Nietzsches Philosophie der Körperteile

Matthias Hennig

Zusammenfassung

Nietzsches Postulat, den Menschen aus seiner leiblichen Beschaf­fenheit heraus zu verstehen, radikalisiert die sensualistische (Condillac) bzw. mate­rialistische (Feuerbach) Prämisse, dass der Körper die Matrix des Denkens bzw. des Seins bilde. Nietzsche ist weniger an einer allgemein systematisierenden Anthropolo­gie der Sinne als an einer konkreten Philosophie der jeweils einzeln und für sich agie­renden Körperteile gelegen; Zunge, Füße, Hände, Nase, Magen oder Ohr fungieren bei ihm als unabhängig operierende, selbstregulative und autopoietische Systeme, die anderen Körpersystemen wie dem Bewusstsein oft gar nicht transparent sind. Die notorische Eigenbewegtheit der wie Tentakel tastenden Sinnesorgane ist weder alo­gisch noch profosemantisch, vielmehr selbst schon semantisch; Körperteile wie Füße, Nase oder Zunge bilden ,Denkorgane‘, die in der ihnen eigenen Sphäre viel mehr Erfahrung vorweisen können als der Wille und das Bewusstsein, die sie vermeint­lich zu steuern meinen; mithin sind sie auch viel elaborierter und ausdifferenzierter in ihrem Tun. Die Empfindungs- und Einbildungskraft der einzelnen Körperteile, die über ein je eigenes Universum gebieten, ist trainierbar; Ziel von Nietzsches Philoso­phie ist es, dieses Körperwissen stetig zu verfeinern (Raffinement) und lebendig als ein Lebendiges zu bilden.

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