Vermittlung von Informationskompetenz à la carte im Informationszentrum Chemie | Biologie | Pharmazie der ETH Zürich

Jozica Dolenc 1  and Oliver Renn 2
  • 1 Information Consultant Chemistry Informationszentrum Chemie | Biologie | Pharmazie, ETH Zürich, Vladimir-Prelog-Weg 10, CH-8093 Zürich, SchweizSwitzerland
  • 2 Leiter Informationszentrum Chemie | Biologie | Pharmazie, ETH Zürich, Vladimir-Prelog-Weg 10, CH-8093 Zürich, SchweizSwitzerland
Jozica Dolenc and Oliver Renn

1 Die Notwendigkeit von Continuing Professional Education

Bibliotheken, insbesondere wissenschaftliche Bibliotheken, waren früher mit ihren Beständen an gedruckter Information für Wissenschaftler wichtige Orte. Orte nämlich, an denen – fast ausschließlich – der Zugang zu wissenschaftlichen Informationen möglich war. Mit der Bereitstellung der gedruckten Inhalte in elektronischer Form am Arbeitsplatz war es für Wissenschaftler nicht mehr notwendig, in die Bibliothek zu gehen. Die Art und Weise, Informationen zu nutzen, änderte sich aber kaum. Früher „analog“ genutzte Inhalte wurden eben digital genutzt.

Mit den erweiterten Möglichkeiten des Informations- und Wissensmanagement, des Information Retrieval bis hin zu Knowledge Discovery, hat sich dies aber stark geändert. Gerade in den Life Sciences, der Medizin und in der Chemie, den Wissenschaftsdisziplinen, in denen der Informationszuwachs und Erkenntnisgewinn wie auch die Komplexität der Daten stetig und rapide zunimmt, gibt es mittlerweile so viele Möglichkeiten, wissenschaftliche Informationen zu suchen, zu analysieren, zu verarbeiten, zu visualisieren und in neue Bezüge zu setzen. Kaum ein Wissenschaftler übersieht – anders als früher – die ganze Breite der Möglichkeiten. Kommerzielle Tools finden ihren Weg oft gar nicht mehr über die klassische Bibliothek in die Arbeitsprozesse der Studierenden und Wissenschaftler, sondern über die Forschenden und Lehrenden selbst – frei verfügbare Tools ohnehin.

Für wissenschaftliche Bibliotheken ist es deshalb nicht länger ausreichend, Informationsressourcen zu lizenzieren und zu hoffen, dass diese auch gefunden und genutzt werden. Eine wichtige Aufgabe der wissenschaftlichen Bibliothek kann und muss es sein, dafür zu sorgen, dass lizenzierte, aber auch frei verfügbare Datenbanken und Tools bei Studierenden und Wissenschaftlern bekannt sind und – kritisch bewertet – für passende Fragestellungen effizient und effektiv eingesetzt werden. Diese Vermittlerrolle, ja Beraterrolle wird idealerweise von Wissenschaftlern übernommen, die ihren Schwerpunkt im Bereich Informations- und Wissenschaftsmanagement setzen.1

Neue Wege müssen deshalb gefunden werden, um Studenten und Wissenschaftlern eine erfolgreiche Fort- und Weiterbildung im Bereich Informations- und Wissensmanagement zu ermöglichen.

Das Informationszentrum Chemie | Biologie | Pharmazie (ICBP) der ETH Zürich ist eine Einrichtung der beiden Departemente Chemie und Angewandte Biowissenschaften und Biologie und setzt, in Ergänzung zur ETH-Bibliothek, Schwerpunkte in den Bereichen Lehre, Awareness, Education & Training. Das Portfolio der Wissensvermittlung wurde vom ICBP in den letzten Jahren kontinuierlich erweitert, da erkannt wurde, dass die klassische Informationsvermittlung im Rahmen der Praktika und Praktikavorlesungen nicht mehr ausreicht. Es galt, attraktive Formate zu finden, die auch den Bedürfnissen der Zielgruppen (Studierende, Doktorierende, Post-Docs, Senior Scientists und Professoren) entsprechen, dem knappen Zeitbudget Rechnung tragen und einen unmittelbaren Mehrwert zeigen. Schwerpunkt sollte aber nicht die Ausbildung der Studierenden sein, sondern auch ein Konzept des lebenslangen Lernens, sich-auf-dem-Laufenden halten, entwickelt werden.

