Die Folgen von Covid-19 für die Globalisierung

Gabriel Felbermayr 1  and Holger Görg 2
  • 1 Institut für Weltwirtschaft, Kiellinie 66, Kiel, Germany
  • 2 Institut für Weltwirtschaft, Kiellinie 66, Kiel, Germany
Gabriel Felbermayr and Holger Görg

Zusammenfassung

In diesem Artikel erörtern Gabriel Felbermayr und Holger Görg die weltwirtschaftlichen Implikationen der Covid-19-Pandemie. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich die Globalisierung in den zurückliegenden zehn Jahren merklich verlangsamt hat, stellen sie dar, wie sich die Covid-19-Pandemie auf China – das Herzstück vieler globaler Wertschöpfungsketten – auswirkt und welche Folgen dies wiederum für andere Länder in der Kette hat – insbesondere auch Deutschland. Es folgt eine Diskussion darüber, ob und wie die Globalisierung resilienter gestaltet werden kann. Der Artikel schließt mit wirtschaftspolitischen Empfehlungen.

1 Einleitung

Der Dezember 2019 wird vielen Menschen in Erinnerung bleiben als derjenige Monat, in dem in China die ersten Infektionen mit dem damals noch unbekannten Coronavirus SARS-CoV-2 begannen. Der erste Fall wurde in Wuhan, Provinz Hubei, gemeldet. Die Zahl der Infektionen (die auch als Covid-19 bezeichnet werden) stieg zuerst langsam an, breitete sich im ganzen Land aus und lag Ende Januar 2020 bei 12.000 und einen Monat später bei 80.000. Ab Mitte Januar breitete sich der Virus auch schnell in anderen Ländern und Erdteilen aus; am 11. März 2020 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine globale Pandemie aus. Bis 29. April 2020 wurden mehr als drei Millionen Fälle von Covid-19 rund um den Globus bestätigt. Die Vereinigten Staaten haben mit mehr als 1,1 Millionen Fällen die mit Abstand höchste Zahl an bestätigten Infektionen, gefolgt von europäischen Ländern wie Spanien, Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Die chinesischen Behörden reagierten auf den Ausbruch der Infektionen, indem sie strenge Einschränkungen des Personenverkehrs verordneten und ab Ende Januar im ganzen Land Ausgangssperren und Quarantänen verhängten. Dies betrifft auch wirtschaftliche Aktivitäten, da viele Produktionsstätten des verarbeitenden Gewerbes, aber auch zahlreiche Dienstleistungsbetriebe (Einzelhandel, Gaststätten etc.) geschlossen wurden, um mögliche Kontakte zwischen Einzelpersonen zu reduzieren und die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Ähnliche, wenn auch nicht unbedingt gleich restriktive Maßnahmen wurden in den meisten anderen betroffenen Ländern ab Mitte März ebenfalls verhängt. Diese Einschränkungen der persönlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten werden als „Lockdowns“ bezeichnet.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie sind im Moment nur schwer abschätzbar, sollen jedoch im Weiteren näher erläutert werden. Dabei kommt der internationalen Dimension des Problems hier besondere Bedeutung zu.

2 Die internationale Arbeitsteilung vor Corona

Schon lange vor der Corona-Krise ist die Globalisierung – charakterisiert durch ein schnelleres Wachstum internationaler Transaktionen relativ zu heimischen – in eine Phase der Verlangsamung eingetreten. Während manche Beobachter das Wort von der Deglobalisierung im Munde führen, ist der Terminus der „Slowbalisation“, eine Wortschöpfung des britischen Wochenblattes The Economist (2019), wohl treffender. In der Tat hat sich nach der großen internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09 eine lange währende Phase der Globalisierung der Gütermärkte in eine Phase der Stagnation verwandelt.

Abbildung 1 zeigt einen Indikator der Offenheit, der einen preisbereinigten Index der globalen Güterimporte auf einen Mengenindex der industriellen Produktion bezieht. Dieser Index zeigt kurz nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers einen Strukturbruch. Vor der Krise stieg der Index stark; das Wachstum der Importe überstieg jenes der Industrieproduktion jährlich um durchschnittlich 3 Prozentpunkte. Danach gab es keinen messbaren Unterschied zwischen den beiden Wachstumsraten mehr, und der Index bewegte sich seitwärts, mit einem leicht negativen Trend. Der Begriff „Deglobalisierung“ ist irreführend, weil trotz der Stagnation des Globalisierungsindex der Welthandel zwischen 2009 und heute deutlich wuchs. Im Unterschied zur Periode der Hyperglobalisierung 1990 bis 2008 (Rodrik 2011) wuchs der Handel aber nicht schneller als die Industrieproduktion.

