Seelsorge auf der Reise

and Dipl. theol. Bernhard Eisel

Zusammenfassung

Der Beitrag leistet eine empirisch-deskriptive und seelsorgetheoretische Analyse des von der Praktisch-Theologischen Theoriebildung bislang vernachlässigten Seelsorgefelds ‚Schaustellerseelsorge‘. Hierzu werden anhand von schriftlichem empirischen Material sowie von Experteninterviews mit Schaustellerseelsorgern feldtypische Seelsorgesituationen rekonstruiert, deren Relationen zum Themenfeld ‚Familie, Gesellschaft und Individuum‘ nachgezeichnet und so zu einem systemischen Seelsorgekonzept in Beziehung gesetzt werden. Die ergänzende Darstellung zweier Fallbeispiele führt weiter aus, inwiefern die Arbeit der Schaustellerseelsorge unter Heranziehung systemischer und hypnosystemischer Theoriekonzepte analysiert werden sowie konkret Gestalt gewinnen kann.

Im Jahr 2000 konnten auf Kirmes- und Volksfestveranstaltungen in Deutschland ca. 170 Mio.1 Besucher verzeichnet werden. Sicherlich wissen nur die Wenigsten von ihnen, dass die christlichen Kirchen mit der ‚Circus- und Schaustellerseelsorge‘ (CSS) einen eigenen berufsgruppenspezifischen Seelsorgedienst für die ‚Menschen auf der Reise‘,2 die während der Saison diese Veranstaltungen mit ihren Schaustellergeschäften beschicken, unterhalten. Obwohl die Schaustellerseelsorge ein spezielles und vielfältiges Arbeitsfeld ist, das hohe seelsorgliche Kompetenz beansprucht, existiert bislang auffällig wenig Literatur zu diesem Seelsorgefeld.3 Soweit es Literatur gibt, wird auf das latente Misstrauen zwischen ortsfester und reisender Bevölkerung aufmerksam gemacht, und es werden knappe Einblicke in den Arbeitsalltag der Seelsorger/-innen geboten. Daneben werden diakonische sowie religions- und gemeindepädagogische Fragen behandelt. Eine seelsorgetheoretische Reflexion findet sich jedoch in keinem der Texte.

Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, dass ein empirischer Zugang zum Feld der Schaustellerseelsorge den Blick für ihre spezifischen Bedingungen öffnen kann und mit ihm auch wesentliche Grundlagen gelegt sind, um eventuellen praktisch-theologischen Verengungen wehren zu können. Der Empirie kommt dabei die Funktion zu, zunächst Handlungsabläufe und Seelsorgesituationen innerhalb der spezifischen sozialen Lebenswelt zu erheben. In einem zweiten Schritt können diese Phänomene dann einer seelsorgetheoretischen Analyse unterzogen werden, welche der Erarbeitung theoretischer Lösungsansätze bzw. praxisrelevanter Handlungsstrategien dient.4

Da allerdings die aktuelle Situation der Schaustellerseelsorge durchaus nicht allgemein bekannt ist, möchte ich in Abschnitt 1 zunächst in grundlegende strukturelle Rahmenbedingungen der CSS einführen.

Auf diesem Kenntnishintergrund aufbauend, können in Abschnitt 2 dann feldtypische Seelsorgefragen und -situationen rekonstruiert und einer seelsorgetheoretischen Interpretation zugeführt werden. Hierfür sollen die eruierten Phänomene in Relation zum systemischen Seelsorgekonzept gesetzt werden. Dass gerade ein systemischer Zugang eine für die Deutung und Weiterentwicklung der seelsorglichen Arbeit der CSS konstruktive Hintergrundfolie liefern kann, geht dabei m. E. aus Art und Qualität der beschriebenen Seelsorgesituationen hervor.

Im dritten Abschnitt soll dieser Zusammenhang schließlich anhand zweier Fallbeispiele und deren Erörterung noch eingehender exemplifiziert werden.

Um Informationen zur qualitativen Deskription des Seelsorgefelds zu gewinnen, wird über die bereits erwähnten wenigen Publikationen hinaus auf zusätzliche Quellen zurückgegriffen. Ergänzend wurden von mir mit Schaustellerseelsorgern5 halbstandardisierte Experteninterviews geführt. Diese Interviews sowie ein Radiointerview mit Schaustellerseelsorgerin Christine Beutler-Lotz6 bieten so neben ergänzendem non-reaktiven Material (Gemeindebriefe, Presseartikel, Veröffentlichungen der Schaustellerseelsorge etc.) die erweiterte empirische Basis für eine Beschreibung des Seelsorgefelds.

Insbesondere bei der Erforschung von Themengebieten, bei welchen nur in begrenztem Maß auf theoretisches Vorwissen zurückgegriffen werden kann, sind solche Experteninterviews in der sozialwissenschaftlichen Forschung etabliert.7 Und obwohl die möglichen Typen (explorativ, strukturierend, thesengenerierend)8 natürlich so gut wie nie in Reinform vorliegen, weshalb eine Zuordnung immer mit gewissen Schwierigkeiten verbunden bleibt, ist festzuhalten, dass auch die Experteninterviews dieser Untersuchung weniger auf die Eruierung der im Feld wirksam werdenden Meinungen, Einstellungen und Wirklichkeitskonstruktionen der Interviewpartner, sondern eher auf die Rekonstruktion9 bislang nicht schriftlich zugänglicher Kenntnisse über die auf dem Gebiet der Schaustellerseelsorge wirksam werdenden sozialen Abläufe und Handlungssituationen zielen.

Bezüglich ihres erkenntnistheoretischen Status werden die Interviewdokumente als Zeugnisse akademisch ausgebildeter, im Feld aktiv-teilnehmender Beobachter aufgefasst. Allerdings bilden die Deskriptionen meiner Interviewpartner die soziale Wirklichkeit natürlich nicht auf unmittelbar-objektive Weise, sondern lediglich aus deren Akteursperspektive,10 d. h. auf der Basis selektiv-subjektiver, von Sozialisation, Weltanschauung und persönlicher ‚Alltagssoziologie‘ mitgeprägter Wahrnehmung ab.

Schaustellerseelsorger nehmen gegenüber dem Forscher die Rolle beide soziale Lebenswelten aus eigener Anschauung kennender ‚keypersons‘ ein, wobei mitunter natürlich Verzerrungen der Darstellung denkbar sind, da die Schaustellerpfarrer dem Forscher in sozialer und kultureller Hinsicht eventuell näher stehen können als den Seelsorgepartner/-innen.11

Prinzipiell kann solchen, den sozialen Hierarchien und der Beobachterperspektive geschuldeten Validitätsproblematiken nur durch eine Methodentriangulation12 begegnet werden: So sollen einerseits die felddeskriptiven Aussagen der Schaustellerseelsorger untereinander trianguliert, und andererseits die genannten non-reaktiven empirischen Informationsquellen auf das Vorkommen der entsprechenden Phänomene hin analysiert und gegebenenfalls mitangeführt werden.

Grundlegende Strukturen der Schaustellerseelsorge als Feld

Wie erwähnt, erscheint es hilfreich, der Deskription der Seelsorgephänomene und deren theoretische Reflexion zunächst eine grundlegende Übersicht über den status quo der Schaustellerseelsorge in organisatorischer, professionstheoretischer und kirchenstatistischer Hinsicht voranzustellen:

Zurzeit13 existieren auf evangelischer Seite zwei volle, eine Seelsorgestelle mit halbem Dienstauftrag sowie eine mit zehnprozentigem Dienstanteil für die Schaustellerseelsorge. Von diesen Stellen ist eine direkt im Kirchenamt der EKD in Hannover angesiedelt, die anderen sind einzelnen Landeskirchen14 zugehörig.15 Außerdem gibt es auf landeskirchlicher Ebene acht weitere regionale Beauftragte, die in erster Linie für seelsorgliche Begleitung in ihrer Region zur Verfügung stehen.16 In der Schaustellerseelsorge der katholischen Kirche wird ein von einem nationalen Leitungsgremium (deutsche Bischofskonferenz) beauftragter gesamtdeutscher Seelsorger von acht Regionalseelsorgern unterstützt.17

Prinzipiell handelt es sich bei diesen Sonderseelsorgestellen um Funktionspfarrämter in einer Personalgemeinde. Deren Aufgabenprofil umfasst die klassische Trias Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge, wobei allerdings ein Schwergewicht auf den Seelsorgegesprächen liegt.18

Der Umfang dieser Arbeit lässt sich anhand einiger Zahlenangaben abschätzen: So existieren bundesweit ca. 6300 Schaustellerbetriebe19, zu welchen ca. 23.000 Familienmitglieder sowie 25.000 Angestellte, also insgesamt ca. 48.000 reisende Menschen, gehören.20 Obwohl ein nicht unerheblicher Teil von ihnen katholischen Glaubens ist, betreut die ev. Circus- und Schaustellerseelsorge insgesamt ca. 23.000 Gemeindemitglieder21 (Circusleute und Schausteller zusammen).

