“Making up people”1 globally. Die Institutionalisierung globaler Personenkategorien am Beispiel Indigener Völker und Menschen mit Behinderungen

‘Making up people’1 globally. Institutionalizing “indigenous peoples” and “persons with disabilities” as Global Categories

  • 1 Universität Tübingen, Wilhelmstr. 36, 72074 Tübingen, Tübingen, Germany
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Hannah Bennani
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  • Universität Tübingen, Institut für Soziologie, Wilhelmstr. 36, 72074 Tübingen, Tübingen, Germany
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  • Hannah Bennani, geb. 1981 in Saarbrücken. Studium der Soziologie in Bielefeld. Promotion in Luzern. Von 2010–2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld und an der Universität Luzern; seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Forschungsschwerpunkte: Soziologie der Humandifferenzierungen (v. a. Indigenität, Behinderung, Geschlecht), Soziologie der Quantifizierung und des Vergleichs, Weltgesellschaftsforschung, Soziologie der Menschenrechte.Wichtigste Publikationen:Die Einheit der Vielfalt. Zur Institutionalisierung der globalen Kategorie „indigene Völker“, Frankfurt am Main/New York2017Indigenenrechte sind Menschenrechte – Zur Institutionalisierung einer globalen Kategorie und ihrer Verortung im Feld der Menschenrechte, in: B. Heintz & B. Leisering (Hrsg.), Menschenrechte in der Weltgesellschaft. Deutungswandel und Wirkungsweise eines globalen Leitwerts, Frankfurt am Main/New York 2015.
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and Marion Müller
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  • Universität Tübingen, Institut für Soziologie, Wilhelmstr. 36, 72074 Tübingen, Tübingen, Germany
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  • Marion Müller, geb. 1973 in Mainz. Studium der Soziologie und Kulturanthropologie in Mainz. Promotion in Bielefeld. Von 2002–2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin und von 2013–2016 Juniorprofessorin für Soziologie (mit dem Schwerpunkt Kultur- und Wissenssoziologie) an der Universität Trier; seit 2016 Professorin für Soziologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Forschungsschwerpunkte: Soziologie der Humandifferenzierungen, Soziologie des Körpers und des Sports, Weltgesellschaftsforschung.Wichtigste Publikationen:Von Männern mit Karbonprothesen und Frauen mit Hyperandrogenismus – Unvergleichbarkeitskonstruktionen im Sport, in: S. Hirschauer (Hrsg.), Un/doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierungen, Weilerswist 2017, S. 205–233.„The evils of racism and the wealth of diversity“ – Zum Bedeutungswandel der Rassenkategorie in den UN-Weltkonferenzen gegen Rassismus, in: Zeitschrift für Soziologie 43(6): 402–420.
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Zusammenfassung

Im Zentrum des Beitrags steht die Frage nach der Herstellung und Etablierung globaler Personenkategorien im Kontext internationaler Politik. Am Beispiel der beiden noch relativ jungen Personenkategorien der „indigenen Völker“ und „Menschen mit Behinderungen“ werden Institutionalisierungsprozesse rekonstruiert und Mechanismen für die Globalisierung der kategorialen Reichweite vergleichend herausgearbeitet. Die Analyse von Textdokumenten nationaler und internationaler Organisationen zeigt sowohl einen begrifflichen Wandel der Kategorien als auch damit verbundene semantische Bedeutungsverschiebungen hin zu einer Kulturalisierung und einer Vermenschenrechtlichung. Durch die Fokussierung auf die globale Entstehung und den Wandel von Personenkategorien schließt der Beitrag die bislang eher an nationalen bzw. lokalen Kategorisierungspraktiken interessierte Soziologie der Humandifferenzierung an die Weltgesellschafts- und Globalisierungsforschung an.<fnote> Hacking 1986</fnote>

Die Welt2 wird in den vergangenen Jahrzehnten als immer vielfältiger und pluralistischer beschrieben. So hat sich das „Personal“ der Weltgesellschaft in den letzten 50 Jahren erheblich diversifiziert: Während in den 1960er Jahren auf der Bühne der internationalen Politik noch vorwiegend „Völker“, „Rassen“ oder „entwickelte und unterentwickelte Länder“ adressiert wurden, geht es heute auch um „Frauen“, „Kinder“, „nationale, ethnische, sprachliche oder religiöse Minderheiten“, „indigene Völker“, „Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT)“ oder „Menschen mit Behinderungen“. Diese Kategorien sind Gegenstand internationaler politischer Deklarationen und (Aktions-)Programme, werden teilweise als Variablen in internationalen Statistiken verwendet, und zumindest einige von ihnen treten als TrägerInnen von distinkten Menschenrechten in Erscheinung.3

Wie und wann genau es jedoch zu dieser Ausdifferenzierung der Menschheit gekommen ist, wurde bisher kaum untersucht. Dabei ist die Fragestellung dahinter keineswegs trivial, sondern verweist auf das Problem der „politischen Reduktion sozialer Komplexität“ (Starr 1992: 263): Welche Differenzen können sich angesichts der mannigfachen Unterschiede zwischen Personen überhaupt als legitime Kategorien in Politik, Recht und offiziellen Statistiken etablieren? Damit zusammen hängt die Frage nach dem wie der Institutionalisierungs- und Globalisierungsgeschichten sowie den Erfolgsbedingungen der verschiedenen Kategorien bzw. ihre unterschiedlichen Grade an Verfestigung und Evidenz: So gelingt es durchaus nicht allen Personenkategorien, sich auf globaler Ebene durchzusetzen (z. B. den „Armen Menschen“/poor people/people in poverty4), während andere Kategorien zunehmend Resonanz erzeugen und derzeit Gegenstand globaler Institutionalisierungsprozesse mit noch unbestimmtem Ausgang sind (z. B. „LGBTIQ-people“5).

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Untersuchungen zur politischen und rechtlichen Institutionalisierung verschiedener Personenkategorien auf der Ebene einzelner Nationalstaaten (z. B. Loveman & Muniz 2007) sowie zu den sozialen Folgen dieser Grenzziehungen (z. B. Powell 2003). Gemeinsamkeiten und Unterschiede (vgl. Lamont & Molnar 2002) wie auch die Frage der Mehrfachzugehörigkeit werden unter den Schlagworten „Intersektionalität“, „Interdependenz“ oder „Un/Doing Difference“ diskutiert (Hirschauer 2014, 2017; Müller 2011). Wendet man jedoch den Blick von einzelnen Nationalstaaten auf globale Zusammenhänge, zeigt sich eine erstaunliche Leerstelle: Die Frage nach der Institutionalisierung globaler Kategorien wird weder im Kontext der Forschung über Personenkategorien noch im Kontext soziologischer Weltgesellschaftsforschung systematisch gestellt (vgl. aber Bennani 2017; Heintz 2017; Wobbe et al. 2017). Dieser Befund überrascht in zweierlei Hinsicht: Auf der einen Seite sind globale Kategorien aus der Perspektive der Kategorisierungsforschung ein besonders interessanter Fall, insofern sie einen weltweiten Beobachtungsraum aufspannen und Ähnlichkeiten von Personen nicht nur regional begrenzt, sondern auf der ganzen Welt feststellen und als relevant einstufen – und zwar trotz anderer Differenzen und der Vielfältigkeit der lokalen Kontexte (vgl. Bennani 2017; Müller 2016). Auf der anderen Seite können globale Personenkategorien als impliziter Bestandteil einer globalen Erwartungsstruktur (world polity) und den damit verbundenen Gerechtigkeitsvorstellungen interpretiert werden, die sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs verdichtet haben und in Form internationaler Übereinkommen institutionalisiert wurden (Meyer & Krücken 2005).

