Wirtschaftspolitik in und nach der Corona-Krise

Justus Haucap 1
  • 1 Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE), Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Universitätsstr. 1, Düsseldorf, Germany
Justus Haucap
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  • Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE), Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Universitätsstr. 1, 40225, Düsseldorf, Germany
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Liebe Leserin, lieber Leser,

gerade erst ist Heft 1-2020 erschienen. Dort hatte ich unter der Überschrift „Wirtschaftspolitik jenseits der Corona-Krise“ noch erklärt, dass das Heft „Corona-frei“ sei, weil die Entwicklung zum Redaktionsschluss so dynamisch war, dass jede aktuelle Analyse und Einschätzung schnell veralten würde. Zugleich hatte ich aber versprochen, dass Sie im Jahresverlauf auch bei uns Beiträge zu den Konsequenzen und Herausforderungen der Corona-Krise lesen könnten. Vielleicht schneller als erwartet, ist es heute so weit. Wir haben uns entschlossen, ein Online-Sonderheft zur Covid-19-Pandemie zu publizieren – online, um möglichst schnell zu sein.

In einem atemberaubenden Tempo haben unsere Autorinnen und Autoren ihre Beiträge geliefert. Den Anfang im Sonderheft machen Klaus Wälde (Mainz) und sein interdisziplinäres Autoren-Team. In ihrem Beitrag erklären die Autoren den bisherigen Verlauf von Covid-19 in Deutschland durch Regressionsanalysen und epidemiologische Modelle. Sie beschreiben und quantifizieren den Effekt der gesundheitspolitischen Maßnahmen, die bis zum 19. April in Kraft waren, und berechnen den erwarteten Verlauf der Epidemie in Deutschland, wenn es diese Maßnahmen nicht gegeben hätte. Wie der Beitrag zeigt, haben die Maßnahmen einen erheblichen Beitrag zur Reduktion der Infektionszahlen geleistet. Seit dem 20. April sind die Maßnahmen in den Bundesländern relativ heterogen. Für die Wissenschaft ist dies ein Glücksfall, da mittels einer Analyse dieser Heterogenität aufgedeckt werden kann, welche Maßnahmen für eine Bekämpfung einer eventuellen zweiten Infektionswelle besonders hilfreich oder schädlich wären.

Im zweiten Beitrag erörtern Gabriel Felbermayr und Holger Görg (beide Kiel) die weltwirtschaftlichen Implikationen. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich die Globalisierung in den zurückliegenden zehn Jahren merklich verlangsamt hat, stellen sie dar, wie sich die Covid-19

Pandemie auf China – das Herzstück vieler globaler Wertschöpfungsketten – auswirkt und welche Folgen dies für andere Länder in der Kette hat – insbesondere auch für Deutschland. Zudem analysieren die Autoren die wichtige Frage, ob und wie die Globalisierung resilienter gestaltet werden kann.

Ulrike Neyer (Düsseldorf) legt dar, warum die traditionelle Rolle der Geldpolitik, die Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, in der Corona-Krise eine untergeordnete Rolle spielt. Die EZB könne jedoch verhindern, dass die Krise in der Realwirtschaft auf den Finanzsektor überspringe. Die beiden von der EZB beschlossenen Maßnahmenpakete stellen die Liquiditätsausstattung des Bankensektors sicher und reduzieren eine mögliche Dysfunktionalität einzelner Finanzmarktsegmente. Insbesondere das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) sei jedoch unter dem Aspekt der demokratischen Legitimation auch kritisch zu sehen.

Thomas Czypionka, Martin Kocher und Alexander Schnabl (alle Wien) gehen auf die Situation in Österreich ein. In Wien reagierte die Regierung als eine der ersten in Europa und verordnete schon Mitte März 2020 einen weitgehenden Lockdown. Die Autoren beschreiben und bewerten die einzelnen Maßnahmen in Österreich und präsentieren eine Einschätzung der volkswirtschaftlichen Folgen des Lockdowns. Dazu greifen sie auf die Einschätzungen von Fachleuten und eine multiregionale Input-Output-Analyse auf nationaler, sektoraler, und regionaler Ebene zurück, jeweils zum Informationsstand 28. April 2020. Dieser zufolge wird die Corona-Krise die österreichische Wirtschaftsleistung im Jahr 2020 um rund 8,5 Prozent im Vergleich zum Referenzszenario reduzieren, vorbehaltlich weiterer politischer Maßnahmen, möglicher Konjunkturpakete oder einer zweiten Epidemiewelle im Herbst.