Abbildung 1
Abbildung 1

Index der globalen güterwirtschaftlichen Globalisierung seit 2000Anmerkungen: Der Globalisierungsindex wird als Quotient des Mengenindex der globalen Importe (mgz_w1_qnmi_sn) durch die globale Industrieproduktion (importgewichtet; ipz_w1_qnmi_sm) berechnet; Oktober 2008 ist auf 100 normiert.Quelle: Centraal Planbureau (CPB), niederländisches Zentrum für wirtschaftspolitische Analysen, eigene Berechnungen und Darstellung

Citation: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2020; 10.1515/pwp-2020-0025

Dieser Trend wurde vermutlich von verschiedenen Einflussfaktoren getrieben. Wie Evenett (2019) zeigt, hat es seit der großen Krise eine zuerst schleichende, und in den jüngeren Jahren eine sehr explizite Rückkehr protektionistischer Politik gegeben. In den frühen Jahren dieser Ära fanden industriepolitische Instrumente wie die Bestimmungen des „Buy American Act“ im Konjunkturprogramm 2009 von Präsident Barack Obama sowie Handelsschutzinstrumente wie die Antidumpingzölle der Europäischen Union Verwendung. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten steigen nach einer Jahrzehnte andauernden Reduktion die globalen Durchschnittszölle wieder an (Evenett und Fritz 2019). Befeuert wird diese Dynamik sowohl durch wachsendes Misstrauen zwischen China und den Vereinigten Staaten als auch durch den verstärkten Einsatz außenwirtschaftlicher Instrumente zur Verfolgung machtpolitischer Ziele (vgl. Harris und Blackwill 2017). Dazu kommt, dass die Welthandelsorganisation (WTO) seit ihrer Gründung 1995 wiederholt damit gescheitert ist, das globale System von Handelsregeln zu modernisieren (Felbermayr 2018).

Die schwächere Dynamik des Welthandels ging im zurückliegenden Jahrzehnt mit einer Verkürzung der Wertschöpfungsketten einher. Abbildung 2 zeigt den Anteil der heimischen Wertschöpfung der Exporte Deutschlands, der Vereinigten Staaten und Chinas. In allen Ländern ist dieser Anteil seit 2011 gestiegen. Dies bedeutet, dass ausländische Vorprodukte für die Produktion der heimischen Güter tendenziell weniger wichtig geworden sind.1 Besonders ausgeprägt war dies in China, das mindestens seit 2005 – und wahrscheinlich schon sehr viel früher – eine sehr aktive Politik der Steigerung der heimischen Wertschöpfungsanteile verfolgte. Weil China ein so großes Gewicht in der Weltwirtschaft besitzt, prägt seine Politik auch die globale Situation. Die beiden Abbildungen zeigen sehr klar, dass sich die Weltwirtschaft schon seit ungefähr zehn Jahren – beginnend deutlich vor dem Amtsantritt von Präsident Trump – in einem neuen Modus befindet, in dem internationale Transaktionen nicht stärker wachsen als inländische.

Während die Dynamik des Güterhandels in den zurückliegenden zehn Jahren eine deutliche Entschleunigung erfuhr, wuchs der internationale Dienstleistungshandel deutlich schneller. Ähnliches kann für die Dynamik anderer Dimensionen der Globalisierung – grenzüberschreitende Datenströme, internationaler Tourismus – gesagt werden, wie das Magazin The Economist (2019) gezeigt hat.

Abbildung 2
Abbildung 2

Anteil heimischer Wertschöpfung am Wert der Exporte (in Prozent)Anmerkung: Die Werte für die Krisenjahre 2009 und 2010 wurden interpoliert. Quelle: OECD Trade in Value Added Statistics, eigene Berechnungen und Darstellung

Citation: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2020; 10.1515/pwp-2020-0025

3 Corona – Gefahr für Globale Wertschöpfungsketten

Dass sich der Globalisierungsprozess in den zurückliegenden Jahren entschleunigt hat, ändert nichts an der zentralen Rolle Chinas in den globalen Wertschöpfungsketten, in denen Rohstoffe und Zwischenprodukte aus verschiedenen Ländern zur Verarbeitung um den Globus verschifft, an einem weiteren Standort montiert, und die fertigen Produkte schließlich an Endverbraucher sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungs- und Schwellenländern exportiert werden. In solchen globalen Wertschöpfungsketten spielt China dabei zum Beispiel als Primärproduzent verschiedener Produkte und Komponenten eine Rolle, als Großabnehmer globaler Rohstoffe und Zwischenprodukte zur weiteren Verarbeitung und Montage sowie als bedeutender Markt für Konsum- und Investitionsgüter.

Foxconn, ein Auftragshersteller für Elektronik, ist ein bekanntes Beispiel, das die Position Chinas in globalen Wertschöpfungsketten illustriert. Seine auf dem chinesischen Festland ansässigen Montagewerke produzieren für viele global führende Elektronikunternehmen, darunter Apple, Intel und Sony. Dazu werden Rohstoffe und Zwischenprodukte aus verschiedenen Ländern importiert und die weiterverarbeiteten Produkte in alle Welt exportiert.

Die Pandemie sowie die zur Eindämmung der Weiterverbreitung ergriffenen Maßnahmen haben negative Auswirkungen auf die Wirtschaft im Allgemeinen und globale Wertschöpfungsketten im Speziellen. Dabei können zwei Phasen unterschieden werden: der Ausbruch des Virus in China, und die Weiterverbreitung in aller Welt.

