Die Bestände des documenta archivs und ihre Erschließung

Dr. Birgit Jooss 1  und Saskia Mattern 2
  • 1 documenta archiv, Beratung Archivdirektion, Untere Karlsstraße 4, Kassel, Germany
  • 2 documenta archiv, Aktenarchiv, Untere Karlsstraße 4, Kassel, Germany
Dr. Birgit Jooss
  • Korrespondenzautor
  • documenta archiv, Beratung Archivdirektion, Untere Karlsstraße 4, 34117, Kassel, Germany
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  • Dr. Birgit Jooss studierte Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Geschichte in München sowie Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam. Von 2007 bis 2015 leitete sie das Deutsche Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 2016 bis Anfang 2020 war sie Direktorin des documenta archivs in Kassel. Seit Februar 2020 ist sie Leiterin des Projekts „Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903–1994“ am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München.
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und Saskia Mattern
  • documenta archiv, Aktenarchiv, Untere Karlsstraße 4, 34117, Kassel, Germany
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  • Saskia Mattern studierte Kunstgeschichte, Romanistik und Kulturgutsicherung in Bamberg sowie Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam. Von 2014 bis 2017 führte sie die Neuverzeichnung des Nachlasses des Kunsthistorikers Ludwig Grote, gefördert durch die Ernst von Siemens Kunststiftung, am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg durch. Seit 2017 ist sie Leiterin des Aktenarchiv im documenta archiv in Kassel.
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Das documenta archiv zählt in der Landschaft der Kunstarchive sicherlich zu den außergewöhnlichsten in Deutschland. Zum einen ist es aufgrund seines inhaltlichen Schwerpunkts sehr international positioniert: Kein anderes Kunstarchiv in Deutschland hat aufgrund der Bestände des international agierenden Kuratoren- und Kuratorinnen-Teams und der aus allen Kontinenten eingeladenen Künstlerinnen und Künstler eine solche Reichweite an Nachfragen, die in Kassel aus der ganzen Welt eintreffen. Zum anderen ist es – mit dem Bauhaus-Archiv – eines der beiden ältesten Kunstarchive Deutschlands.

Geschichte des documenta archivs

Gründung und Bedeutung

Das documenta archiv wurde 1961 von Arnold Bode (1900–1977) ins Leben gerufen (Abb. 1). Er war bereits 1955 Gründer der documenta, der weltweit bedeutendsten, zyklisch wiederkehrenden Ausstellung zur modernen und zeitgenössischen Kunst. Erstaunlicherweise brachte er seine Idee für ein Archiv bereits nach der zweiten Ausgabe der Ausstellung 1961 ein, also zu einem Zeitpunkt, als noch gar nicht feststand, dass sich die Ausstellungsreihe tatsächlich über Jahrzehnte fortsetzen sollte.

Bode knüpfte seine Weiterarbeit an der dritten documenta an die Bedingung, ein Archiv einrichten zu dürfen, obwohl er sicherlich keine vertiefte Vorstellung von Funktion und Arbeitsweise einer solchen Institution hatte. Er betonte, dass er eine Einrichtung brauche, um bei der Vorbereitung der nächsten documenta nicht so improvisieren zu müssen wie bei den ersten beiden Ausgaben der Welt

Abbildung 1
Abbildung 1

Porträt Arnold Bode, 1964. (© documenta archiv / Foto: Klaus Meider-Ude)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

