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Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft

Ed. by Lasch, Alexander / Dürscheid, Christa / Elmentaler, Michael / Freywald, Ulrike / Spieß, Constanze

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1867-1705
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Marek Konopka & Angelika Wöllstein (Hg.). 2017. Grammatische Variation. Empirische Zugänge und theoretische Modellierung (Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2016). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. xvi, 356 S.

Martin Salzmann
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  • Universität Leipzig, Institut für Linguistik, Beethovenstraße 15, D-04107 LeipzigInstitut für LinguistikD-04107 LeipzigGermany
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Published Online: 2018-05-07 | DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2018-0017

Reviewed publication

Marek Konopka & Angelika Wöllstein (Hg.). 2017. Grammatische Variation. Empirische Zugänge und theoretische Modellierung (Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2016). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. xvi, 356 S.

Dieser Band versammelt Beiträge, die aus Vorträgen entstanden sind, die im Rahmen der 52. Jahrestagung des IDS 2016 zum Thema grammatische Variation gehalten wurden. Vor dem Hintergrund der grundlegenden Fragen nach der empirischen und theoretischen Erfassung von Variation und ihrer Modellierung in modernen Grammatiktheorien fokussieren die Beiträge auf weitergehende Problemstellungen, die den Band in vier Teile unterteilen.

Im ersten Teil zu Variationsdimensionen finden sich wissenschaftsgeschichtliche, sprachreflexive, historische, sprachdidaktische, areal- sowie medienlinguistische Perspektiven: In seinem Beitrag „Standarddeutsch – die beste aller möglichen Sprachen“ skizziert Ludwig M. Eichinger die Entwicklung seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts und zeigt auf, wie eine Reihe von Prozessen, die auf eine Vereinheitlichung in unterschiedlichen Bereichen zielten, zu einer Ausgestaltung der deutschen Sprache führten, die den verschiedenartigen Anforderungen einer bürgerlich geprägten öffentlichen Diskurswelt genügte. Gleichzeitig entstanden dadurch auch Ausgleichsbewegungen in Literatur und Wissenschaft (eine neue „Exzentrik“), was vermutlich eine notwendige Bedingung für das Funktionieren einer ‚erwachsenen‘ Sprache in einer volkssprachlichen Welt darstellt (ein „atmendes System“). Weil schließlich die Standardsprache mittlerweile in sehr vielen Kontexten verwendet wird, ist sie auch vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, wodurch sich eine große Bandbreite von möglichen Normen öffentlichen Sprechens herausgebildet hat.

Mathilde Hennig widmet sich in ihrem Artikel „Grammatische Variation im Spannungsfeld von Sprachwissenschaft und öffentlicher Sprachreflexion“ zunächst der Frage, welche Eigenschaften des Sprachsystems Variation überhaupt möglich machen. Sie zeigt (u. a. anhand von semantischer vs. grammatischer Kongruenz, der Verwendung von brauchen mit und ohne zu), dass dies in vielen Fällen damit zu tun hat, dass die Grammatik aus Teilsystemen besteht, die miteinander konkurrieren können (respektive dem Umstand, dass gewisse Lexeme/grammatische Objekte verschiedenen Teilsystemen zugeordnet werden können). Dadurch entstehen Konflikte innerhalb ein und derselben Varietät. Variation wird damit nicht als Abweichung von der Norm verstanden, sondern als notwendige Folge der Komplexität des Systems. Davon zu unterscheiden sind Varietätenkonflikte. Im zweiten Teil des Beitrags wird vorgeschlagen, die öffentliche Sprachreflexion für die linguistische Variationsforschung nutzbar zu machen. Konkret geschieht dies anhand von grammatischen Zweifelsfällen, wobei der Dudenband 9 „Richtiges und gutes Deutsch“ als Datengrundlage dient. Anhand der verwendeten Varianzangaben (präskriptive, frequenzorientierte, diachrone sowie diasystematische) können zentrale Bereiche grammatischer Variation auf die verschiedenen Variationsdimensionen abgebildet werden. Schließlich wird kurz diskutiert, wie konfligierende Teilsysteme durch die Interaktion von Frequenz und Ökonomie entstehen können.