Diese world polity, an deren weltweiter Verbreitung und Durchsetzung vor allem die Vereinten Nationen und ihre Tochterorganisationen maßgeblich beteiligt waren und sind, konstituiert Nationalstaaten, Organisationen und Individuen erst als weltgesellschaftliche Akteure und stellt ihnen Deutungsmuster und Skripte zur Verfügung, um sich zu orientieren und gegenüber der Weltöffentlichkeit zu legitimieren. Zwar ist die Bedeutung dieser sozialen Kategorien für die Verbreitung entsprechender Erwartungen in der neo-institutionalistischen World-Polity-Forschung bereits herausgearbeitet worden (Strang & Meyer 1993), und es liegen einige Studien zur Diffusion v. a. rechtlicher Normen vor, die mit bestimmten Personenkategorien assoziiert sind (z. B. zu Frauenrechten: Boyle & Preves 2000; Zwingel 2012). Die Prozesse der personalen Differenzierung der Weltgesellschaft und der Herstellung globaler Personenkategorien wurden jedoch bislang noch nicht systematisch adressiert. Dabei darf man annehmen, dass globale Personenkategorien für die Entstehung und Intensivierung eines weltgesellschaftlichen Beobachtungszusammenhangs eine wichtige Rolle spielen: Indem Menschen weltweit als Angehörige derselben Kategorien beschrieben werden, entsteht die Wahrnehmung einer gemeinsamen Welt und damit die Möglichkeit einer globalen Sozialintegration – auch ohne dass sie dafür direkten Kontakt miteinander haben müssten (vgl. Heintz 2016). Darüber hinaus sind Kategorisierungen von Personen immer auch Ankerpunkt für generalisierte Erwartungen: Sie enthalten zumindest implizit z. B. Verweise auf andere, nicht genannte (Gegen-)Kategorien und deren Relation zueinander sowie unterstellte Verhaltenserwartungen.6

In diesem Sinne möchten wir die Weltgesellschafts- und Globalisierungsforschung mit der Soziologie der Personenkategorisierungen (bzw. Humandifferenzierungen) zusammenführen und nach dem „making up people“ (Hacking 1986) auf globaler Ebene fragen: Wie konstituieren sich solche globalen Personenkategorien als „soziale Tatbestände“ und gewinnen an Wirklichkeitsgehalt, so dass es zur Imagination einer kategorialen Einheit kommt – und zwar über die Grenzen von (erster, zweiter, dritter) Welt, Regionen, Staaten oder Kulturen hinweg? Mit dieser Fragestellung interessieren wir uns aus wissenssoziologischer Perspektive primär für Prozesse des „global sense making“, über die sich generalisierte Kategorien als wirklichkeitsgenerierende Unterscheidungen etablieren, während Fragen nach der Diffusion, Adaption und Translation in lokale(n) Kontexte(n) hier nicht berücksichtigt werden können.7

Der Beitrag zielt drauf ab, das globale „making up people“ am Beispiel von zwei Personenkategorien zu rekonstruieren: „Menschen mit Behinderungen“ und „indigene Völker“.8 Die Auswahl dieser beiden kontrastierenden Fallbeispiele basiert auf dem Prinzip des theoretischen Sampling (Glaser & Strauss 1967) und der Annahme, dass beide Fälle einerseits gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, aber andererseits auch hinreichend unterschiedlich sind, so dass die Ergebnisse des Vergleichs erste Rückschlüsse auf die Dynamiken bei der Entstehung globaler Personenkategorien ermöglichen. Zunächst mag es schwerfallen, überhaupt Ähnlichkeiten zwischen beiden Kategorien zu entdecken: So versteht man unter „Menschen mit Behinderungen“ heutzutage jene Menschen, deren soziale Teilhabe infolge längerfristiger gesundheitlicher Beeinträchtigungen eingeschränkt ist. Als „behindert“ gilt jemand also nicht, weil er nur ein Bein hat oder weniger hört als der Durchschnitt der Bevölkerung, sondern weil verkörperte Differenz zur Grundlage von Ausschlussmechanismen wurde. Unter dem Begriff der „indigenen Völker“ hingegen werden die Nachfahren der „ersten Bewohner“ von Gebieten gefasst, die im Zuge europäischer Expansion kolonisiert wurden. Als unterscheidbare Einheiten in zeitgenössischen Nationalstaaten folgen sie eigenen Traditionen und Institutionen, welche eine besonders gemeinschaftliche und der Natur verbundenen Lebensweise abbilden. Indigene kulturelle Differenz wird heute als Ausdruck kultureller, sprachlicher und biologischer Vielfalt gepriesen, ist aber gleichzeitig im Angesicht nationalstaatlicher Strukturen und neoliberaler Globalisierung immer auch bedroht. Gemeinsam ist jedoch beiden Fällen, dass sie erst seit den 1970er Jahren zum festen Personalbestand der Weltgesellschaft gehören, was im Vergleich zu anderen Kategorien wie „Geschlecht“, „Rasse“ oder auch „Minderheiten“ ein auffällig später Zeitpunkt ist. Auch der Anschluss an den Menschenrechtsdiskurs erfolgte vergleichsweise spät: Erst in den 2000er Jahren wurden die Erklärung über die Rechte indigener Völker (2007; UN Doc. A/RES/61/295) sowie die Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen (2009; UN Doc. A/RES/61/106) verabschiedet, die jeweils einen weitreichenden Wandel des zeitgenössischen Menschenrechtsdenkens abbilden (Bennani/Müller i. e.).

Ihre Konturen gewinnen beide als Kategorien der Differenz und des Ungewöhnlichen, die etablierte Normalitätsvorstellungen kontrastieren und deren Durchsetzung gleichzeitig ein Kampf gegen die historische Positionierung von „Wilden“ und „Krüppeln“ außerhalb der Gesellschaft war. Beide Kategorien stehen außerdem in einem engen Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung bestimmter gesellschaftlicher Teilbereiche, der damit verbundenen Durchsetzung von Normalitätserwartungen (z. B. in Erziehung und Erwerbsarbeit) und der daraus resultierenden Zuschreibung von Abweichungen und/oder Defiziten.9 Entsprechend unterscheiden sich die beiden Kategorien bzgl. ihres Konstruktionsmodus von anderen Kategorien, wie „Geschlecht“ oder „Rasse“, die über verschiedene Ausprägungen verfügen (im Fall von Geschlecht lange Zeit „nur“ männlich/weiblich und im Fall von „Rasse“ eine Vielzahl von Zugehörigkeiten) (Müller 2014). Darüber hinaus sind „Geschlecht“ und „Rasse“ auf Vollinklusion hin angelegt, d. h. jeder wird kategorisiert und hat damit ein „Geschlecht“ bzw. eine „Rasse“).10 Im Gegensatz dazu sind die Kategorien „Behinderung“ und „Indigenität“ eher als Schließungsmechanismen mit nur zwei Ausprägungen konzipiert (behindert/nicht-behindert bzw. indigen/nicht-indigen): Die Gesamtkategorie kann also lediglich negiert werden, wobei jedoch Nicht-Behindert- bzw. Nicht-Indigen-Sein als Normalität verstanden wird (vgl. Bendel 1999). Nicht zuletzt aufgrund dieses „abweichenden“ Konstruktionsmodus gehören die hier ausgewählten Personenkategorien auch nicht zu den „üblichen Verdächtigen“ (gender, race, class) der herkömmlichen Kategorisierungs- und Intersektionalitionalitätsforschung.11

