Die Singularität der sozialen Logik in der Spätmoderne? Über Transformation, Konflikt und Raum in Andreas Reckwitz’ Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Symposiumsbeitrag zu: Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp 2017, 480 S., gb., 28,00 €

  • 1 TU Berlin, Institut für Soziologie, Berlin, Germany
Prof. Dr. Martina Löw
Symposiumsbeitrag zu: AndreasReckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp2017, 480 S., gb., 28,00 €

Andreas Reckwitz hat mit seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ eine Theorie der Moderne vorgelegt. Reckwitz gehört zu jenen Autoren, die den zweifachen Fragehorizont, der für die Soziologie konstitutiv ist, sehr ernst nehmen. Wie er einleitend zu einer im transcript Verlag unter dem Titel „Kreativität und Soziale Praxis“ erschienenen Publikation ausführt (Reckwitz, 2016: 7ff.), denkt er entlang der verschränkten Blickwinkel von Sozial- und Gesellschaftstheorie: Mit der sozialtheoretischen Frage trachtet ein Autor/eine Autorin danach zu verstehen, wie das Soziale gesellschafts- und epochenübergreifend bestimmt und erfasst werden kann. Es geht um den wissenschaftlichen Zugang zum Phänomen des Sozialen. Sozialtheorie versucht, die Grundbegriffe der Sozial- und Geisteswissenschaften zu bestimmen. Gesellschaftstheorie dagegen arbeitet auf dem begrifflichen Fundament, das die Sozialtheorien gelegt haben, fragt aber nach den Formen, Inhalten und Wirkungsweisen konkreter Gesellschaften – in der Regel nach der zeitgenössischen modernen Gesellschaft (zur Unterscheidung von Sozial- und Gesellschaftstheorie siehe auch Lindemann, 2014; Knoblauch, 2017: 11ff.). Durch ihre Ergebnisse wird Sozialtheorie herausgefordert und muss sich verändern.

Die Gesellschaft der Singularitäten erkundet nun, welche besondere Form die Gesellschaft der Moderne hervorbringt. Genauer gesagt, arbeitet Andreas Reckwitz mit der Annahme, dass in dieser Epoche, die wir Moderne nennen, seit den 1970er und 1980er Jahren ein Wandel stattgefunden hat, der es notwendig macht, nun von einer „spätmodernen“ Gesellschaft zu sprechen. Reckwitz hat sich auf den Weg gemacht, eine Analyse jener gesellschaftlichen Strukturprinzipien und Strukturdynamiken durchzuführen, die die derzeitige spätmoderne Gesellschaft von der klassischen modernen Gesellschaft unterscheiden, indem er – in Bezug auf das Verhältnis des Allgemeinen zum Besonderen – Zusammenhänge zwischen Feldern und Phänomenen wie Arbeitswelt, Digitalisierung, Lebensstile, Stadtentwicklung und Politik aufzeigt. Er erhebt nicht weniger als den Anspruch, die Moderne inklusive der Spätmoderne als soziale Formation in seiner Ganzheit zu denken.

Wenn man das Narrativ, das Reckwitz sehr detailliert und mit genauer Kenntnis der Empirie entfaltet, kurz zusammenfasst, dann klingt das wie folgt: Die klassische, industrielle Moderne ist von einer Logik des Allgemeinen, d. h. von Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung geprägt. In der Spätmoderne, so Andreas Reckwitz leitende These, findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft an die soziale Logik der Singularitäten verliert. Der Begriff der Singularität benennt „sozialkulturell fabrizierte Einzigartigkeit“ (51). Singularitäten werden auf eine Weise sozial produziert, die paradox ist, da „sich allgemeine Praktiken und Strukturen untersuchen lassen, die sich um die Verfertigung von Besonderheiten drehen“ (13).

