Patentrezept Medienkompetenz. Ein Weg zur Steigerung der Gesundheitskompetenz?

Bernard Braun 1
  • 1 Universität Bremen, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Bremen, Germany
Bernard Braun
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  • Universität Bremen, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Bremen, Germany
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Zusammenfassung

Die Bevölkerungsgruppe mit mangelhafter Gesundheitskompetenz ist wegen der rund 15% Analphabeten wahrscheinlich noch erheblich größer als berichtet. Wegen der Mängel der medialen Gesundheitsinformationen und bei der Hilfe von Ärzten ihren Patienten evidente Informationen zu beschaffen, ist das Ziel von besserer Gesundheitskompetenz allein durch mehr Medienkompetenz oder Arztgespräche nicht zu erreichen. Dies ist nur durch gleichzeitige Eingriffe auf der Angebotsseite zu schaffen.

Grenzen der Medienkompetenz, Analphabetismus, Desinformationen in Medien, Unkenntnis von Ärzten; Bedeutung von Angebotsänderungen

In einer zunehmend medial geprägten und wissensabhängigen Gesellschaft stellt Medienkompetenz eine wichtige Bedingung für Gesundheitskompetenz dar. Allerdings können noch so wohlklingende Schilderungen des Nutzens, den der Erwerb oder die Stärkung von Medien- und Gesundheitskompetenzen haben sollen, kritische Gesundheitspolitik und -wissenschaft nicht von der Aufgabe entbinden, zu prüfen, ob der Erwerb oder die Stärkung dieser Kompetenzen durch zahlreiche subjektive und objektive Bedingungen erschwert oder verhindert und von ihnen allein zu viel erwartet wird und es Ergänzungen bedarf.

Generell muss bedacht werden, dass eine zu starke oder gar ausschließliche Fokussierung auf die individuelle und dann noch überwiegend kognitive Gesundheitskompetenz und individuelles Verhalten verschleiert, dass der Gesundheitsalltag vieler Personen dauerhaft oder phasenweise durch bestimmte Strukturen (z.B. sektorale Abschottungen), Macht (z.B. Preisgestaltungspolitik der Pharmaindustrie), Herrschaft (z.B. professioneller Paternalismus) oder in Paragraphen gegossene Interessen (z.B. Beitragssatzstabilität) bestimmt wird, gegen die Gesundheitskompetenz deshalb nichts oder zumindest nicht alleine etwas ausrichten kann. So wichtig es ist, die Kompetenzen der Nachfrager und Nutzer von Gesundheitsleistungen zu verbessern, so entscheidend ist es auch, darüber nicht die Akteure und Bedingungen der Angebots- bzw. Anbieterseite des Gesundheitssystems zu vergessen, die vor allem durch politische und soziale Interventionen beeinflusst werden können. Bei einer zu ausschließlichen und normativen Betonung von individuellen Kompetenzen besteht schließlich die Gefahr, Nachfrager mit dazu noch oft eingeschränkter Handlungsfähigkeit für Dinge verantwortlich zu machen, die sie selbst mit besten individuellen Fähigkeiten nicht beeinflussen können.

Wie viele Personen haben Defizite bei dem Erwerb von Gesundheitskompetenzen und können einen Nutzen von mehr Medienkompetenz haben?

Egal wie viele Personen in unterschiedlichen Studien für gesundheitsinkompetent gehalten werden, unterschätzen im Grunde praktisch alle auf schriftlichen und einem Teil mündlicher Befragungen beruhenden Schätzungen die tatsächliche Prävalenz. Dies liegt hauptsächlich daran, dass 2011 rund 14,5% der 18- bis 64-jährigen deutschsprechenden Bevölkerung, also 7,5 Millionen Menschen, funktionale Analphabeten [1] waren und weitere 13,3 Millionen Personen erhebliche Schreibschwierigkeiten hatten. Viele dieser Personen können nicht nur nicht Lesen, sondern haben mit Sicherheit an keiner schriftlichen Befragung teilgenommen, zugleich aber überdurchschnittliche Mängel an Medien- und Gesundheitskompetenz und Behandlungsbedarf. Bei einem wirklichen Bevölkerungsbezug ist also die Anzahl von Personen mit Gesundheitskompetenzdefiziten deutlich höher als oftmals berichtet, ohne dass sich daran durch Medienkompetenz etwas verändern lässt.

Status quo der Mediennutzung als Herausforderung

Hinweise darauf, welchen Aufwandes es bedarf, um die Medien- und daran anschließend die Gesundheitskompetenz verbessern zu können und welcher Nutzen realistisch zu erwarten ist, liefern Untersuchungen einiger Bedingungen der gesundheitsbezogenen Medien- und Wissenslandschaft und ihrer Nutzung. Bei den 89% der Bevölkerung, die 2015 nach Gesundheitsthemen suchten, waren sechs von zehn Informationsquellen Gespräche mit Ärzten (von 56% der Befragten genannt), Familienangehörigen/Bekannten (43%), Apothekern (20%), anderen Patienten (8%), MitarbeiterInnen von Krankenkassen (5%) oder Fachkräften in Beratungsstellen (3%). 55% der Befragten gaben an, kostenlose Broschüren von Krankenkassen oder Apotheken zu lesen. 40% informierten sich über Massenmedien (Fernsehen, Radio, Tageszeitungen, Zeitschriften), 38% nutzen das Internet und 18% Bücher [2].