Vor dem Hintergrund dieser ersten Überlegungen sowie der genannten Auswahlkriterien rekonstruiert der Beitrag nun die globale Institutionalisierung der beiden Personenkategorien der „indigenen Völker“ und der „Menschen mit Behinderungen“. Ziel ist es, anhand des Vergleichs dieser beiden ausgewählten Kategorien erste Rückschlüsse auf allgemeine Bedingungen, Mechanismen und gesellschaftlichen Funktionen globaler Personenkategorien gewinnen zu können. Wir beginnen zunächst mit einigen Bemerkungen zum Rätsel der Unwahrscheinlichkeit globaler Kategorien aus einer konstruktivistisch-wissenssoziologischen Perspektive (1.). Ausgehend von einer Rekapitulation allgemeiner Überlegungen zu Kategorien pointieren wir die Problemstellung der Entstehung globaler Personenkategorien. Anschließend erfolgen einige Erläuterungen zum Datenmaterial sowie zur Auswertung (2.). Die beiden Hauptteile des Aufsatzes rekonstruieren den Prozess der Institutionalisierung der Kategorien „Menschen mit Behinderung“ und „indigenen Völker“ anhand von Textdokumenten aus dem Umfeld der Vereinten Nationen und ihrer Sonderorganisationen (3. und 4.). Die (notwendigerweise selektive) Darstellung fokussiert die Frage nach der Etablierung kategorialer Grenzen und der Herstellung kategorialer Einheit sowie dem Bedeutungswandel beider Kategorien. Dabei geht es uns jedoch nicht um die Implementierung resp. faktische Durchsetzung der Kategorisierung in verschiedenen Ländern, die davon deutlich abweichen können. Nach der Aufarbeitung der jeweiligen Institutionalisierungsgeschichten bezieht das abschließende Fazit die beiden Fälle stärker aufeinander und verknüpft die vergleichende Gegenüberstellung mit weiterführenden Überlegungen zur Rolle von Personenkategorien in der Weltgesellschaft (5.).

1 Das ‚Personal‘ der Weltgesellschaft: Soziale (Personen-)Kategorien und die Ordnung der Welt

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Feststellung, dass Kategorien allgemein und Personenkategorien im Besonderen sozial ausgesprochen voraussetzungsvolle und folgenreiche Ordnungsleistungen darstellen. Kategoriale Unterscheidungen basieren auf gesellschaftlichen Übereinkünften und sind nicht durch irgendeine „Naturnotwendigkeit“ (Durkheim & Mauss 1987) oder die Materialität der Dinge vorgegeben. Es mögen zwar gewisse Unterscheidungen naheliegender sein als andere, aber letztlich gibt es immer Alternativen, und Kategorien sind kontingente soziale Konstruktionen und kein Abbild der Wirklichkeit (vgl. Heintz 2016). Eingebettet in historische und kulturell spezifische Kontexte werden soziale Kategorien hergestellt, verändern sich im Lauf der Zeit und können auch wieder verschwinden. Kategorien basieren auf einer spezifischen Ordnungsleistung, deren zentrales Prinzip auf die Unterscheidung von Ähnlichkeiten und Differenzen verweist – und damit auf die zwei gegensätzlichen und doch komplementären Operationen des „lumping and splitting“:

„The former entails grouping ‘similar’ things together in a single mental cluster. The latter involves perceiving ‘different’ clusters as separate from one another. […] Whereas lumping involves overlooking differences within mental clusters, splitting entails widening the perceived gap between them. Thus, while playing down intracluster mental differences, we also exaggerate intercluster ones.” (Zerubavel 1996: 421)

Auf der einen Seite werden Einheiten also aufgrund der kontingenten Akzentuierung von Ähnlichkeiten „zusammengeworfen“, so z. B., wenn sowohl ein ehemaliger US-amerikanischer Präsident als auch ein Mädchen der viehzüchtenden Fulbe-Nomaden in Burkina Faso als „Schwarz“ klassifiziert werden. Damit die generalisierten Kategorien an Wirklichkeitsgehalt und Einheit gewinnen können, müssen also geteilte Merkmale betont werden und die Unterschiede zwischen den kategorisierten Einheiten in den Hintergrund treten. Geschlecht, Alter, sozialer Status sowie verschiedene Lebensweisen sind etwa in den genannten Beispielen nicht relevant, wohl aber Hautfarbe bzw. die damit assoziierten Diskriminierungserfahrungen. Kategorien reduzieren also Komplexität, indem sie de-kontextualisieren. Diese Ähnlichkeiten der kategorisierten Einheiten sind auch tatsächlich vorhanden und werden häufig als „natürlich“ dargestellt, sie zu erkennen und als relevant wahrzunehmen ist aber keineswegs selbstverständlich, sondern das Ergebnis voraussetzungsvoller sozialer Vergleichsprozesse, durch die Kommensurabilität erst herstellt wird.

Es ist also die Voraussetzung für die Etablierung von Kategorien, dass wahrgenommene Ähnlichkeiten als bedeutender eingestuft werden als die eben auch vorhandenen Differenzen: „As we lump those things together in our minds, we allow their perceived similarity to outweigh any differences among them.“ (Zerubavel 1996: 422, Hervorh. Verf.) Dieser für die Kategorienbildung wichtige Mechanismus des Ausblendens innerkategorialer Unterschiede schließt allerdings nicht aus, dass solche internen Differenzierungen zu einem späteren Zeitpunkt in Form von Vergleichsoperationen oder Subkategorisierungen wieder systematisch eingeblendet werden können. So lassen sich z. B. Subdifferenzierungen eher als Beleg für den hohen Institutionalisierungsgrad einer Kategorie verstehen. Wenn etwa die „women of colour“ im internationalen feministischen Diskurs auf die Spezifika ihrer geschlechtsspezifischen Diskriminierungserfahrungen verweisen, spricht das eher für einen hohen Institutionalisierungsgrad der Kategorie der „Frauen der Welt“.

Neben dem „lumping“ – also der systematischen Akzentuierung von Ähnlichkeit – gibt es aber noch die andere Seite der Kategorienbildung, bei der Unterschiede zwischen Kategorien betont werden, um kategoriale Grenzen zu ziehen und aufrecht zu erhalten. Dieses „splitting“ – also die Betonung von Differenzen – impliziert, dass Grenzfälle und Grauzonen vernachlässigt werden und die Distanz zwischen verschiedenen Kategorien überakzentuiert wird (vgl. Zerubavel 1996: 424 ff.). Die Beziehungen zum kategorialen Außen sind für Kategorien konstitutiv. Die Identität von Einheiten ergibt sich durch das, was sie nicht sind ebenso wie durch das, was sie sind. Kategorien sind insofern grundsätzlich relational, als sie sich immer auf ein (oder mehrere) Gegenkategorien beziehen bzw. Teil einer „collection of categories“ sind (Sacks 1992: 238). Was eine Frau ist, wird vor allem im Unterschied zu dem bestimmt, was ein Mann ist. Sie können als „gleichwertige“ Alternativen präsentiert werden, sind aber häufig in ein hierarchisches Gefüge eingelassen (vgl. Fourcade 2016).

Diese Ordnungsmechanismen finden sich bei allen Kategorien. Tatsächlich sind jedoch Kategorien, die „soziale“ Einheiten ordnen, ein Sonderfall: Bei Personenkategorien handelt es sich um im doppelten Sinne „soziale“ Kategorien, insofern „Klassifizierer“ und „Klassifizierte“ der gleichen Gattung angehören (Bourdieu 1984). Folglich kann sich im Fall der Sortierung von Menschen eine besondere Dynamik von Selbst- und Fremdbeschreibung entwickeln: Zugeschriebene Kategorien beeinflussen die kategorisierten Personen, ihre Selbstwahrnehmung und ihr Handeln oder sie eröffnen neue Möglichkeiten der Selbstidentifikation (Hacking 1986). Die Verfügbarkeit kategorialer Beobachtungsofferten und die Diffusion von Selbstbeschreibungen kann nicht nur zu einem „making up people“, sondern auch zu einem „making up imagined communities“ führen. So werden kollektive Identitäten in manchen Fällen zum Ausgangspunkt sozialer Organisation und kollektiven Handelns (z. B. Frauenbewegung oder Black Power Movement). Dieses wiederum zielt häufig auf den Wandel von Kategorien sowie die Verbesserung der damit verknüpften Chancen ab, und verändert durch eine Art „looping effect“ (Hacking 2006) das etablierte kategoriale Gefüge: So z. B. wenn die Angehörigen diskriminierter Personenkategorien sich selbst als Mitglieder identifizieren, stigmatisierende Bezeichnungen übernehmen, deren Bedeutung umkehren und sich emanzipatorisch für die Anerkennung der eigenen Kategorie und ihrer gesellschaftlichen Stellung engagieren.12

