Klotz, Peter. 2017. Modifizieren. Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung. Berlin: Erich Schmidt Verlag. 214 S., 39,80 €, ISBN 978-3-5031-7169-9

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Steffen-Peter Ballstaedt
Klotz, Peter. 2017. Modifizieren. Aspekte pragmatischer und sprachlicher Textgestaltung. Berlin: Erich Schmidt Verlag. 214 S., 39,80 €, ISBN 978-3-5031-7169-9

Vorspann

Schon im Vorwort wird der oder die Lesende auf einen komplexen und schwierigen Text eingestimmt. Der Autor verspricht eine Entdeckungsreise durch explorative Studien, die es auch willigen Rezipienten nicht leicht macht. Tatsächlich umkreist der Text sein Thema mit zahlreichen Wiederholungen, Verzweigungen und Exkursen, man verliert als Lesender oft die Orientierung.

Allpräsenz des Modifizierens

Beim Modifizieren geht es um vielfältige sprachliche Möglichkeiten, Aussagen durch Beifügung von sprachlichen Zusätzen zu verändern und zu kommentieren, um die subjektive Einstellung des Sprachproduzenten zu vermitteln. Klassische Beispiele sind die Modalverben, Modaladverbien und Modalpartikel, sowie eine Menge anderer Ausdrucksformen wie Verbmodus, Genus verbi usw. Peter Klotz vertritt einen breiten pragmalinguistischen Ansatz: Modifizieren wird als eine komplexe Sprachhandlung in einer kommunikativen Situation verstanden, die mit bestimmten Intentionen vollzogen wird und bestimmte Wirkungen erreichen soll. „Es geht um Versuche, etwas so zu sagen, wie man es meint, und es geht um die Versuche, den eigenen Ausdruck an das anzunähern, was der Sache, der Situation, dem Kommunikationspartner selbst angemessen ist“ (S. 21). Inhalte können durch Modifizieren bestätigt, präzisiert, eingeschränkt, expandiert, gewichtet, differenziert, nuanciert, korrigiert oder negiert werden. Das Inventar der Modalisierungsmittel ist umfangreich, es kann über die Wortwahl, die Satzgestaltung, die Abfolge der Textsegmente alle Aspekte der Textgestaltung umfassen. Ein manifester Text wird als „Ergebnis von Denkweisen und Formulierungsentscheidungen“ gesehen (S. 27). Wilhelm Köller (1995), auf den sich Klotz oft bezieht, bezeichnete „Modalität als sprachliches Grundphänomen“, Klotz spricht von der „Allpräsenz“ des Modifizierens. Es gibt keinen Text ohne Modifizierungen.

Mit diesem weiten Ansatz wird aber aus der Theorie des Modifizierens unversehens eine Theorie der sprachlichen Kommunikation, zumindest der Sprachproduktion. Das sieht der Autor auch: „Nun ließe sich einwenden, dies sei ein zu weites und offenes Verständnis von Modifizieren, weil ja so alle differenzierenden Texte als modifizierend anzusehen wären [...].“ Aber er wischt die vorweggenommene Kritik vom Tisch: „Ein solcher Einwand ist einerseits völlig berechtigt, andererseits besteht eigentlich immer ein kommunikatives Kontinuum, das [...] sehr häufig von Modifizierungen geprägt wird“ (S. 25).

Was wird modifiziert?

Eine Implikation des Ansatzes bleibt unausgesprochen: Modifizieren setzt ja eine Art Grundform voraus, die dann verändert wird. Aber haben wir erst ein basales Wort oder einen basalen Deklarativsatz im Kopf, die wir dann in einem weiteren Schritt modifizieren? Vielmehr starten wir in der Sprachproduktion bereits mit einer situativen und adressatenorientierten Fokussierung, die dann eine perspektivische Modifizierung hervorbringt. Judith Macheiner (1991), die literarische Formulierungen daraufhin überprüft, ob sie auch anders formuliert werden könnten, kommt zu dem Schluss „Alle Sätze haben Perspektive“, d. h. in der Formulierung liefert der Absender immer schon seine Sicht des Inhalts mit. Wenn wir immer schon modifizieren, dann können wir nur eine schlechte gegen eine bessere Modifizierung ersetzen. Modifizieren ist der Versuch, das Verstehen beim Adressaten im Sinne des Absenders zu steuern. Es soll eine Abkehr von Konventionen, eine thematische Verschiebung, ein Perspektivenwechsel, eine Neuorientierung, eine Einstellungsänderung usw. erreicht werden. Im sozialen Bereich wird auch durch „Täuschung, Lügen und Verschleiern“ modifiziert (S. 59).

Mehr Schreib- als Redeweisen

Peter Klotz spricht zwar von „Rede- und Schreibweisen“, aber sein Ansatz ist vor allem an schriftlichen Texten orientiert. Dabei verläuft Modifizieren beim Sprechen und Schreiben recht unterschiedlich, denn die kommunikative Situation ist verschieden. Beim Sprechen ist Modifizieren eine spontane Maßnahme der Verständnissicherung, ein Suchen nach dem treffenden Ausdruck in der spezifischen Situation mit konkreten Adressaten, oft nach einem Missverständnis. Dazu kommen die modifizierenden Möglichkeiten der Prosodie. Beim Schreiben produzieren wir einen Entwurf, der dann überarbeitet, sprich modifiziert wird, wenn das Geschriebene inhaltlich oder kommunikativ nicht das Gemeinte ausdrückt: Da beim Schreiben immer Neues ausgedrückt werden soll, weil Begriffe erweitert oder differenziert werden, ist Schreiben eine reflektierende, epistemische Tätigkeit, ein Entwickeln von Gedankengängen. Und das Lesen ist eine Form angeleiteten Denkens. Als Beispiele dienen Peter Klotz vor allem literarische Texte und ein paar anspruchsvolle Essays, an denen der Autor überzeugend zeigt, dass jedes Wort treffend an der richtigen Stelle steht! Wohl kein Zufall, dass Texte von Kleist dominieren! Die mündliche Alltagskommunikation kommt dabei zu kurz.