Vera Eichenauer und Jan-Egbert Sturm (beide Zürich) beleuchten die Lage in der Schweiz, wo sich die Wirtschaft zu Beginn der Covid-19-Pandemie aus einem konjunkturellen Tief in eine Aufschwungsphase bewegte, mit im internationalen Vergleich niedriger Arbeitslosigkeit und gesunden öffentlichen Finanzen. Aufgrund ihrer geographischen Lage waren die italienisch- und französischsprachigen Regionen der Schweiz früh und stark von Infektionen betroffen. Während des sanften Lockdowns hatte die Strukturerhaltung höchste Priorität, Arbeitsplätze wurden durch Kurzarbeit erhalten. Die Liquidität der Unternehmen wurde durch einfachen und raschen Zugang zu günstigen, staatlich garantierten Krediten gewährleistet. Doch aus Sicht der Autoren unternahm die Regierung zu wenig gegen eine Überschuldung der Wirtschaft. Sie rügen die mangelnde Unterstützung für Kapitalkosten.

Sebastian Vollmer, Nitya Mittal und Rupa Viswanath (alle Göttingen) beleuchten die Folgen der Pandemie in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs), in denen die Pandemie aufgrund des oft schlechten Gesundheitszustands der Bevölkerung und einer unzureichenden Gesundheitsinfrastruktur enorme menschliche und wirtschaftliche Schäden hervorrufen kann. Aus diesem Grund haben die Regierungen dieser Länder präventive Maßnahmen ergriffen, die sich in weiten Teilen an die Politik in den Industrieländern anlehnen. Die Autoren untersuchen die vorherrschenden Bedingungen, die sich auf die Morbidität und Mortalität im Zuge eines Covid-19-Ausbruchs auswirken könnten, und warnen, dass die Maßnahmen aufgrund der anders zusammengesetzten Erwerbsbevölkerung, dem schlechteren Zugang zu sozialer Sicherung und den ungünstigeren Lebensbedingungen als in den Industrieländern nicht unbedingt geeignet seien.

Im abschließenden Beitrag dieses Sonderheftes analysiert Wim Naudé (Maastricht und Aachen) die Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) und Big Data für eine intelligente Eindämmung der Covid-19-Pandemie. Aus seiner Sicht sind die politischen Reaktionen aufgrund der großen Unsicherheit nicht optimal. Der Mangel an Daten mindere die Genauigkeit epidemiologischer Modelle. Infolgedessen sei auch die KI noch nicht in der Lage, bei der Vorhersage, dem Tracking und der Diagnose von Covid-19-Infektionen wirklich zu helfen. Der Mangel an Trainingsdaten schränke die Verwendung von datenschutzsensitiven Tracing-Apps weiter ein. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Sammeln ausreichender und geeigneter, unverzerrter Daten, gewonnen auch aus Apps und groß angelegten diagnostischen Tests, eine Voraussetzung für die Verbesserung der Strategien zur Bewältigung der Krise ist. Angesichts der exorbitanten wirtschaftlichen Kosten der bisher angewandten, ziemlich groben Eindämmungsmaßnahmen müssten „intelligente“ Eindämmungsstrategien, die auf einer besseren Datenanalyse beruhen, eine Wiederaufnahme wirtschaftlicher Tätigkeit ermöglichen und verhindern, dass es zu weiteren Infektionswellen kommt.

Mit den sieben Beiträgen in diesem Sonderheft können wir eine Reihe von Aspekten der Corona-Krise beleuchten, aber sicher bei weitem nicht alle. Weitere Aspekte haben unsere Kollegen Rüdiger Bachmann (Notre Dame) und Christian Bayer (Bonn) in ihrem Podcast Coronomics gemeinsam mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen beleuchtet. Der Podcast sei jedem ans Herz gelegt; die Folgen sind unter https://tinyurl.com/Coronomics abrufbar. Weitere stets aktualisierte Analysen, Webinars und Veröffentlichungen finden sich zudem auf der Webseite des Centre for Economic Policy Research (CEPR) unter https://cepr.org/content/covid-19. Auch diese Informationsquelle sei empfohlen.

Neben den Autoren, die so schnell geliefert haben, gebührt ganz großer Dank an dieser Stelle einmal der Chefredaktion unserer Zeitschrift in Person von Karen Horn. Sie hat in Tag- und Nachtschichten in rekordverdächtigem Tempo die Beiträge redigiert, sodass wir in sehr kurzer Zeit ein Heft erstellen konnten, das hoffentlich auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, spannend und informativ finden.

Wie immer bin ich auch diesmal für Ihr Feedback jederzeit dankbar.

Justus Haucap

Twitter: @PerspektivenWP

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