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Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft

Ed. by Lasch, Alexander / Dürscheid, Christa / Elmentaler, Michael / Freywald, Ulrike / Spieß, Constanze

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1867-1705
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Claus Ehrhardt & Eva Neuland (Hg.). 2017. Sprachliche Höflichkeit. Historische, aktuelle und künftige Perspektiven. Tübingen: Narr/Francke/Attempto. 404 S.

Andreas H. Jucker
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  • Englisches Seminar der Universität Zürich, Plattenstraße 47, CH-8032 ZürichEnglisches Seminar der Universität ZürichPlattenstraße 47CH-8032 ZürichSwitzerland
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Published Online: 2018-09-17 | DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2018-0035

Reviewed publication

Claus Ehrhardt & Eva Neuland (Hg.). 2017. Sprachliche Höflichkeit. Historische, aktuelle und künftige Perspektiven. Tübingen: Narr/Francke/Attempto. 404 S.

Die Höflichkeitsforschung hat seit ihren Anfängen in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts eine eigentliche Erfolgsgeschichte erlebt, aber auch dreißig Jahre später wird diese trotz einer wachsenden Zahl von Arbeiten zu verschiedenen und insbesondere zu fernöstlichen Sprachen nach wie vor von Arbeiten zur englischen Sprache dominiert. Es ist deshalb besonders erfreulich, dass mit dem vorliegenden Sammelband die Forschung zu nicht-englischen Sprachen eine weitere Ergänzung erhält. Die 24 Beiträge des Bandes sind alle dem Deutschen gewidmet, abgesehen von drei Beiträgen, die sprachunabhängig und theoretisch ausgerichtet sind (es sind dies die Beiträge von Held, Locher und Liedtke).

Der Band ist in fünf Abschnitte unterteilt. Der erste Teil umfasst ein kurzes Vorwort der Herausgeber und einen Beitrag von Jürgen Roth, bei dem es sich allerdings eher um einen Rundumschlag in feuilletonistischem Stil handelt, in dem der Autor ganz allgemein und ohne ernsthaften Rückgriff auf die aktuelle Höflichkeitsforschung den allgemeinen Verfall der Sitten beklagt und sich über die Auswüchse der ‚political correctness‘ ereifert. Die These der Verrohung der Sitten in unserer Zeit wird mit vielen Beispielen aus dem öffentlichen Diskurs und weiteren anekdotischen Belegen, denen der Autor im öffentlichen Raum begegnet ist, gestützt.

Der zweite Abschnitt des Bandes befasst sich mit den „Kulturhistorischen Dimensionen“ der Höflichkeit. Die beiden Beiträge von Dieter Cherubim und Heinz-Helmut Lüger analysieren beide literarische Quellen aus dem 19. Jahrhundert. Bei Cherubim sind das Texte von Karl May und Thomas Mann und bei Lüger Texte von Theodor Fontane, wobei es hier insbesondere um die Übersetzbarkeit von Höflichkeitsmerkmalen aus dem Deutschen ins Französische geht. Damit bewegen sich diese beiden Beiträge im Bereich der historischen Pragmatik bzw. der historischen Höflichkeitsforschung und liefern interessante Detailbeobachtungen an ausgewählten kurzen Textausschnitten. Allerdings argumentieren auch diese Texte relativ theoriefern und ohne Anschluss an die internationale Forschung auf dem Gebiet der historischen Höflichkeitsforschung (siehe zum Beispiel die Beiträge in Culpeper & Kádár 2010).

Der dritte Abschnitt mit sieben Beiträgen ist den „Aktuellen Tendenzen“ gewidmet. Besonders lesenswert sind dabei die Beiträge von Gudrun Held, Miriam A. Locher und Frank Liedtke, da diese sich sehr viel stärker als alle anderen Beiträge des Bandes mit den aktuellen theoretischen Entwicklungen im Bereich der Höflichkeitsforschung befassen. Held geht dabei auf den face-Begriff zurück, wie er in der Pionier-Arbeit von Brown & Levinson (1987) in die Höflichkeitsforschung eingeführt wurde, und diskutiert seine Verwendung in der neueren Forschung. Auch Locher befasst sich mit den neueren theoretischen Entwicklungen des Feldes und beschreibt, wie sich dieses im Rahmen des diskursiven Ansatzes geöffnet hat zu einem interdisziplinären Ansatz. Dieser bezieht sich nicht nur auf die sprachliche Höflichkeit, sondern die ganze Bandbreite interpersonalen Verhaltens bis hin zur Unhöflichkeit, wobei die Bewertung einer Handlung als höflich oder unhöflich ausdrücklich den Sprachteilnehmerinnen und -teilnehmern vorbehalten bleibt und die Forschung sich auf die Beschreibung der Aushandlungsprozesse fokussiert, ohne die Daten mit vorgefassten Höflichkeitsdefinitionen beschreiben zu wollen. Liedtke schließlich diskutiert die theoretischen Ansätze von Leon Talmy (cognitive culture system), Anna Wierzbicka (cultural scripts) und Stephen Levinson (interaction engine) bezüglich ihrer Tauglichkeit für die Klärung der Frage, ob Höflichkeit angeboren sei. Weniger theorieinteressierte Leserinnen und Leser mögen in diesen Beiträgen das Fehlen von konkreten Datenbeschreibungen vermissen.