ausstellung. Das Archiv solle Material bereithalten, das ihm bei seiner zukünftigen Ausstellungsarbeit behilflich sei. Mit diesem bis heute gültigen Auftrag, das jeweilige documenta-Team als wichtigsten „Archivnutzer“ prioritär zu versorgen, versteht man, warum das documenta archiv neben den originären Akten erstaunlich große Sammlungen und Dokumentationen beherbergt. Diese ArchivAnreicherungen waren von Anbeginn angelegt, da Bode in erster Linie an ein Archiv als ein zukunftsweisendes Instrument für sein Schaffen dachte, als einen Informationsort, der nach vorne gerichtet und nicht allein ein Hort vergangener Dokumente sein sollte. Es ging ihm also nicht – wie man bei dem Wunsch nach der Einrichtung eines Archivs zunächst vermuten könnte – vorrangig um die Sicherung des entstandenen Archivguts, um eine korrekte Überlieferungsbildung oder historische und juristische Nachweise. Ihm schwebte im Endeffekt sogar eine ganz besondere Institution vor, denn er wollte „dieses Archiv – wenn es an Bedeutung gewinnt – so aus(zu)bauen, daß hier in Kassel das erste europäische Archiv (Institut für Kunst des XX. Jahrhunderts) entsteht.“1 Es hätte tatsächlich bei entsprechender Förderung zum bedeutendsten Kunstarchiv in Deutschland, wenn nicht sogar weltweit, aufsteigen können, war ein solcher Plan doch zu dieser Zeit ziemlich singulär. Gemeinsam mit seinem documenta-Mitstreiter Werner Haftmann (1912-1999) machte sich Bode auf die Suche nach einer Person, die das Archiv vor Ort führen könnte. Doch der Aufsichtsrat entschied anders: „Oberbürgermeister Dr. Lauritzen hält es nicht für zweckmäßig, das Archiv im Rahmen der ‚documenta‘ einzurichten, weil es die Gesellschaft finanziell stark belasten würde. Stadtrat Redl empfiehlt, das Archiv der Murhard’schen Bibliothek der Stadt Kassel und Landesbibliothek anzugliedern, wo sich sowieso eine umfangreiche Abteilung für bildende Kunst befindet.“2 Als Bode von einer seiner vielen Reisen nach Kassel zurückkehrte, waren bereits Tatsachen geschaffen: Das documenta archiv wurde zunächst eine städtische Unterabteilung der Bibliothek und alle Proteste Bodes verhallten.

Abbildung 2
Abbildung 2

Das Gebäude Dock4 in Kassel 2017. (© documenta archiv / Foto: Anita Back)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

Das Archiv als städtische Einrichtung

Das documenta archiv verblieb in der Landes- und Murhard‘schen Bibliothek bis 1981. Nach einem Interim im Kulturhaus am Ständeplatz bezog es 1988 provisorisch die Erdgeschossräume im Kulturhaus Dock 4 in der Unteren Karlsstraße 4, wo es bis heute untergebracht ist (Abb. 2). Immer wieder gab es Anläufe, das Archiv in einem adäquaten Neubau unterzubringen – mit unterschiedlichen Zielrichtungen und unterschiedlichen Partnern. 2009/2010 erhielt die Diskussion um die Einrichtung eines documenta-Zentrums durch die Verhandlungen über den Ankauf des Harald Szeemann-Archivs (Leiter der 5. documenta 1972) einen neuen Schub. Doch sie scheiterten und das Archiv wurde 2013 vom Getty Research Institute in Los Angeles erworben. Es wäre der zweite Kuratorennachlass für das documenta archiv gewesen und sicherlich ein unschätzbarer Fundus für die Forschung zur kuratorischen Praxis.

Abbildung 3
Abbildung 3

Lesesaal des documenta archivs. (© documenta archiv / Foto: Anja Köhne)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

Das Archiv auf dem Weg zu einem Forschungsinstitut

Nach vielen weiteren Diskussionen und Überlegungen konnte die Stadt Kassel schließlich das Land Hessen als finanzkräftigen Partner gewinnen, so dass im Januar 2016 das documenta archiv aus dem städtischen Kontext herausgelöst und der documenta und Museum Fridericianum gGmbH mit seinen Trägern der Stadt Kassel und dem Land Hessen angegliedert wurde.2a Gleichzeitig wurde es finanziell aufgestockt mit der Verpflichtung, das Archiv – in Kooperation mit Hochschulen, insbesondere der Universität und Kunsthochschule Kassel – zu einem unabhängigen Forschungsinstitut auszubauen. So widmete es sich in den letzten drei Jahren wichtigen Umstrukturierungsmaß­nahmen, vor allem in der professionellen Besetzung von Stellen, der Optimierung von räumlichen und technischen Gegebenheiten – etwa der Anmietung von Außendepots, der Einrichtung eines Lesesaals (Abb. 3) und einer Restaurierungswerkstatt, öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen – vor allem der Erarbeitung einer Corporate Identity, aber auch der Einrichtung von Veranstaltungs- und Studioausstellungs-Reihen (Abb. 4) – und der Etablierung archivischer Standards – so zuletzt dem Erwerb einer Archivsoftware (ACTApro von Startext) und der Erarbeitung einer Erschließungsoffensive.