Überträgt man diese Überlegungen zur Institutionalisierung von Personenkategorien nun auf die globale Ebene, stößt man auf einige Spezifika, die sowohl die Herstellung und Institutionalisierung als auch die Analyse globaler Personenkategorien betreffen. Zunächst einmal erscheint die Herausbildung von Personenkategorien mit globaler Reichweite ein besonders voraussetzungsvolles und damit unwahrscheinliches Unterfangen zu sein. Legt man einen globalen Beobachtungsraum zugrunde, multiplizieren sich die Differenzen zwischen Personen wie auch die strukturellen und kulturellen Kontexte, die ausgeblendet werden müssen. Außerdem existieren weltweit unterschiedliche Konzepte und Arten der Grenzziehung, die miteinander konkurrieren können: Dass es überall auf der Welt Personen mit fehlenden Gliedmaßen und eingeschränkten Sinneswahrnehmungen gibt, macht diese noch nicht zu „Menschen mit Behinderungen“, sondern die stark medizinisch konnotierte Bedeutung des „Behinderungskonzepts“ kann im globalen Maßstab auch mit alternativen Möglichkeiten der Beobachtung konfrontiert werden, z. B. als „Weise“ oder „Geister“ (Ingstad & Reynolds Whyte 1995). Auch die Kategorisierung aller Menschen als „schwul“, „lesbisch“ oder „bisexuell“, die konsensuell sexuellen Kontakt mit Personen des gleichen Geschlechts haben, beruht auf der unhinterfragten Annahme, dass Menschen eine dauerhafte „sexuelle Orientierung“ besitzen. Diese wird als individuelle Eigenschaft unabhängig von Verwandtschaftsbeziehungen und lokalen Kontexten interpretiert (Sabsay 2013).

Beide Fälle verweisen auf die Universalisierung einer partikularen Beschreibungsoption westlicher Provenienz, deren Anwendungsraum über Prozesse der Beobachtung und des Vergleiches schrittweise erweitert wurde. Im Verlauf dieses Prozesses wurde globale Vielfalt dann im Sinne einer Logik der Inklusion vereinfacht und so kanalisiert, dass sie sich jeweils nur noch unter eine hegemoniale kategoriale Unterscheidung subsumieren lässt. Die Analyse der sozialen Herstellung von Kategorien mit globalem Beobachtungsraum berührt also die Frage nach Plausibilisierungsstrategien und Deutungshoheiten, die dazu beitragen, dass die Akzentuierung von Ähnlichkeiten (lumping) sowie die Differenzbetonung (splitting) auf globaler Ebene überhaupt gelingen kann. Hier stellt sich unmittelbar die Frage nach den beteiligten Akteuren der weltgesellschaftlichen Personalselektion: Wer klassifiziert und inkludiert hier eigentlich? Während im nationalen Rahmen der Staat und sein bürokratischer Apparat die Rolle des Klassifikators innehat, sind entsprechende Beobachterpositionen in globalem Maßstab weniger etabliert und legitimiert. Allerdings nehmen diese Rolle seit Mitte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr internationale Organisationen ein, die als „rationalisierte Andere“ die Welt aus generalisierter Perspektive beobachten, beschreiben, analysieren, theoretisieren und vermessen – häufig mit dem ausdrücklichen Ziel, sie besser zu machen (Meyer & Jepperson 2000).

Von diesem Vorgang der Etablierung globaler Personenkategorien zumindest analytisch zu unterscheiden ist außerdem die Frage nach den jeweiligen Mechanismen, mit deren Hilfe im Verlauf des Institutionalisierungsprozesses der kategoriale Beobachtungsraum ausgedehnt wird: Wie genau gelingt es, die Reichweite neu etablierter Unterscheidungen so zu erweitern, dass schließlich Personen weltweit inkludiert werden können? Eine entscheidende Rolle für diese Globalisierung des kategorialen Beobachtungshorizonts spielen vermutlich die Kriterien für die kategoriale Zuordnung und deren Grad an Institutionalisierung – was nicht zu verwechseln ist mit deren nationalstaatlicher Implementierung (vgl. FN 7).

Ausgehend von diesen Überlegungen ergibt sich für die vergleichende Analyse der beiden Kategorien folgender Aufbau: So wird zunächst jeweils die Institutionalisierungsgeschichte beider Personenkategorien im Kontext der internationalen Politik in groben Zügen nachgezeichnet (3.1 und 4.1). Anschließend erfolgen genauere Analysen bzgl. der beiden Teilprozesse des Lumping und Splitting sowie der Mechanismen zur globalen Ausdehnung des kategorialen Beobachtungsraums (3.2, 3.3 und 4.2, 4.3). Im abschließenden Fazit werden die Ergebnisse beider Fallanalysen dann noch einmal systematisch auf die eben angestellten Vorüberlegungen bezogen und miteinander verglichen. Doch vor dem Ergebnisteil stehen zunächst noch einige Erläuterungen zur Datengrundlage dieser explorativen Untersuchung und den verwendeten Auswertungsmethoden.

2 Datenmaterial und Auswertungsmethode

Die vorgestellten Ergebnisse basieren auf der Analyse unterschiedlicher Textdokumente aus verschiedenen nationalen und internationalen Organisationen, die für die globale Institutionalisierung der beiden Kategorien besonders relevant waren. Dabei handelt es sich in beiden Fällen – je nach Institutionalisierungsphase – um durchaus verschiedene organisationale Kontexte, die teilweise zum Bereich der (inter-)nationalen Bewegungen gehören oder aber zu den Vereinten Nationen und ihren Tochterorganisationen. Infolge umfangreicher Recherchen zu den Debatten in der internationalen Gemeinschaft wurden die wichtigsten dieser Dokumente identifiziert (z. B. Konventionen, Resolutionen, Deklarationen, Berichte, Statistiken und Studien). Wichtige Kriterien für die Dokumentenauswahl waren u. a. Hinweise in der wissenschaftlichen Literatur sowie die Häufigkeit der Verweise bzw. Zitationen eines Dokuments in der entsprechenden Debatte.13 Außerdem wurde noch ein größerer Textkorpus von UN-Dokumenten aus dem Zeitraum zwischen 1949 bis 2011 nach möglichen Erwähnungen von „Menschen mit Behinderungen“ und/oder „Indigenen Völkern“ durchsucht, um evtl. kommunikative Anschlüsse feststellen zu können.14 Die ausgewählten Textdokumente zu beiden Fallbeispielen wurden digitalisiert, mit einem Texterkennungsprogramm bearbeitet und mit Hilfe einer QDA-Software codiert, in Form einer inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet und miteinander verglichen (Kuckartz 2012).15 Die Codes wurden sowohl deduktiv aus den theoretischen Vorüberlegungen zu globalen Personenkategorien gebildet und den verschiedenen Textstellen zugeordnet als auch induktiv aus dem Material heraus gebildet. Ziel dieses Vorgehens war eine inhaltliche Strukturierung des Datenmaterials, um die Institutionalisierungsgeschichte der beiden Kategorien rekonstruieren und die entscheidenden Mechanismen und Katalysatoren für ihre globale Verbreitung identifizieren zu können.16 Im Fokus der Analysen standen dabei sowohl die Frage nach dem „Wie“ der Institutionalisierung beider Kategorien auf globaler Ebene als auch die sich immer wieder ändernden Bezeichnungen der Personenkategorien bzw. die damit verbundenen Bedeutungsverschiebungen. Zusätzlich wurden stellenweise auch sequenzanalytische Auswertungen vorgenommen, z. B. zum Herausarbeiten der veränderten Deutungsmuster der kategorialen Grenzziehungen.

