberlegungen“ stellt Maas in Kap. 2 zunächst den Gesamtumfang der von den Nazis verfolgten Sprachforscher vor, ihre sehr unterschiedlichen fachlichen Profile, ihre disziplinäre und institutionelle Zuordnung, die im Einzelnen vom ‚Katalog’ individuell ausführlich nachgewiesen wurden und hier auf S. 68–70 nur noch in Kurzform dokumentiert werden. Ohne stete Vergewisserung im ‚großen’ Katalog, für welche Position oder Richtung der einzelne Forscher, die einzelne Forscherin gestanden hat, bleiben die häufigen Namenslisten im ‚gebundenen’ Text der neuen Publikation leider meist sehr abstrakt. Eine Gesamtübersicht über die generellen Forschungsprofile bieten die Seiten 34–52.

Die Hintergründe der Verfolgung und ihre Motive (Kap. 3) können – so Maas – nicht einfach auf den sog. Rassenmakel „jüdisch“ reduziert werden (vgl. S. 146). Dafür spielte diese Kategorie bei den Verfolgten selbst eine zu unterschiedliche Rolle; erst durch die Verfolgung wurden sich insgesamt viele Deutsche ihrer jüdischen Wurzeln bewusst. An späterer Stelle (S. 549) setzt sich Maas mit der NS-Unterstellung einer „jüdischen Wissenschaft“ auseinander, die wie die Rassenideologie insgesamt eine reine Sprachgeburt war. Er entscheidet sich darum für den weiter gefassten Begriff „rassistische Verfolgung“. Aus individuelleren, gleichwohl ebenfalls vorurteilsgesteuerten Gründen fielen auch Frauen und Homosexuelle den Ausgrenzungsmaßnahmen zum Opfer (Kap. 3.3). Nur anfangs konnten es einzelne Sprachwissenschaftler noch wagen, politischen Widerstand zu leisten (dazu Kap. 3.4.1), so der Finno-Ugrist und Kommunist Wolfgang Steinitz, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil in der Sowjetische Besatzungszone bzw. DDR eine wichtige Rolle spielte.

Wie und wo Exilierte, von denen Maas die „regulären“, d. h. nicht verfolgungsbedingt Emigrierten abgrenzt, Aufnahme fanden, ist Gegenstand von Kap. 4. Nur wenige konnten im Ausland ihre in Deutschland begonnenen Arbeiten fortsetzen, die meisten mussten sich, wenn sie wissenschaftlich weiterarbeiten wollten, den landesspezifischen Forschungs- und Berufsbedingungen anpassen. Eine Auflistung der Wissenschaftler nach Immigrationsländern geordnet findet sich auf S. 229–236; diese Listen enthalten auch Hinweise auf Remigrationen nach 1945. Eine relativ günstige Situation fanden viele Exilanten in den USA vor, wo die bereits 1925 gegründete Linguistic Society of America vielen Immigranten, zunächst den „regulären“ Emigranten, ab 1933 den aus Deutschland Vertriebenen einen wissenschaftlich angemessenen Rahmen bot. Erster Präsident 1925 war der deutsche Indogermanist Hermann Collitz, die Vielzahl deutscher Mitglieder wird S. 90f. namentlich dokumentiert.

Schon lange vor 1933 spielten – wie Maas mehrfach feststellt – außerfachliche Einflüsse auf die Sprachwissenschaften eine nicht unbedeutende Rolle. Gerade die Professionalisierung im 19. Jahrhundert ist zu einem nicht unwesentlichen Teil von Vorgaben der Wissenschaftspolitik geprägt, beispielsweise bei der Indienstnahme der Germanistik für die Lehrer­bildung. Sie ist natürlich auch von hochschulinternen Auseinandersetzungen bei der Neueinrichtung von „Seminaren“ und bei Stellenbesetzungen geprägt, von persönlich motivierten Konkurrenzkämpfen ganz zu schweigen.

Die Politisierung der Wissenschaften (Kap. 6) setzte im Übrigen sehr früh ein und ist keineswegs ein nur außerfachliches Phänomen gewesen. Der „völkische Diskurs“ etwa – dem Hitler persönlich allerdings ein Ende bereitete – machte sich zusammen mit seinem Zwillingsbruder, dem Rassismus, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch in den Wissenschaften mehr und mehr bemerkbar und konnte sich dabei auf prominente Vorläufer berufen. Zu ergänzen wäre nämlich, dass diese ideologiegesteuerten Tendenzen ihre Wurzeln bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten, als für Fichte und viele andere „Deutschheit/Deutschtum“ und die deutsche Sprache gleichsam zu Gütesiegeln für die überragende Besonderheit der Deutschen als eines reinen „Urvolks“ wurden; selbst Jacob Grimm zog keine klaren Grenzen zwischen Germanisch und Deutsch.