Abbildung 4
Abbildung 4

Studio-Ausstellung „Im documenta archiv“, 2018. (© documenta archiv / Foto: Nico Wefers)

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Die adäquate professionelle Unterbringung der wertvollen Archiv-, Bibliotheks- und Sammlungsbestände blieb und bleibt zunächst weiterhin ein dringendes Desiderat. Mit der Bewilligung von 12 Millionen Euro durch den Haushaltsauschuss des Bundestages im Herbst 2016 rückte die Errichtung eines Neubaus für ein Forschungsinstitut in greifbare Nähe. Möglich wird dieser durch das Engagement des Bundes und der Co-Finanzierung durch Stadt und Land mit jeweils sechs Millionen Euro. Nach der bislang noch nicht erfolgten Festlegung des Standorts durch die Stadt Kassel wird ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben und es kann mit dem Bau begonnen werden.

Die Bestände des Archivs

Der Schwerpunkt der Bestände im documenta archiv liegt auf der Geschichte der documenta-Ausstellungen. Den Kern bildet das originäre Archivgut, das durch das jeweilige Team der documenta-Ausstellung zusammengetragen wurde. Ergänzend werden Publikationen, Drucksachen und Presseveröffentlichungen, Vor- und Nachlässe sowie Bild-, Video- und Audiomaterial gesammelt. Drei Abteilungen mit unterschiedlicher Ausrichtung und Expertise widmen sich ihrer Verwahrung, Erschließung und Zugänglichmachung: Aktenarchiv, Mediensammlung und Bibliothek, begleitet durch die Abteilung der Restaurierung.

Das Aktenarchiv

Die Akten der documenta-Ausstellungen

Das originäre Archivgut der documenta-Teams umfasst Schriftstücke, Skizzen, Konzepte, Drucksachen und Presseunterlagen der documenta-Organisation sowie die Berichterstattung der nationalen und internationalen Presse zur Vorbereitung, Durchführung, Abwicklung und Resonanz der einzelnen documenta-Ausstellungen (Abb. 5). Dieser einzigartige Fundus bildet die Grundlage für jegliche Forschung zum Thema documenta und wird schon jetzt rege von der Wissenschaft genutzt. Mit Gründung des documenta Instituts und dem damit einhergehenden Ausbau der wissenschaftlichen Infrastruktur wird sich die Nutzung noch verstärken. Die Unterlagen zu den 14 Ausstellungen umfassen zusammen rund 250 laufende Meter, wobei die Akten der ersten 12 Ausstellungen bereits in Findbüchern summarisch mit Hilfe der MS-Office Suite flach erfasst sind. Die Akten der documenta 13 und 14 harren noch ihrer Bearbeitung. Eine besondere Herausforderung bietet zudem der Umgang mit den genuin digitalen Unterlagen, die bisher gänzlich unberücksichtigt blieben. Hierbei handelt es sich um weitgehend unstrukturierte Dateiablagen in unterschiedlichen Formaten (verschiedene Bild-, Text-, Tabellen-, Audio- und Videodateien). Aber auch Datenbanken und Websites gilt es zu übernehmen.

Abbildung 5
Abbildung 5

Aktenarchiv, 2017. (© documenta archiv / Foto: Anita Back)

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Die Nachlässe

Daneben sammelt das documenta archiv Nachlässe. Derzeit werden neben dem Nachlass Arnold Bodes die der documenta-Künstler Harry Kramer (1925–1997) und Hans Hillmann (1925–2014), des Kunstkritikers Dirk Schwarze (1942–2017) sowie eine umfassende Sammlung zur Kasseler Künstlernekropole aufbewahrt. Der Vorlass des bedeutenden Künstlers und Kulturvermittlers Bazon Brock (geb. 1936) konnte im Januar 2020 inklusive Mittel zu seiner Verzeichnung erworben werden. Für die Zukunft ist geplant, das damit begonnene Zentrum für Kuratorinnen- und Kuratoren-Nachlässe auszuweiten, dessen Schwerpunkt zunächst auf der documenta liegen soll. Insgesamt umfassen die Nachlässe momentan rund 30 laufende Meter. Sie sind derzeit nur eingeschränkt für die Nutzung zugänglich.

Die Plakatsammlung

Die bis dato unerschlossene Plakatsammlung im documenta archiv umfasst rund fünf laufende Meter mit Plakaten zu den documenta-Ausstellungen und ihren Begleitveranstaltungen sowie zu Einzelkünstlerinnen und -künstlern. Zum Teil handelt es sich um Originalgrafiken und Unikate.