Die erste Phase geht zurück auf den Ausbruch von COVID-19 in China, der erhebliche Rückgänge der wirtschaftlichen Aktivitäten im Land mit sich brachte. Die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft zeigen sich in den Daten zur Industrieproduktion in China. Wie aus Abbildung 3 ersichtlich ist, ist diese im Januar und Februar zusammengenommen um 13,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken.2 Dieser Produktionsrückgang ist schwerwiegend, insbesondere wenn man ihn in eine längere Perspektive stellt: Weder der SARS-Ausbruch 2002/2003 noch die Finanzkrise 2008/2009 waren mit einem derart starken Einbruch der Industrieproduktion verbunden. Gleiches gilt für Chinas Bruttoinlandsprodukt, das nach offiziellen Angaben im ersten Quartal 2020 um 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist. Es handelt sich um den ersten Rückgang, den China seit Beginn der Veröffentlichung dieser Zahlen im Jahr 1992 verzeichnet hat. Seither war die chinesische Wirtschaft nie weniger als 6 Prozent pro Jahr gewachsen.

Abbildung 3
Abbildung 3

Industrieproduktion und Bruttoinlandsprodukt in ChinaAnmerkungen: Monatliche Daten der Industrieproduktion, saisonbereinigt, in konstanten Dollar von 2010. Veränderung gegenüber dem Vorjahr.Quelle: China National Bureau of Statistics

Citation: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2020; 10.1515/pwp-2020-0025

Zwar hat man im März damit begonnen, die Produktion wieder hochzufahren. Dennoch wirkt sich ein solcher Einbruch der Wirtschaftsleistung in dem Land, das oft als „verlängerte Werkbank der Welt“ bezeichnet wird, notwendigerweise auf globale Wertschöpfungsketten aus. Dass der Produktionsrückgang auch mit einem starken Schrumpfen der internationalen Handelsströme verbunden ist, illustriert die Position Chinas im Zentrum vieler globaler Wertschöpfungsketten. Die Importe des Landes sanken im Januar und Februar um 4 Prozent in Dollar gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres, während die Exporte im gleichen Zeitraum um 17 Prozent zurückgingen, so die offizielle chinesische Handelsstatistik. Im März betrug der Rückgang der Ausfuhren nur noch 6,6 Prozent, der Rückgang der Einfuhren 0,9 Prozent.

Wie aus Abbildung 4 ersichtlich, sind deutliche Rückgänge der Importe bei Produkten zu verzeichnen, die als Zwischenprodukte in der Produktion verwendet werden, wie z. B. elektronische und elektrische Produkte und Automobilteile. In ähnlicher Weise sind auch die Exporte dieser Waren sowie die Ausfuhren von Textilien und Bekleidung stark zurückgegangen.3

Abbildung 4
Abbildung 4

Entwicklung der chinesischen Exporte und Importe für ausgewählte Produkte (in Prozent)Anmerkung: Nominale Exporte und Importe des 1. Quartals 2020 für ausgewählte Güter(-gruppen) im Vorjahresvergleich. *Importzahlen liegen noch nicht vor.Quelle: General Administration of Customs, China

Citation: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2020; 10.1515/pwp-2020-0025

Der Einbruch der Produktionstätigkeit in China, dem Herzstück vieler globaler Wertschöpfungsketten, hat Auswirkungen auf Produzenten und Verbraucher in Ländern auf den vor- und nachgelagerten Stufen. In Deutschland sind die Einfuhren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Februar 2020 insgesamt um 2,9 Prozent im Vergleich zu Februar 2019 gesunken, während die Ausfuhren um 0,4 Prozent gestiegen sind. Exporte nach China sind gegenüber Februar 2019 um 8,9 Prozent gefallen, die Importe aus China sanken um 12,0 Prozent. Im Vergleich dazu sind im Handel mit EU-Länder die Exporte um 0,8 Prozent gestiegen, während die Importe um 1,9 Prozent gefallen sind.4

Eine Aufgliederung der Handelsdaten nach Gütergruppen zeigt, dass Deutschlands Importe aus China an Vorleistungsgütern mit rund 17 Prozent die schwersten Rückgänge im Vorjahresvergleich zu verzeichnen haben, wobei Investitionsgüter, Ver- und Gebrauchsgüter ebenfalls an Handelsvolumen verloren haben. Am stärksten sind die Ausfuhren nach China im Bereich der Investitionsgüter gesunken.

Abbildung 5
Abbildung 5

Nominaler bilateraler Handel Deutschland-China nach ausgewählten Gütergruppen Anmerkung: Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent Quelle: Destatis, Aus- und Einfuhr (Außenhandel)

Citation: Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2020; 10.1515/pwp-2020-0025

Die negativen Auswirkungen des Ausbruchs der Pandemie in China werden in einer zweiten Phase dadurch multipliziert, dass wegen der globalen Weiterverbreitung des Virus nun ähnlich wie China auch viele andere Länder Lockdown-Maßnahmen treffen. Dadurch kommt es zu weiteren Produktionsstopps in vielen Ländern, die Zwischenprodukte produzieren, was wiederum dazu führt, dass diese für die Weiterverarbeitung in anderen Ländern fehlen, wo noch oder wieder produziert wird. Weiterhin verursachen die Produktionsstopps und der Nachfragerückgang für viele Dienstleistungen, zum Beispiel in der Gastronomie, Arbeitsplatzverluste und Einkommenseinbußen für viele Beschäftigte. Dies führt zu einem Rückgang der aggregierten Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern.