Der Beitrag von Christiane von Stutterheim „Prinzipien der Sprachverwendung als Teil unseres Sprachwissens“ zeigt, dass das Deutsch von fortgeschrittenen L2-Sprechern zwar grammatisch korrekt sein kann, dabei aber textuell auf sonderbare Weise abweichend erscheinen kann. Sie führt dies darauf zurück, dass die Sprecher Konzeptualisierungen und Eigenheiten in der Informationsorganisation ihrer Muttersprache beibehalten. Gezeigt wird dies anhand der Ereigniskonzeptualisierung sowie der Herstellung von Kohärenz.

In ihrem Beitrag „Met eyne ander manier dan nun“ zeigt Agnes Jäger anhand von Vergleichskonstruktionen, dass sich historische Variation anhand der Parameter Variantenvielzahl, Fluktuation der Häufigkeit und zeitliche Überlagerung unterschiedlich alter Muster, aber auch durch Distributionsverschiebung von Varianten (sog. Komparativzyklus) charakterisieren lässt. Besonders relevant sind dabei die engen Bezüge zur synchronen Mikro- wie Makrovariation; so finden sich in der Geschichte des Deutschen Beispiele für sämtliche Muster, die bei Vergleichskonstruktionen synchron in dt. Varietäten sowie typologisch attestiert sind. Die Muster und die Dynamik historischer Variation können schließlich als Argumente für die grammatiktheoretische Diskussion nutzbar gemacht werden: Die historischen Daten suggerieren eine Nähe von Vergleichskonstruktionen zu Koordinations- und Relativsatzstrukturen und liefern Argumente für die sog. ‚direkte Analyse‘ von phrasalen Vergleichen (gemäß der diese nicht als elliptisch verkürzte Satzvergleiche aufzufassen sind) sowie für die standard-semantische Analyse von Vergleichen (wonach nicht die Vergleichspartikel, sondern das Komparativmorphem –er und das Äquativkorrelat so den entscheidenden semantischen Beitrag liefern).

In ihrem Beitrag „Areale grammatische Variation in den Gebrauchsstandards des Deutschen“ widmen sich Stephan Elspaß & Christa Dürscheid einem in der Forschung bislang kaum beachteten Parameter für grammatische Variation im Standard, nämlich der diatopischen Variation. Ausgehend von einem pluriarealen Ansatz wird mit Blick auf das Projekt „Variantengrammatik des Deutschen“ aufgezeigt, wie die areale grammatische Variation empirisch zu beschreiben ist. Dies wird an drei Fallstudien illustriert: an der Abfolge im Verbcluster, der Adverbbildung mit und ohne –s sowie der Pluralbildung von Substantiven. Als empirische Basis wird die überregionale sowie (in Abweichung zu anderen Arbeiten) die regionale Presse herangezogen. Die Ergebnisse zeigen, dass zahlreiche Befunde in der Dudengrammatik (und in auf die Darstellung von Zweifelsfällen ausgerichteten Arbeiten) zu relativieren sind. Bei den unterschiedlichen regional zu beobachtenden Varianten lässt sich (wenig überraschend) feststellen, dass diese eine Fundierung in der gesprochenen Alltagssprache der jeweiligen Regionen haben.

Im Artikel von Angelika Storrer mit dem Titel „Grammatische Variation in Gespräch, Text und internetbasierter Kommunikation“ geht es um die medienabhängige Variation. Der Artikel hebt sich von der bisherigen Literatur ab, indem er das Verhältnis zwischen der Verwendung nähesprachlicher Merkmale beim textorientierten, planvollen Schreiben (v. a. in der fingierten Mündlichkeit, z. B. bei der Figurenrede in literarischen Texten) und beim interaktionsorientierten Schreiben in der Netzkommunikation fokussiert. Um zwischen diesen beiden Konstellationen terminologisch unterscheiden zu können, führt Storrer das Oppositionspaar textorientiert vs. interaktionsorientiert ein. Anhand der interaktiven Einheit hm zeigt Storrer, dass es Interferenzen zwischen Gespräch, Text und internetbasierter Kommunikation gibt. Während z. B. hm im Gespräch dazu dient, Planungs- und Formulierungsprobleme zu überbrücken, hat es sich in der fingierten Mündlichkeit zu einem Euphemismusmarker entwickelt, der sich auch in der Netzkommunikation finden lässt. Bei anderen Verwendungen von hm (als Responsiv oder Rückmeldung) dagegen finden sich Unterschiede zwischen der Verwendung im Text und in der internetbasierten Kommunikation: Während im ersten Fall trotz graphischer Unterspezifiziertheit des Markers die Interpretation durch den Autor mittels Kontext sichergestellt werden kann, ergeben sich im zweiten Fall aufgrund des Fehlens eines Autors mitunter Mehrdeutigkeiten. In methodischer Hinsicht schließlich demonstriert der Artikel das Potenzial von frei verfügbaren Korpusressourcen für die Untersuchung diamesischer Variation.