Die Akten des Museum Fridericianum

Rund 30 laufende Meter Akten des Museum Fridericianum, das zwischen den documenta-Ausstellungen das Fridericianum mit Ausstellungen zur Gegenwartskunst bespielt, sind ebenfalls Teil des Archivs. Dieser Bestand ist für die Forschung zu aktuellen Ausstellungspraktiken und Kunstentwicklungen gleichfalls von großem Interesse, wie die zahlreichen Anfragen zeigen. Er ist bislang weder geordnet, noch erfasst oder konservatorisch professionell versorgt. Da er aus Platzmangel in einem Außendepot auslagert ist, kann er nur unter großem Aufwand zugänglich gemacht werden.

Abbildung 6
Abbildung 6

Presse- und Drucksachensammlung, 2017. (© documenta archiv / Foto: Anita Back)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

Die Drucksachen- und Pressesammlung

Erweitert werden die Bestände des Aktenarchivs durch eine systematische Sammlung von Zeitungsausschnitten zu internationalen Kunstschaffenden des 20. und 21. Jahrhunderts, insbesondere zu solchen der documenta-Ausstellungen. Dieser über Jahrzehnte aufgebaute Pressebestand wird durch Einladungskarten, Faltblätter und Ephemera zur Gegenwartskunst ergänzt. Die Dossiers sind alphabetisch nach den Namen der Künstlerinnen und Künstler geordnet und bilden eine wichtige Quelle für kulturwissenschaftliche Fragestellungen nach Rezeptionstheorie und Kunstkritik der letzten 100 Jahre (Abb. 6). Sie ermöglichen den Beleg vieler in der Regel nur schwer recher­chierbarer Kunstereignisse und -tendenzen. Gesammelt wurden über 500.000 Presseausschnitte, Faltblätter und Einladungskarten zu ca. 45.000 Kunstschaffenden auf etwa 240 laufenden Metern. Derzeit gibt es keinerlei Findmittel zu dieser Sammlung. Jeder Nutzungsantrag muss individuell in einem nahe gelegenen Außendepot direkt am Bestand überprüft werden.

Die Mediensammlung

Neben diesem Archiv- und Sammlungsgut hält eine zweite Abteilung große Bild-, Film- und Tonkonvolute bereit: Die Mediensammlung übernahm zunächst analoge und digitale Medien, die die documenta-Ausstellungen dokumentierten (Abb. 7). Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte sind diese Bestände zusätzlich durch Schenkungen und Ankäufe von Bildkonvoluten einzelner Kuratorinnen und Kuratoren, Kunstschaffenden sowie Fotografinnen und Fotografen kontinuierlich gewachsen.

Abbildung 7
Abbildung 7

Mediensammlung, 2017. (© documenta archiv / Foto: Anita Back)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

Die Fotografie-Bestände

Die Sammlung der Fotografien besteht aus Foto-Sammlungen von Fotografinnen und Fotografen, Pressematerial vergangener documenta-Ausstellungen, Einsendungen von Künstlerinnen und Künstlern sowie Bildmaterial von Laien, die sie etwa im Rahmen von Wettbewerben eingeschickt hatten. Des Weiteren wird sämtliches Bildmaterial der Kunsthalle Fridericianum übernommen und archiviert. Die Sammlung der Fotografien umfasst ca. 90.000 digitale und über 120.000 analoge Bilder, darunter Werke von bedeutenden Fotografinnen und Fotografen wie Günther Becker (1920–2003), Barbara Klemm (geb. 1939), Hans Günter Mebusch (1952–2001), Floris M. Neusüss (geb. 1937), Monika Nikolic (geb. 1944) oder Dieter Schwerdtle (1952–2009).

Die audiovisuellen Medien

Die audiovisuellen Sammlungen beinhalten in Auszügen filmisches Material, welches im Filmprogramm oder als Kunstwerke Teil der verschiedenen documenta-Ausstellungen war. Darüber hinaus liegt ein Schwerpunkt auf der Dokumentation aller documenta-Ausstellungen. Die Sammlung der Tonaufnahmen umfasst neben documentaAuftragsarbeiten für die Ausstellungen auch Tonaufnahmen von Vorträgen und Interviews. Die audiovisuelle Sammlung umfasst ca. 2.000 analoge und ca. 25 TB digitale Archiveinheiten.