Nachdem hiermit der grundsätzliche strukturelle und institutionelle Rahmen abgesteckt ist, kann nun die Perspektive in Bezug auf Seelsorgesituationen und deren seelsorgetheoretische Interpretation erweitert werden.

Ein systemischer Zugang zur Schaustellerseelsorge

Für die poimenische Reflexion der Schaustellerseelsorge sollen nun spezielle ‚feldtypische‘ Seelsorgefragen rekonstruiert und zum systemischen Seelsorgekonzept in Beziehung gesetzt werden. Unter ‚systemischer Seelsorge‘ verstehe ich dabei diejenigen seelsorgetheoretischen Entwürfe, welche auf der Basis von (soziologischer) Systemtheorie, Familientherapie sowie weiteren ggfs. integrierten konstruktivistischen und kommunikationstheoretischen Theorieelementen eine beziehungsorientierte Sichtweise von Seelsorge eröffnen möchten, ohne dabei die individuumsbezogenen Einsichten der Seelsorgebewegung aufzugeben.22 Letzteres gelingt in erster Linie in Konzepten, die nicht Anbindung an vorgeblich determinierte soziale Strukturen, sondern Emanzipation und Beziehungsgerechtigkeit als seelsorgliche Zielvorstellung empfehlen.23

Gerade für die Schaustellerseelsorge sind diese Modelle aufgrund ihrer Fähigkeit, Lösungsstrategien für familiäre Krisen und familienentwicklungsspezifische Problemlagen bieten zu können und dabei auch seelsorgliche Allianzen sowie gesamtgesellschaftliche und interkulturelle24 Zusammenhänge in den Blick zu nehmen, attraktiv. Zur Begründung werde ich anhand einiger seelsorgethematischer Aspekte nachzuzeichnen versuchen, inwiefern die Arbeit der Schaustellerseelsorge qualitativ auf das Problemfeld ‚Familie, Gesellschaft und Individuum‘ bezogen ist. Dabei wurde keine bestimmte Auswahl getroffen, sondern alle im empirischen Material auftretenden spezifischen seelsorglichen Problemlagen wurden in die Darstellung aufgenommen. Die Anordnung und Zusammenfassung der im Folgenden referierten Seelsorgethemen orientiert sich – sofern möglich – an zwischen diesen zu ziehenden Sinnlinien, auf welche auch in den entsprechenden Unterabschnitten aufmerksam gemacht wird.

Berufsfeldspezifische Seelsorgefälle und Krankheit auf der Reise

Fest steht, dass die CSS eine auf die in Familienunternehmen auftretenden Fragestellungen und das berufliche Umfeld der Schausteller/-innen bezogene Beratung bieten und seelsorgliche Hilfe im Spannungsfeld von Gemeinschaft und Konkurrenzdruck ermöglichen muss: So haben Schausteller als größtenteils selbstständige Klein- und Mittelunternehmer ein hohes geschäftliches Risiko in Abhängigkeit von ihrerseits zumeist unbeeinflussbaren Faktoren (wie Witterung/Kaufkraft/Standplatzzuteilung) zu tragen.25 Erschwerend tritt dabei der auch im Schaustellergewerbe kontinuierlich steigende Konkurrenzdruck hinzu.26

Artikulieren Schausteller/-innen ihre Existenz- und Zukunftsängste, so wird der Seelsorger nicht selten mit den zuvor genannten beruflichen Problemlagen konfrontiert;27 und weil die Schaustellerbetriebe zumeist als klassische Familienbetriebe geführt werden, ist oft die gesamte (Kern-) Familie in die durch Leistungs- und Konkurrenzdruck28 verursachten Beeinträchtigungen des Wohlbefindens mitverstrickt.29 Bezieht man eine systemische Sicht in die Betrachtung dieser aus der angespannten beruflichen Situation hervorgehenden Belastungen ein, so sind sie als Stressfaktoren, aus welchen Krisen der Familie resultieren können, zu qualifizieren.

Inwieweit eine Reorganisation, also die Gewinnung eines höheren Organisationsniveaus in Familie und Betrieb, gelingen kann, bleibt im Einzelfall von der Möglichkeit der Erschließung persönlicher, familienbezogener und darüber hinausgehender sozialer Ressourcen der Familie abhängig.30 Dabei darf natürlich auch die Vermittlungsfunktion der Schaustellerseelsorge zu weiteren sozialen Ressourcen – wie z. B. den Berufsverbänden –31 nicht außer Acht gelassen werden. Und es versteht sich von selbst, dass diese lebensweltlichen Sachlagen auch den Realitätsrahmen definieren, in welchem sich die von Seiten der Seelsorgetheorie vorgeschlagenen, weiteren Lösungs- und Interventionsmöglichkeiten der ‚unterstützenden Interaktion‘ (wie z. B. die Bitte um Mithilfe von Mitgliedern der weiteren Familie und Verwandtschaft im Schaustellerbetrieb oder gegenseitige Gefühlsregulation durch Trost und Zuspruch32) bewegen können.

Es leuchtet ein, dass in dieser von der notwendigen Einbindung vieler Familienmitglieder in den Erwerbsprozess33 geprägten beruflichen Situation (s. o.) Erkrankung und Pflegebedürftigkeit eines Einzelnen zum existentiellen Problem der gesamten Familie werden kann.34

Dementsprechend regelmäßig ist die Krankheitsthematik auch Gegenstand einer intensiven seelsorglichen Konversation und der daraus resultierenden Agenda.35 Oft besteht der kontextuell erteilte Seelsorgeauftrag dann darin, die mit dem Krankheitsfall verbundenen familiären und betrieblichen Reorganisationsherausforderungen zu bewältigen. Diese reichen von relativ trivialen strukturellen und organisatorischen Angelegenheiten bis hin zur akut präsenten existentiellen Frage der Betriebsnachfolge und -übergabe. Natürlich kommt es für eine lösungsorientierte Bearbeitung dieser Restrukturierungsproblematiken auch hier auf eine adäquate Kombination der von der Schaustellerseelsorge bereitgestellten und der dem Familiensystem bereits inhärenten,36 bzw. aufgrund eigener sozialer Netzwerke verfügbaren psychischen und sozialen Ressourcen an.37

Darüber hinaus wurde von einem Interviewpartner ein weiteres Charakteristikum des Umgangs mit Krankheit innerhalb des Seelsorgefelds Schaustellerseelsorge genannt: So sei in der von Familienbewusstsein und Solidarität geprägten Berufsgruppe häufig ein starker Wunsch vorhanden, auch den kranken Angehörigen nicht aus der familiären Gemeinschaft fallen zu lassen. Dies bedeutet, dass eine Hospitalisierung des Betroffenen nicht selten, wenn irgend möglich, vermieden werden soll.38

In Bezug auf dieses Seelsorgeanliegen ist wieder die systemische Vernetzung der Seelsorger/-innen gefragt. So können z. B. – im Rückgriff auf die Strukturen der Ortsgemeinde am Gastspielort – Hilfen zur Organisation eines Krankenpflegediensts auf dem Platz erwirkt werden.39 Selbstredend sind solchen Bemühungen auch bestimmte Grenzen gesetzt, weshalb es plausibel erscheint, dass bei schwerer Krankheit oder Pflegebedürftigkeit mitunter Erörterungsbedarf erkennbar wird, ob die erwünschte Hospitalisierungsvermeidung überhaupt möglich und eine Weiterführung der Pflege in einer Institution nicht doch im Sinn des Betroffenen sein kann.40

Des Weiteren können auch die in der Schaustellerseelsorge vorkommenden Schulbesuchsproblematiken sowie Erziehungsthemen substantiiert einem familien- und systemtherapeutischen Interpretationsrahmen zugeführt werden.