Die übrigen Beiträge des dritten Abschnittes sind relativ heterogen. Sie reichen von einem vortheoretischen Nachdenken über die Bedeutung von Höflichkeit (Heringer) bis zu einer kleinen, aber feinen Detailstudie der Höflichkeitsrelevanz von vielleicht und eigentlich in mündlicher Alltagskommunikation, wobei muttersprachliche Korpusbelege mit lernersprachlichem Material verglichen werden (Hyvärinen). Insgesamt kommen Leserinnen und Leser, die an detaillierten Betrachtungen über ausgewählte Datenausschnitte interessiert sind, in diesen Beiträgen eher auf ihre Rechnung als solche, die eine Einbettung in die aktuelle Theoriediskussion erwarten.

In den „Kontrastiven Analysen“ des vierten Abschnittes geht es um verschiedene Perspektiven des Sprachvergleichs. In den acht Beiträgen werden jeweils unterschiedliche Sprachen im Hinblick auf besondere Höflichkeitsphänomene im Vergleich zum Deutschen untersucht. Das reicht von Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen eines Wörterbuches der Höflichkeitsausdrücke für die Sprachen Deutsch und Polnisch (Bonacchi & Schulte) über deutsche und dänische Treppenhaustexte, das heißt Aushänge im Treppenhaus mit Mitteilungen an Mieterinnen und Mieter (Colliander), und Entschuldigungen im Deutschen und Türkischen (Eğit) bis zu nominalen Anredeformen im Deutschen und Ukrainischen (Khrystenko), um nur einige Beispiele zu nennen.

Der fünfte Abschnitt schließlich enthält sechs „Angewandte Studien“, die sich mit Höflichkeit in speziellen Kontexten befassen. In vier der sechs Studien geht es dabei um Schulkontexte, so zum Beispiel um die Eröffnungs- und Beendigungsphase von schulischen Sprechstunden (Kotthoff), um Loben und Kritisieren im DaF-Unterricht (Taczman) oder um die Darstellung von Höflichkeit in einem DaF-Lehrwerk (Simon). Die letzten beiden Beiträge des Bandes widmen sich der sprachlichen Höflichkeit der Laienliteraturkritik, wie sie zum Beispiel auf der Buchverkaufsplattform Amazon zu finden sind (Gerdes), und dem Aspekt der Euphemisierung in Stellenanzeigen, der zu interessanten Überlegungen im Grenzbereich zwischen politischer Korrektheit und Höflichkeit führt (Rocco).

Dieser kurze und unvollständige Abriss über die in dem Sammelband vereinigten Arbeiten zeigt die große darin vertretene Bandbreite und auch die Allgegenwärtigkeit des Konzeptes Höflichkeit in der Sprachverwendung. Der Untertitel des Sammelbandes verspricht denn auch „Historische, aktuelle und künftige Perspektiven“, wobei allerdings festzuhalten ist, dass die historischen Perspektiven nur gerade mit drei Beiträgen vertreten sind (Cherubim, Lüger und Yudina). Die anderen Beiträge befassen sich im Wesentlichen mit aktuellen Phänomenen. Der Abriss hat zudem gezeigt, dass eine einheitliche Würdigung der Arbeiten wegen ihrer großen Unterschiedlichkeit nicht einfach ist. Es lässt sich jedoch sagen, dass die meisten Beiträge des vorliegenden Sammelbandes nicht im engeren Sinne empirisch sind, und keiner argumentiert quantitativ. Viele beruhen auf einer eher zufälligen, aber durchaus spannenden und erhellenden Sammlung von einschlägigen Belegen. Von daher darf man sich keine neuen und empirisch fundierten Forschungsresultate erhoffen. Abgesehen von den bereits erwähnten theoretischen Beiträgen von Held, Locher und Liedtke kann man von den hier versammelten Beiträgen keine Auseinandersetzung mit den aktuellen Trends der internationalen Höflichkeitsforschung erwarten (siehe dazu zum Beispiel die Beiträge in den Sammelbänden von Bargiela-Chiappini & Kádár 2011, Davies, Haugh & Merrison 2011 und Locher & Graham 2010). Viel eher, und das macht diesen Band so anregend, geht es hier um die genaue Analyse von interessanten Einzelbeobachtungen und um ein intensives Nachdenken über Aspekte der sprachlichen Höflichkeit. Auch stilistisch sind die Beiträge durchaus unterschiedlich gehalten. Gelegentlich scheint es sich sogar um ein unverändertes Vortragsmanuskript zu handeln, wie zum Beispiel bei Heringer, der am Ende seines Nachdenkens „Über Höflichkeit“ das Publikum darum bittet, nicht höflich, sondern von Herzen zu klatschen.

Literatur

  • Bargiela-Chiappini, Francesca & Dániel Z. Kádár (Hg.). 2011. Politeness across Cultures. Houndmills, Basingstoke: Palgrave Macmillan. Google Scholar

  • Brown, Penelope & Stephen C. Levinson. 1987. Politeness. Some Universals in Language Usage. Cambridge: Cambridge University Press. Google Scholar

  • Culpeper, Jonathan & Dániel Z. Kádár (Hg.). 2010. Historical (Im)politeness. Bern: Peter Lang. Google Scholar

  • Davies, Bethan L., Michael Haugh & Andrew John Merrison (Hg.). 2011. Situated Politeness. London: Continuum. Google Scholar

  • Locher, Miriam A. & Sage L. Graham (Hg.). 2010. Interpersonal Pragmatics. Berlin, New York: De Gruyter Mouton. Google Scholar

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Published Online: 2018-09-17


Citation Information: Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft, ISSN (Online) 1867-1705, ISSN (Print) 1867-1691, DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2018-0035.

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© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. BY-NC-ND 4.0

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