Dass wir bei unseren Analysen neben den unmittelbar völkerrechtlich verbindlichen Verträgen auch andere Arten von Textdokumenten berücksichtigt haben, hängt zunächst mit der Annahme zusammen, dass die Institutionalisierung von Personenkategorien ein sehr umfangreicher Prozess ist, in dessen Verlauf die Einspeisung der betreffenden Kategorien in Rechtsdokumente und andere bürokratischen Abläufe eher den Abschluss einer Entwicklung markiert (Hacking 2006). Wichtiger sind hier die vorangegangenen Debatten und Versuche der Durchsetzung neuer kategorialer Grenzen, wie sie sich z. B. in den Dokumenten im Vorbereitungsprozess von Erklärungen und Weltkonferenzen widerspiegeln. Wir gehen davon aus, dass in diesen Texten global verfügbare politische Deutungsmuster bzw. Selbstbeschreibungen der internationalen Gemeinschaft sowie deren kollektive Beobachtungsschemata sichtbar werden. Deren Geltung kann man an den nachfolgenden Diskussionen ablesen sowie an der Übernahme der verwendeten Kategorien in die später verabschiedeten Erklärungen oder Aktionsprogramme oder aber an den im Falle einer Verabschiedung möglicherweise formulierten Vorbehalten. Insofern sind gerade auch rechtlich nicht unmittelbar verpflichtende Dokumente (wie z. B. Programme oder Erklärungen) wichtige Daten für uns, da diese häufig als Vorlage für die Erarbeitung neuer Erklärungen und Resolutionen verwendet werden (Merry 2006: 36 ff.). Solche Dokumente sind also durchaus politisch verbindlich und spiegeln einen – wenn auch vagen – globalen Konsens bzgl. eines bestimmten Themas zu einem bestimmten Zeitpunkt wider.17

3 Making up „Menschen mit Behinderungen“

3.1 Die Institutionalisierung der Personenkategorie der „Menschen mit Behinderungen“

Menschen mit Behinderungen (persons with disabilities) fanden in der internationalen Politik erst in den 1970er Jahren Erwähnung. Diese späte Thematisierung wird häufig als Ignoranz der internationalen Gemeinschaft gegenüber „one of the largest minority groups in the world“ gedeutet (Degener 2000). Dass es die Personenkategorie in dieser Form zuvor noch gar nicht gab, wird bei dieser Argumentation jedoch vernachlässigt. Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über die Entstehung der Sammelkategorie der „Menschen mit Behinderungen“ sowie die globale Karriere des Begriffs gegeben.

Anhand historischer Studien aus verschiedenen Ländern lässt sich zeigen, dass es zwar Bezeichnungen für Personen mit bestimmten Arten körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung schon seit mindestens einigen Jahrhunderten gab (z. B. „Krüppel“/“cripple“, „Blinde“/“blinds“, „Taube“/“deaf“, „Idioten“/“idiots“), sie jedoch noch nicht einer gemeinsamen Oberkategorie zugeordnet wurden (Barasch 2001; Schmuhl 2010; Trent 1994).18 Die Bezeichnungen implizierten häufig eine Abwertung, und die Betroffenen wurden zunächst vor allem als hilfsbedürftig und spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts im Kontext neu entstehender medizinischer Disziplinen (z. B. Orthopädie) als behandlungsbedürftig angesehen.

Zeitgleich entstanden in vielen Ländern der Welt Organisationen, deren erklärte Absicht die medizinische Rehabilitation bzw. die berufliche Wiedereingliederung war, so z. B. 1917 in den USA das Red Cross Institute for the Crippled and Disabled und 1922 The International Society for the Crippled Children.19 Die meisten dieser Organisationen beschränkten ihre Bemühungen jedoch auf die Betroffenen bestimmter Arten von Beeinträchtigungen, wie z. B. Menschen mit körperlichen Behinderungen („physically disabled“). Bereits seit den 1940er Jahren entstanden erste internationale Kontakte zwischen diesen Organisationen, z. B. in Form internationaler Konferenzen (Groce 1992: 25). Fragen medizinischer und beruflicher Rehabilitation wurden international ebenfalls sehr früh in der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)20 diskutiert, die im Rahmen ihrer Employment Recommendation von 1944 (R071, ILO) bereits die Rechte „behinderter Arbeiter“ („disabled workers“) erwähnte, und 1955 die Recommendation concerning Vocational Rehabilitation of the Disabled (R099, ILO) verabschiedete.21

In den beiden Gründungsdokumenten der Vereinten Nationen, der UN-Charta (1 UNTS XVI) und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UN Doc. A/810), wurden Menschen mit Behinderungen jedoch nicht aufgeführt. Vieles spricht dafür, dass Behinderung in der Anfangszeit der UN eher als Ereignis bzw. Zustand wahrgenommen wurde, ähnlich wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit (Degener & Begg 2017: 2). So heißt es in Art. 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte:

„Everyone has the right to a standard of living adequate for the health and well-being of himself and of his family, including food, clothing, housing and medical care and necessary social services, and the right to security in the event of unemployment, sickness, disability, widowhood, old age or other lack of livelihood in circumstances beyond his control“ (UN Doc. A/810: Art. 25).

Als thematische Anschlüsse für die nachfolgende Wahrnehmung von „Behinderung“ boten sich also vor allem „Gesundheit“22 und „soziale Sicherheit“ an. Auch in den Folgejahren gab es in der UN keine übergreifende Personenkategorie für behinderte Menschen, sondern nur einige wenige Förder- oder Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen verschiedener Arten von Beeinträchtigungen, wie z. B. Rehabilitationsprogramme für „the pyhsically handicapped“, „the blind“, „the visually handicapped“, „the deaf“ bzw. „the physically or mentally disadvantaged“ (vgl. UN 2003–04: Chapter I). Im Fokus standen dabei bis in die 1950er Jahren vor allem Maßnahmen zur Prävention, medizinischen Versorgung und beruflichen Rehabilitation.23 „Behinderung“ wurde nicht als eigenständiges bzw. zusammenhängendes Thema behandelt, sondern die Zuständigkeiten waren zwischen den verschiedenen spezialisierten UN-Tochterorganisationen aufgeteilt. So war die Gesundheitsorganisation (WHO) für die medizinische Rehabilitation verantwortlich, die UNESCO für Fragen rund um Erziehung und Bildung behinderter Kinder, die ILO für die berufliche Rehabilitation und die Rehabilitation Unit kümmerte sich um soziale Probleme und Prothesen (Groce 1992: 53). Nicht zuletzt in Folge dieser fragmentierten Zuständigkeiten schlossen sich Anfang der 1950er Jahre mehr als 50 der verschiedenen internationalen NGOs, die die Interessen unterschiedlicher Behindertengruppen vertraten, zum Council of World Organization Interested in the Handicapped (CWOIH) zusammen, um größeren Einfluss auf die UN ausüben zu können.

Im Verlauf der 1960er Jahre stabilisierte sich die Behindertenkategorie zunehmend und Menschen mit verschiedenen Behinderungen wurden erstmals als Angehörige einer gemeinsamen Kategorie wahrgenommen. Erleichtert wurde dieser Zusammenschluss durch die neuen Beschreibungen behinderter Menschen als Opfer von Diskriminierung bzw. die Betonung gemeinsamer Ausgrenzungserfahrungen (so z. B. in der UN-Declaration on Social Progress and Development von 1969 (UN Doc. A/RES/2542(XXIV): Art. 19d)). Es folgten 1971 die Declaration on the Rights of Mentally Retarded Persons (UN Doc. A/RES/2856(XXVI)) und 1975 die Declaration on the Rights of Disabled Persons (UN Doc. A/RES/3447(XXX)). Seitdem etablierte sich der Begriff der „disabled persons”/„disabled people“ als Bezeichnung für die neue Personenkategorie, und die Menschen mit Behinderungen gehörten von nun an zum festen Personalbestand der Weltgesellschaft. In der Folgezeit wurde „Behinderung“ als globales Problem thematisiert und in der UN zunehmend intensiv bearbeitet.24 Die Jahre 1980/81 markierten in vielen europäischen Ländern den Beginn der sog. „Disability Revolts“ (Baàr 2016). Zeitgleich veröffentlichte die WHO eine Klassifikation von Behinderung, deren erklärtes Ziel die Durchsetzung globaler Standards und weltweiter Vergleichbarkeit war (s. u.). Im Zuge dieser stärkeren öffentlichen Thematisierung von Behinderung wurden auch immer mehr Menschen mit Behinderungen selbst aktiv und wechselten in den nationalen und internationalen NGOs mit dem Slogan „Nothing about us – without us“ von den Publikums- in die Leistungsrollen (Scotch 2001).