Bildungsfragen und pädagogische Fragen

Wie gerade angeführt, ist der Schulbesuch unter Reisebedingungen oftmals Thema der Seelsorgegespräche.41 In diesem Kontext ist es wichtig zu wissen, dass in Deutschland gegenwärtig drei grundsätzliche Optionen zum Schulbesuch für Schaustellerkinder bestehen: Nämlich erstens, im Schultagebuch festgehaltene, wechselnde Schulbesuche unterwegs; zweitens, die Unterbringung der Kinder bei Verwandten oder Pflegeeltern sowie drittens, die Beschulung der Kinder in Internaten.42 Da jede dieser Möglichkeiten ihre eigene Problematik besitzt, stellt der Eintritt der Kinder ins Schulalter Schausteller/-innen stets vor eine Gewissensentscheidung, die Beratungsbedarf erzeugt.43 Und so überrascht es auch nicht, dass diese mit dem Schulbesuch unterwegs verbundenen familiären Problemlagen in den Seelsorgebegegnungen der Circus- und Schaustellerseelsorge angesprochen werden.

Allerdings gab bzw. gibt es in den letzten Jahren auch Bestrebungen, den Schulbesuch auf der Reise zu verbessern. Es ging dabei um die Einrichtung von Bereichslehrerstellen,44 die Schaffung einer Struktur von Stützpunkt- (unterwegs) und Stammschulen (am Heimatort) sowie die Genehmigung des bundesweiten Gebrauchs von Schultagebüchern.45 An diesen Reformen hatte die Schaustellerseelsorge nicht allein durch das Eintreten für ihre Zielgruppe gegenüber Gesellschaft und Politik Anteil,46 sondern es kommt ihr auch eine Multiplikator- und Vernetzungsfunktion bei der Etablierung dieser Neustrukturen zu. Zweifelsohne lässt sich die Rolle der in der Schaustellerseelsorge agierenden Professionellen in diesem Kontext als seelsorgliche Allianzbildung47 verstehen: In diese Allianzen bringt der/die Seelsorger/-in Kontakte zu weiteren helfenden Personen und Körperschaften (Bereichslehrkräften, Internaten, weiteren Einrichtungen des Bildungswesens oder Fachkräften der Berufsorganisationen) ein sowie ganz allgemein die Kompetenz, aufgrund der eigenen Vernetzung zum problemorientierten Handeln der Familie beizutragen.

In einer engen Beziehung zu den o.g. berufsspezifischen Seelsorgethemen sowie der Schulbesuchsthematik stehen ‚allgemeine Erziehungsfragen‘, die den Schaustellerseelsorgern wiederholt gestellt werden,48 und die im Spannungsfeld zwischen dem verstärkten Bedarf an Individualisierung und der häufig erforderlichen Beteiligung aller Familienmitglieder an den geschäftlichen Aktivitäten zu verorten sind. Dementsprechend ist, zusätzlich zu der in familientherapeutischen Konzepten im Allgemeinen thematisierten Problematik von sich im Kontext der Individuation und Selbstdifferenzierung der Kinder manifestierenden Familienkrisen,49 für die Schaustellerseelsorge auch die Dynamik des Generationenwechsels im jeweiligen Familienunternehmen mit zu berücksichtigen.

In diesem Kontext sind gewisse Risiken der Identitätsentwicklung für Familienmitglieder in Familienunternehmen in zweierlei Hinsicht auszumachen: Diese Risiken beruhen erstens auf der Doppelbindungssituation zwischen den – den Schaustellerkindern vor allem durch elektronische Medien und Schulbesuch vermittelten – Wertvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft und den Nachfolgeerwartungen der Elterngeneration. Hierbei ist die Nachfolgegeneration bestrebt, aus diesen Einflüssen gewonnene Veränderungsimpulse ins System einzubringen oder sich ggfs. vollständig vom System zu individuieren. Scheitert dieser Prozess, besteht die Gefahr des Entwicklungsstillstands in Familie und Betrieb sowie der Entstehung psychischen Drucks beim Individuum.50

Zweitens hat die omnipräsente Option der Nachfolge gegebenenfalls eine intensive Reflexion dieser Nachfolgefrage und, damit einhergehend, eine nur eingeschränkte Entfaltung eigener Zielvorstellungen zufolge, was wiederum den Realantritt der Nachfolge unter Ausblendung der Identitätsfrage oder die Verwerfung der Nachfolge ohne Alternativplanung wahrscheinlich macht.51

Stellt man nun die Frage, welche seelsorglichen Techniken zur Bearbeitung dieser Problemlagen zu empfehlen sind, so kann davon ausgegangen werden, dass gerade hier eine Mehrgenerationenperspektive zur Förderung der Verständnisfähigkeit der Eltern für die im Kontext der Identitätsentwicklung der Kinder zu lösenden Probleme angezeigt ist.

Im Zusammenhang entsprechender Gruppensitzungen wäre dem/der Seelsorger/-in dann aufgetragen, zum einen zwischen der Intention der Eltern, die eigene Lebensgeschichte im Modus der Betriebsweitergabe zu perseverieren und zum anderen dem Anspruch der Nachfolgegeneration auf eigenständige biografische Identitätskonstruktion zu vermitteln.

Natürlich kann eine solche indizierte, an systemischen Modellen ausgerichtete Arbeit in Gruppensitzungen mitunter situativ – wenn z. B. nur eines der Familienmitglieder Interesse an einer seelsorglichen Begegnung besitzt – nicht realisierbar sein. In diesem Fall bergen aber auch Einzelgespräche mit der entsprechenden Person, die durchaus familientherapeutisch orientierte, psychoedukative Elemente beinhalten dürfen, die Hoffnung auf eine Veränderung der Verhältnisse insgesamt. Eine solche Hoffnung ist m. E. vor allem deshalb berechtigt, da die Weiterentwicklung eines (Familien-) Systems nicht selten durch die Wandlung und Veränderungsimpulse auch eines einzelnen Systemmitglieds induziert wird.52

Im kommenden Teilbereich möchte ich ausführen, inwiefern auch gewisse auf die soziale Situation des Schaustellerberufs zurückzuführende Seelsorgefragen anhand von Sozialität und Personenzentrierung integrierenden Konzepten theoretisch beleuchtet bzw. in der Praxis bearbeitet werden können:

Psychosoziale Seelsorgethematiken

Von den Schaustellerseelsorgern wurden ferner spezifische psychosoziale Belastungen als auftretende Seelsorgethematiken benannt.53 Es handelt sich hierbei um ein sensibles, in der Schaustellerseelsorge allerdings allgemein bekanntes Themenfeld, das – auch im Rahmen wissenschaftlicher Seelsorgereflexion – nur behutsam thematisiert und mit dem notwendigen Feingefühl der Öffentlichkeit kommuniziert werden sollte.

In Bezug auf diese Seelsorgefragen kann zwischen psychosozialen Belastungen berufsgruppeninterner und -externer Art differenziert werden: Die psychosozialen Belastungen berufsgruppeninterner Art bestünden aus Einschränkungen der Privatsphäre, welche auf die Wohnsituation auf den Plätzen (räumliche Nähe, Hellhörigkeit der Wohnwagen) zurückzuführen seien.54 Die psychosozialen Belastungen externer Art hingegen beruhten auf dem Widerspruch zwischen den hohen technischen und organisatorischen Anforderungen des Gewerbes auf der einen und der zuweilen mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung des Berufs55 auf der anderen Seite. Diese bildeten sich in einer Diskrepanz zwischen dem hohen nach außen dargestellten und dem des Öfteren in den Begegnungen des Seelsorgers innerhalb der Gruppe faktisch erfahrenen, weniger ausgeprägten Selbstwertgefühl der Seelsorgepartner/-innen ab.56

Diese Problemlagen werden von den Schaustellerseelsorgern/-innen auf zwei Ebenen bearbeitet: So gelingt es der Schaustellerseelsorge auf der ersten Ebene einer individuumsbezogenen, d. h. auf den klassischen Therapeutenvariablen Empathie, Akzeptanz und authentischem Verhalten57 basierenden Seelsorgearbeit, Beziehungserfahrungen zu ermöglichen, die ein Zeichen gegen die oftmals im Alltag wahrgenommene Beziehungswirklichkeit (Begegnungen rein unter Geschäftsinteresse/Marginalisierung der Berufsgruppe) zu setzen vermögen.58

Auf der zweiten Ebene einer eher sozialpädagogisch-gesellschaftsorientierten Arbeit kann die Schaustellerseelsorge dank ihrer Kontakte zu den wechselnden Ortsgemeinden für eine beziehungsfördernde ‚Kopplung‘ der Systeme Schausteller- und Ortsgemeinde eintreten, welche z. B. durch für ‚Nichtschausteller’ (in der Branchensprache: Menschen ‚von privat’) offene Gottesdienste,59 entsprechende konfirmationspädagogische Exkursionen60 sowie weitere gemeindepädagogische Aktivitäten61 und Geselligkeitsveranstaltungen zwischen Schausteller- und Ortsgemeinde62 konkretisiert wird.

