Health Literate Organizations – ein Konzept für den deutschen stationären Sektor?

Inga Münch 1  and Prof. Dr. Marie-Luise Dierks 2
  • 1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Hannover, Germany
  • 2 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Hannover, Germany
Inga Münch
  • Corresponding author
  • Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Hannover, Germany
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and Prof. Dr. Marie-Luise Dierks
  • Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Hannover, Germany
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Zusammenfassung

Gesundheitskompetenz entsteht u.a. aus dem Zusammenspiel der individuellen Fähigkeiten von Menschen und der Komplexität des Gesundheitswesens. Das Konzept der Health Literate Organizations basiert auf der Idee, dass Institutionen des Gesundheitswesens die Gesundheitskompetenz der Menschen berücksichtigen und unterstützen. Ob dies in deutschen Kliniken bereits diskutiert wird bzw. von ihnen akzeptiert wird, ist Gegenstand einer qualitativen Studie auf der Basis von Expertengesprächen mit Verantwortlichen in ausgewählten Kliniken.

Einleitung

Ein interaktiver Gesundheitskompetenz-Rahmen beschreibt, dass sowohl die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Individuen als auch die Komplexität und Anforderungen der Lebenswelten (z.B. Institutionen im Versorgungssystem) Einfluss auf die Ausbildung der Gesundheitskompetenz haben [1]. Das vom Institute of Medicine (IOM) im Jahr 2012 entwickelte Konzept der Health Literate Organizations (HLO) soll Versorgungseinrichtungen im Gesundheitswesen (gemeint sind sowohl Kliniken als auch Arztpraxen, Apotheken, usw.) dabei unterstützen, die Gesundheitskompetenz ihrer Patienten zu verbessern [2]. Institutionen der Gesundheitsversorgung als Setting zur Gesundheitskompetenzerhöhung auszuwählen, ist vorteilhaft, da sich hier ein Großteil der Bevölkerungsschichten aufhält und Personen mit niedriger und hoher Gesundheitskompetenz erreicht werden könnten. Das Konzept der HLO beinhaltet 10 verschiedene Standards. Beispiele solcher Standards sind die Erklärung der Führungsebene, Gesundheitskompetenz zum zentralen Wert der gesamten Organisation zu machen oder die Anpassung von Ausschilderungen und der Kommunikation an die sprachlichen Bedürfnisse der Patienten [1]. (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1:
Abbildung 1:

10 Standards des „IOM-Konzeptes“ der Gesundheitskompetenten Organisation auf der Grundlage von Brach et al. 2012 (aus: Gesundheitskompetenz. Die Fakten 2016, S. 41).