1982 erließ die Generalversammlung das World Programme of Action concerning Disabled Persons (UN Doc. A/37/351 ADD.1). Es folgten 1993 die Standard Rules on the Equalization of Opportunities for Persons with Disabilities (UN Doc. A/RES/48/96), die – wenn auch ohne rechtlich bindende Wirkung – vor allem Diskriminierungsschutz und Chancengleichheit für behinderte Menschen forderten (Kanter 2003). Sie enthielten einen Monitoring-Mechanismus, zu dem ein Expertengremium gehörte, das aus Vertretern sechs internationaler Behindertenrechtsorganisationen und einem von ihnen selbst eingesetzten Sonderberichterstatter bestand. Auf diese Weise wurden Menschen mit Behinderungen in der UN zu ExpertInnen in eigener Sache und konnten die Institutionalisierung ihrer kategorialen Ordnung (mit Behinderung als Leitunterscheidung) weiter vorantreiben.

Zeitgleich verschob sich die Wahrnehmung behinderter Menschen von bloßen „subjects of rehabilitation“ zu aktiven Trägern von Menschenrechten (Degener & Begg 2017: 4), und kommunikativ wurde das Thema „Behinderung“ immer stärker an den Menschenrechtsdiskurs angeschlossen.25 Menschen mit Behinderungen fanden zunehmend Erwähnung auch in anderen Themenfeldern der UN und wurden als besonders benachteiligte Personenkategorie anerkannt (Quinn & Degener 2002: 24 ff.): so z. B. 1995 bei der Weltfrauenkonferenz von Beijing, dem World Summit for Social Development in Kopenhagen und der World Conference against Racism 2001 in Durban. Im Laufe der 1990er Jahre gab es dann auch einige Versuche sowohl von Seiten der NGOs als auch einzelner Länder, ein völkerrechtlich bindendes Menschenrechtsabkommen für Menschen mit Behinderungen auf den Weg zu bringen. Es dauerte allerdings noch einige Jahre bis zur Verabschiedung der Behindertenrechtskonvention (UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities,UN Doc. A/RES/61/106) am 13. Dezember 2006.

3.2 Die Etablierung kategorialer Grenzziehungen und deren globale Ausweitung

Im Folgenden werden zunächst die beiden Teilprozesse der Differenzminimierung (Lumping) und Differenzbetonung (Splitting) bei der Entstehung der disabled persons als übergreifende Kategorie sowie deren Institutionalisierung als eigenständiger Wirklichkeitsbereich im Kontext internationaler Politik genauer beschrieben. Dabei geht es zunächst um die systematische Betonung der Gemeinsamkeiten zwischen den als behindert kategorisierten Einheiten, so dass sie tatsächlich als eigenständige Einheit wahrgenommen werden konnten. Gleichzeitig werden Unterschiede und Abgrenzungen zu bereits bestehenden Nachbar- bzw. Gegenkategorien verfestigt und die neue Kategorie wird in die bereits etablierte kategoriale Ordnung eingepasst. In einem dritten Abschnitt wird dann die globale Ausweitung des kategorialen Beobachtungsraums beschrieben.

.0.1 Lumping: Die Herstellung einer einheitlichen Oberkategorie von Behinderung

Bereits im Verlauf der 1960er Jahre begannen die zunächst in ihrer Zuständigkeit nach Beeinträchtigungsart getrennten nationalen und internationalen NGOs nicht zuletzt aus strategischen Gründen damit, die Ähnlichkeit ihrer Anliegen und Interessen zu betonen. Diese „Cross-Disability Unification“ (Groce 1992: 84) ging mit einer neuen Selbstbeschreibung als „Minderheit“ und der thematischen Rahmung ihrer Anliegen nach dem Vorbild der Bürgerrechtsbewegung einher. Zum internationalen Symbol ihrer als „Rechte“ formulierten Forderungen wurde das 1970 von Rehabilitation International (die ehemalige International Society of the Welfare for Cripples) weltweit eingeführte Piktogramm mit dem weißen Rollstuhlfahrer auf blauem Grund (International Symbol of Access). Die verschiedenen Beeinträchtigungen wurden zunächst noch unter unterschiedlichen Begriffen zusammengefasst („disabled“, „handicapped“), bis sich seit Mitte der 1970er Jahre die Bezeichnung „disabled persons“ bzw. „disabled people“ stabilisierte.

Die „Menschen mit geistiger Behinderung“26 waren eine der letzten Untergruppen, die unter den neuen Oberbegriff subsumiert wurden. Die internationalen NGOs, die sich für geistig Behinderte einsetzten (z. B. International League of the Societies for the Mentally Handicapped, heute: Inclusion International), waren vor allem aus Zusammenschlüssen von Eltern in vielen westlichen Ländern in den 1940–50er Jahre hervorgegangen („Parents‘ Movement“) (Groce 1992: 71 ff.). In den 1960er Jahren entstanden dann professionelle und persönliche Kontakte zwischen Gruppen engagierter Eltern und den FührerInnen internationaler Behinderten-Organisationen, und es entwickelte sich ein Bewusstsein für die Gemeinsamkeiten bestimmter Problemlagen in vielen Ländern der Welt sowie das Gefühl, Teil einer internationalen Bewegung zu sein (Groce 1992: 78). Auch im Bereich des Rehabilitationsthemas glichen sich seit dieser Zeit die Interessen von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen an. Die Inklusion der geistig Behinderten unter dem neuen allgemeinen Behindertenbegriff spiegelte sich u. a. darin, dass „physically“ aus dem Titel von Komitees und Organisationen gestrichen wurde und nur noch von „disabled persons“ gesprochen wurde.

Worin genau die kategoriale Einheit der Menschen mit Behinderungen nun bestehen sollte und wie sich dieses Verständnis im Lauf der Zeit verändert hat, lässt sich anhand von Definitionen in einschlägigen UN-Dokumenten rekonstruieren. Bereits das Vorhandensein solcher Begriffsbestimmungen lässt sich als Hinweis auf die Neuheit der Kategorie sowie die offensichtliche Interpretationsbedürftigkeit der kategorialen Zugehörigkeit interpretieren.27 Eine erste Definition im UN-Kontext findet sich in der 1975 verabschiedeten Declaration on the Rights of Disabled Persons (UN Doc. A/RES/3447(XXX)):

„The term ,disabled person‘ means any person unable to ensure by himself or herself, wholly or partly, the necessities of a normal individual and/or social life, as a result of deficiency, either congenital or not, in his or her physical or mental capabilities.“ (UN Doc. A/RES/3447(XXX): Art. 1)

Als Gemeinsamkeit der neuen Personenkategorie wurde ein „Mangel an physischen oder geistigen Fähigkeiten“ besonders hervorgehoben, der es den Betroffenen zumindest teilweise unmöglich mache, ein „normales Leben“ zu führen. Die Ursache für diese Einschränkung wurde jedoch als irrelevant ausgeblendet, was zählte, war das Ergebnis eines Defizits bestimmter Fähigkeiten. Auch wenn hier noch auf angenommene physiologische Ursachen von Behinderungen abgestellt wurde, zeigte sich in dieser Definition dennoch eine erste Bedeutungsverschiebung hin zu einer Kulturalisierung der Kategorie: Behinderung wurde zunehmend weniger als medizinische denn als soziale bzw. politische Kategorie verstanden. Und während es aus einer medizinischen Perspektive noch sinnvoll erschienen sein mag, Menschen nach den verschiedenen Arten von Beeinträchtigungen und ihren medizinischen Diagnosen zu unterscheiden, wurden dagegen aus einem politischen Blickwinkel die gemeinsame Erfahrung der Einschränkung im Lebensalltag betroffener Menschen betont (Linton 1998: 12). Die auf diese Weise entstandene neue Personenkategorie der Behinderten war zwar relativ breit angelegt und umfasste eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Menschen, gleichzeitig ermöglichte sie aber eine Wahrnehmung behinderter Menschen als Minderheit – und zwar sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdbeschreibung. Insofern war die begriffliche Vereinigung der vielen verschiedenen Behinderungen zu „disabled persons“ auch eine notwendige Bedingung für die Entwicklung einer eigenen Identität und für die weitere politische Mobilisierung behinderter Menschen.

