„Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“ Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie

Niklas Luhmann 1
  • 1 Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld, PF 100131, D-33501 Bielefeld

Zusammenfassung

Seit dem Beginn ihrer akademischen Karriere hat die Soziologie sich ihrem Gegenstand auf zwei verschiedene Weisen genähert: in einer positivistischen und einer kritischen Einstellung. Bedeutende Theorien, etwa die von Karl Marx oder die von Emile Dürkheim, haben jeweils eine Seite dieser Unterscheidung bevorzugt, konnten dabei aber die andere Seite nicht ignorieren. Als empirische Wissenschaft hat die Soziologie ein Interesse an latenten Strukturen entwickelt, als kritische Theorie ein Interesse an inkongruenten Perspektiven, die erklären konnten, daß die soziale Realität nicht das ist, als was sie erscheint. Jeder Versuch, auf der Basis dieser Unterscheidung eine einheitliche Theorie der Gesellschaft aufzubauen, mußte deshalb in ein Paradox führen: Vorderseite und Rückseite, manifeste und latente Strukturen hätten dann als Dasselbe dargestellt werden müssen. Unter diesen Vorgaben war es daher nicht möglich, eine Theorie der Gesellschaft zu entwickeln, die der fachlichen wie der öffentlichen Nachfrage hätte entsprechen können. Zur Zeit scheint sich diese Ausgangslage zu ändern in einer Radikalität, über die sich die Soziologie noch nicht im klaren zu sein scheint. Interdisziplinäre Diskussionen erörtern Theorien selbstreferentieller Systeme, autopoietische Schließung, Kybernetik zweiter Ordnung als Kybernetik beobachtender Systeme und konstruktivistische Voraussetzungen für Informationserarbeitung und Erkenntnis. Diese Anregungen könnten genutzt werden, um die Gesellschaft als ein sich selbst beobachtendes System zu begreifen, das seine eigene Identität definiert, aber in dieser Selbstbeschreibung zugleich einen imaginären „unmarked space“ erzeugt, der genutzt werden könnte, um das System in ganz anderer Weise zu unterscheiden und zu beschreiben.

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