4 Auswirkungen auf Handel und Investitionen

Es ist natürlich noch zu früh, um die Auswirkungen der durch die Coronavirus-Pandemie verursachten Lockdowns vollständig zu quantifizieren. Es gibt jedoch erste Anzeichen und Schätzungen, dass diese substanziell ausfallen könnten. Die WTO geht gemäß einer aktuellen Studie davon aus, dass der Welthandel in diesem Jahr um rund ein Drittel geringer ausfallen wird als ohne die Krise.5 Eine Umfrage unter Repräsentanten von Sonderwirtschaftszonen in aller Welt zeigt, dass 90 Prozent bereits spürbar durch den Ausfall von Handel infolge der Pandemie betroffen sind (Gern und Mösle 2020).

Es zeichnet sich ebenfalls bereits ab, dass ausländische Direktinvestitionen – ein wichtiges Vehikel multinationaler Unternehmen, die in globalen Wertschöpfungsketten aktiv sind – signifikant zurückgehen werden. Die UNCTAD schätzt, dass diese, ähnlich wie der Handel, durch die Pandemie um rund 30 bis 40 Prozent schrumpfen werden. Besonders betroffen sind dabei Investitionen durch Mergers & Acquisitions; hier geht UNCTAD von einem Rückgang von 70 Prozent aus. Gleichzeitig haben multinationale Unternehmen UNCTAD-Angaben zufolge ihre Gewinnerwartungen durch ausländische Investitionen um rund 30 Prozent nach unten revidiert. Am pessimistischen eingeschätzt wird die Lage in Industrieländern, insbesondere in den Vereinigten Staaten und Europa; hier wurden die Gewinnerwartungen im Durchschnitt um 35 Prozent nach unten angepasst. Am schwersten betroffen ist neben der Energiewirtschaft und der Luftfahrtindustrie vor allem die Automobilindustrie, die ihre Gewinnerwartungen um 47 Prozent reduziert hat.6

Auch Deutschland wird nicht ungeschoren davonkommen. Nach einer Umfrage des DIHK von deutschen Unternehmen im Ausland erwarten 79 Prozent der befragten Unternehmen Umsatzeinbußen. 58 Prozent gehen von einem Rückgang der Nachfrage aus, während 47 Prozent mit einer Verschiebung oder Streichung von geplanten Investitionen rechnen. Damit verbunden erwarten rund ein Drittel der Unternehmen durch die Pandemie verursachte Liquiditätsengpässe.7

Bedeuten diese Befunde, dass die Globalisierung der Produktionsnetzwerke zu weit gegangen ist, weil sie die Verletzlichkeit der Weltwirtschaft vergrößert hat?

5 Globalisierung und Resilienz

Es gibt wenig seriöse wissenschaftliche Literatur, die in Abrede stellt, dass wirtschaftliche Offenheit einen positiven Effekt auf das durchschnittliche Einkommen der Bürger eines Landes haben kann. Die Frage, ob die positiven Effekte auf das Durchschnittseinkommen mit höherer Ungleichheit (im Querschnitt) und größerer Volatilität (im Zeitablauf) erkauft ist, ist deutlich umstrittener (Helpman 2018).

Caselli et al. (2020) zeigen in einer aktuellen und sehr überzeugenden Analyse, dass der Effekt der Offenheit auf die Volatilität des Outputs von der Natur der Schocks abhängt. In einem Modell komparativer Vorteile (und mithin sektoraler Spezialisierung) nimmt die makroökonomische Volatilität im Grad der Handelsliberalisierung zu, wenn die Schocks sektoraler Natur sind. Wenn die Schocks hingegen vorwiegend länderspezifischer Art sind, dann hat der internationale Handel eine Versicherungsfunktion, und die makroökonomische Volatilität geht bei einem Sinken der Handelskosten zurück. Caselli et al. (2020) weisen nach, dass länderspezifische Schocks quantitativ deutlich wichtiger sind als sektorale. Es ist klar, dass die Corona-Pandemie einen systemischen Schock darstellt, der alle Länder und Wirtschaftszweige trifft; es ist daher nicht klar, wie man argumentieren kann, dass eine weniger ausgeprägte internationale Arbeitsteilung die nationale Bewältigung des Schocks erleichtern würde. Dazu kommt, dass höhere Handelsbarrieren die durchschnittliche Effizienz der Volkswirtschaften reduzieren würden, was die Funktionsfähigkeit und die Kapazitäten der Gesundheitssysteme kaum stärken könnte.

Naturkatastrophen bieten ein gutes Beispiel dafür, dass die Diversifizierung durch internationalen Handel stabilisierend wirkt. Allerdings ist auch klar, dass dies nur ex ante gilt. Wenn ein Land von einem adversen Schock getroffen wird, breiten sich die ökonomischen Effekte, zum Beispiel höhere Preise (verbesserte Terms of trade) für das Exportgut des Landes, auf seine Handelspartner aus. Die Kosten verteilen sich dadurch auf viele Schultern und sind leichter zu tragen. Wenn sich das getroffene Land in Autarkie befände, erlitten zwar die anderen Länder diese Kosten im Katastrophenfall nicht, aber sie wären aufgrund der geringeren Arbeitsteilung im Durchschnitt über den Zeitablauf ärmer. Wie in jedem Versicherungskontext besteht für jene Versicherte, die selbst keinen Schadensfall haben, ein Anreiz, anderen Versicherten, die einen Schaden erlitten haben, die Auszahlung zu verweigern. Die Vorteile der Versicherung werden erst sichtbar, wenn man selbst von einem Schadensfall betroffen ist. Dies stellt aber die Sinnhaftigkeit der Versicherung ex ante, sozusagen „behind the veil of ignorance“, nicht in Frage.