Im zweiten Teil des Bandes „Empirische Zugänge – empirische Methoden“ steht die Erfassung von Variation aus korpus-, psycho- und neurolinguistischer Perspektive im Vordergrund: Anke Lüdeling beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Variationistische Korpusstudien“ mit verschiedenen Aspekten der variationistischen Annotation von Korpusdaten. Sie zeigt zunächst, dass korpusbasierte Variationsforschung grundsätzlich entweder den Vergleich von (funktional äquivalenten) Varianten einer Variable innerhalb eines Korpus oder den Vergleich von zwei oder mehr Varietäten (und damit zwei oder mehr (Sub-)Korpora) zum Gegenstand haben kann. Während im ersten Fall der Einfluss von einem oder mehreren Faktoren auf die Verteilung der Varianten im Zentrum steht, geht es im zweiten Fall um das Herausarbeiten von Faktoren, die für Ähnlichkeiten und Divergenzen zwischen den Varietäten verantwortlich sind. Lüdeling argumentiert, dass viele Kategorisierungen der Daten nicht variationistisch interpretiert werden können, z. B. wenn nicht klar ist, ob man Varianten- oder Variablenunterschiede zählt oder wenn bestimmte Kategorien Varianten von unterschiedlichen Variablen sein können. Sie zeigt, dass Variablen selten automatisch annotiert werden können; deswegen müssen die Kategorisierungen transparent sein, d. h. im Korpus annotiert werden; das wiederum setzt eine offene Korpusarchitektur voraus, bei der Korpusdaten jederzeit um Annotationsebenen ergänzt werden können. Dies ermöglicht es auch, durch Hinzufügung von Varianten und Variablen im Laufe eines Projekts unterschiedliche Forschungsfragen zu beantworten.

In seinem Beitrag „Syntaktische Variation: Unterspezifikation und Skalen“ entwirft Gisbert Fanselow, ausgehend von einem Vorschlag von Barbiers (2005) zu Verbclustern im Niederländischen, ein neues Modell für grammatische Variation innerhalb einer Sprache. Dabei definiert das Grammatiksystem den Möglichkeitsraum, d. h. die verschiedenen insgesamt möglichen Varianten einer Variable (z. B. Verbclusterabfolge), während die Soziolinguistik (basierend auf regionalen, sozialen oder registerbezogenen Faktoren) deren Auswahl steuert. Bei einem Sprecher ist daher zu unterscheiden zwischen aktiv und passiv beherrschten Varianten. Die Syntax ist somit nicht für die Variation verantwortlich. Wann zwei oder mehrere Varianten zur selben Variable gehören, lässt sich am besten damit bestimmen, ob für alle eine einheitliche Syntax formuliert werden kann. Natürlich ist dies häufig abhängig von der gewählten Analyse. Diese Herangehensweise lässt es im Prinzip auch zu, dass gewisse Varianten zwar vom Grammatiksystem grundsätzlich generiert werden können, aber in keiner Varietät aktiv verwendet werden; die Marginalität von diskontinuierlichen Nominalphrasen im Norwegischen ist ein mögliches Beispiel dafür. Als Methode zur Bestimmung der passiven Grammatikkompetenz schlägt Fanselow syntaktisches Training vor. Er zeigt schließlich, dass neben der soziolinguistisch gesteuerten Variation auch mit verarbeitungsbedingter Variation innerhalb einer Sprache zu rechnen ist. Anhand von Weak Crossover und Superioritätsdaten lässt sich zeigen, dass sich diese Variation auf Skalen abbilden lässt (zunehmende Flexibilität).

Im Beitrag von Dietmar Roehm „Psycho-/Neurolinguistik: Neuronale Korrelate der Verarbeitung grammatischer Variation“ werden Verarbeitungskorrelate von interindividueller Variation vorgestellt und diskutiert, ein Aspekt, der in experimentellen Untersuchungen mittels neurolinguistischer Verfahren bislang kaum berücksichtigt worden ist. Konkret geschieht dies anhand von drei Elektroenzephalographie-(EEG-)Experimenten zu verschiedenen Bereichen (Synästhesie, semantische Relationen, Auxiliarselektion bei intransitiven Verben). Weil mit der EEG-Methode unbewusste, automatisch ablaufende Verarbeitungsprozesse untersucht werden können, lassen sich damit Einsichten in die Natur von Variation gewinnen, wie es durch reine Verhaltensdaten nicht möglich wäre.