Die Grundannahme, dass sich in den 1970er und 1980er Jahren (oder sagen wir in den langen 1960er Jahren, die bis in die 1990er Jahre hineinreichen) quantitativ und qualitativ ein Wandel vollzogen hat, der es notwendig macht, die Strukturen der nun spätmodernen Gesellschaft neu zu analysieren, ist überaus plausibel. Die Wandlungsprozesse wurden bereits in der Theoriebildung der 1970er Jahre beschrieben (z. B. Lefebvre, 2000; Lyotard, 1979; Deleuze/Guattari, 1997) und lassen sich durch aktuelle historische und soziologische Forschung weiter plausibilisieren. Osterhammel und Petersson (2012) z. B. betonen, dass die historisch schon seit Jahrhunderten sich abzeichnende Globalisierungsgeschichte ab den 1970er Jahren eine neue Qualität gewinnt. Aus soziologischer Sicht argumentiert z. B. Uwe Schimank (2013) am Beispiel der BRD, dass in den 1970er Jahren ein Scheitelpunkt gesellschaftlichen Umbruchs anzusetzen ist. Manuel Castells arbeitet heraus, dass mit der Durchsetzung eines „space of flows“ ab den 1980er Jahren sich Kommunikationsstrukturen entscheidend verändern und damit eine enorme Komplexitätssteigerung sozialer Beziehungen bewirkt wird (Castells, 1996). Alle Debatten um Postmoderne (Bauman, 1997), eine Radikalisierung der Moderne als „zweite Moderne“ (Beck/Bonß, 2001) oder als „späte Moderne“ (Giddens, 1995: 70) weisen in die Richtung einer Restrukturierung der Moderne.

Es besteht also für die Soziologie die Notwendigkeit und – angesichts der politischen Kämpfe, Verschiebungen und Verwerfungen, die wir in Europa und den USA derzeit beobachten müssen – auch die Verantwortung, weiter danach zu streben, diese spätmoderne Gesellschaft in ihren Strukturen zu begreifen. Andreas Reckwitz hat hierzu einen sehr überzeugenden Beitrag geleistet. Er spielt in dem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ in kurzen Momenten mit der Möglichkeit, es könnte sich angesichts der Dramatik der Veränderungen nicht nur um eine späte Moderne, sondern sogar um einen Epochenbruch handeln (z. B. 430), plädiert dann aber dafür, zunächst einmal von Verschiebungen auszugehen, die eine andere Beschaffenheit der Gesellschaft hervorbringen. Allen, die reflexhaft einwenden, alles was Reckwitz beobachtet, sei doch auch schon früher dagewesen, mag das Bild eines ganz anderen Qualitätswechsels helfen: die Verwandlung von Wasser in Eis. Alle Bestandteile existierten auch zuvor, aber mit der Wandlung ist die Beschaffenheit eine andere. Die Qualität der spätmodernen Gesellschaft wird bestimmt dadurch, so Reckwitz, dass die Logik des Besonderen das Primat erhält. Es macht einen Unterschied, ob Max Weber dem Magier, Propheten oder Herrscher die Eigenschaft des Charismas zuschreibt oder ob kreative Milieus und sukzessive alle Menschen den Anspruch auf Originalität erheben (59). Dabei – und deshalb bleibt die Gesellschaft für Reckwitz modern – wirkt die Logik der Singularitäten in einem umfassenden Sinne: „Die soziale Logik des Besonderen betrifft sämtliche Dimensionen des Sozialen: die Dinge und Objekte ebenso wie die Subjekte, die Kollektive, die Räumlichkeiten ebenso wie die Zeitlichkeiten“ (12, kursiv im Original).

Um es vorweg zu nehmen: Mich überzeugt das Buch in vieler Hinsicht. Andreas Reckwitz kann plausibel darlegen, dass die soziale Logik des Besonderen für viele Phänomene der spätmodernen Gesellschaft hohe Erklärungskraft besitzt. Ohne Zweifel sind Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung wesentliche Kennzeichen der klassischen Moderne und Andreas Reckwitz erklärt nachvollziehbar, welche Verschiebungen im Feld Allgemein-Besonders stattgefunden haben.

Mein Anliegen ist es – vor dem Hintergrund, dass ich selbst zur Re-Figuration von Räumen und damit zum Gesellschaftswandel seit den langen 1960er Jahren im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1265 in Berlin arbeite –, Reckwitz Überlegungen zum „Wie“ des Wandels zu diskutieren. Konkret stellen sich mir Fragen (die durchaus auch durch Reckwitz Arbeit angeregt wurden) bezüglich der impliziten Singularität der sozialen Logik der Spätmoderne sowie auch zur relativen Konfliktfreiheit des Wandels.