Auch die Erfahrungen mit katastrophenbedingten Unterbrechungen von Lieferketten zeigen, dass sich adverse Schocks auf einzelne Lieferanten zwar in Produktionsnetzwerken ausbreiten und zu erheblichen Schäden bei den Kunden führen, vor allem wenn es sich um spezifische Inputs handelt (Barrot und Sauvignat 2016), dass aber Unternehmen, die eine gut diversifizierte globale Lieferantenstruktur haben, widerstandsfähiger sind. Letzteres zeigen Todo et al. (2015) für den Fall des Tsunami in Japan 2011 und Kashiwagi et al. (2018) für Hurricane Sandy 2012.

Das Management von Unternehmen trifft bewusste Entscheidungen darüber, ob diese ihre Vorleistungen selbst herstellen oder auf dem Markt beziehen, welche Anzahl und geographische Verteilung der Lieferanten sinnvoll ist, wieviel Lagerhaltung optimal erscheint und welche vertragliche Beziehung sie eingehen.8 Jede einzelne Beziehung ist mit fixen Kosten verbunden, daher ist es typischerweise zweckmäßig, die Anzahl der Lieferanten zu begrenzen. Andererseits erleiden die Firmen schmerzhafte Produktionsausfälle, wenn sie aufgrund von Lieferunterbrechungen nicht arbeiten können. Für die Optimierung ist entscheidend, wie hoch die fixen Kosten sind und wie die Verteilung von Unterbrechungswahrscheinlichkeiten aussieht. Wie so häufig, ist diese Verteilung nicht exakt bekannt. Vor allem die Wahrscheinlichkeit extremer Ereignisse ist schwer festzulegen („Fat tail problem“). Die globale Corona-Pandemie ist ein Beispiel hierfür. Sie wird mit Gewissheit zu einer Neubewertung der Unterbrechungswahrscheinlichkeiten führen.

Es ist aber höchst unsicher, was dies für die Globalisierung der Produktionsnetzwerke bedeutet, weil es sich bei der Pandemie um einen systematischen Schock handelt, der alle Länder, Wirtschaftszweige und Unternehmen gleichermaßen trifft. Lieferanten, die geographisch näher am Produktionsstandort liegen, sind daher nicht zwingend sicherer, es sei denn, gerade die weiten Transportwege brechen durch den Schock ab. Es ist daher nicht klar, dass eine Verkürzung von Lieferketten notwendigerweise zu mehr Versorgungssicherheit führt. Eher ist zu erwarten, dass Unternehmen mehr Lagerhaltung als bisher betreiben; sie werden versuchen, die fixen Kosten des Lieferantenmanagements zu reduzieren, was mithilfe digitaler Technologien gelingen sollte; und sie werden die Spezifizität von Inputs nach Möglichkeit senken. All diese Maßnahmen werden die Resilienz gegen Schocks steigern, sind aber nicht zwangsläufig mit einer Regionalisierung oder Nationalisierung von Lieferketten verbunden.

Das gilt auch im Medizinbereich, der in der gegenwärtigen Krise auch in handelspolitischer Hinsicht stark in der Diskussion steht (Braml et al. 2020). Gerade dieser Markt ist durch eine besonders ausgeprägte Regulierungsdichte geprägt. Die Zulassung und Bepreisung von Präparaten, Apparaten, Schutzkleidung etc. wird gerade nicht auf dem „freien Markt“ entschieden. Häufig ist die Anzahl der Beteiligten klein (oligopolistische Pharmaindustrie, Krankenkassen, Behörden). Welche Bedeutung in den Beschaffungsvorgängen der Preis, die Qualität und die Liefersicherheit jeweils relativ zu einander haben, liegt daher im Einflussbereich staatlicher oder staatsnaher Stellen. Hier ist damit zu rechnen, dass aufgrund der Erfahrungen mit der Corona-Krise die Liefersicherheit künftig ein größeres Gewicht erhalten wird. Doch auch im Medizinbereich wird dies nicht zwangsläufig mit einer Renationalisierung der Produktion erreicht, sondern mit einer stärkeren Diversifizierung der Beschaffungssysteme und mit höherer lokaler Lagerhaltung.

Die Weltwirtschaft hat während der Phase rapider Globalisierung hohe Wohlfahrtsgewinne erzielt. Die Verteilung dieser Gewinne zwischen und innerhalb von Ländern mag nicht den Gerechtigkeitsvorstellungen aller Beobachter entsprechen, doch ihre Präsenz ist unumstritten (Helpman 2018). Gerade in einer globalen Wirtschaftskrise wäre es geradezu fahrlässig, auf diese Vorteile zu verzichten. In den zurückliegenden Wochen wurde häufig auf die Lehren aus der großen Krise von 2008/09 zurückgegriffen. Eine dieser Lehren war, dass die Abwehr protektionistischer Politiken eine wichtige Rolle in der Krisenbewältigung gespielt hat.