Diese Maßnahmen werden häufig durch eine Öffentlichkeitsarbeit, welche das Kulturgut Volksfest ins gesellschaftliche Bewusstsein rückt63 und so den Abbau von Ressentiments64 forciert, ergänzt. Gerade deshalb kann die Schaustellerseelsorge auch paradigmatisch dafür stehen, wie es gelingt, ein Seelsorgekonzept für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu öffnen65 und zur Etablierung einer im fortlaufenden Dialog ausgehandelten Konsenswirklichkeit66 unterschiedlicher sozialer Gruppen zu funktionalisieren.

Der nächste Teilabschnitt fährt mit der systemseelsorglichen Untersuchung einer innerhalb der Berufsgruppe existierenden Sonderkasualie fort:

Rituelle Feiern bei Geschäftseröffnungen

In der Berufsgruppe der Schausteller/-innen besteht seit langem der Brauch, Geschäftseröffnungen mit Segensbitten für die vom Gelingen des Unternehmens abhängigen Personen zu verbinden, wobei der Ritus, auf welchen bei diesem Geschehen zurückgegriffen wird, natürlich konfessionell und regional ausdifferenziert ist.67

Wie aber kann dieses Geschehen jenseits zu befürchtender problematischer Verkürzungen als religiöse Ressource der reisenden Menschen charakterisiert werden? Hierzu ist zunächst eine präzise Merkmalsbeschreibung des Rituals erforderlich: Schaustellerseelsorgerinnen und -seelsorger feiern in diesen Eröffnungszeremonien von Geschäften gemeinsam mit den Familien deren neuen Lebensmittelpunkt, wobei der autotelische68 Charakter des Rituals die Herstellung eines spielerischen Zusammenhangs von Alltag (der Arbeit am Geschäft), Beziehungen (den Interaktionen der Inhaberfamilie) und Fest (der Geschäftseröffnung) garantiert.69 Da hierbei die mit der Konstitution eines neuen Sozialsystems (des neuen Schaustellerbetriebs) verbundenen familiären Herausforderungen im Modus eines sich in der Öffentlichkeit ereignenden Darstellungsgeschehens rituell bewältigt werden sollen, kann die Zeremonie praktisch-theologisch, sozusagen als neue Kasualie qualifiziert werden, deren Wurzeln in älteren Traditionen der Schausteller/-innen zu suchen sind.

Für eine vertiefende seelsorgetheoretische Reflexion jener Prozesse ist allerdings die besondere familiensystembezogene Relevanz des Rituals zu bedenken: Diese besteht darin, dass vom Gelingen der geschäftlichen Neuorientierung die materielle Existenzgrundlage der beteiligten Menschen abhängt und der Investition in ein neues Schaustellergeschäft dementsprechend oft ein innerfamiliärer, die Konsequenzen dieser Entscheidung erörternder Diskussionsprozess vorausgeht. Daher sollten in die Ausarbeitung auf dieses Ritual bezogener Seelsorgetechniken Forschungsergebnisse der systemisch orientierten Unternehmensforschung einfließen: Diesen zufolge ist bei Prozessvorgängen innerhalb von Familienunternehmen von einer Ko-Evolution beider Teilsysteme auszugehen, was bedeutet, dass sowohl das System Familie von den Entwicklungsphasen des Unternehmens als auch das System Unternehmen von denjenigen der Familie Beeinflussung erfährt.70

Aus diesen Faktoren ergeben sich schließlich Konsequenzen für den seelsorglichen Begleitprozess der Sonderkasualie: So wird im Zentrum des Kasual-Vorgesprächs sinnvollerweise die Thematik stehen, welche Umstrukturierungen und innerfamiliären Neuaushandlungen sozialer Rollen notwendig sind, damit mit jenem geschäftlichen Neuanfang ein ergiebiger Weg in die Zukunft beschritten werden kann.

Zielführend ist hier etwa die Klärung kontextuell aufschlussreicher Fragen, wie z. B.: wer aus der Familie die treibende Kraft für die neue geschäftliche Initiative war; in welcher Phase des Familienlebenszyklus der berufliche Neuansatz angegangen wird; welches Engagement im Schaustellerbetrieb in Zukunft von welchem Familienmitglied erwartet wird sowie nicht zuletzt; welche Erfahrungen in der entsprechenden Sparte des Schaustellergewerbes bislang vorliegen.71

Durch solche Arbeitsmodelle kann die Sonderkasualie ‚Eröffnungsfeier‘ dann in der Tat zu einer kreativ eingesetzten und bezüglich der Entwicklung des betreffenden Familiensystems funktionalen Ressource werden, in deren Zentrum die seelsorgliche Begleitung der jeweiligen Schausteller mit ihren in dieser Situation in Erscheinung tretenden Hoffnungen, Wunschvorstellungen und zu bewältigenden Herausforderungen steht.

Die empirische und seelsorgetheoretische Aufarbeitung der Schaustellerseelsorge soll im folgenden Abschnitt anhand von zwei Fallbeispielen aus der Praxis fortgesetzt werden:

Zwei Fallbeispiele und deren systemische Interpretation

Drei der interviewten Seelsorger ließen in ihre Ausführungen Fallbeispiele aus der Seelsorgepraxis mit reisenden Familien einfließen, von welchen zwei in diesem Abschnitt zur ergänzenden paradigmatischen Illustration angeführt werden sollen, welche Seelsorgesituationen im Feld vorkommen können und welche Sinngebungs- und Problembearbeitungsstrategien der systemische Rahmen offeriert:

Seelsorger L. und die Taufe des ‚verlorenen Sohns‘72

Circus- und Schaustellerseelsorger L. kommt im Zusammenhang einer Taufe mit einer seit mehreren Generationen reisenden Familie in Kontakt. Bei Gesprächen mit den Eltern registriert Seelsorger L., dass das Paar eine ganz bestimmte Hoffnung mit der Kasualie verbindet: Nämlich, dass der achtjährige Täufling, ein nach der Beschreibung der Eltern energiegeladener ‚Draufgänger-Typ‘ und angebliches ‚Sorgenkind‘ der Familie, in Zukunft ‚nicht mehr so viel Unsinn anstellen‘ wird. Ein Jahr später trifft Seelsorger L. die Eltern, umso heftiger klagend, wieder. Nach wie vor ist der Sohn Grund ihres Unmuts, der sich ‚kein bisschen gebessert‘ habe. Seelsorger L. geht nicht weiter auf die Klagen des Paares ein und enthält sich weiterer Interventionen.

Bei der nächsten Begegnung, drei Jahre später, hat sich die Situation grundlegend gewandelt: Seelsorger L. trifft die Familie in einem äußerst demotivierten Zustand an. Schlechte Geschäftsgänge drücken die Stimmung und fast alle Familienmitglieder sind der Resignation nahe – fast alle, denn nun ist es der viel bescholtene, inzwischen zwölfjährige Sohn, der den Betrieb aufrecht erhält und mit immer wieder neuen Ideen die Initiative ergreift. Seelsorger L. erklärt mir, dass paradoxerweise nun der Junge ‚mit seiner überdrehten Lebensenergie (…) den Laden am Laufen‘ halte.

