Gesundheitskompetenz in Deutschland – Nationaler Aktionsplan

Doris Schaeffer 1 , 2 , Eva-Maria Berens 1 , Heide Weishaar 3  and Dominique Vogt 1
  • 1 Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Bielefeld, Germany
  • 2 Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Bielefeld, Germany
  • 3 Hertie School of Governance, Berlin, Germany
Doris Schaeffer
  • Corresponding author
  • Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Bielefeld, Germany
  • Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Bielefeld, Germany
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, Eva-Maria Berens
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, Heide Weishaar and Dominique Vogt
  • Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Bielefeld, Germany
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Zusammenfassung

Die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland (HLS-GER) zeigt, dass über die Hälfte der Bevölkerung über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügt. Deshalb wird ein Nationaler Aktionsplan erarbeitet, dessen Ziel es ist, ein systematisches Programm zur Förderung der Gesundheitskompetenz zu entwickeln, die gesellschaftliche und politische Diskussion des Themas zu intensivieren, Handlungsbereitschaft auf unterschiedlichen Ebenen zu erzeugen und Veränderungen anzuregen.

Gesundheitskompetenz ist international seit langem ein wichtiges Thema in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion. Verstanden werden unter Gesundheitskompetenz – international als Health Literacy bezeichnet – das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen suchen, verstehen, beurteilen und verwenden zu können, um ein angemessenes Gesundheitsverhalten zu entwickeln, sich bei Krankheiten die nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem zu sichern und die dazu nötigen Entscheidungen treffen zu können [1].

Auch in Deutschland ist Gesundheitskompetenz zu einem wichtigen Forschungsthema geworden. In der ersten repräsentativen Studie zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland (HLS-GER), gefördert vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung – konkret 54,3% – über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügt. Jeder zehnte hat sogar eine inadäquate Gesundheitskompetenz (9,7%). In dieser Studie wurden 2.000 Personen ab 15 Jahren mit Hilfe computer-assistierter persönlicher Interviews befragt. Basis war der international erprobte Fragebogen HLS-EU-Q47.

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass eingeschränkte Gesundheitskompetenz kein Problem einer Minderheit ist, sondern die Mehrheit der Bevölkerung betrifft [2]. Vergleicht man die Befunde des HLS-GER mit den Ergebnissen des europäischen Health Literacy-Surveys (HLS-EU), liegt Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten im Mittelfeld und schneidet schlechter ab als manches Nachbarland. In den Niederlanden, Dänemark, Irland oder Polen hat die gleiche Befragung deutlich höhere Kompetenzwerte ergeben [3].

Der HLS-GER bestätigt zudem, was auch internationale Studien seit längerem andeuten: Gesundheitskompetenz ist sozial ungleich verteilt. Es zeigen sich große Unterschiede nach Alter, Bildungsstand, Sozialstatus und Migrationshintergrund. Besonders bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus (78,3%), Menschen mit fragiler Gesundheit (72,7%), mit Migrationshintergrund (70,5%), mit niedrigem Bildungsgrad (62,2%) und bei älteren Menschen (66,3%), ist der Anteil eingeschränkter Gesundheitskompetenz hoch [2].

Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz fällt es schwer, die an sie gestellten Anforderungen bei der Krankheitsbewältigung und Nutzung des Gesundheitssystems, der Prävention und der Gesundheitserhaltung zu erfüllen. Sie haben beispielsweise große Schwierigkeiten damit, Information einzuschätzen, etwa unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen, oder zu entscheiden, wann eine ärztliche Zweitmeinung sinnvoll ist. Auch die Einschätzung von Gesundheitsinformationen in den Medien stellt sie vor Herausforderungen. Menschen mit niedriger Gesundheitskompetenz haben zudem häufiger einen schlechteren subjektiven Gesundheitszustand, leiden häufiger unter chronischen Erkrankungen und nehmen häufiger den Notfalldienst in Anspruch [4], [5].

Ergebnisse wie diese veranschaulichen, wie wichtig künftig die Förderung der Gesundheitskompetenz sein wird und wie groß der politische Handlungsbedarf ist. Um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu verbessern, ist eine gesamtgesellschaftliche Strategie erforderlich. Initiativen der Weltgesundheitsorganisation wie die kürzlich veröffentliche Shanghai Erklärung [6] oder die WHO Faktensammlung zu Gesundheitskompetenz [7] oder aber Nationale Aktionspläne, die aus unterschiedlichen Ländern vorliegen [8], [9], [10], [11], [12], [13], unterstreichen dies und belegen zudem die hohe Beachtung, die das Thema international inzwischen findet.

In Deutschland ist die Bedeutung von Gesundheitskompetenz noch nicht ausreichend als politische Gestaltungsaufgabe erkannt. Zwar existieren zahlreiche Interventionen und Einzelinitiativen, und einige dieser Initiativen haben Vorbildcharakter. Eine Bündelung und Koordination der Initiativen auf nationaler Ebene und ein systematisches, konzentriertes Vorgehen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz fehlen jedoch bislang. Deshalb ist auch für Deutschland ein Nationaler Aktionsplan erforderlich.

Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz

Einen solchen Aktionsplan zu erarbeiten, ist Intention eines Kooperationsprojekts der Universität Bielefeld und der Hertie School of Governance, das durch die Robert Bosch Stiftung gefördert und den AOK-Bundesverband unterstützt wird. Ziel ist es, ein systematisches, integriertes Programm zur Förderung der Gesundheitskompetenz zu entwickeln, die gesellschaftliche und politische Diskussion des Themas zu intensivieren, Handlungsbereitschaft auf unterschiedlichen Ebenen zu erzeugen und Veränderungen anzuregen. Wie internationale Vorbilder zeigen, bieten Nationale Aktionspläne die Chance, konkrete Handlungs- und Umsetzungsvorschläge zu erarbeiten und die Entwicklung evidenzbasierter Interventionen auf unterschiedlichen Ebenen und für unterschiedliche Zielgruppen anzustoßen. Ein Nationaler Aktionsplan stellt somit auch für Deutschland eine Chance dar, um eine systematische und koordinierte Verbesserung der Gesundheitskompetenz zu ermöglichen.

Der Nationale Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz in Deutschland wird durch ein Gremium ausgewiesener Experten erarbeitet und von einer breiten gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit konsentiert. Er orientiert sich an der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage und vorliegenden Aktionsplänen und Strategiepapieren, bündelt Expertisen aus Public Health, Medizin, Bildung und anderen Bereichen und zeigt Handlungsziele für Politik, Forschung und unterschiedlichste Bereiche der Praxis auf. Der Plan konzentriert sich auf die Stärkung von Gesundheitskompetenz durch Gesundheitserhaltung und -förderung, durch nutzerfreundliche Gestaltung des Gesundheitssystems und Förderung selbstbestimmter Lebensführung mit chronischer Krankheit und Behinderung. Um die Initiativen zur Förderung von Gesundheitskompetenz längerfristig zu verstetigen, bestehende Aktivitäten zu vernetzen, weiter zu entwickeln und zu evaluieren, ist dem Vorbild anderer Länder folgend außerdem die Gründung einer Allianz und einer nationalen Koordinationsstelle erforderlich.

Conflicts of interest: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzielle Förderung erhalten haben. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.

Conflicts of interest: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: Authors state no funding involved. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. Ethical statement: Primary data for human nor for animals were not collected for this research work.

Literatur

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