Das Deutsche Reich und der Völkermord an den Armeniern. Hrsg. von Rolf Hosfeld und Christin Pschichholz, Göttingen: Wallstein 2017, 318 S., EUR 29,90 [ISBN 978-3-8353-1897-7]

  • 1 , Innsbruck, Austria
Rolf Steininger
Das Deutsche Reich und der Völkermord an den Armeniern. Hrsg. von RolfHosfeld und ChristinPschichholz, Göttingen: Wallstein2017, 318 S., EUR 29,90 [ISBN 978-3-8353-1897-7]

Am 27. Mai 1915 beschloss die Regierung des Osmanischen Reiches die Deportation der Armenier. Was folgte, war die systematische Vernichtung der armenischen Bevölkerung. Über die Zahl der Opfer gibt es unterschiedliche Angaben; sie reichen von 800.000 bis 1,5 Millionen. Auch wenn alle türkischen Regierungen es bis heute leugnen: Der Völkermord an den Armeniern ist eine unwiderlegbare Tatsache. Es war der erste Völkermord im 20. Jahrhundert, eine ethnische Säuberung im großen Stil mit dem Ziel der gewaltsamen Nationalisierung eines bisher gemischtrassigen Landes.

Das Deutsche Kaiserreich war der wichtigste Verbündete der Türkei im Ersten Weltkrieg und, so Christin Pschichholz, Mitherausgeberin des vorliegenden Sammelbandes im ersten Satz ihres Beitrages, »die deutsche Regierung war umfassend über die Vernichtungspolitik gegen die armenische Bevölkerung informiert« (S. 267). An dieser Feststellung gibt es keinerlei Zweifel. Stellvertretend für die zahllosen deutschen Berichte zitiert der Mitherausgeber Rolf Hosfeld – wissenschaftlicher Leiter des 2011 in Potsdam eingerichteten Lepsiushauses – in der Vorbemerkung aus dem Bericht des deutschen Botschafters in Konstantinopel, Hans von Wangenheim, vom 7. Juli 1915 an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, es stehe für ihn außer Zweifel, »dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten« (S. 9). An anderer Stelle (S. 281; im Beitrag von Marc Hanisch, s. u.) folgt die viel zitierte Antwort von Bethmann Hollweg: »Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.«

Das alles ist weitgehend bekannt. Es ist daher nicht ganz zutreffend, wenn die Herausgeber eine »stiefmütterliche wissenschaftliche Behandlung« (S. 10) der Rolle des Deutschen Reiches bei diesem Thema konstatieren. So hat Hosfeld selbst ein umfangreiches Buch zum Thema vorgelegt (Tod in der Wüste. Völkermord an den Armeniern, München 2015). Hervorzuheben sind auch umfangreiche Veröffentlichungen von Dokumenten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts (u. a. Wardges Mikaeljan, Die Armenische Frage und der Genozid an den Armeniern in der Türkei (1913–1919), Jerewan 2004; Wolfgang Gust, Der Völkermord an den Armeniern 1915/16, Springe 2005, engl. Ausgabe 2014). Das Osmanische Reich und der Nahe Osten sind auch schon seit einiger Zeit keine »Randaspekte« mehr, wie die Herausgeber meinen (S. 11).

Aber Neues gibt es allemal. Das wird im vorliegenden Band deutlich, der die Referate einer vom Deutschen Historischen Museum Berlin und dem Lepsiushaus Potsdam Anfang März 2015 durchgeführten wissenschaftlichen Tagung zum Thema zusammenfasst. In der Mehrzahl der 18 Beiträge geht es um die deutsche Rolle beim Völkermord, wobei die Herausgeber festhalten, »kontroversen Sichtweisen« sei dabei »bewusst Raum gegeben«. Wohl wahr. So schlägt Taner Akçam von der Clark University in Worcester vor, die Ereignisse von 1915 bis 1918 nicht als isoliertes Phänomen zu sehen, sondern als »Abschnitt eines genozidalen Prozesses« von 1878 bis 1923 (S. 67), als »Teil der europäischen Geschichte« (S. 77). Darüber lässt sich streiten.

In vier informativen Beiträgen geht es um deutsche Diplomaten und Militärs. Besonders interessant ist der Beitrag von Hans-Lukas Kieser von der Universität Zürich über Baron Hans von Wangenheim, von 1912 bis zu seinem Tod 1915 Botschafter in Istanbul. In der Julikrise 1914 war Wangenheim erst gegen ein Bündnis mit der Türkei, änderte aber auf Weisung des Kaisers seine Meinung und gefiel sich dann in der »Rolle des Kriegstreibers und mächtigsten ausländischen Ministers in Istanbul« (S. 131). Er kämpfte für mehr deutschen Einfluss in der »spät-, möglicherweise bald nachosmanischen Welt, um so die kontinentaleuropäische Vormacht und ›Weltgeltung‹ Deutschlands zu befördern« (S. 133) – alles im Rahmen einer deutschen Orientpolitik, die Pschichholz eine »Fehlkonstruktion« nennt (S. 267). Dann kommt der Genozid: »Das bricht dem deutsch-türkischen Bündnis moralisch den Hals«, wie ein Mitarbeiter im Auswärtigen Amt notierte. Wangenheim unterstützte die türkische Leugnungspolitik; mit der Entscheidung in der Julikrise war er ein Risiko eingegangen; er strauchelte und fand »nicht wieder zum aufrechten Gang zurück« (S. 135). Im Herbst 1915 war er nicht mehr als ein Schatten seiner selbst. Um die noch Überlebenden vielleicht zu retten, schlug er dem amerikanischen Botschafter Morgenthau vor, sie in die USA oder nach Polen zu senden. Mehr denn je hielt er den Endsieg für die einzige Lösung. Zwei Schlaganfälle setzten seinem Leben am 15. Oktober ein Ende (S. 146 f.).