Wenige Jahre später, im World Programme of Action concerning Disabled Persons, das 1982 von der UN-Generalversammlung verabschiedet wurde, war es offenbar bereits möglich die innerkategoriale Heterogenität der Menschen mit Behinderungen auch zu thematisieren: „Disabled people do not form a homogeneous group“, die letztlich alle unterschiedliche Arten von Barrieren überwinden müssten (UN Doc. A/37/351/ADD.1: C 8). Auch hier wurde vor allem die Gemeinsamkeit der Einschränkungserfahrungen betont, die entsprechend einer kurz vorher von der WHO vorgelegten Behinderungsklassifikation (International Classification of Functioning, Disability and Health, ICIDH, WHO 1993 [1980]) als kausale Folge einer Krankheit oder anderen Art von „Störung“ verstanden wurde (s. u.). Diese stark an medizinischen Diagnosen orientierte Vorstellung von Behinderung wurde in der Folgezeit heftig kritisiert und resultierte in einer erneuten Bedeutungsverschiebung der Behindertenkategorie in den Standard Rules on the Equalization of Opportunities for Persons with Disabilities von 1993 (UN Doc. A/RES/48/96). Behinderung wurde hier über die Funktionseinschränkung der betroffenen Personen und die damit verbundene soziale Benachteiligung definiert, d. h. „the loss or limitation of opportunities to take part in the life of the community on an equal level with others.“ (UN Doc. A/RES/48/96: Art. 18) Dabei wurden diese Einschränkungen explizit nicht mehr als Folge der Behinderung, sondern als „shortcomings in the environment“ verstanden und fehlerhafter Organisation gesellschaftlicher Bereiche, wie z. B. den Schulen, an denen Menschen mit Behinderungen nicht gleichberechtigt teilnehmen könnten.

Die aktuell geltende Definition aus der Behindertenrechtskonvention von 2006 (UN Doc. A/RES/61/106) betont ebenfalls die Bedeutung der Umwelt für die Entstehung von Behinderungen. Demnach werden unter „persons with disabilities“ Menschen verstanden, „who have long-term physical, mental, intellectual or sensory impairments which in interaction with various barriers may hinder their full and effective participation in society on an equal basis with others“ (UN Doc. A/RES/61/106: Art. 1). Wichtige Streitpunkte in den Verhandlungen waren zum einen die Sorge vieler Staaten vor einer Ausweitung der Kategorie, in deren Folgen Menschen als behindert anerkannt werden würden, die bisher nicht als solche galten (z. B. Personen mit HIV), und zum anderen die generelle Ablehnung der Behinderten-NGOs28 gegenüber einer definitorischen Festlegung. Die NGOs forderten stattdessen ein „right to self-determine a disability identity“ (Kayess & French 2008: 7, FN 30; Degener 2006). Man einigte sich dann jedoch nur auf die Anerkennung der historisch-kulturellen Variabilität der Kategorie und beschrieb Behinderung in der Präambel als „evolving concept“ (UN Doc. A/RES/61/106: Präambel, Para. e).

Als Kriterien für die Zugehörigkeit werden hier zum einen das Vorliegen einer längerfristigen Schädigung genannt, die sehr unterschiedlicher Art sein kann, und zum anderen die eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.29 Körperliche bzw. medizinische Faktoren sind für die Zuschreibung einer Behinderung aber nur insofern relevant, als dass sie im Zusammenspiel mit sozialen Faktoren, wie z. B. Umweltbarrieren, die betroffenen Personen „behindern“ (Degener 2006: 106). Die Feststellung einer Abweichung in irgendeiner medizinisch-biologisch-organischen Hinsicht von einem angenommenen Normalzustand bleibt also durchaus Bestandteil der Definition (Rothfritz 2010: 165 ff.) – und zwar obwohl es bei den Verhandlungen eine Übereinkunft gab, Behinderung primär als sozial konstruiert zu verstehen (Della Fina 2017: 95).

.0.2 Splitting: Zur Ausdifferenzierung von Behinderung und den Grenzen des Normalen

Die Stabilisierung einer generalisierten Kategorie der „Menschen mit Behinderungen“ als eigenständiger Wirklichkeitsbereich vollzog sich nicht nur über die Herstellung innerkategorialer Einheit, sondern auch über die Unterscheidung von einem kategorialen Gegenüber. Für den Fall der Kategorie der „Menschen mit Behinderung“ sind hier zwei Abgrenzungsfolien relevant: Auf der einen Seite gesellschaftlich institutionalisierte Normen der körperlichen Normalität resp. gesellschaftlicher Funktionsfähigkeit, auf der anderen Seite die Ordnung der abweichenden Körper auf der Grundlage der Unterscheidung von „Krankheit“ und „Behinderung“. Diese Grenzziehung wurde systematisch im Umfeld der Weltgesundheitsorganisation WHO vollzogen, die bereits seit ihrer Gründung 1948 ein internationales System zur Klassifikation von Todesursachen und Krankheiten bereitstellte (Hirschberg 2009: 47; Bowker & Star 2017). Erst seit 1980 wurde „Behinderung“ durch die Einführung einer International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH, WHO 1993 [1980]) als abgrenzbarer Phänomenbereich sichtbar gemacht. Hintergrund war zum einen die Kritik an der Engführung der vorliegenden Klassifikationen auf akute Krankheiten und Todesursachen ohne Berücksichtigung chronischer Krankheiten, zum anderen die zunehmende nationale und internationale Thematisierung von „Behinderung“, die nicht nur die Schädigung von Körpern, sondern die gesellschaftliche Einschränkung von Teilhabe problematisierte (vgl. Hirschberg 2009: 46). Entsprechend unterschied die ICIDH drei Ebenen der Klassifikation: Erstens Schädigungen (impairments), also im Körper verortbare physische oder psychische Einschränkungen wie etwa „profound mental retardation“ oder „hearing loss“; zweitens individuelle Beeinträchtigungen (disabilities), also z. B. Einschränkungen der persönlichen Aktivitäten eines Individuums, und schließlich soziale Benachteiligungen (handicaps), d. h. Nachteile, die ein Individuum aufgrund dieser Einschränkungen innerhalb seines gesellschaftlichen Umfeldes erfährt. Die drei Dimensionen waren in ein (primär kausal gedeutetes) Ablaufmodell integriert, demnach aus körperlichen Schädigungen – zumeist vermittelt über individuelle Beeinträchtigungen – gesellschaftliche Behinderungen folgen (können) (WHO 1993 [1980]: 11).30

Abgrenzungsfolie waren auf allen drei Ebenen gesellschaftlich institutionalisierte Vorstellungen von „Normalität“: So fokussierte die Klassifikation der „Schädigungen“ „abnormalities of body structure and appearance and with organ or system function resulting from any cause“, „disability“ wurde als „any lack […] of the ability to perform an activity in the manner or within the range considered normal for a human being“ definiert, und „handicap“ als „disadvantage for a given individual resulting from an impairment or disability, that limits or prevents the fulfilment of a role that is normal […] for that individual.“ (WHO 1993 [1980]: 14, 28 f., Hervorh. Verf.) Die Klassifikation operierte also auf der Grundlage der Unterscheidung von „Normalität“ und „Abweichung“, wobei sie die Kontingenz gesellschaftlicher Normen – auch inspiriert von den sozialwissenschaftlichen Diskursen der Zeit – durchaus reflektierte (vgl. WHO 1993 [1980]: 33 f.).31 Gleichzeitig rückte „Behinderung“ durch die Unterscheidung zwischen körperlichen, individuellen und gesellschaftlichen Krankheitsfolgen als relevantes gesellschaftliches Problem in den Fokus einer internationalen Organisation.