Die Bibliothek

Die dritte Abteilung des documenta archivs ist eine umfassende Kunstbibliothek. Sie stellt innerhalb Deutschlands eine der umfangreichsten wissenschaftlichen Spezialbibliotheken zur klassischen Moderne und Gegenwartskunst mit internationaler Ausrichtung dar (Abb. 8). Inhaltliche Sammelschwerpunkte bilden die documenta-Ausstellungen, Veröffentlichungen zu den documenta-Künstlerinnen und -Künstlern, einschlägige Ausstellungskataloge und weiterführende Publikationen, Kleinschriften sowie ein umfangreicher laufender Zeitschriftenbestand. Der Bestandserwerb wird weiterhin ergänzt, auch dank einer weitreichenden Kooperation mit mehreren hundert nationalen und internationalen Partnern im Schriftentausch. Derzeit umfasst die Bibliothek ca. 30.000 Monografien, 70.000 Ausstellungskataloge und 80 laufende Zeitschriften und Bulletins.

Abbildung 8
Abbildung 8

Kunstbibliothek. (© documenta archiv / Foto: Anita Back)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

Die Erschließungsstrategie des documenta archivs

Das documenta archiv hat erhebliche Erschließungsrückstände: Das Aktenarchiv inklusive seiner Nachlässe und Presse- und Drucksachensammlungen ist bislang nur partiell und wenn, auch nur sehr flach in Word-Dokumenten erschlossen, die Mediensammlung – allein aufgrund von drittmittelfinanzierten Projekten – sehr punktuell in fragmentierten Einzellösungen. In keiner der beiden Abteilungen wurden bis heute aktuelle, archivische Standards angewandt. Allein die Bibliothek ist mit rund 60 Prozent Katalogisierung einigermaßen gut erschlossen und auch über den Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) an das Verbundsystem „K10plus“ angegliedert.

Eine intensive Forschung kann jedoch nur auf der Basis von fachgerecht und tief erschlossenen Archiv- und Bildbeständen erfolgen. Somit sind die Einrichtung einer professionellen Infrastruktur sowie umfassende Erschließungsmaßnahmen zur Aufarbeitung der Rückstände von grundlegender Bedeutung im Hinblick auf das künftige documenta Institut. Da das documenta archiv mit seiner derzeitigen Ausstattung und seinem Personalbestand nicht in der Lage ist, diese Rückstände aufzuarbeiten, wurde ihm – nach einem ausführlichen, im Sommer 2019 eingereichten Antrag – durch Stadt und Land eine umfassende Unterstützung zur Erschließung und konservatorischen Versorgung in Aussicht gestellt. Eine professionelle Archivsoftware zur Erschließung und Verwaltung von Archiv- und Sammlungsgut sowie zur Präsentation der Findmittel wurde Ende 2019 erworben. Die Aufarbeitung der Erschließungsrückstände wird ab Sommer 2020 in mehreren Schritten erfolgen.

Bestandsübersichten und Provenienzen

Zunächst werden die Basisinformationen zu den Beständen und ihrer Benutzbarkeit in Bestandsübersichten erfasst, um den Nutzenden aussagekräftige Erstinformationen zu bieten. Sie enthalten Name, Laufzeit, Umfang, Geschichte, Standort und Erschließungszustand des jeweiligen Bestands. In diesem Zusammenhang gilt es, ihre Entstehungszusammenhänge und Provenienzen zu rekonstruieren, weil im documenta archiv vor 2016 kein Zugangsregister oder ähnliche Nachweisinstrumente für die Erwerbungen geführt wurden. Da sich das Kasseler Archiv auch als Dokumentationszentrum für die documenta-Ausstellungen im Besonderen und für zeitgenössische Kunst im Allgemeinen verstand (und bis heute versteht), ging man in der Vergangenheit bei der Sortierung und Verzeichnung nicht nur vom archivischen Provenienzprinzip aus, sondern legte Materialien auch nach dem Pertinenzprinzip ab. Dabei wurde teilweise Zusammengehöriges auseinanderdividiert. Es liegen also unterschiedliche Strukturierungen vor, die im Nachhinein nachvollzogen werden müssen. Zwar ist die Herkunft der Ausstellungsakten relativ eindeutig, aber im Falle der Sammlungen müssen noch zahlreiche Provenienzen eruiert werden, nicht zuletzt auch um Fragen der Nutzungsmöglichkeiten zu klären.