Kürzlich habe L. die Eltern wiedergetroffen, die ihm nun berichteten, dass sie inzwischen mit ihrer Lebenssituation ganz zufrieden seien und auch das Geschäft gerade ‚ganz gut‘ gehe.73

Nicht allein die offenliegende, mit Beginn der Vorpubertät einsetzende Adoleszenzproblematik, sondern auch zentrale Glaubenskonstrukte74 und Episteme des Elternpaares sowie die im Hintergrund stehende Pädagogik sind wesentlicher Gegenstand dieses Fallbeispiels: So wird hier Gott, als auf Seiten der ‚Elternpartei‘ stehend, normativ attribuierte Macht imaginiert, in deren Einflussbereich der Täufling ins Familiensystem zurückgebunden und sein Verhalten an dessen Normen ausrichten wird.

Seelsorger L. gelingt es zunächst nicht, sich der Delegation innerhalb dieses Familiensystems zu entziehen,75 da er das Kind nach einigen Gesprächen tauft und so seine ihm im Weltbild der Eltern zukommende soziale Rolle – wenn auch eventuell widerwillig – ausfüllt. Erst später wird sich Seelsorger L. den Glaubensgrundsätzen des Paars verweigern, wobei die Irritation des elterlichen Weltbilds durch das ihrer Meinung nach fortgesetzt ‚sozialunangepasste‘ Verhalten des Jungen bereits eingesetzt hat.

Versucht man sich der Thematik systemseelsorglich zu nähern, so müssen gewiss auch Hypothesen geprüft werden, inwiefern die Indexierung des Sohnes als Problemfall auch im Wirkungszusammenhang der sich abzeichnenden Verschlechterung der beruflichen Situation der Familie (Sündenbockproblematik)76 stand. Für den gesamten seelsorglichen Begleitprozess gilt dabei allerdings, dass die Notwendigkeit der Integration möglichst vieler Familienmitglieder in den Erwerbsprozess, insbesondere für traditionell nicht selten in mehr als fünfter Generation reisende Familien, eine oft nur schwer verhandelbare ökonomische Realität darstellt (s. o.). Dementsprechend steht zu befürchten, dass in vielen Fällen der Rapport alsbald vonseiten der Familie bzw. insbesondere vonseiten der Eltern abgebrochen würde, sofern der/die Seelsorger/-in hier die Idee der ‚Individuation‘ oder gar ‚Ablösung‘ absolut setzen würde (‚das Kind muss ab sofort seine eigenen Wege gehen‘).

Damit Seelsorge und Beratung unter diesen Umständen dennoch gelingen kann, sind folgende Faktoren miteinzubeziehen und in Bezug auf das Paradigma der ‚bezogenen Individuation‘ hin zu reflektieren: Reisende Kinder sind in geschäftlicher Hinsicht oft früher selbständig als ihre in Familien ‚von privat‘ aufwachsenden Altersgenossen,77 zur Aktivierung von Individuationsprozessen wäre jedoch darüber hinaus der Kontakt zu einer möglichst auch aus ortsfest lebenden Gleichaltrigen bestehenden peer-group78 essentiell. Da die peer-group jedoch auffällig häufig ebenfalls ausschließlich aus reisenden Kindern besteht, bleibt – meist bis zum Eingehen einer Partnerschaft oder Ehe, und in nicht wenigen Fällen sogar lange Zeit darüber hinaus – eine relativ starke Elternbindung vorherrschend.79

Kontextuell ist hier in der Tat der Begriff der ‚bezogenen Individuation‘80 gut anschlussfähig. So vermag der Begriff das hochgradig emotionsbesetzte Thema ein Stück weit zu rationalisieren und – m. E. selbst in den thematisierten, von starken Bindungskräften dominierten Familienstrukturen – Klärungsprozesse einzuleiten, inwiefern Ideen zu alternativen Lebensentwürfen in kritisch begleitete Handlungsstrategien jenseits der Extreme ‚Verstrickung‘ und ‚Loslösung‘81 umgesetzt werden können, und welche neuen Konsense dabei auszuhandeln sind.

Im Fallbeispiel votierte der Sohn schließlich für den Antritt der Nachfolge, die er dann allerdings auf seine persönliche Weise realisierte. Mit der resignativen Haltung der Eltern hatten sich wohl auch ganz eindeutig die Machtverhältnisse im Familiengefüge verschoben und es fehlte – zum Glück aller – an Energie für Sanktionen oder eine Fortführung der deutlich repressive Züge beinhaltenden theologischen Vorstellungen. Die Nachfolgefrage war durch den faktischen Abtritt der Elterngeneration gelöst und dem Nachfolger waren die notwendigen Freiräume zur Umsetzung seines Gestaltungswillens gegeben. Da jedoch eine Fortdauer der beobachteten Stabilisierung der Situation gerade in der Hochphase der Pubertät zumindest kontraintuitiv erscheint, wäre eine Nachbegleitung82 der Familie unseres Beispiels sicherlich ein weiteres Seelsorgedesiderat.

Im Zentrum des zweiten Fallbeispiels steht die Bedeutung von Segenshandlungen:

Seelsorger G. und die Segnung nach Mitternacht

Circus- und Schaustellerseelsorger G. ist in Nürnberg eine Hochzeit in einer seit über fünf Generationen reisenden Familie übertragen. Viele Freunde der Familie – unter ihnen auch eine große Anzahl junger Motorradfans, die sich in Kleidungsstil, Ausdrucksweise und Lebenseinstellung bewusst an einer ‚Easyrider‘-Mentalität orientieren –, kommen zur Hochzeit.

Seelsorger G. hält den Gottesdienst, in welchen die Hochzeit eingebunden ist. Der Gottesdienst schließt agendengemäß mit der Segensformel. Nach dem Gottesdienst findet eine ausgelassene Hochzeitsfeier, die bis spät in die Nacht hinein dauert, statt. Einer der Biker-Freunde kommt jedoch zu Seelsorger G. mit dem Anliegen, G. möge ihm noch eines der Engelssymbole, die der Seelsorger als besonderes Element des Gottesdienstes und Erinnerungsstück verteilt hat, für seinen Bruder überlassen, der gerade noch auf dem Weg zur Feier sei. Seelsorger G. kommt der Bitte des Hochzeitsgasts nach.

Um Mitternacht klopft ein muskulöser, tätowierter Mann an der Wohnwagentür des Seelsorgers. Der nächtliche Besucher erklärt, er sei der Bruder des Familienmitglieds, das vorher noch bei ihm war. Nur habe er ein Problem: Er persönlich sei ja noch nicht gesegnet worden und wolle Seelsorger G. nun darum bitten. Seelsorger G. sucht einen geeigneten, ruhigen Ort und segnet seinen unerwarteten Gast, dem auf einen ersten oberflächlichen Blick wohl nur wenige Menschen eine ‚religiöse Ader‘ zugetraut hätten.83

Zusammen mit der o.g. Sonderkasualie (Abschnitt 2) zeigt das Fallbeispiel, wie wichtig eine zeitgemäße Segenstheologie gerade in diesem Seelsorgefeld ist.

Für eine konstruktive Deutung derartiger Segensrituale können systemtherapeutische und – der Familien- und Systemtherapie bekanntermaßen in ihren grundlegenden Prämissen nahestehende84 – non-direktive hypnotherapeutische Konzepte nach Milton H. Erickson integriert werden:85 Dabei ist festzustellen, dass die Suggestivkraft ritueller Kommunikations- und Interaktionsweisen und deren resultierende Fähigkeit, Lebenspotentialitäten in -aktualitäten zu verändern, in der bei diesen Prozessen stattfindenden Aufhebung der Diastase von Kommunikation (Glaubenssatz) und Aktion (dessen Wirkung)86 begründet ist. Es geht hier also um deren Charakteristik als ‚Performative Handlungen‘.87

Vor dieser Hintergrundfolie können individuelle Segensrituale – wie in unserem Beispiel – typologisch als ‚Ritual(e) der Aufmerksamkeitsfokussierung auf das gewünschte Zielerleben‘88 interpretiert werden, was allerdings auch eine gründliche Reflexion der rituellen Verfahrensweise erforderlich macht: Das Phänomen der Aufmerksamkeitsfokussierung ist per se ambivalent! Es existieren Aufmerksamkeit auf ein Problem einengende und dieses verstetigende ‚Problemtrancen/Problemmuster‘ sowie wahrnehmungserweiternde, die Multioptionalität des Lebens erschließende und Eigenkompetenzen aktivierende ‚Lösungstrancen/Lösungsmuster‘.89

Auf unser Fallbeispiel konkretisiert, wäre dementsprechend zunächst ein Klärungsprozess darüber einzuleiten, aus welchen Gründen sich der junge Motorradfan ohne gesegnet zu sein – insbesondere die Formulierung ‚er habe ein Problem‘ lässt einen gewissen Druck hinter der Handlung vermuten – in einer Art Notlage sieht. Was genau motiviert den Jugendlichen, Seelsorger G. mitten in der Nacht um eine persönliche Segnung zu ersuchen?