Isabel V. Hull von der Cornell University in Ithaca, New York, untersucht die Rolle der deutschen Militärs und kommt zu dem Schluss: »Wenige deutsche Offiziere waren aktiv in den Völkermord involviert« (S. 201), auch wenn einer von ihnen, der Korvettenkapitän und Istanbuler Marineattaché Hans Humann, den Admiralstab am 15. Juli 1915 folgendermaßen informierte: »Die Armenier werden – aus Anlass ihrer Verschwörung mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich« (S. 200). Humanns Haltung ist seit längerer Zeit bekannt; er war über eine gemeinsame Amme mit dem osmanischen Kriegsminister Enver Pascha persönlich eng verbunden. Zweifellos war sein Einfluss aufgrund dieser privilegierten Beziehung deutlich größer, als sein militärischer Rang es vermuten lässt. Aber: »Repräsentativ für die deutsche Politik im Osmanischen Reich während des Weltkriegs war er jedoch nicht«, wie Aschot Hayruni von der Staatsuniversität Jerewan und Hosfeld betonen (S. 217).

Genauso wenig repräsentativ war allerdings auch Johannes Lepsius (1858–1926), Theologe und Missionar, der versuchte, die deutsche Öffentlichkeit mit Broschüren, Büchern und Artikeln auf das Schicksal der Armenier aufmerksam zu machen – in der Hoffnung, dass sich etwas ändern werde. Hayruni und Hosfeld, informieren über diesen »edel gesinnten christlichen Gentleman« (Botschafter Morgenthau), der, so die Autoren, die Einflussmöglichkeit Deutschlands weit überschätzte. Ende 1918 sprach er von »unfreiwilliger Mitschuld« Deutschlands am Völkermord an den Armeniern »durch Duldung und feige Untätigkeit« (S. 242).

Bei all dem Elend sollte allerdings nicht vergessen werden, dass den Armeniern vielfach auch Hilfe zuteil wurde, wie Hilmar Kaiser berichtet. Beispielsweise schützten deutsche Konsulatsbeamte und die Bagdadbahngesellschaft armenische Deportierte (S. 245). Aleppo, das sich zu einem wichtigen Transitzentrum für Vertriebene entwickelte, wurde auch das Zentrum der Hilfsaktionen. Dort gab es das Deutsche Waisenhaus, dort agierten Organisation, die wir heute NGOs nennen würden: das »American Committee for Armenian and Syrian Relief« und der in Frankfurt am Main ansässige »Deutsche Hülfbund für christliches Liebeswerk im Orient«. Trotz des Widerstandes der osmanischen Behörden gelang es, so manchen Armenier zu retten.

Marc Hanisch von der Universität Duisburg/Essen beschäftigt sich wie schon 2014 (siehe Rezension von Rolf Steininger zu: Erster Weltkrieg und Dschihad. Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients. Hrsg. von Wilfried Loth und Marc Hanisch, München: Oldenbourg 2014. In: MGZ, 73 [2014], 1, S. 208–210) noch einmal mit Max von Oppenheim. Für den Nahostkenner Wolfgang G. Schwanitz ist Oppenheim – Orientexperte, Archäologe, Diplomat und Leiter der von ihm im Auswärtigen Amt eingerichteten »Propaganda-Nachrichtenstelle für den Orient« – der »deutsche Vater des Heiligen Krieges«, der den »armenischen Genozid rechtfertigte« (siehe Rezension von Rolf Steininger zu: Wolfgang G. Schwanitz, Islam in Europa, Revolten in Mittelost. Islamismus und Genozid von Wilhelm II. und Enver Pascha über Hitler und al-Husaini bis Arafat, Usama Bin Ladin und Ahmadinejad sowie Gespräche mit Bernard Lewis, Berlin 2013. In: MGZ, 72 [2013], 2, S. 454–456). Für Hanisch ist er »kein Befürworter eines Genozids«; er wollte aber im Interesse der deutsch-türkischen Beziehungen Konstantinopel gewähren lassen – und machte sich damit »auch mitschuldig« (S. 292 f.).

Was Anlass für die oben genannte Tagung war, war bereits 1921 Thema in Deutschland, nachdem im Frühjahr jenes Jahres in Berlin der ehemalige Großwesir und Innenminister des Osmanischen Reiches und einer der Hauptverantwortlichen für den Genozid, Talât Pascha, auf offener Straße von einem armenischen Studenten ermordet worden war. Stefan Ihrig von der Universität Haifa beleuchtet in einem besonders interessanten Beitrag die damalige öffentliche und – wen wundert es? – kontroverse Diskussion über die deutsche Schuld am Genozid.

Fazit: Ein interessanter Sammelband, der zwar den Völkermord an den Armeniern nicht neu definiert, aber um interessante Facetten – insbesondere was die Rolle Deutschlands betrifft – vielfach bereichert.

If the inline PDF is not rendering correctly, you can download the PDF file here.

FREE ACCESS

Journal + Issues

Published by the ZMSBw (Center for Military History and the Social Sciences Potsdam), the Journal of Military History (MGZ) is the successor journal to Military History Dispatches (MGM), which first appeared in 1967. MGZ reflects the topical breadth and methodological diversity of modern military historiography, exploring the connections between the military, culture, and society from multiple viewpoints.

Search