Eine Erschließungsrichtlinie

Um die Vorgehensweise bei der künftigen Erschließung zu vereinheitlichen und die Sortierung der Verzeichnungseinheiten nachvollziehbar zu machen, wird zunächst eine Erschließungsrichtlinie erarbeitet. Die Anwendung normierter Standards, wie ISAD(G) oder RNAB, sichern die Qualität der Erschließungsdaten, die damit innerhalb des Archivs, aber auch mit denen anderer Archive und Portale vergleichbar werden. Die Verwendung von Normdaten, z. B. für Personen, Körperschaften, Orte und Werke, ermöglicht über diese Entitäten Verknüpfungen zwischen Verzeichnungseinheiten oder Anreicherungen durch Linked Open Data. Damit können auch potenzielle Suchstrategien bei der Nutzung eingebunden werden. Im Falle der documenta ließen sich beispielsweise die Organisationsstrukturen der Ausstellungen erläutern, die sich im Laufe der Zeit stark verändert und auch die Aktenbildung beeinflusst haben.

Service-Anforderungen

Es lässt sich beobachten, dass sich die Forschung in zunehmendem Maße für eine kontextualisierende Erschließung interessiert. Auch wächst im heutigen digitalen Informationsumfeld der Wunsch nach einem größeren Service-Angebot. Bei der Bereitstellung von Informationen werden Schnelligkeit, Treffsicherheit und eine Orientierung an den Bedürfnissen der Nutzenden gefordert. Dabei verlagert sich die Archivnutzung ins Netz: sowohl die Findmittel als auch Digitalisate von Text- und Bilddokumenten sollen möglichst orts- und zeitungebunden in einem digitalen Lesesaal zugänglich gemacht werden. Viele der vom Internet geprägten Nutzenden erwarten „die Akte auf Knopfdruck“. Der rechtliche Rahmen aus Schutzfristen, Urheberrechten, Persönlichkeitsrechten bzw. der DSGVO und weiteren Rechten Dritter widersprechen jedoch einer umfassenden Digitalisierung des noch sehr jungen Archivguts. Nur ein geringer Teil der Unterlagen ist gemeinfrei und könnte der Öffentlichkeit auf diese Weise zugänglich gemacht werden. Für die Digitalisierung wird es im documenta archiv also nach heutigem Sachstand auf folgendes Vorgehen hinauslaufen: Zum einen eine Digitalisierung „on demand“ sowie als Schutzmaßnahme, zum anderen die Ausarbeitung einer – auch drittmittelfinanzierten – Digitalisierungsstrategie als Grundlage für eine Verzeichnung auf Objektebene für ausgewählte Bestände.

Gleichzeitig zeigen die Anfragen von Nutzenden einen Trend zu ausdifferenzierten Themen, was hohe Qualitätsansprüche an die Erschließung stellt. Im documenta archiv beziehen sie sich vor allem auf Einzelpersonen und Werke. Die bisherigen Findmittel erlauben hier jedoch bislang keine zufriedenstellenden Recherchen, weil Namen und Werktitel in der Vergangenheit nur in Einzelfällen erfasst wurden. Oft erwarten die Nutzenden inhaltlich fundierte Antworten; rein strukturelle Angaben, wie der Verweis auf eine Signatur, gelten als nicht serviceorientiert. Immer wieder stoßen gerade junge Nutzende bei ihren Recherchen und inhaltlichen Auswertungen der Archiv- und Bildbestände auf Schwierigkeiten und benötigen Hilfe von Seiten der Archivmitarbeiterinnen und Archivmitarbeiter. Dieses veränderte Nutzerverhalten sollte bei der Erschließung berücksichtigt werden. Für die Erschließungsstrategie bedeutet dies, dass Findmittel in flacher Erschließungsqualität nicht ausreichen. Neben der Einführung von internationalen archivischen Standards und der Verwendung von Normdaten, muss also auch die Tiefe der Erschließung angepasst werden.

Priorisierungen

Um die umfassende (Neu-)Erschließung zu planen und die Ressourcen einzuteilen, müssen die Bestände priorisiert werden. Kriterien zur Priorisierung sind: die bisherige bzw. zu erwartende Nutzungsfrequenz, der Informationswert des Bestandes, seine Bedeutung für das Überlieferungsprofil des Archivs, die Zugänglichkeit bzw. die Sperrfristen sowie der Erhaltungszustand. Die Bestände mit den documenta-Ausstellungsakten sowie die documenta-Foto-Bestände haben Priorität vor den Unterlagen des Museum Fridericianum, den Nachlässen, Sammlungen und Publikationen.