Gestalttheorie als Basis?

Noch eine Randbemerkung: Am Anfang des Buches kündigt Klotz an, Basis seiner Studie sei die Gestalttheorie und er bezieht sich dabei auf das Buch von Rudolf Arnhein „Kunst des Sehens“ (S. 19). Aber dazu findet man nur oberflächliche Verwendungen von Begriffen wie die „Geschlossenheit des Textes“ (S. 140) oder der „Text als funktionales Gefüge“ (S. 138). Hier hätte man gern etwas mehr über eine gestalttheoretische Texttheorie gelesen, denn so schlicht lässt sich eine Theorie der Bildwahrnehmung nicht auf die Textrezeption übertragen.

Im germanistischen Gärtlein

Peter Klotz verbleibt in seinem germanistischen Umfeld, er wirft keinen Blick über den Gartenzaun. „Innerfachlich ist dies eine textwissenschaftliche, Pragmatik und Grammatik verbindende Studie“ (S. 30). Es fehlt der Anschluss an aktuelle psycholinguistische und kognitionspsychologische Ansätze der Sprachproduktion und des Sprachverstehens. Dazu nur einige Anmerkungen. Bei Theo Herrmann (2006) ist die Modifizierung in der „Erzeugung der kognitiven Äußerungsbasis“ bereits eingebaut. Auch relevanztheoretische Ansätze brauchen kein gesondertes Modifizieren (Carston 2012). Statt bei der modifizierenden Wortwahl auf Wortfeld- und Isotopietheorie zurückzugreifen, wäre ein Blick auf psycholinguistische Theorien der Wortbedeutung sinnvoll, wo ein Wort eine Adresse für ein semantisches Netz ist, aus dem in einer konkreten Äußerung im Kontext und Kotext nur ein Subnetz aktiviert und im Verstehen verändert wird (z. B. Kintsch 2011). Ein wenig Interdisziplinarität wäre hier nützlich.

Sprachbewusstsein: Sag’s anders!

Da Peter Klotz einen Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur besetzt, ist man auf das angewandte Kapitel gespannt. Nachdem im Verlauf des Textes Modifizieren als „Bewusstheit des sprachlichen Tuns“ (S. 15), als „anspruchsvoller Sprachgebrauch“ (S. 124), als „Sprachhandlung des Bewusst-anders-Sagens“ (S. 195), als „verfeinerte Kulturtechnik“ und als „kommunikatives Werkzeug“ (S. 197) umschrieben wurde, sind die didaktischen Wegweiser schon aufgestellt. Der Titel „Didaktische Aspekte pragmatischen Begleitbewusstseins“ bestätigt die Richtung. Modifizieren als Lehr-Lern-Gegenstand soll ein altes Ziel des Deutschunterrichts wieder aufgreifen: Die Entwicklung eines reflektierten und differenzierten Sprachgebrauchs, heute spricht man von language awareness. Erreichbar ist das einmal durch Wortschatzarbeit und Kenntnis des Modalsystems, vor allem aber durch einen „pragmatic turn“ in der Deutschdidaktik, der die Sprechakttheorie und die sprachliche Kommunikation in den Fokus rückt. Als Methode schlägt der Autor das heuristische Schreiben vor, bei dem selbstverfasste Texte überarbeitet, sprich modifiziert werden, um sie besser an die kommunikative Situation und die Adressaten anzupassen. Diese Arbeit am Text soll pragmatisches Begleitbewusstsein und Modifizierungskompetenz hervorbringen.

Abspann

Man liest das Buch durchaus mit Gewinn, die Beobachtungen und Reflexionen über den Sprachgebrauch sind subtil. Nach der Theorie von Peter Klotz ist das ganze Buch selbst eine Modifizierung, da konsequent eine Sichtweise auf die Sprachproduktion durchgezogen wird.

Literatur

  • Carston, Robyn. 2002. Thoughts and utterances. The pragmatics of explicit communication. Oxford: Blackwell.

  • Kintsch, Walter. 2011. The construction of meaning. In: Topics in Cognitive Science, 3, 346–370.

    • PubMed
    • Export Citation
  • Köller, Wilhelm. 1995. Modalität als sprachliches Grundphänomen. In: Der Deutschunterricht, 4, 37–50.

  • Macheiner, Judith. 1991. Das grammatische Varieté oder die Kunst und das Vergnügen, deutsche Sätze zu bilden. Frankfurt am Main: Eichborn.

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  • Carston, Robyn. 2002. Thoughts and utterances. The pragmatics of explicit communication. Oxford: Blackwell.

  • Kintsch, Walter. 2011. The construction of meaning. In: Topics in Cognitive Science, 3, 346–370.

    • PubMed
    • Export Citation
  • Köller, Wilhelm. 1995. Modalität als sprachliches Grundphänomen. In: Der Deutschunterricht, 4, 37–50.

  • Macheiner, Judith. 1991. Das grammatische Varieté oder die Kunst und das Vergnügen, deutsche Sätze zu bilden. Frankfurt am Main: Eichborn.

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