Massenmedien, Medien- und Gesundheitskompetenz

Was bei der Nutzung von Massenmedien für die Gesundheitskompetenz positiv und vor allem negativ zu erwarten ist und vor welchen Herausforderungen Medienkompetenz hier steht, zeigen die Ergebnisse einer in Österreich zwischen 2011 und 2014 durchgeführten empirischen Untersuchung von 535 Print- und 455 Online-Artikeln mit 219 expliziten gesundheitsbezogenen Aussagen [3]: Die Aussagen waren nur in 11% aller Artikel wissenschaftlich gesichert. Von den 61% der untersuchten Beiträge, die behaupteten oder suggerierten ihre Aussagen seien evident, traf dies nur bei 3% zu. Der Studie zufolge scheint es kaum möglich zu sein, Desinformationen überhaupt zu erkennen oder ihnen durch die Nutzung verschiedener Medien zu entgehen. So waren nicht nur 64% der Artikel in sogenannten Boulevardmedien, sondern auch 52,4% der Beiträge in Fachmedien in irgendeiner Weise verzerrt – häufig bei denselben Themen. Selbst wenn es also gelänge, einer relevanten Anzahl von Personen Zugang zu verständlichen evidenzbasierten Informationen zu verschaffen, entstünden ohne eine Veränderung der massenmedialen Berichterstattung, oder auch der Informationstätigkeit von Ärzten eine Vielzahl von kognitiven Dissonanzen mit unkalkulierbaren und oft unerwünschten Folgen.

Ärzte, Medien- und Gesundheitskompetenz

Dass Ärzte von 56% einer bevölkerungsrepräsentativen Gruppe von Personen bei Gesundheitsfragen als Informationsquelle oder Lotsen zu qualitativ hochwertigen Informationen angesehen werden und der Hausarzt bei Problemgruppen wie bildungsfernen Jugendlichen oder 65- bis 80-Jährigen für 73% oder 93% die „erste Adresse bei gesundheitlichen Problemen“ ist [4], ist derzeit eher ein Problem als dessen Lösung. Nach den Ergebnissen einer aktuellen Online-Befragung von 804 niedergelassenen Allgemein- und Fachärzten [5], die nach ihnen bekannten und für vertrauenswürdig gehaltenen Informationsquellen für Patienten gefragt wurden, kannten 58% aller Ärzte Wikipedia und die Apothekenumschau und trauten auch deren Informationen. Völlig anders sah es dagegen bei Quellen aus, die garantiert evidenzbasierte Informationen anbieten und teilweise sogar von ärztlichen Institutionen getragen werden. 16% der befragten Ärzte kannten den vom Deutschen Krebsforschungszentrum erstellten Krebsinformationsdienst und vertrauten den angebotenen Informationen. Dies war nur noch für 8% oder 7% aller Ärzte der Fall, wenn es um die vom „Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin“ (ÄZQ – getragen von der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung) angebotene Website www.patienten-information.de oder die vom „Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität“ (IQWiG) inhaltlich verantwortete Website www.gesundheitsinformation.de ging. Von den Ärzten, welche diese Informationsquellen kannten, hielten 61% Wikipedia für vertrauenswürdig, aber nur 32% oder 34% die ÄZQ- oder IQWIG-Angebote (ebd.: 153).

Individuelle Kompetenzen reichen nicht aus

Es muss letztendlich bezweifelt werden, dass unter den knapp skizzierten herrschenden Bedingungen allein mehr individuelle Medien- und Gesundheitskompetenz das gesundheitsbezogene Wissen und die Handlungsfähigkeit großer Teile der Bevölkerung verbessern kann. Dennoch sollten diese individuellen Kompetenzen verbessert werden. Dies muss aber durch eine Vielzahl von angebots- bzw. anbieterseitigen Veränderungen ergänzt werden. Dazu gehören u.a. verständlichere Gesetze, ein noch konsequenteres Verbot produktbezogener Gesundheitsversprechen ohne positiven wissenschaftlichen Nachweis, die Förderung und Zertifizierung vertrauenswürdiger Informationsquellen, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Massenmedien, die eindeutige Kennzeichnung von gesundheitlich problematischen Stoffen und die gezielte Weiterbildung von Ärzten oder anderen Anbietern von gesundheitsbezogenen Leistungen für ihre Rolle als vertrauenswürdige Informationsquellen.

Conflicts of interest: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzielle Förderung erhalten haben. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.

Conflicts of interest: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: Authors state no funding involved. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. Ethical statement: Primary data for human nor for animals were not collected for this research work.

Literatur

  • 1.

    Grotlüschen A, Riekmann, W. leo. – Level-One Studie. Presseheft. Hamburg: Universität Hamburg, 2011.

  • 2.

    Baumann E, Czerwinski F. Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen R, Hrsg. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Gesundheitsmonitor, 2015:57–79.

  • 3.

    Kerschner B, Wipplinger J, Klerings I, Gartlehner G. Wie evidenzbasiert berichten Print- und Online-Medien in Österreich? Eine quantitative Analyse. In: Evid Z. Hrsg. Fortbild. Qual. Gesundh. wesen (ZEFQ), 2015:109, 341–9.

    • Crossref
    • Export Citation
  • 4.

    Quenzel G, Schaeffer D. Health Literacy – Gesundheitskompetenz vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Bielefeld: Universität Bielefeld, 2016.

  • 5.

    Bittner A. Erfahrungen, Einstellungen und Umgang von Ärzten mit informierten Patienten. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen R, Hrsg. Gütersloh: Gesundheitsmonitor, 2016:141–59.

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