Dieses im ICBP entwickelte Konzept besteht derzeit aus den Bausteinen Grundvorlesungen im Rahmen der Praktika (für Bachelor und Master), einer Spezialvorlesung für Doktoranden „Scientific Information Retrieval & Management in Life Sciences and Chemistry“, den Coffee Lectures (alle Zielgruppen) und neu den Research Group Menu Seminars (individuelle Forschungsgruppen). Die beiden letzten sind Formate, die insbesondere schwierig zu erreichende Zielgruppen ansprechen.

2 Neue Formate zur Wissensvermittlung

2.1 Coffee Lectures

Die Coffee Lectures des ICBP wurden Ende 2013 gestartet2 und sind kurze, maximal zehnminütige Präsentationen über Datenbanken, Tools oder ähnliches, bei denen es kostenlos Kaffee oder Tee gibt. Referenten sind in der Regel Mitarbeiter des ICBP, es werden aber auch Studenten und Wissenschaftler ermuntert, ihr Wissen in 10 Minuten zu teilen. Den Coffee Lectures kommt so potentiell auch eine Rolle des Wissensaustausches zu. Das Format ist bereits publiziert worden.3Coffee Lectures finden nun beispielsweise auch am KIT Karlsruhe und an der TIB Hannover statt.4

Abb. 1:
Abb. 1:

„Speisekarte“ der Research Group Menu Seminars im Frühlingssemester 2015

Citation: Bibliothek Forschung und Praxis 40, 1; 10.1515/bfp-2016-0004

2.2 Research Group Menu Seminars

Da mit den Coffee Lectures nicht alle erreicht werden und dort Beispiele gewählt werden müssen, die eine breite und heterogene Zielgruppe ansprechen, wurde ein weiteres Format konzipiert, welches sich direkt an einzelne Forschungsgruppen wendet. Dadurch können die Inhalte der Veranstaltung exakt auf die Forschungsthemen der Forschungsgruppe abgestimmt werden – und der Wert einer Datenbank, eines Tools oder eines „Tricks“ wird unmittelbar erfassbar. Klar war jedoch, dass das Angebot einer Schulung durch das ICBP, also der „Bibliothek“, bei einer Forschungsgruppe in der Regel unbeantwortet bleiben würde. Es galt also, ein Format zu finden, welches weniger Schulung und Bibliothek assoziiert, sondern Vergnügen. Was könnte das anderes sein als die Speisekarte eines guten Restaurants, aus der man sich sein Menü selbst zusammenstellt?

Mögliche Inhalte wurden deshalb auf ihre Eignung als Vorspeise, Hauptgericht, Dessert oder „Special“ geprüft und entsprechend zusammengestellt. Eine vierseitige Speisekarte, in Anlehnung derer in Restaurants, wurde auf dickem und haptischen Karton gedruckt (Abb. 1) und mit der Ankündigung der Eröffnung des neuen „Restaurants“ Ende 2014 an alle ca. 60 Forschungsgruppen im Departement Chemie und Angewandte Biowissenschaften mit der Hauspost verschickt,5 mit dem Hinweis, dass das Restaurant erst zu Beginn 2015 öffnen würde, Buchungen aber ab sofort möglich seien. Der Erfolg war groß, bereits am 6.1.2015 wurde das erste Gruppenseminar durchgeführt. Das Seminar findet entweder direkt im Seminarraum der Gruppe statt oder im Seminarraum des ICBP. Das ausgewählte Menü wird mit den jeweiligen Organisatoren der Forschungsgruppe beratend besprochen. Auf Wunsch können „Vorspeisen“ auch als „Hauptgerichte“ serviert werden und umgekehrt.

In der Regel dauern die Seminare 60 Minuten und bestehen aus bis zu 6 „Gerichten“. Es zeigte sich, dass unbekannte Gerichte eher weniger gewählt werden – das ICBP wird dies in einer nächsten Version der Speisekarte berücksichtigen. PowerPoint-Folien werden nur in Ergänzung zu Live-Beispielen genutzt.

