Michael Ludscheidt, Georg Neumark (1621–1681). Leben und Werk. 2002

Ingo Stöckmann 1
  • 1 Universität Konstanz, Fachbereich Literaturwissenschaft, Universitätsstraße 10, D-78434 Konstanz. ingo.stoeckmann@uni-konstanz.de

Barocke Autorschaft, man mag sich mit sozial- und diskursgeschichtlichen Mitteln längst ihrer unhintergehbaren Alterität versichert haben, ist noch immer dazu geeignet, die Erzählgewohnheiten von Literaturwissenschaft und Literaturgeschichtsschreibung nachhaltig zu verunsichern. Historisch denkbar entfernt von der emphatischen Inkommensurabilität goethezeitlicher Autorsubjekte läßt das Barock insbesondere dort eine widerstandsfähige Bruchlinie entstehen, wo die so eigentümlich individualitätsfern erscheinenden barocken Autoren der Gattung der Biographie anvertraut werden. ‚Dichter‘, genauer wohl: ‚Poeten‘ wie Martin Opitz, Daniel Casper von Lohenstein oder auch Georg Neumark (1621–1681) jedenfalls machen jene strukturelle Asymmetrie kenntlich, die das historische Wissen um das 17. Jahrhundert und die Erzählregeln des Biographischen unaufhaltbar auseinandertreibt: hier die kulturelle und diskursive Abwesenheit einer Textordnungsfunktion, die erst seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts aus dem Dunkel nicht länger mehr normativ zu erhellender Schöpfungsgründe heraustritt, um sich eine unvordenkliche Individualität zu geben; dort der Zwang, ein unverwechselbares Leben narrativ modellieren zu müssen, dessen einzelne Momente und vielgestaltige Episoden dennoch die Kontur eines mit sich identischen, ‚bedeutsamen‘ (Dilthey) Ganzen bilden. Wenn in diesem Zusammenhang eine performative Haltung geboten ist, dann wohl jene Behutsamkeit, die beides – den Erzählzwang der Biographie und das kulturgeschichtliche Datum einer noch gänzlich un-‚eigenthümlichen‘ Autorschaft – auszubalancieren versteht.

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