6 Risiken für Schwellen- und Entwicklungsländer

Sollten Unternehmen im Zuge betriebswirtschaftlicher Überlegungen doch zu einer Verkürzung oder Regionalisierung von Lieferketten kommen, hätte dies potentiell signifikante negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung von Schwellen- und Entwicklungsländern. So könnte die Einbindung in globale Wertschöpfungsketten von Ländern zurückgehen, die im Moment stark in globale Produktionsnetzwerke integriert sind. Vor allem südostasiatische Schwellen- und Entwicklungsländer wären davon betroffen (UNIDO 2018). Ebenso könnte die Integration in globale Wertschöpfungsketten für die Länder, die in der aktuellen Phase der Globalisierung noch nicht in hohem Maße eingebunden sind, schwieriger werden. Das gilt insbesondere für einige Länder in Afrika, die generell das Potential zur Einbindung haben.

Für Entwicklungsländer bietet die Integration in globale Netzwerke die Möglichkeit, von den mit Wertschöpfungsketten assoziierten Kapitalströmen und dem Zugang zu internationalen Märkten, Humankapital und Wissen zu profitieren, die Wertschöpfung der eigenen Produktion zu steigern und dadurch ihr Wirtschaftswachstum nachhaltig zu erhöhen (UNIDO 2018, Görg 2016 sowie Görg und Hanley 2018). Ein Wegfall dieser Option würde Industrialisierungsbemühungen mit ziemlicher Sicherheit einen schweren Schlag versetzen und den sozioökonomischen Fortschritt behindern, der in vielen Entwicklungsregionen in den zurückliegenden Jahren zu verzeichnen war.

Daher stellt sich hier die Aufgabe für die Entwicklungspolitik, durch zielgerichtete Maßnahmen sicherzustellen, dass diese Länder alternative Möglichkeiten haben, die Wertschöpfung ihrer eigenen Produkte zu steigern und diese dadurch international wettbewerbsfähiger zu machen. Wünschenswert wären zum Beispiel Aus- und Weiterbildungsprogramme, die insbesondere auf die Managementebene zielen. So könnte ein Austausch zwischen Fachkräften aus entwickelten Ländern mit Managern und Unternehmerinnen aus Entwicklungsländern neue Produktideen und Marketingstrategien hervorbringen. Auch wäre eine verstärkte Zusammenarbeit im Rahmen von „Aid for Trade“ zu nennen, um zum einen den Zugang zu entwickelten Märkten voranzutreiben, aber auch um den grenzüberschreitenden Verkehr von Waren zwischen den Entwicklungsländern einer Region – insbesondere in Afrika – zu verbessern. Eine verstärkte regionale Integration erleichtert den Zugang zu einem größeren Markt, der es wiederum ermöglicht, den Unternehmen Absatzperspektiven für die neu entwickelten Produkte zu geben, die zum nachhaltigen Wachstum der Entwicklungsländer beitragen können.

Eine verstärkte regionale Integration erhöht ebenfalls die Attraktivität als Standort für ausländische Unternehmen, die Zugang zu diesem vergrößerten Markt suchen (Glitsch et al. 2020). In Verbindung damit sollten auch ausländische Investitionen in Entwicklungsländern gefördert werden, zum Beispiel durch die Ausweitung der Investitionsgarantien des Bundes und ähnlicher Instrumente anderer europäischer Länder.

7 Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

7.1 Ausländische Investitionen

In den vergangenen Jahren ist die deutsche Außenwirtschaftsverordnung wiederholt angepasst worden. Die Grundlage dafür war das politische Bemühen darum, dass der Staat Übernahmen heimischer Firmen durch ausländische Investoren zumindest in kritischen Sektoren überprüfen und gegebenenfalls mit Auflagen versehen oder gar verbieten kann. Bis vor kurzem besaß Deutschland eines der liberalsten Investitionsregelwerke der Welt und ist bisher damit auch gut gefahren. Die Neuorientierung ist vor allem vor dem Hintergrund zu verstehen, dass inzwischen einige Länder verstärkt ambitionierte nationale industriepolitische Ziele verfolgen, die auf Kosten anderer Länder gehen könnten, auch Deutschlands. Dies unterminiert das Vertrauen zu diesen Ländern als verlässliche kooperative Partner in der Weltwirtschaft. In der Corona-Krise kam es zwischenzeitlich bereits zur nächsten Verschärfung der Außenwirtschaftsverordnung. So wurde das Gesundheitswesen in die Liste der besonders sicherheitsrelevanten Branchen aufgenommen, in denen sich die Bundesregierung eine Prüfung und Untersagung ausländischer Investitionen vorbehält.

In Zeiten eines deutlich wiedererstarkenden Nationalismus in großen Ländern wie den Vereinigten Staaten, China, Brasilien und Indien ist es verständlich, dass die Vertreter der Wirtschaftspolitik die Sorge umtreibt, dass opportunistisch handelnde ausländische Akteure Abhängigkeiten des Inlands für ihre Ziele missbrauchen könnten. Allerdings sollten wirtschaftspolitische Eingriffe wie die Verschärfung der Außenwirtschaftsverordnung nicht auf Basis bloßer Verdachtsmomente oder des Lobbyings bestimmter gesellschaftlicher Gruppen erfolgen. Vielmehr ist es notwendig, dass sich die Politik auf Evidenz stützt und diese der Öffentlichkeit so transparent wie möglich zugänglich macht. Die Überwachung der Außenwirtschaftsverordnung könnte zum Beispiel einer unabhängigen Behörde nach dem Vorbild der Monopolkommission überantwortet werden. Eine solche Delegation wirtschaftspolitischer Verantwortung könnte sicherstellen, dass die Verordnung nicht populistisch missbraucht wird.