Meine erste Frage ist, ob die Annahme überzeugend ist, dass die klassische Moderne einer sozialen Logik folgt und vor allem auch, ob die Spätmoderne – trotz Besonderungsstrategien – einer sozialen Logik folgt. Reckwitz scheint dies nahezulegen, wenn er erstens die klassische Moderne eindeutig und dominant über die soziale Logik des Allgemeinen definiert (28) und zweitens nicht ernsthaft in Betracht zieht, dass in der Spätmoderne gerade aufgrund der Besonderungsstrategien mehrere dominante Logiken strukturbildende Kraft entwickeln, so dass die soziale Logik der Singularität zu anderen Logiken ins Verhältnis gesetzt werden muss. Ich gebe ein Beispiel: Hätte ich das Buch aus raumtheoretischer Perspektive geschrieben, so stände auf dem Klappentext des Buches nicht „spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre“, sondern „spätmoderne Gesellschaften feiern das Fluide“. Raumsoziologischer Konsens ist es, dass die soziale Logik der Territorialität (auch eine Form der Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung), die als dominante Logik die Moderne bis in die 1970er Jahre hinein strukturierte (siehe ausführlich Maier, 2000), von stärker netzwerkförmigen und fluideren sozialen Raumlogiken überschrieben wurde bzw. in ihrer dominanten Rolle bedroht wird (Knoblauch/Löw, 2017). Auch Reckwitz sieht diese Veränderung. Er deutet aber gerade im Kontext von Digitalisierung das Netz (ohne Raumbezug) vor allem als einen „Transformationsriemen“ der Kulturalisierung und der Fabrikation von Singularitäten (228).

Dagegen geht er in einem anderen Zusammenhang von einer „grundsätzliche(n) Transformation räumlicher Strukturen“ (8) aus: Seit den 1970er und 1980er Jahren wandelten sich „die austauschbaren Räume der klassischen Moderne“ (ebda) und an ihre Stelle träten „nun wiedererkennbare einzelne Orte mit je eigener Atmosphäre“ (ebda). In der klassischen Moderne ist der Raum „insofern extensiv und er ist seriell, als sich durch ihn über lokale Kontexte hinweg identische Strukturen verbreiten, die Serien des Gleichen bilden“ (39). Die klassische Moderne setze ein Container-Modell des Raums in soziale Realität um. Tätigkeiten würden Räumen zugewiesen.

Wenn Räumlichkeiten nun singularisiert werden, so die Beobachtung von Reckwitz, dann werden sie als Orte wahrgenommen. Die Unterscheidung von space und place meine eben jene Differenz zwischen einer sozialen Logik des Allgemeinen und einer der Einzigartigkeiten (60). „Orte sind singuläre Räume, in denen dingliche Objekte so arrangiert und mit Bedeutung und Offerten für Wahrnehmungen versehen werden, dass sie [...] als Eigenkomplexität mit besonders komponierter räumlicher Dichte erfahren werden“ (60f.). Diese raumstrukturelle Umstellung zeige sich auch auf der Ebene von Städten. Bereits die klassische Moderne war eine urbanisierte Gesellschaft (382), doch seit den 1980er Jahren rücken Städte als politische Zentren in den Blick. Städte profilieren sich über ihre kulturelle Einzigartigkeit (oder versuchen es zumindest). Sie „entfalten in ihrer materiellen (städtebaulichen und architektonischen) Gestalt, in ihren sozialen Praktiken und in ihrer kulturellen Wahrnehmung eine von den Bewohnerinnen und Besuchern selbst so erlebte und zugleich ökonomisch und staatlich gezielt geförderte Unverwechselbarkeit“ (384). Es habe immer eigensinnige Inszenierungen gegeben, man könne auch Standardisierung als historischen Ausnahmefall denken, aber seit den 1980er Jahren beginnen Städte sich erstmalig umfassend als „Marke“ und lebenswertes, eigensinniges Umfeld zu inszenieren (385). Städte bemühen sich, eine lokale Eigenlogik zu entwickeln (8f.). Venedig und Paris sieht Reckwitz als Prototypen für eigenlogische Orte.