Wie Abb. 1 zeigt, finden sich unter den angebotenen Bausteinen nur zu einem geringen Anteil klassische bibliothekarische Themen. Mehr Interesse finden neue Technologien, Tools und fachspezifische Datenbanken, die spezifische Fragen im Forschungsprozess lösen helfen und sich idealerweise in die wissenschaftlichen Arbeitsprozesse integrieren lassen. Dies verlangt jedoch Kenntnisse der Forschungsprozesse und zusätzlich Kenntnisse in der Wissensdisziplin und deshalb entsprechende Mitarbeiter, die auch über Kommunikationstalent und eine intrinsische Motivation, Neues zu vermitteln, verfügen.

Eine intensive Beschäftigung mit den Forschungsthemen der jeweiligen Gruppe ist deshalb Voraussetzung. Um möglichst nah an den Forschungsthemen der Gruppe zu sein, werden – wenn sinnvoll – vorab auch elektronische Fragebögen eingesetzt, die es ermöglichen, passende Beispiele zu finden. Dies führt im Idealfall sogar zu neuen „Gerichten“. So hatte eine Gruppe angegeben, dass im Rahmen der Experimente lange Listen mit Gen-Namen erzeugt werden, die dann manuell in die Datenbank PubMed eingegeben werden, um zu erfahren, ob es zu diesem Gen überhaupt Forschungsaktivitäten bzw. bekannte Literatur gibt. Hier musste erst recherchiert werden. Es zeigte sich dann, dass es bereits ein Tool gibt, mit dem sich genau diese Aufgabe automatisieren lässt.

3 Erfüllen die neuen Formate die in sie gesetzten Hoffnungen?

Coffee Lectures und Research Group Menu Seminars (RGMS) wurden entwickelt, weil eine Anfang 2013 durchgeführte Umfrage des ICBP am Departement Chemie und Angewandte Biowissenschaften (n = 927) gezeigt hatte, dass viele Datenbanken und Tools, aber auch Dienstleistungen nicht in einer Weise nachgefragt wurden, wie es sich eine Bibliothek wünschen würde.

Die Rückmeldungen während und nach den RGMS waren zwar immer positiv, ein kurzer Survey an alle bisherigen Teilnehmer sollte jedoch zeigen, ob die Teilnehmer wirklich etwas Neues gelernt hatten und vor allem ob sich – in der Rückschau – das Informationsverhalten geändert hatte.

87,2 % der Antwortenden (n = 40) bestätigten, dass sie etwas Neues gelernt hatten, 12,8 % dass sie zumindest teilweise etwas Neues gelernt hatten. Zusätzlich wurde gefragt, ob – bei eigentlich bereits bekannten und genutzten Datenbanken und Tools – ebenfalls etwas Neues gelernt wurde. Dies bestätigten 70 % der Antworten. 27,5 % erklärten, dass zumindest teilweise etwas neu war und 2,5 % erklärten, dass auch dort alles neu gewesen sei. Dies bestätigt eindrücklich, dass nur durch eine verbesserte Awareness der Bekanntheitsgrad der vorhandenen Möglichkeiten für Informationsmanagement und -analyse erhöht werden kann – und das offensichtlich die direkte Ansprache immer noch der beste Weg ist.

Doch ist so eine Veranstaltung auch nachhaltig? Auf die Frage, ob die RGMS die Art und Weise, mit wissenschaftlichen Informationen zu arbeiten, verändert hat, antworteten 10 % mit Ja, definitiv, 42,5 % mit Ja, in gewissem Ausmaß, 37,5 % mit nur wenig oder „gar nicht“. Bei 90 % der Teilnehmer konnte demnach eine Veränderung im Nutzungsverhalten festgestellt werden (Abb. 2).

Abb. 2:
Abb. 2:

Veränderung in der Nutzung der wissenschaftlichen Information nach den RGMS

Citation: Bibliothek Forschung und Praxis 40, 1; 10.1515/bfp-2016-0004

Diese Umfrage hat aufgrund der geringen Fallzahl sicher nicht ausreichende statistische Power, zeigt aber doch, dass das ICBP mir den Coffee Lectures und RGMS auf dem richtigen Weg ist. 92,5 % würden RGMS weiterempfehlen, 5 % eventuell und nur 5 % nicht. 97,5 % fanden das Format exzellent oder gut – 2,5 % waren unentschieden. 55 % waren der Meinung, dass RGMS regelmäßig in einer Gruppe wiederholt werden sollten, nur 12,5 % antworteten mit „Nein“.