Gerade hier ist es sinnvoll, die hinter dem Anliegen stehenden Glaubensmuster auf ihre Beschaffenheit als ‚Problem-‚ oder ‚Lösungstrancen‘ (s. o.) hin abzuwägen, wobei natürlich niemand anders als der Seelsorgepartner selbst auf die situativ drängenden Fragen eine Antwort geben könnte. Als da sind: Mit welchen Erwartungen dessen Segensanliegen verbunden ist; ob es in Relation zu den Risiken eines anstehenden Vorhabens oder einer bestimmten Lebensweise generell steht; wie der Erhalt der Engelsfigur rezipiert, was damit assoziiert oder antizipiert wurde, und ob es einen Zusammenhang zum nun vorgetragenen Segenswunsch gibt. Sowie nicht zuletzt: welche Verbindung zwischen dem Anliegen, seinem verspäteten Eintreffen sowie der im Mittelpunkt des Tags stehenden Hochzeitskasualie besteht. Dabei sollten auch die Gründe erhoben werden, aus welchen der Seelsorgepartner die anderen anwesenden Gruppenmitglieder ggfs. als ‚gesegnet‘, sich selbst aber diesbezüglich als defizitär erlebt, was auf die Frage hinausläuft, welche Indikatoren für ‚Segen‘ innerhalb dieses Familiensystems existieren, und inwiefern diese gerade im Kontext der Kasualie manifest werden.

Mit Klärung dieser Fragen wäre dann auch die Basis für eine zielführende Bestimmung der in der rituellen Intervention schließlich zur Anwendung kommenden Körperkoordinations-, Kommunikations- und sonstiger Interaktionsweisen gelegt. Denn nur deren gründliche Redaktion garantierte einen funktionalen, Lösungsmuster aktivierenden Vollzug des sich anschließenden eigentlichen Segnungsrituals, das keine problematisch-asymmetrischen Beziehungsmuster verstärkt, sondern dem/der Seelsorgepartner/-in spirituelle Kraft zur zunehmenden Selbstaktualisation90 sowie einem Beziehungsgerechtigkeit verwirklichenden Lebensstil zu spenden vermag.

Resultate & Resümee

Betrachtet man die aus dem empirischen Material rekonstruierten Seelsorgesituationen und Fallbeispiele nun im Überblick, so wird deutlich, dass an der Schnittstelle von therapeutischem Counseling, Sozialpädagogik und Theologie situierten Schaustellerseelsorge spezifische, qualitativ als ‚berufsfeldbezogen‘, ‚pädagogisch‘, ‚psychosozial‘ und ‚familiensystembezogen‘ zu charakterisierende Seelsorgesituationen auftreten. Diese sind eng mit den inneren Strukturen der schaustellerischen Familienbetriebe, der Lebenswelt der ‚Menschen auf der Reise‘ sowie deren saisonaler, berufsbedingt-ambulanter Lebensweise verbunden.

In Bezug auf die seelsorgetheoretische Reflexion dieser Fragen bietet sich eine systemische Seelsorgelehre, die Elemente der soziologischen Systemtheorie und Konzepte humanistischer Psychotherapie zu integrieren versteht, als Gesprächspartnerin an, da sie die vielfältigen Interdependenzen im Problemfeld ‚Individuum, Familie und Gesellschaft‘ aufzeigen und thematisieren kann. Dabei erschließt diese Perspektive nicht nur, wie das professionelle Handeln dem Bedarf an zielgruppenspezifischer Seelsorge kompetent gerecht wird, sondern ermöglicht auch eine gedankliche Durchdringung der Schaustellerseelsorge insgesamt.

Schaustellerseelsorge ist per se immer schon ‚Seelsorge im System‘: Seelsorge im System Kirmesplatz mit seinen teilweise archaisch anmutenden, relativ strikten Akteurs-Hierarchien;91 Seelsorge im System Familie, die für nahezu alle Schausteller nicht nur Freizeit-, sondern auch Erwerbsgemeinschaft ist, sowie Seelsorge im Kopplungssystem von Schausteller- und Ortsgemeinde. Diese Hintergründe sollten auch für künftige Vorschläge über ein integrales Gesamtkonzept der Schaustellerseelsorge mitbedacht werden.

Regelmäßig gab und gibt es auf dem Gebiet der Circus und Schaustellerseelsorge strukturelle Veränderungsbestrebungen. Deren Funktionalität sollte an der Lebenswirklichkeit der ‚Menschen auf der Reise‘ und der resultierenden Qualität der seelsorglichen Begegnungen gemessen werden. Einen Beitrag zur Deskription dieser empirisch vorfindlichen Lebenswirklichkeit und zur Skizzierung poimenischer Annäherungen versuchte dieser Artikel zu leisten.

Footnotes

1

Quelle der Zahlenangabe: www.dsbev.de/fileadmin/pdfs/MarktstudieLangfassung.pdf (08.03. 2012), 49–51.

2

Die hier verwendeten Begriffe (‚Reisende‘= Schausteller und Circusleute, ‚Schaustellergeschäfte‘ = Attraktionen und Stände auf der Kirmes) entstammen dem Branchenjargon.

3

Folgende Nachschlagewerke erwähnen die Schaustellerseelsorge: Eberhard Hauschildt, Art. Seelsorge II. Praktisch-theologisch, in: TRE 31 (2000), 31–54; Rüdiger Schloz, Art. Spezialpfarrämter, in: RGG4 7 (2004), Sp.1569–1570. Des Weiteren wird die Schaustellerseelsorge in folgenden wissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln sowie in einer Diplomarbeit thematisiert: Vera Rüttimann, Zwischen Achterbahn und Circuszelt, in: Diakonia 37 (2006), 216–220; Eugen Stegmann, Circus- und Schaustellerseelsorge, in: Pastoralblätter 114 (1974), 535–542; Regina Hallmann, Wenn die Einen feiern und die Anderen arbeiten. Seelsorge unterwegs bei Schaustellern, Puppenspielern und reisenden Marktkaufleuten, in: ZGP 26 (2008), 38–40; Christine Lotz, Schausteller – Gemeinde ohne Rast und Ruh’, in: DtPfBl 82 (1982), 310 f.; dies., Heute hier – Morgen dort. Schausteller – Sozialisation und kirchliches Handeln, Themen der Diakonie 8, Frankfurt am Main / Darmstadt (Frankfurt am Main: Diakonisches Werk Hessen und Nassau / Darmstadt: Evangelische Fachhochschule) 1985.

4

In diesem Kontext soll natürlich nicht der Eindruck ‚theorielastiger Besserwisserei‘ erweckt, sondern eine Theorie und Empirie integrierende Reflexionsstrategie in den Diskurs eingebracht werden. Dies sei hier ausdrücklich betont, da mir insbesondere das seit langer Zeit in der Praktischen Theologie gängige Vorgehen problematisierungsbedürftig erscheint, den/die praktisch tätige(n) Professionelle(n) durch Instruktionen belehren zu wollen, welche – statt auf der Basis empirischer Forschung oder eines dialogischen Austauschs zwischen professionellen Akteuren und reflektierender Wissenschaft – lediglich durch historische oder begrifflich-systematische Reflexion gewonnen wurden. Zur Kritik dieser Tendenzen vgl. Birgit Weyel, Von der Empirie in der Praktischen Theologie, in: Pastoraltheologie 97 (2008), 328–341.