Mein Einwand ist nicht, dass die Darstellung des Wandels falsch ist. Zwar gehe ich davon aus, dass Städte Vergesellschaftungseinheiten bilden, die immer (also nicht nur in der Spätmoderne) Eigenlogiken entwickeln, doch teile ich die Interpretation von Reckwitz, dass erst in der Spätmoderne Eigenlogiken in umfassenden Maße gesucht, erkundet und inszeniert werden. Meine Frage ist vielmehr, wie lassen sich spätmoderne Raumformationen in die Analyse der Gesellschaft als Ganzes integrieren, die nicht mehr standardisierter Raum (also Territorium) und doch auch nicht Ort sind. Nationalstaat, Zone, Lager, Kolonie sind klassisch moderne Raumformationen, die der Logik von Standardisierung, Serialität, Containerisierung entsprechend funktionieren. Immer bedeutsamer werden – neben den Orten, die Reckwitz so klar erfasst – nun auch Räume, die einer sozialen Logik der Vernetzung und des Fluiden folgen (Schichten, Clouds, Bahnen, Netze etc., siehe Löw, 2018). Sie geben Hinweise darauf, dass die soziale Logik der späten Moderne nicht nur von Singularitäten, sondern auch von anderen, noch genauer zu erfassenden sozialen Logiken geprägt ist.

Es schmälert den Wert des Buches keineswegs, dass Andreas Reckwitz nicht darüber nachdenkt, ob und ggf. wie die Neukonfiguration der Vergesellschaftung durch die soziale Logik der Singularitäten zu anderen (neuen) Logiken im Verhältnis steht. Es scheint mir aber notwendig, perspektivisch die Muster, Typen und Konstellationen, die sich in der sozialen Fabrikation von Einzigartigkeiten ergeben, zu anderen Konstellationen, die die Spätmoderne hervorbringt, ins Verhältnis zu setzen. Ich denke hier z. B. auch an das Verhältnis zwischen „Kosmopoliten und Sesshaften“ (431), das Andreas Reckwitz in erster Linie als Problem von Entwertung und Aufwertung in der Spätmoderne erfasst, das aber auch als Konstellation beschrieben werden kann, in der sich der Umbau zur spätmodernen Gesellschaft in einer weiteren neuen sozial-räumlichen Logik artikuliert. Die Kosmopoliten sind an Singularität orientiert, sie suchen außergewöhnliche Orte, aber sie etablieren auch zirkuläre Raumformate, die nicht über den Ort allein erfasst werden können und die vor allem anhaltend im Konflikt zu den territorialen Konzepten der Sesshaften stehen.

Damit komme ich zu meiner zweiten Frage an das Buch. Muss man den Wandel selbst nicht konflikthafter denken und zwar auf eine Weise, in der es nicht Krisen nach dem Wandel gibt, sondern der Wandel konflikthaft andauert (oder anders, muss man nicht Refiguration als konflikthaften Prozess denken)? Liest man die Aussagen des Autors einmal konsequent unter der Frage, wie er den Wandel denkt, dann erfährt man:

Der Strukturwandel, den Reckwitz untersucht, ersetzt nicht eine soziale Logik durch eine andere, sondern beschreibt die veränderte Relation zwischen der sozialen Logik des Besonderen und des Allgemeinen. Beide Strukturprinzipien existieren in der Moderne durchgängig, aber das Dominanzverhältnis hat sich verschoben. In erster Linie folgt Andreas Reckwitz einem Phasenmodell (41). Zwischen den Phasen (hier der klassischen Moderne und der Spätmoderne) erkennt er einen zweifachen strukturellen „Bruch“ (15), der durch den Wandel von der industriellen Ökonomie zum Kulturkapitalismus und durch die digitale Revolution ausgelöst wird. Prozessiert wird dieser Bruch über Praktiken, welche sich im Strukturwandel ändern und neue Praktiken nach dem Bruch als dominant herausbilden: Insbesondere beruht die Fabrikation von Singularitäten für Reckwitz ganz wesentlich auf Praktiken der Produktion, Praktiken der Beobachtung, Praktiken der Bewertung und Praktiken der Rezeption.

