Rainer Kipper, Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich. Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung. 2002

Ulrich Hunger 1
  • 1 Universität Göttingen, Universitätsarchiv, Heinrich-Düker-Weg 5, D-37073 Göttingen. hunger@mail.sub.uni-goettingen.de

Rainer Kippers Gießener Dissertationsschrift ist im Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften beheimatet. Sie beschäftigt sich mit einem Thema, das spätestens seit den ausgehenden sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den Blickpunkt einer kritischen Analyse geraten ist: Die mythische Verfremdung der germanischen Vorzeit und ihre Indienstnahme für aktuelle gesellschaftliche und politische Interessen in Deutschland. Als Kerngedanken des Germanenmythos wurden seither die substantielle Identität von germanischem und deutschem Wesen sowie deren transhistorische Kontinuität über Jahrtausende hinweg herausgestellt. Die Absetzung der germanischen Charaktereigenschaften und Tugenden von der kulturell ausdifferenzierten, aber moralisch dekadenten lateinisch-romanischen Zivilisation unterfütterte nach innen die gesellschaftliche Integration der Nation und nach außen deren expansive Großmachtpolitik. Seine letzte Pervertierung erhielt der Germanenmythos, als sich seiner eine sozialdarwinistische, völkische und rassistische, zuweilen aber auch esoterische Gedankenwelt bemächtigte, die vom Nationalsozialismus aufgegriffen und für seine eroberungs- und rassenpolitischen Ziele instrumentalisiert wurde.

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