Für die differenzierte Sicht des Verfassers spricht, dass er – unbeschadet der moralischen Wertung von politischer Anbiederung und bedingungsloser Gefolgschaft – auch den in Deutschland Gebliebenen und ihrer wissenschaftlichen Arbeit wo immer möglich Gerechtigkeit widerfahren lässt. Schon seine grundsätzliche Feststellung, dass es „im Windschatten der mit politisierenden Vorzeichen um sich greifenden Provinzialisierung der Sprachwissenschaft im ‚Reich‘ durchaus moderne Forschungsansätze“ gab (S. 511), zeigt an, dass Maas sich sein fachliches Urteil nicht von einem moralischen Entweder-Oder diktieren lässt.

Dafür zwei Beispiele: Leo Weisgerber und Walther Wüst. Die Nachkriegspolemik gegen Weisgerber entzündete sich zu Recht an seiner Rolle im Nationalsozialismus. Mit der Person wurde aber zugleich und oft unbesehen auch seine sprachwissenschaftliche Leistung in Misskredit gebracht. Fachlich hingegen kann er sehr wohl als Vertreter einer lange fälligen und nicht auf ihn beschränkten Neuererbewegung nach dem Ersten Weltkrieg gesehen werden. Er suchte schon in den zwanziger Jahren im Sinne der Reformpädagogik seine wissenschaftliche Arbeit vom junggrammatischen Diktat der „äußeren Form“ zu befreien und legte seinen Schwerpunkt auf Analysen der „inneren Form“ der Sprache und der damit verbundenen kognitiven Ressourcen. Bezeichnenderweise orientierte er sein sprachpädagogisches Programm hochmodern an der zeitgenössischen kognitiven Psychologie. Die von ihm gewählte Begrifflichkeit, die heute vielfach unverdaulich erscheint, entsprach dabei einem vor 1933 sehr wohl allgemein verbreiteten Stil (S. 386f.).

Walther Wüst, Indogermanist und Indologe, konnte als SS-Mann zu hohen Rängen aufsteigen: 1941–45 zum Rektor der Münchner Universität, zuvor aber schon ab 1936 auf Himmlers Wunsch hin zum wissenschaftlichen Leiter des SS-„Ahnenerbes“. Die Besonderheit dieser Institution, die nicht zuletzt dank Wüst durchaus auf Wissenschaftlichkeit achtete, bot mitunter erstaunliche Freiräume, etwa wenn Sprachwissenschaftler, die vom konkurrierenden NS-„Sprachenamt“ Alfred Rosenbergs politisch diskriminiert wurden, vom „Ahnenerbe“ auf Grund ihrer Qualität und Reputation ‚freigesprochen’ wurden. Wüst selbst konnte in seinen Arbeiten ungeniert jüdische Autoren zitieren, und er könnte – sogar international – als einer der wenigen Vertreter einer neuorientierten Theorie der vergleichenden und historischen Sprachforschung gewürdigt werden (u. a. S. 573), stünde dieser Anerkennung nicht seine SS-Karriere im Wege.

Alles in allem hat Maas ein in der Weite seiner fachhistorischen Darstellung und in der Tiefe seiner Deutungen beeindruckendes Werk vorgelegt. Der Respekt vor dieser imposanten Leistung verbietet gleichsam, durchaus vorhandene formale Versehen hervorzuheben. Den befremdlichen nicht fachspezifischen Gebrauch von Wörtern wie „emblematisch“, „endemisch“, „kalibrieren“ oder „seriell“ aber kann ich nicht ganz übergehen.

Literatur

  • Kroll, Frank-Lothar & Rüdiger von Voss (Hg). 2012. Schriftsteller und Widerstand. Facetten und Probleme der Inneren Emigration. Göttingen: Wallstein. Google Scholar

  • Maas, Utz. 2010. Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945. Bd. 1: Dokumentation: biobibliographische Daten AZ. Bd. 2: Auswertungen: Verfolgung Auswanderung Fachgeschichte Konsequenzen. Tübingen: Stauffenburg.Google Scholar

  • Pross, Helge. 1966. Die geistige Enthauptung Deutschlands. In: Abendroth, Wolfgang u. a. (Hg.): Nationalsozialismus und die deutsche Universität. Berlin: De Gruyter. S. 143–155. Google Scholar

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Published Online: 2017-01-04

Published in Print: 2017-12-04


Citation Information: Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft, Volume 9, Issue 1-2, Pages 20–24, ISSN (Online) 1867-1705, ISSN (Print) 1867-1691, DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2017-0003.

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