Selbstverständlich denkt Andreas Reckwitz über Konflikte nach. Diese sieht er in einer Reihe von Krisenmomenten der spätmodernen Gesellschaft (432), z. B. enttäuschte Erwartungen, stärkere Ungleichheit, Steuerungsverlust der Politik. Nicht in den Blick kommt, was ich als Polykontexturalität des Handelns bezeichnen möchte, nämlich die fast gleichzeitige Bezugnahme auf unterschiedliche Logiken. Die gerade neu entstandene Smart City Songdo in Südkorea ist eine auf Reproduktion angelegte Stadt (daher standardisiert) mit generalisierender top down Planung (insofern wäre sie typisch für die klassische Moderne), und zugleich finden sich in den Planungspraktiken viel deutlichere Besonderungsstrategien, als es bei Le Corbusier denkbar gewesen wäre (z. B. neu gebaute Klone von asiatischen Häusern oder Shopping Malls sogenannter Stararchitekten). Schaut man auf die Praktiken, wie Reckwitz dies tut, dann sieht man eine gleichzeitige Bezugnahme auf soziale Logiken der Generalisierung und der Singularisierung. Es mag perspektivisch die Logik der Singularitäten die Überhand gewinnen und Songdo zur kulturellen Besonderheit werden. Derzeit jedoch (also im Wandel) fordert Songdo von den Bewohner/-innen eine hohe Toleranz gegenüber Widersprüchen und flexible Bezugnahme auf beide Logiken fast gleichzeitig. Wer nun geneigt ist einzuwenden, Reckwitz Argumentation treffe doch vor allem für westliche Gesellschaften zu, der sei daran erinnert, dass auch in der Art und Weise, wie viele öffentliche Räume, Bahnhöfe, Hotels gebaut werden, Logiken von Standardisierung (Praktiken der immer gleichen Anordnung von Zimmern, Fluren, Lichtschaltern, Möbeln in Hotels z. B.) Praktiken der Besonderung (Design, Ortsbildung oder persönliche Ansprache etc.) konfrontieren. Nun kann man mit Andreas Reckwitz noch einwenden, dass die Planungsfantasien der Steuerung an der Spätmoderne abprallen, da diese ihre Dynamik nicht aus der Politik, sondern aus dem „hyperkulturellen Dreieck, das die Ökonomie der Singularitäten, die Kulturmaschine der digitalen Technologien und der singularistische Lebensstil der neuen Mittelklasse betrifft“ (442), beziehen. Doch da die Smart City kaum als ein Produkt von Politik, sondern in vielerlei Hinsicht auch und vor allem als Investition der Immobilienbranche, als Produkt der digitalen Technologie und des Kultursektors entsteht, entlässt sie uns nicht so leicht aus der Frage nach der Möglichkeit ihrer Existenz in der späten Moderne.

Andreas Reckwitz Buch ist zunächst einmal von dem Bestreben getragen, deutlich zu machen, dass die soziale Logik heute von Singularitäten geprägt ist. Vor diesem Hintergrund macht es nun im nächsten Schritt Sinn, die Praktiken weniger darauf hin zu untersuchen, wo sie eine Orientierung an Singularitäten aufweisen (das wissen wir nun), sondern wie es heute gelingt und wann es notwendig wird, sich an sich widersprechenden Logiken des Allgemeinen und des Besonderen gleichzeitig zu orientieren. Das sollte Einsichten darin ermöglichen, in welchen Konflikten spätmoderne Individuen handeln. Der Begriff der Polykontexturalität mag hier weiterhelfen. Ebenso wie wir beschleunigt handeln, handeln wir auch polykontexturaler, müssen und können unterschiedliche Logiken im Handeln kombinieren, wie komplex und konflikthaft für den einzelnen und die soziale Gruppe das auch immer sein mag. Das wird umso relevanter, wenn die Soziologie mit und nach Reckwitz’ Buch sich auch der Frage widmet, welche anderen sozialen Logiken neben der Relation von Allgemeinheit-Singulariäten ähnliche Erklärungskraft haben und wie sie (ggf.) verschiedene Logiken in ein Verhältnis bringen kann.

Gerade angesichts aktueller Konflikte um Zuwanderung und Asylpolitik zeigt sich, dass die spätmoderne Gesellschaft nicht nur Gewinner und Verlierer hervorbringt, sondern wir auch Kämpfe um den Geltungsanspruch der einen oder der anderen Logik beobachten müssen. Raumsoziologisch ist das offensichtlich: Da stehen soziale Logiken der Territorialisierung oft unvereinbar gegen Logiken globaler Zirkulation. Sollte es diese Konflikte um die Durchsetzung oder Verteidigung zwischen Singularisierung und Standardisierung nicht auch geben? Mir erscheint es aufschlussreich, die politische Frage nach den Folgen der Umstrukturierung nicht in erster Linie – wie Andreas Reckwitz das tut – als Frage nach den Verlierern zu stellen, sondern auch als Kampffeld mit doxischen Glaubenssätzen zu betrachten, bei dem sich die Vorzeichen geändert haben (d. h. die Singularitätslogik hat an Dominanz gewonnen).