Citation: Public Health Forum 25, 1; 10.1515/pubhef-2016-2118

Fragestellung und Methodik

Ein an der Medizinischen Hochschule Hannover angesiedeltes Projekt hat untersucht, ob das in den USA entwickelte Konzept in deutschen Kliniken bekannt ist, ob es sich für den deutschen stationären Sektor eignet und welche Aspekte von HLO bereits explizit oder implizit, d. h. unter anderen Bezeichnungen, in den Kliniken umgesetzt werden [3]. Für die Erhebung wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, für das 35 leitfadengestützte Experteninterviews in 3 Krankenhäusern und 3 Rehabilitationskliniken durchgeführt wurden. Um feststellen zu können, ob Kliniken unterschiedlich auf die Idee und eine mögliche Umsetzung des IOM-Konzeptes reagieren, erfolgte die Auswahl der Kliniken unter Beachtung des Vorhandenseins verschiedener Trägerschaften (privat, öffentlich, konfessionell) im Sample. Zusätzlich sollten die Kliniken den Krankheitsschwerpunkt Kardiologie aufweisen, weil die Patienten – ausgelöst durch ihre Erkrankung – häufig einen Lebensstilwandel vollziehen müssen, ein erhöhtes Wissen über ihre Erkrankung und Medikamente benötigen und daher eine hohe Gesundheitskompetenz notwendig ist. Die Gespräche in den einzelnen Kliniken fanden jeweils mit 4 Leitungspersonen (Geschäftsführung, ärztliche-, kaufmännische-, pflegerische Leitung) sowie mit je 3 Mitarbeitern aus dem operativen Bereich (pflegerisches-, ärztliches Personal, Sozialdienst) statt. Die Expertengespräche sind persönlich vor Ort in den Kliniken durchgeführt worden, dauerten zwischen 30 und 160 Minuten und wurden mit einem Audiogerät aufgezeichnet, transkribiert und mithilfe der zusammenfassenden und strukturierenden (skalierenden) Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet [4]. Die Entwicklung des Leitfadens basierte auf den 10 Standards des IOM-Konzepts [5] und ist zusätzlich um weitere Fragen ergänzt worden, die sich auf hemmende und fördernde Bedingungen des IOM-Konzeptes, auf die Priorisierung einzelner Standards oder Änderungswünsche des IOM-Konzeptes sowie Akzeptanz und die Priorität von Gesundheitskompetenzförderung im Klinikkontext beziehen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass die Experten in den Kliniken die Förderung der Gesundheitskompetenz aus der Organisationsebene heraus als sehr wichtig erachten: „Die meisten Menschen [können] ihre eigene Gesundheit nicht managen. Sie könnten es, aber sie wissen zu wenig darüber und es wird nicht genügend von den entsprechenden Autoritäten […], von Ärzteseite nicht genügend dafür getan, dass sie motiviert werden, zu gesünderem Leben.“ (Ärztl. Leitung, Reha) Die Experten beurteilen das IOM-Konzept in der Regel als vorteilhaft für ihre Patienten – „Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht die Hälfte der Patienten auf jeden Fall davon stark profitieren würde.“ (Pfl. Leitung, KH) – und erkennen bei Anwendung des Konzepts eine verbesserte Zufriedenheit der Patienten und Mitarbeiter und dadurch einen möglichen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Kliniken. Besonders die Experten aus den Rehakliniken erwähnen, dass die Inhalte des Konzepts bereits im Klinikalltag Anwendung finden: „Wir nennen das im Moment noch anders. Aber im Prinzip ist es das was wir machen.“ (Pfl. Leitung, Reha) Trotz der positiven Haltung erkennen die Experten auch hemmende Umsetzungsbedingungen. Häufig wurde betont, dass zunächst die Strukturen des Gesundheits- und Finanzierungssystems angepasst werden müssten, damit mehr zeitliche und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. „Das [Konzept] könnte man […], wenn die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stehen würden, […] relativ gut und schnell umsetzen.“ (Pfl. Leitung, KH) Die Experten bemerken, dass einige Standards Wiederholungen zu bereits eingeführten QM-Systemen sind und, dass das Konzept möglicherweise nur für bestimmte Sektoren, wie z.B. dem niedergelassenen Bereich, Seniorenhilfeeinrichtungen oder Rehakliniken, geeignet ist. Ebenfalls wird thematisiert, dass das Interesse der Patienten ihre eigene Gesundheitskompetenz steigern zu wollen, noch nicht bei allen Patienten vorhanden ist: „Ich glaube, dass das ein sehr, sehr gutes Konzept ist. Aber ich habe halt auch festgestellt, dass viele Menschen gar nicht so umfassend informiert werden möchten. […] Ganz oft geben Menschen tatsächlich die Verantwortung ab. Das ist ein Punkt, den man nicht unterschätzen sollte.“ (Pfl. Leitung, KH)

Schlussfolgerungen

Die befragten Experten haben das Thema der gesundheitskompetenzfreundlichen Organisation zwar als wichtiges Thema für ihre Klinik sowie für weitere nachgelagerte Sektoren akzeptiert, ob es aber Einzug in deutsche Krankenversorgungseinrichtungen erhält, ist davon abhängig, dass ein Umdenken sowohl auf der Organisations-, als auch auf der politischen Ebene stattfindet und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ebenfalls notwendig erscheint den Experten ein Messinstrument, mit dem die Erhöhung der Gesundheitskompetenz bei den Patienten durch die Umsetzung der Standards in den Kliniken sichtbar gemacht werden kann. Andernfalls, so meinen die Experten, wird das „hier keine Anwendung finden“. Hier sollte die Forschung in die Entwicklung weiterer Testinstrumente investieren und gegebenenfalls die Wirksamkeit des Konzeptes anhand von Pilotprojekten in deutschen Organisationen testen.

Conflicts of interest: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzielle Förderung erhalten haben. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.

Conflicts of interest: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: Authors state no funding involved. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. Ethical statement: Primary data for human nor for animals were not collected for this research work.

Literatur

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Public Health Forum deals with the preservation and promotion of health and the question on how diseases can be prevented and overcome. The Journal reports on the individual conditions and social context, and the possibilities and limits for promoting health, and preventing and controling disease in light of management-relevant questions, and ethically and economically acceptable  measures.

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    10 Standards des „IOM-Konzeptes“ der Gesundheitskompetenten Organisation auf der Grundlage von Brach et al. 2012 (aus: Gesundheitskompetenz. Die Fakten 2016, S. 41).