5

Nämlich: Herr Pfr. Horst Heinrich (Seelsorgegebiet Gesamtdeutschland; Leiter der Circus- und Schaustellerseelsorge), Herr Pfr.Volker Drewes (ev. Schaustellerseelsorger Kurhessen-Waldeck), Herr Pfr. Ulrich Krämer (ev. Schaustellerseelsorger Region Süd 1999–2003) und Herr Pfr. Martin Fuchs (kath. Schaustellerseelsorger, gesamtes Bundesgebiet). Den Interviews lag ein aus 20 Items bestehender Fragenkatalog zugrunde, wobei narrative Exkurse und eventuelle Detaillierungs- und verständnisgenerierende Fragen zugelassen wurden. Die Untersuchung wurde auf Interviewpartner, die über mindestens drei Jahre Berufserfahrung in der Schaustellerseelsorge verfügen, beschränkt, weshalb die erst im Laufe des Untersuchungszeitraums ernannten ‚regionalen Beauftragten‘ (siehe Abschnitt 1) sowie der Inhaber der neu geschaffenen EKM-Stelle aus der Untersuchung ausgeklammert wurden. Die Dokumentationen der Interviews können bei mir eingesehen werden. Ebenfalls archiviert wurden sämtliche Homepages und Druckerzeugnisse, die als empirische Quellen herangezogen wurden. Im Folgenden wird auf die Interviews unter den Kürzeln ‚I1, I2, I3, I4‘ verwiesen.

6

Vorgefunden unter: http://schaustellerseelsorge.de/cms/images/content/radiob46.mp3 (07.03.09). Im Folgenden wird auf dieses Interview unter dem Kürzel ‚IR‘ verwiesen.

7

Siehe Alexander Bogner / Beate Littig / Wolfgang Menz, Experteninterviews. Theorien, Methoden, Anwendungsfelder, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 32009, 8–19.

8

Vgl. ebd., 63–67.

9

Vgl. Jochen Gläser / Grit Laudel, Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 32009, 11–15.

10

Zur Perspektivthematik vgl. ebd., 117.

11

Siehe Rolf Lindner, Ohne Gewähr. Zur Kulturanalyse des Informanten, in: Utz Jeggle (Hg.), Feldforschung. Qualitative Methoden in der Kulturanalyse, Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen 62, Tübingen (Tübinger Vereinigung für Volkskunde) 1984, 59–71.

12

Vgl. Gläser / Laudel (Anm. 9), 117–120.

13

Stand: 12.03.12.

14

Nämlich: Hessen-Nassau (volle Stelle), Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (halbe Stelle) sowie Kurhessen-Waldeck (Krankenhausseelsorgestelle mit 10% Schaustellerseelsorgeanteil).

15

Die Strukturgeschichte der CSS beschreiben: Regina Hallmann / Horst Heinrich / Christine Beutler-Lotz / Volker Drewes u. a., Gott reist mit. Die Geschichte der evangelischen Circus- und Schaustellerseelsorge, in: DER KOMET 5261, Pirmasens (KOMET-Verlag) 2008.

17

Mit den Menschen unterwegs. Pastorale Handlungsfelder der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge (CSS) in Deutschland, verabschiedet am 04.11.08, bei der Jahrestagung der CSS in Augsburg.

18

I1; I2; I3; I4; IR.

19

Die Angaben über die Summe der Schaustellerbetriebe schwanken zwischen bundesweit 5000 (siehe www.dsbev.de/fileadmin/pdfs/Marktstudie Langfassung.pdf (08.03.2012), 318) und 7500 Betrieben. (Siehe Franz J. Käter, Schulische Betreuung von Kindern beruflich Reisender, Schriftenreihe Studien zur Schulpädagogik 44, Hamburg (Kovač) 2004, 10). Die hier übernommene, auf der Internetseite der katholischen Schaustellerseelsorge veröffentlichte Angabe (6300) (www.kath-css.de/?page_id=18 (14.02.2012)) entspricht dem aufgerundeten Mittelwert beider Summen.

22

Vgl. Doris Nauer, Seelsorgekonzepte im Widerstreit. Ein Kompendium, Praktische Theologie Heute 55, Stuttgart / Berlin / Köln (Kohlhammer) 2001, 219–233.

23

Vgl. die Kritik Peter Helds an Seelsorgekonzepten, die in ihrer Sicht des Individuums zu ‚Über-‘ bzw. ‚Unterindividuation‘ tendieren: Peter Held, Systemische Praxis in der Seelsorge, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 1998, 178–190.

24

Christoph Schneider-Harpprecht skizziert die Perspektive einer interkulturell-systemischen Seelsorge: Christoph Schneider-Harpprecht, Interkulturelle systemische Seelsorge, in: Doris Nauer / Rainer Bucher / Franz Weber (Hg.), Praktische Theologie. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven, FS Ottmar, Praktische Theologie Heute 74, Stuttgart (Kohlhammer) 2005, 224–230.

25

I3.

26

I1; I2. Weiteres Material zu den beruflichen Herausforderungen der Schausteller: Marcel Schilling, Ich habe die einzige ‚Unternehmergemeinde‘ in der ganzen EKHN. Die Schaustellerseelsorgerin Christine Beutler-Lotz (Interview), in: Alles in Luther. Gemeindebrief Ev. Luthergemeinde Mainz, Mainz (Ev. Luthergemeinde) 2009, 4–8. Vgl. auch: Lotz (Anm. 3), 311.

27

I1; I3; I4; [o.V.], Auch die ‚Mondrakete’ wurde von ihm eingeweiht. Gottesdienst mit Pfarrer Pangritz auf der Osterwiese, vgl. die Ausgabe des Weser Kurier vom 27.04.1981.

28

I1; I2; IR; Ulrich Krämer, Wir sind alle eine Familie, in: ders., Gemeinde auf der Reise. Mitteilungsblatt der Circus- und Schaustellerseelsorge 12, Feuchtwangen 2001.

29

Bettina Naber, Gottes Wort auf dem Rummel, in: Hamburger Abendblatt, Nr.197, 24.08.1992.

30

Auf die Schaustellerseelsorge übertragen nach: Christoph Morgenthaler, Systemische Seelsorge. Impulse der Familien- und Systemtherapie für die kirchliche Praxis, Stuttgart / Berlin / Köln (Kohlhammer) 1999, 212–218.

31

I4.

32

Siehe Morgenthaler (Anm. 30), 215–218.

33

Vgl. Michael Faber, Schausteller. Volkskundliche Untersuchung einer reisenden Berufsgruppe im Köln-Bonner Raum, Rheinisches Archiv 113, Bonn (Röhrscheid) 1981, 114.

34

I1; IR; Naber (Anm. 29).

35

I1; I2; I4; Mit den Menschen unterwegs (Anm. 17); Ernst Heller, Seelsorger zwischen Achterbahn und Circuszelt, in: Wolfgang Miehle / Martin Fuchs / Sascha Ellinghaus, Festschrift anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Circus- und Schaustellerseelsorge in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Kath. Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland) 2006, 17–21. Siehe auch Rüttimann (Anm. 3), 218.

36

Wie z. B. innerfamiliär tradierte, bewährte religiöse Copingstrategien.

37

Vgl. Morgenthaler (Anm. 30), 215–218.

38

I2; Interview mit Schausteller Eugen Radlinger, in: Wolfgang Miehle / Sascha Ellinghaus / Martin Fuchs: Pfarrbrief für die reisende Gemeinde 2008, Bonn 2008. Von Interesse ist hier auch das Statement des Bremer Schaustellers Manfred Howey: „Wir Schausteller sind sehr familienbezogene Menschen […] Sich nicht um die eigenen alten Eltern zu kümmern, ist bei uns nicht üblich.“ Siehe Johann-Günther König, Der Bremer Freimarkt. Die Schausteller und ihr Publikum, Bremen / Boston (Kellner) 2010, 112.

39

Vgl. Morgenthaler (Anm. 30), 160–164.

40

I2.

41

I1; I3; I4; Naber (Anm. 29); Jürgen Marder, Seelsorge in der Manege. Evangelische Kirche betreut seit 20 Jahren Artisten und Schausteller, in: Süddeutsche Zeitung, 03.06.1987; [o.V.], Der Pastor ohne Kanzel hält Predigten auf Rummelplätzen. Reisender Seelsorger von großer Schaustellerfamilie akzeptiert, in: Weser Kurier + Bremer Nachrichten, 15.04.1986. Siehe Hallmann (Anm. 3), 39.