Von wegen Kampffeld: Andreas Reckwitz weist zu Recht darauf hin, dass die Neujustierung der Relation zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen auch die Soziologie betrifft: „Dies muss die Soziologie provozieren, die als eine wissenschaftliche Disziplin in der industriellen Moderne entstand und lange in diesem Rahmen ihre Grundbegriffe gefunden hat“ (429). Andreas Reckwitz vertieft den Gedanken nicht weiter. Die Vergangenheitsform „gefunden hat“ legt nahe, dass die Soziologie ihr klassisch modernes Kleid abgelegt hat. Doch stimmt das? Richard Münch (2018) attestiert der Soziologie, zwischen Fragmentierung und Einparadigmenherrschaft zu stehen. Klingt das nicht nach Allgemeinheitsanspruch versus Singularitäten? Generalisierung versus Typisierung? Andreas Reckwitz will dazu anregen, darüber nachzudenken, „welche persönlichen und politischen Konsequenzen aus dieser gesellschaftlichen Konstellation zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu ziehen sind“ (23). Ich hoffe, es gelingt ihm, dazu anzuregen, dass die Soziologie, also eine Wissenschaft, deren Logik eng mit einer Generalisierungsvorstellung im Gesellschaftsbegriff, dem Standardisierungsbegehren in der Datenerhebung und der Formalisierung durch Verfahren verbunden ist, auf die spätmoderne Herausforderung des Primats der Singularitäten reagiert, indem sie sich über die gemeinsam geteilte Verfangenheit in der Moderne (d. h. auch in der Spätmoderne) verständigt. Auch deshalb würde ich den Prozess der gesellschaftlichen Restrukturierung konflikthafter denken als Andreas Reckwitz es in seinem Buch anlegt, aber nur mit „Der Gesellschaft der Singularitäten“ ist all dies überhaupt denkbar.

Literatur

  • Bauman, Z. Postmodernity and its Discontents; New York University Press: New York, 1997.

  • Beck, U.; Bonß, W., Hrsg. Die Modernisierung der Moderne; Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2001.

  • Castells, M. The Rise of the Network Society; Blackwell: Oxford, 1996.

  • Deleuze, G.; Guattari, F. Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus; Merve: Berlin, 1997 [1980].

  • Giddens, A. Konsequenzen der Moderne; Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1995.

  • Knoblauch, H. Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit; Springer VS: Wiesbaden, 2017.

  • Knoblauch, H.; Löw, M. On the Spatial Re-Figuration of the Social World. Sociologica 2017, 2, 1–27.

  • Lefebvre, H. La production de l’espace; Éditions Anthropos: Paris, 2000 [1974].

  • Lindemann, G. Weltzugänge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen; Velbrück: Weilerswist, 2014.

  • Löw, M. Vom Raum aus die Stadt denken. Grundlagen einer raumtheoretischen Stadtsoziologie; transcript: Bielefeld, 2018.

  • Lyotard, J.-F., La condition postmoderne; Editions de Minuit: Paris, 1979.

  • Maier, C. S. Consigning the Twentieth Century to History: Alternative Narratives for the Modern Era. American Historical Review 2000, 105, 807–831.

  • Münch, R. Soziologie in der Identitätskrise: Zwischen totaler Fragmentierung und Einparadigmenherrschaft. Zeitschrift für Soziologie 2018, 47, 1–6.

  • Osterhammel, J.; Petersson, N. P. Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen; C. H. Beck: München, 2012.

  • Reckwitz, A. Kreativität und soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie; transcript: Bielefeld, 2016.

  • Schimank, U. Gesellschaftsmodelle und Gesellschaftsanalyse. In Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands ; Mau, S.; Schöneck, N. M., Hrsg.; Springer VS: Wiesbaden, 2013; pp 331–343.

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  • Bauman, Z. Postmodernity and its Discontents; New York University Press: New York, 1997.

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