Die Notwendigkeit der Continuing Professional Education wurde also erkannt und bestätigt. Bestätigt wurde aber auch, dass wissenschaftliches Know-how der Referenten absolut notwendig ist, wie ein Kommentar in der Umfrage zeigt.6

Die nun anfangs auf die Zielgruppe Chemiker abgestimmte Karte – die allerdings interdisziplinär arbeiten und zu denen z. B. auch die Pharmazeuten gehören – wird nun auch um eine Variante für die Biowissenschaften ergänzt werden.

Mit diesem Paket aus verschiedenen Bausteinen der Wissensvermittlung sieht sich das ICBP gut gerüstet, den Nachweis anzutreten, dass eine Bibliothek bzw. in diesem Fall ein Infozentrum einen klaren Nutzen und einen Mehrwert für Studierende, Doktorierende und Wissenschaftler hat. Nur so kann es gelingen, die vielen neuen Services, Möglichkeiten und Tools, die von Verlagen und Informationsanbietern, aber auch von Dritten entwickelt werden, in das Bewusstsein der (angehenden) Chemiker, Pharmazeuten und Biologen zu bringen und letztlich dafür zu sorgen, dass diese Möglichkeiten auch genutzt werden. Bleibt die Informationsgewinnung auf die Nutzung der früher gedruckten Literatur (Zeitschriften, Bücher, Standardfunktionalitäten und Standarddatenbanken) beschränkt, wird nur ein Bruchteil der Möglichkeiten zum Erkenntnisgewinn genutzt. Dies ist nicht nur in forschenden Unternehmen fahrlässig (hier sind Corporate Information Centers gefordert7), sondern sollte zum Aufgabenbereich einer akademischen Einrichtung gehören, die unter anderem auch Wissenschaftler für die Privatwirtschaft ausbildet. Mit der Fokussierung auf Education & Training ist das ICBP gleichzeitig wieder mehr in das Bewusstsein der Wissenschaftler gerückt, die nun auch verstärkt andere Dienstleistungen des ICBP nachfragen.

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Footnotes

1

Siehe auch: Renn, Oliver: Können (wissenschaftliche) Bibliotheken weiterhin Bibliotheken heißen? In: Ball, Rafael; Wiederkehr, Stefan (Hg.): Vernetztes Wissen. Online. Die Bibliothek als Managementaufgabe. Berlin 2015, S. 17–34. In diesem Buchkapitel sind die Research Group Menu Seminars kurz erwähnt, weiter finden sich Hinweise zur künftigen Rolle von Bibliotheken.

2

Informationen zu den Coffee Lectures finden sich auf der Website des Informationszentrums Chemie | Biologie | Pharmazie unter http://www.infozentrum.ethz.ch/dienstleistungen/education-training/, ein Link zu einem Video unter http://www.infozentrum.ethz.ch/special-pages/newsdetail/article/videoclip-coffee-lectures/ [letzter Zugriff: 30.9.2015].

3

Renn, Oliver: „Anwenderschulung zur computergestützten Informationsbeschaffung für Fortgeschrittene“ oder doch lieber in die Coffee Lectures? In: Information – Wissenschaft & Praxis 65 (2014) S. 190–194.

5

Kommentar aus der Umfrage: Sending the offer to the professors per post (hardcopy; better than email!) + the flexible topic selection + the appealing “menu-like” design are good tricks to stimulate interest.

6

Kommentar aus der Umfrage: You took the trouble to find solutions to real information search questions occurring in our group. This is tedious and excellent. Also, you have some people in your library with sufficient scientific background to do so. This is essential and great!

7

Renn, Oliver; Archer, M.; Burkhardt, C.; Ginestet, J.; Nielsen, H. P.; Woodward, J.: A Blueprint For an Ideal Corporate Information Centre. Nature Reviews Drug Discovery 11 (2012) S. 497–499.

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    „Speisekarte“ der Research Group Menu Seminars im Frühlingssemester 2015

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    Veränderung in der Nutzung der wissenschaftlichen Information nach den RGMS