42

I3, Vgl. Lotz, Heute hier (Anm. 3), 21–25. Mitreisende Schulen, welche in einzelnen Bundesländern existieren, sind bezogen auf Gesamtdeutschland bislang – leider – eher eine Ausnahmeerscheinung als die Regel: http://www.schule-unterwegs.de/2012/mitreisende-schulen.html (01.04.2012).

43

I1; I4.

46

www.schule-unterwegs.de/adressenbroschuere.htm (07.03.09); Krämer (Anm. 28).

47

Zur Thematik seelsorglicher Allianzen vgl. Morgenthaler (Anm. 30), 160–164, 270–277.

48

I1; I3; I4.

49

Vgl. hier z. B. das Fallbeispiel in: Horst-Eberhardt Richter, Familienberatung, in: ders. u. a. (Hg.), Familie und seelische Krankheit. Eine neue Perspektive der psychologischen Medizin und der Sozialtherapie, Reinbek (Rowohlt) 1976, 161–178.

50

Siehe Rudolf Wimmer / Ernst Domeyer / Margit Oswald / Gudrun Vater, Familienunternehmen. Auslaufmodell oder Erfolgstyp?, Wiesbaden (Gabler) 22005, 237–245.

51

Ebd., 243.

52

Siehe Morgenthaler (Anm. 30), 70. Vgl. hierzu auch das von Stefan Schmidtchen im Kontext der theoretischen Integration familientherapeutischer und klientenzentrierter Ansätze entwickelte Verhaltens- und Störungskonzept: Stefan Schmidtchen, Klientenzentrierte Spiel- und Familientherapie, Weinheim (Psychologie-Verlags-Union) 31991, 28–70.

53

I1, I2, I3.

54

I1.

55

I2; I3. Vgl. Faber (Anm. 33), 149 f., sowie Lotz (Anm. 3), 26–32.

56

I2.

57

Vgl. Carl R. Rogers / Peter F. Schmid, Person-zentriert. Grundlagen von Theorie und Praxis. Mit einem kommentierten Beratungsgespräch von Carl R. Rogers, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 1991, 172–176.

58

Ein Interviewpartner erwähnte einen gesprächspsychotherapeutischen Ansatz als Bestandteil seines Seelsorgekonzepts (I3).

59

I2; I4.

61

I3; So wurde von der ev. Schaustellerseelsorge in Hessen-Nassau z. B. auch einmal ein Fußball-Projekt mit Teilnehmern/-innen aus beiden Gruppen initiiert: http://schaustellerseelsorge.de/cms/index.php?page=73 (07.03.09).

62

I3.

63

I4; Eine Möglichkeit hierzu stellt auch die Teilnahme der Schaustellerseelsorge an den Kirchentagen dar: Christine Beutler-Lotz, Kirche einmal anders, in: Krämer (Anm. 28). Entsprechende Bemühungen (Öffentlichkeitsarbeit) existieren auch in Bezug auf die Circuskunst: http://int-council.kath-css.de/ (07.03.09).

64

I3; Schilling (Anm. 26).

65

Vgl. Nauer (Anm. 22), 225.

66

Vgl. Held (Anm. 23), 178–181.

67

I2; I3; I4; Auch die ‚Mondrakete‘ … (Anm. 27); Maik Maerten, Über Kopf mit Gottes Segen. Schaustellerpastorin weiht neues Fahrgeschäft ‚Flash‘, in: Weser Kurier + Bremer Nachrichten, 18.10.08; Uli Krämer, Ein Neuer im Süden, in: ders. (Anm. 28). Siehe auch Lotz (Anm. 3), 39.

68

Zur Thematik ‚autotelische Handlungen‘ vgl. Mihaly Csikszentmihalyi, Das flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen, in dt. Sprache hrsg. und mit einer Einführung von Hans Aebli, aus dem Amerikanischen übersetzt von Urs Aeschbacher, Stuttgart (Klett-Cotta) 51993, 58–74.

69

Vgl. Morgenthaler (Anm. 30), 173–175.

70

Siehe Wimmer / Domeyer / Oswald / Vater (Anm. 50), 256 f.

71

Vgl. Morgenthaler (Anm. 30), 189–191.

72

Die Überschriften der Fallbeispiele wurden hier ganz bewusst im Sinne angewandter ‚respektvoller Respektlosigkeit‘ formuliert. „Respektlosigkeit gegenüber Ideen und Mächten, Respekt vor den Menschen, dieser Grundsatz gilt – unter geänderten Vorzeichen – auch für die Arbeit in der Seelsorge.“ Siehe Morgenthaler (Anm. 30), 158 f.

73

Die Fallerzählung stammt aus: I3.

74

Vgl. John B. Burnham, Systemische Familienberatung. Eine Lern- und Praxisanleitung für soziale Berufe, Weinheim / München (Juventu-Verlag) 32009, 42–44, sowie Morgenthaler (Anm. 30), 76–95.

75

Zur Delegationsproblematik im seelsorglichen Auftragskontext vgl. Morgenthaler, 151 f.

76

Vgl. Fritz B. Simon / Ulrich Clement / Helm Stierlin, Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe. Konzepte und Methoden, Stuttgart (Klett-Cotta) 62004, 318.

77

Zur Sozialisation der Kinder von Reisenden vgl. Werner Heidermanns (hier auf den Circus bezogene) Ausführungen: Werner Heidermann, Meistens sitzen wir ganz hinten. Zur schulischen Situation von Circuskindern in der Bundesrepublik Deutschland, Materialien zur sozialwissenschaftlichen Forschung 5, Frankfurt am Main (Haag und Herchen) 1988, 61–114. In Bezug auf Schaustellerkinder vgl. Lotz (Anm. 3), 19 f.

78

Zur Bedeutung der peer-group in Individuationsprozessen vgl. Helm Stierlin, Gerechtigkeit in nahen Beziehungen. Systemisch-therapeutische Perspektiven, Heidelberg (Carl-Auer Verlag) 2005, 69 f.

79

Vgl. Heidermann (Anm. 77), 111 f., sowie Lotz (Anm. 3), 45 f., ähnlich auch Faber (Anm. 33), 191–197.

80

Zum Begriff der ‚bezogenen Individuation‘ ausführlich: Stierlin (Anm. 78), 52–72, vgl. auch: Simon / Clement / Stierlin (Anm. 76), 147–149.

81

Vgl. Burnham (Anm. 74), 35 f.

82

Z. B. durch nachträgliche Spontanbesuche.

83

Die Fallerzählung stammt aus: I1.

84

Analogien bestehen beispielsweise in Bezug auf das Verständnis von Lebensprozessen als Ausdruck regelhafter Muster, Autopoiesis bei lebenden Systemen sowie Wirkungszusammenhänge bei Veränderungsprozessen, wie Gunther Schmidt darlegt: Gunther Schmidt, Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung, Heidelberg (Carl-Auer Verlag) 32010, 7–10, vgl. auch Simon / Clement / Stierlin (Amn. 76), 140 f., sowie Dirk Revenstorf, Hypnose als systemische Therapie, in: ders. / Burkhard Peter (Hg.), Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Manual für die Praxis, Heidelberg (Springer) 22009, 861.

85

Geläufig ist die theoretische Integration beider Konzepte zur ‚Hypnosystemik‘.

86

Vgl. John J. O‘ Connor / Aaron Hoorwitz, Imitierende und ansteckende Zauberei bei der Verwendung von Ritualen in der Therapie von Kindern, in: Evan Imber-Black / Janine Roberts / Richard A. Whiting (Hg.), Rituale. Rituale in Familien und Familientherapie, Heidelberg (Carl-Auer Verlag) 42001, 182–210.

87

Vgl. Christoph Wulf / Jörg Zirfas, Performative Welten. Einführung in die historischen, systematischen und methodischen Dimensionen des Rituals, in: dies. (Hg.), Die Kultur des Rituals. Inszenierungen, Praktika, Symbole, Paderborn (Fink) 2004, 29.

88

Siehe Schmidt (Anm. 84), 81.

89

Siehe ebd., 44–49.

90

Zum Begriff vgl. Abraham H. Maslow, Motivation und Persönlichkeit, Olten (Walter) 1977, 216–285.

91

Vgl. Faber (Anm. 33), 165–177, 182–184.

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