7.2 Internationaler Handel

Anfang März 2020 haben Deutschland und Frankreich kurzzeitig neue Barrieren für den Export von Atemmasken und anderen medizinischen Artikeln erlassen, unter Missachtung der Regeln des europäischen Binnenmarktes. Die Nachbarländer Schweiz und Österreich protestierten vehement in Brüssel. Die europäische Kommission rettete die Situation, indem sie gegenüber Drittstaaten Exportkontrollen erlaubte und im Gegenzug dafür deren Entfernung im intraeuropäischen Handel durchsetzte. Diese Maßnahme könnte zwar durchaus von geltendem WTO-Recht gedeckt sein, sie setzt allerdings europäische Handelspartner unter Druck. Diese haben nach europäischem Vorbild ebenfalls Exportkontrollen eingeführt. Evenett (2020) weist nach, dass bereits mehr als 50 Länder solche Maßnahmen eingeführt haben. Er kritisiert die Strategie, durch Exportrestriktionen die Verfügbarkeit kritischer Medizinartikel im Inland kurzfristig zu verbessern, als eine „Sicken-Thy-Neighbour-Policy“. In der Tat ändert die Einführung solcher Restriktionen nichts am grundlegenden Problem international fehlender Produktionskapazitäten für bestimmte zurzeit stark nachgefragte Medizinprodukte. Im Gegenteil verhindern solche Maßnahmen eine outputmaximierende, arbeitsteilig organisierte Produktion.

Deutschland und die Europäische Union sollten sich mit Nachdruck dafür einsetzen, dass gerade im Zusammenhang mit kritischen Medizinprodukten bestehende Zölle und Handelsbarrieren so schnell und deutlich wie möglich reduziert und dass neue Exportrestriktionen geächtet werden (Bown 2020 und Gonzalez 2020). Dies ist umso bedeutender, als in den zurückliegenden Wochen viele Länder, darunter Russland, Indien und die Türkei, Exportrestriktionen in anderen wichtigen Bereichen verhängt haben, zum Beispiel in der Getreideversorgung. Eine Verknappung von Lebensmitteln in Entwicklungsländern, die auf Nahrungsimporte angewiesen sind, kann dort zu Engpässen führen, die mehr Todesfälle verursachen könnten als Covid-19.

Wie im Fall von ausländischen Direktinvestitionen müssten auch im internationalen Handel Importländer darauf vertrauen können, dass die ausländischen Lieferanten und ihre Regierungen in Krisen nicht opportunistisch handeln. Je größer diese Gefahr ist, umso notwendiger ist es, dass die Länder Lagerbestände von kritischen Gütern aufbauen und erhalten sowie für eine unter ökonomischen Gesichtspunkten hinreichende Diversifizierung der Lieferquellen sorgen. Damit ließe sich der Ausfall eines oder mehrerer Lieferanten ausgleichen. Dies ist ökonomisch vorteilhafter, als auf die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zu verzichten und mit Subventionen und restriktiven Auflagen, die im Übrigen WTO-rechtswidrig sein können, eine inländische Produktion hochzuziehen, die sich auf freien Märkten nicht durchsetzen könnte.

7.3 Internationale Migration

Das Corona-Virus wird weder durch den Güterhandel von einem Land zum anderen übertragen, noch verbreitet es sich durch den internationalen Kapitalverkehr oder Datenmobilität. Seine grenzüberschreitende Verbreitung hat indes mit internationaler Mobilität von Personen zu tun, zum Beispiel mit jenen Touristen, die das Virus aus dem Tiroler Skiort Ischgl in die deutschen Städte gebracht haben,9 oder mit jenen Geschäftsreisenden, die für deutsche Unternehmen wie Webasto in der chinesischen Provinz Hubei tätig waren. Und es gibt die Hypothese, dass die engen Verbindungen der norditalienischen Modeindustrie mit China die frühe Verbreitung des Virus in Italien verursacht hat.10 Auch wenn solche kausalen Zusammenhänge nur schwer nachgewiesen werden können, ist in Zukunft damit zu rechnen, dass viele Länder an ihren Grenzen stärkere gesundheitspolizeiliche Kontrollen vornehmen. Dies kann zu Verzögerungen führen, die Immigrationsvorgänge verlangsamen und damit eine weitere Säule der Globalisierung in Schwanken bringen: die relativ freie Bewegung von Touristen und Geschäftsreisenden. Letztere sind essentiell für das Funktionieren der globalen Wertschöpfungsketten.