Künftige Zugänge

In jeder Erschließungsstrategie müssen auch künftige Zugänge mitgedacht werden. Es gilt abzuschätzen, in welchem Umfang und von welcher Art kurz-, mittel- und langfristig Zugänge erwartet werden können. Für neu übernommene Bestände sollte auf ein übersichtliches, elektronisches Übergabeverzeichnis geachtet werden, das gegebenenfalls als provisorisches Findmittel freigegeben werden kann. Die Zugänge sollten ebenfalls eine Priorisierung erfahren, um festzulegen, wann die Erfassung weiterer Erschließungsinformationen auf Ebene der Verzeichnungseinheiten angesetzt werden kann. Im Falle des documenta archivs lässt sich beispielsweise jetzt schon festlegen, dass die Pressesammlungen zur documenta 15 direkt nach ihrer Übernahme für die Öffentlichkeit im Lesesaal zugänglich gemacht werden sollen, während die Verwaltungsakten allein schon aufgrund der Sperrfristen zurückgestellt werden.

Aspekte des Internationalen

Angesichts des internationalen Nutzerinnen- und Nutzerkreises muss auch an ein multilinguales Erschließungsangebot gedacht werden. Für die Findmittel muss neben dem Deutschen mindestens Englisch als Sprache für die Feldbezeichnungen zusätzlich eingeführt werden. Weitere Sprachen wären wünschenswert. Daneben führt auch die immer stärkere globale Ausweitung der Planungsteams der documenta zu einer zunehmenden „Internationalisierung“ des Archivguts. Beispielsweise sind die Akten der documenta 14, die in Kassel und Athen stattfand, zu großen Teilen in Griechisch verfasst. Die kuratorische Leitung der documenta 15, die Künstlergruppe ruangrupa, spricht Indonesisch und Englisch (Abb. 9). Es werden also für die Erschließung in Deutschland eher unübliche Sprachkenntnisse nötig sein, um eine gute Qualität zu erreichen.

Abbildung 9
Abbildung 9

ruangrupa, 2019: Ajeng Nurul Aini, Farid Rakun, Iswanto Hartono, Mirwan Andan, Indra Ameng, Ade Darmawan, Daniella Fitria Praptono, Julia Sarisetiati, Reza Afisina. (© Gudskul / Jin Panji)

Citation: Information - Wissenschaft & Praxis 71, 2-3; 10.1515/iwp-2020-2081

Fazit: Die Bedeutung der Erschließungsoffensive für das documenta Institut

Grundsätzlich gilt es, ein gesamtheitliches Angebot auszuarbeiten, das die Bestände aller drei Abteilungen des documenta archivs vereint. Ein übergreifender Sucheinstieg für Archiv-, Sammlungs- und Bibliotheksbestände ist als Ziel für das differenzierte und umfassende Erschließungsangebot definiert. Nur auf dieser Grundlage kann eine exzellente Forschung aufbauen.

Die Entwicklung des documenta archivs zu einem international agierenden Forschungsinstituts, das die Zusammenarbeit in internationalen kulturellen und wissenschaftlichen Kooperationen in noch intensiverem Maße planen wird als es sie derzeit bereits aktiv betreibt, kann nur auf der Basis von fachgerecht und tief erschlossenen Beständen erfolgen. Die Einrichtung einer adäquaten Infrastruktur, die derzeit ins Auge gefasst ist, sowie die umfassenden Erschließungsmaßnahmen, die ab Sommer 2020 beginnen sollen, sind also von grundlegender Bedeutung in Hinblick auf das künftige documenta Institut.

Deskriptoren: Archiv, Bibliothek, Kunst, Ausstellung, Schriftgut, Forschung, Informationsdienst, documenta

Fußnoten

1

Sitzung des Aufsichtsrates der documenta-G.m.b.H., 17.1.1961, S. 5, documenta archiv, Kassel, Akten documenta archiv, Mappe 1.

2

Ebenda.

2a

Birgit Jooss: Das documenta archiv auf dem Weg zum documenta Institut, in: „Die documenta 14. Ein Blick zurück nach vorn. Evangelischer Pressedienst Dokumentation Nr. 38“, Frankfurt am Main, 18.09.2018, S. 54–59

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