Der dritte Themenkomplex „Empirie und Theorie in der Grammatikschreibung“ widmet sich vor allem der grammatiktheoretischen Verortung von Variation.

In ihrem Beitrag „Die allophonischen Frikative in der Standardsprache und in den hessischen Dialekten“ widmet sich Caroline Féry der phonologischen Variation. Sie zeigt, dass die standarddeutsche Allophonie zwischen den beiden dorsalen Frikativen (der palatalen [ç] und der velaren Variante [x]) im Hessischen durch eine Allophonie der alveo-palatalen Varianten ersetzt wird, bei der die gerundete Variante [ʃ] mit der ungerundeten Variante [ɕ] alterniert, während die palatale Variante weitgehend verschwunden ist und der velare Frikativ dieselbe Distribution aufweist wie im Standarddeutschen. Diese Situation entsteht einerseits, weil sowohl [ʃ] wie auch [ç] (in gewissen Umgebungen) zu [ɕ] neutralisiert werden (im ersten Fall liegt Assimilation vor, im zweiten wird wegen perzeptiver Ähnlichkeit der bereits bestehende ungerundete Laut [ɕ] realisiert); andererseits weil [ç] in anderen Kontexten als [ʃ] realisiert wird. Die phonologische Variation zwischen Standardsprache und Hessisch wird zunächst im Rahmen der Optimalitätstheorie mittels zwei separater Grammatiken modelliert, die sich im relativen Ranking der relevanten Constraints unterscheiden. Die hessischen Sprecher variieren allerdings häufig zwischen standarddeutscher und hessischer Alternative. Féry schlägt deshalb vor, die Optionalität ebenfalls optimalitätstheoretisch zu erfassen, indem die relevanten Constraints gleich gerankt werden. Statt also für diese Sprecher zwei separate Grammatiksysteme zu postulieren, werden beide Systeme in ein einziges kombiniert. Zur Modellierung der Häufigkeitsverteilung der Varianten schließlich wird die stochastische Optimalitätstheorie herangezogen.

Klaus-Michael Köpcke & David Zubin schlagen in ihrem Beitrag „Genusvariation: Was offenbart sie über die innere Dynamik des Systems“ eine Alternative zur verbreiteten Annahme vor, dass das Genus im Lexikon verortet sei. In ihrem Ansatz ist das Genus in der Syntax und der Pragmatik verankert. Das Genusmerkmal wird also im Produktionsprozess vom Sprecher selbst gefunden, wobei er auf verschiedene miteinander im Wettstreit liegende Cues zurückgreifen kann wie z. B. phonologische Eigenschaften, semantische Felder, pragmatische Projektionen (u. a. semantische Kongruenz), aber auch syntaktische Auslöser (wobei es hier v. a. um Defaultfälle geht). Vor dem Hintergrund der Konkurrenz dieser Faktoren lässt sich die Genusvariation verstehen. Die Autoren betonen, dass die Mechanismen nicht für hochfrequente Nomina gelten, die ganz klassisch mit ihrem Genus im Lexikon gespeichert sind, sondern eher an den Rändern des Systems zum Tragen kommen.

In ihrem Beitrag „Perspektiven auf syntaktische Variation“ diskutieren Eric Fuß, Marek Konopka & Angelika Wöllstein den methodischen Rahmen für die Praxis der korpusorientierten Grammatikforschung. Zunächst werden zwei Perspektiven auf Variabilität besprochen, nämlich Variation in der Form und in der Funktion. Dies geht einher mit einer Klärung des tertium comparationis sowie der Frage, wann man überhaupt von Varianten sprechen kann, wobei zurecht der Unterschied zwischen kombinatorischen (also durch andere Faktoren voraussagbaren) Varianten und freien Varianten (die im selben Kontext auftreten können) betont wird. Es wird ferner gezeigt, dass mit dem heuristischen Prinzip der Variationsreduktion neue Einflussfaktoren entdeckt und in ihrer Wirkung isoliert werden können. Konkret erfolgt dies an zwei Fällen formaler Variation, der AcI-Konstruktion und ihrer Kovarianten sowie der Relativsatzeinleitung mittels das oder was.