Zwar existieren im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation WHO die Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV, International Health Regulations). Es handelt sich um völkerrechtlich verbindliche Regeln, die dazu dienen, „die grenzüberschreitende Ausbreitung von Krankheiten zu verhüten und zu bekämpfen, davor zu schützen und dagegen Gesundheitsschutzmaßnahmen einzuleiten, und zwar auf eine Art und Weise, die den Gefahren für die öffentliche Gesundheit entspricht und auf diese beschränkt ist und eine unnötige Beeinträchtigung des internationalen Verkehrs und Handels vermeidet“ (Art. 2 IGV). Diese Regeln wurden 2005 im Hinblick auf die zunehmende Globalisierung und internationale Verbreitung von Infektionskrankheiten wie SARS novelliert. Deutschland hat die Regeln ratifiziert. Allerdings ist dieses Regelwerk nicht mit dem zu vergleichen, was die Welthandelsorganisation WTO im Übereinkommen über die Anwendung gesundheitspolizeilicher und pflanzenschutzrechtlicher Maßnahmen (SPS) für den Güterhandel vorsieht. Dort existieren Notifikationspflichten, Transparenzvorschriften und klar definierte rechtliche Verfahren, die dafür sorgen sollen, dass die SPS-Maßnahmen verhältnismäßig sind und keine diskriminierende Wirkung haben. Die WTO unterstützt Entwicklungsländer im Rahmen des „Capacity building“, die SPS-Standards einzuhalten. Im Hinblick auf die grenzüberschreitende Mobilität von Menschen ist das Regelwerk deutlich weniger ambitioniert. Hier sollte nachgearbeitet werden.

Gerade die EU-Mitglieder, und hier besonders die Länder, die im Schengenraum eine gemeinsame Außengrenze haben, sollten sich koordinieren und abstimmen. Dazu könnte es auch notwendig sein, dass die EU finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, ähnlich wie sie das für den Schutz der Außengrenzen vor illegalen Grenzübertritten im Frontex-Programm tut. Die Corona-Pandemie könnte, falls es den EU-Mitgliedern nicht gelingen sollte, Vertrauen zur Qualität der Kontrollen der Außengrenzen herzustellen, zu einer Erosion des Schengenraumes und mithin des Binnenmarktes beitragen, was erhebliche ökonomische Kosten verursachen könnte (Felbermayr et al. 2018).

Insgesamt gesehen stellt die Coronavirus-Pandemie die Weltwirtschaft vor große Herausforderungen, die auch nach der Überwindung des Virus langfristige Folgen zeitigen werden. Die internationale Zusammenarbeit wird daher verstärkt gefordert sein, um das Räderwerk der globalen Arbeitsteilung zu ölen und das nachhaltige Wachstum in Industrie-, Entwicklungs- und Schwellenländern durch eine Integration in die Weltwirtschaft voranzutreiben.

Literaturverzeichnis

  • Antràs, P. (2020), Conceptual aspects of global value chains, World Bank Economic Review, im Erscheinen.

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  • Braml, M. T., F. A. Teti und R. Aichele (2020), Apotheke der Welt oder am Tropf der Weltwirtschaft? Deutschlands Außenhandel auf dem Markt für Arzneien und medizinische Ausrüstungen, ifo Schnelldienst, im Erscheinen.

  • Caselli, F., M. Koren, M. Lisicky und S. Tenreyro (2020), Diversification through trade, The Quarterly Journal of Economics 135(1), S. 449–502.

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  • Evenett, Simon (2020), Tackling Coronavirus: The trade policy dimension, Global Trade Alert Project, Universität St. Gallen.

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Footnotes

1

Dafür wird angenommen, dass der Wertschöpfungsanteil der sektoralen Exporte eines Landes in einem Jahr dem seiner Güterproduktion entspricht.

2

Wegen des chinesischen Neujahrsfests publizieren die Behörden in China nur Zahlen für Januar und Februar zusammen.

3

Die in der Abbildung enthaltenen Produkte sind solche, für die Chinas Bedeutung in globalen Wertschöpfungsketten besonders hoch ist, siehe UNIDO 2018.

8

Dazu existiert eine reichhaltige ökonomische Literatur, die Antras (2020) aktuell zusammengefasst hat.

9

Siehe dazu Felbermayr et al. 2020.

10

Diese These ist weder bestätigt noch widerlegt; siehe https://www.tagesschau.de/faktenfinder/italien-coronavirus-china-101.html.

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  • Antràs, P. (2020), Conceptual aspects of global value chains, World Bank Economic Review, im Erscheinen.

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    Index der globalen güterwirtschaftlichen Globalisierung seit 2000Anmerkungen: Der Globalisierungsindex wird als Quotient des Mengenindex der globalen Importe (mgz_w1_qnmi_sn) durch die globale Industrieproduktion (importgewichtet; ipz_w1_qnmi_sm) berechnet; Oktober 2008 ist auf 100 normiert.Quelle: Centraal Planbureau (CPB), niederländisches Zentrum für wirtschaftspolitische Analysen, eigene Berechnungen und Darstellung

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    Industrieproduktion und Bruttoinlandsprodukt in ChinaAnmerkungen: Monatliche Daten der Industrieproduktion, saisonbereinigt, in konstanten Dollar von 2010. Veränderung gegenüber dem Vorjahr.Quelle: China National Bureau of Statistics

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    Entwicklung der chinesischen Exporte und Importe für ausgewählte Produkte (in Prozent)Anmerkung: Nominale Exporte und Importe des 1. Quartals 2020 für ausgewählte Güter(-gruppen) im Vorjahresvergleich. *Importzahlen liegen noch nicht vor.Quelle: General Administration of Customs, China

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