Marga Reis argumentiert in ihrem Beitrag „Grammatische Variation und realistische Grammatik“ dafür, dass Grammatiken Lücken enthalten können, d. h. Bereiche, die vom Grammatiksystem her nicht bestimmt sind. Die Äußerungen und die in solchen Kontexten zu beobachtende Variation sind daher außergrammatisch zu modellieren. Motiviert wird dies anhand von morphologischen (Paradigmenlücken) und v. a. syntaktischen Zweifelsfällen wie Kongruenzdaten mit komplexen NPs und in der Koordination sowie der sog. Skandalkonstruktion (exzeptionelle Partizipformen im infiniten Verbcluster, cf. Vogel 2009, Haider 2011). Es wird gezeigt, dass sich bei Lücken charakteristische Beurteilungs- und Verhaltensmuster finden sowie typische Notlösungen, die dem Näheprinzip gehorchen. Lücken können entstehen, wenn zwei Regeln zueinander im Widerspruch stehen, sie können aber auch auftreten, wenn für einen Fall gar keine Regel vorhanden ist. Für die Modellierung des Grammatiksystems führt dieser Ansatz gemäß Reis bei den Zweifelsfällen zu einem realistischeren Bild und letztlich auch zu einer Vereinfachung.

Geoffrey Pullum argumentiert in seinem Aufsatz „Theory, data and the epistemology of syntax“, dass weder rein korpusbasierte noch rein intuitions-/introspektionsgeleitete Zugänge plausibel sind. Syntax wird stattdessen als normativ verstanden – in dem Sinne, dass sich Sprecher an ein unbewusstes System halten. Es wird gezeigt, dass es interessante Parallelen zwischen syntaktischen und ethischen Systemen gibt. Eine adäquate syntaktische Beschreibung erreiche man mit der Methodik des Überlegungsgleichgewichts, das auf Sprachgebrauch (Korpora), den postulierten Regeln/Beschränkungen sowie intuitiven Wohlgeformtheitsurteilen beruht.

Im vierten Teil schließlich werden verschiedene empirische Verfahren vorgestellt, die bei der Untersuchung von grammatischer Variation zum Einsatz kommen (aus Platzgründen kann dies hier nur sehr summarisch dargestellt werden). So findet sich eine Einführung in die Elektroenzephalographie von Dominik Freunberger; ein Beitrag von Silvia Hansen-Schirra & Silke Gutermuth zu der Frage, wie Variation in Übersetzungen mit Methoden der Korpuslinguistik (unter Verwendung von Eyetracking und Keylogging) untersucht werden kann und eine Erläuterung der Funktionalitäten der neuen Korpusanalyseplattform des IDS von Marc Kupietz, Nils Diewald, Michael Hanl & Eliza Margaretha. Außerdem stellen Felix Bildhauer & Roland Schäfer hier einen Ansatz zur automatischen Klassifikation von Korpustexten nach Themengebiet (Topikdomäne) vor und Sandra Hansen-Morath & Sascha Wolfer zeigen, wie ein im IDS-Projekt „Korpusgrammatik“ entwickeltes Auswertungstool zur Analyse von Frequenzdaten bei Untersuchungen zu verschiedenen grammatischen Ebenen eingesetzt werden kann.

Der Herausgeberin und dem Herausgeber ist es vorzüglich gelungen, eine breite und insgesamt ausgewogene Auswahl verschiedener Perspektiven auf das hochaktuelle Thema Variation zusammenzustellen. Der Band stellt damit eine für Linguisten äußerst nützliche Quelle dar, von der aus verschiedenen empirischen wie theoretischen Fragestellungen nachgegangen werden kann.

Literatur

  • Barbiers, Sjef. 2005. Word order variation in three verb clusters and the division of labor between generative linguistics and sociolinguistics. In: Leonie Cornips & Karen P. Corrigan (Hg.). Syntax and Variation. Reconciling the Biological and the Social. Amsterdam: John Benjamins, 233–264. Google Scholar

  • Haider, Hubert. 2011. Grammatische Illusionen – Lokal wohlgeformt – global deviant. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 30, 223–257. Google Scholar

  • Vogel, Ralf. 2009. Skandal im Verbkomplex. Betrachtungen zur scheinbar inkorrekten Morphologie in infiniten Verbkomplexen des Deutschen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 28, 307–346. Google Scholar

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Published Online: 2018-05-07


Citation Information: Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft, ISSN (Online) 1867-1705, ISSN (Print) 1867-1691, DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2018-0017.

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