Wenngleich die ICIDH die Sozialität von Behinderung bereits im Ansatz abbildete, verstärkte sich in den 1980er Jahren die Kritik an der Klassifikation, die vor allem die Defizit-Orientierung des Modells und die geringe Ausarbeitung der sozialen Dimension von Behinderung betraf. Es setze ein Revisionsprozess ein, und 2001 legte die WHO eine neue, bis heute geltende Klassifikation vor, die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) (WHO/EIP/GPE/CAS/ICIDH-2 FI/01.1; vgl. auch Hirschberg 2009: 52 ff.; Bickenbach et al. 1999). Der Klassifikation liegt ein „bio-psycho-soziales Modell“ von Behinderung zugrunde, das medizinische und soziale Modelle integriert. Es betont Prozesshaftigkeit und präsentiert sich damit weniger deterministisch und kausal als das Modell der Krankheitsfolgen. Entsprechend klassifiziert die ICF „Gesundheitskomponenten“ anstelle von „Krankheitsfolgen“, und nimmt neben den Zuständen von Körpern und deren Funktionen auch Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe (etwa Kommunikation mit anderen, Selbstfürsorge oder Partizipation am staatsbürgerlichen Leben) und Kontextfaktoren (etwa die Verfügbarkeit von Medikamenten, technischen Hilfsmitteln, Infrastruktur oder persönlichen Beziehungen) auf. Es verortet den Einzelnen in einem Feld, in dem „Funktionsfähigkeit“ den positiven und „Behinderung“ den negativen Pol repräsentiert. Referenzpunkt bleibt auch hier eine spezifische Normalitätserwartung, die allerdings explizit – und „proto-objektivistisch“ – als Abweichung von einem statistischen Durchschnittswert konzipiert ist (Hirschberg 2009: 158 f.).

Die revidierte WHO-Klassifikation trägt zur Objektivierung eines „kulturalisierten“ Konzeptes von „Behinderung“ bei. Gleichzeitig werden die Grenzen zu den kategorialen Nachbarkategorien diffuser. Auf der einen Seite liegt der Klassifikation ein „universelles Modell von Behinderung“ zugrunde (ausführlich Bickenbach et al. 1999: 1183 ff.), das die scharfe Unterscheidung zwischen „Menschen mit Behinderung“ und „Normalen“ in Frage stellt. Im Zuge eines Prozesses der „De-Categorization“ (Fourcade 2016: 183 f.) treten an die Stelle diskreter Unterscheidungen graduelle Abstufungen. Die Codierung von Gesundheitskomponenten ist darauf angelegt, ein Spektrum von keinen bis zu starken Einschränkungen der Funktionsfähigkeit zu erfassen. „Behinderung“, so betont auch Hirschberg (2009: 305 f.), „wird nicht mehr als abweichender Gegenstand klassifiziert, der eindeutig von Funktionsfähigkeit getrennt ist. Stattdessen wird eine Grauzone von starken zu schwach ausgeprägten Behinderungen hergestellt.“ Damit einher geht zweitens, dass auch das Splitting von „Behinderung“ und „Krankheit“, das noch für die Herausbildung des Gegenstandsbereiches „Behinderung“ im Kontext der WHO konstitutiv war, an Schärfe verliert. So sollen „[m]it Hilfe der ICF […] der Gesundheitszustand und die mit Gesundheit zusammenhängenden Zustände in Verbindung mit jedem Gesundheitsproblem beschrieben werden.“ (WHO 2005: 13, Hervorh Verf.) Während Partizipationseinschränkungen die an Faktoren wie ethnischer Zugehörigkeiten oder Geschlecht ansetzen, ausgeschlossen bleiben (WHO 2005: 13), geraten (chronische) Krankheiten wie HIV, in den Anwendungsbereich der Klassifikation, da sie in Interaktion mit entsprechenden Umweltbedingungen behindern können (WHO 2005: 21).

.0.3 Quantifying Disability: die Globalisierung des Beobachtungshorizonts durch Zahlen

Mit Hilfe der ICF wird also letztlich ein komplexes Konzept von Behinderung in ein System „objektiver“ Unterscheidungen überführt. Dieses System kann in zweierlei Hinsicht als „universell“ verstanden werden: Entsprechend der oben beschriebenen Tendenz zur Gradualisierung werden alle Menschen als mehr oder weniger funktionsfähig resp. behindert beschrieben, gleichzeitig gilt es als weltweit – und damit auch: in verschiedenen Weltregionen und kulturellen Kontexten – anwendbar. Die Klassifikation spannt also einen globalen Beobachtungsraum auf, der ganz unterschiedliche und teils widersprüchliche „medizinische Glaubens- und Praxissysteme“ (Bowker & Star 2017: 15), sowie verschiedene Gesellschaftssysteme, ökonomische und kulturelle Bedingungen umfasst. In diesem Sinne universalisiert, transferiert und transportiert32 es kontingente Normalitätsvorstellungen, die Individuum, Gesellschaft und das Zusammenspiel beider zum Ausdruck bringen, und im Begriffspaar „Funktionsfähigkeit und Behinderung“ verdichtet sind. So wird durch die Auswahl der Klassifikationseinheiten unterstellt, dass jeder Mensch Mitteilungen schreiben, auf seine Gesundheit achten und elementare bzw. komplexe wirtschaftliche Transaktionen beherrschen können muss, und dass jeder Staat Räume, Gebäude, Rechts-, Transports- und Gesundheitssysteme besitzen sollte, die als „Förderfaktoren“ und nicht als „Barrieren“ fungieren (WHO 2005). Vermittelt über die WHO-Klassifikation – so lässt sich ganz im Sinne der neo-institutionalistischen Weltgesellschaftstheorie argumentieren – werden kontingente Vorstellungen von Normalität auf den globalen Zusammenhang übertragen und „Individuen“, aber auch „Staaten“ als weltgesellschaftliche Akteure konstituiert.

Gleichzeitig etabliert sich „Behinderung“ (bzw. Funktionsfähigkeit) als globaler Gegenstandsbereich, der auf der einen Seite schon definitionsgemäß mit lokalen gesellschaftlichen Bedingungen verknüpft bleibt, und doch von ihnen abstrahiert. Die Herstellung bzw. Kommunikation kategorialer Einheit vollzieht sich dabei (auch) über die Produktion globaler Zahlen zu Behinderung (zum Zusammenhang von Quantifizierung und Globalisierung Heintz 2016).33 In den 2000er Jahren vermehrten sich im Umfeld der Vereinten Nationen und ihren Sonderorganisationen verschiedene Initiativen mit dem Ziel, standardisierte Erhebungsinstrumente zu entwickeln und vergleichbare Zahlen zu generieren: Im Kontext der Bemühungen um die Erfassung des Global Burden of Disease, wird über das Konzept der „Disability-adjusted life-years“ (DALYs) Behinderung im Sinne einer Einschränkung der Lebensqualität beschrieben, allerdings ohne Berücksichtigung von Umweltfaktoren34; demgegenüber nutzt das World Health Survey der WHO den konzeptuellen Rahmen der ICF.35 Mit der Überführung dieser komplexen Klassifikation in ein Set reduzierter Fragen, die für nationale Zensuserhebungen resp. Surveys verwendet werden sollen, ist zudem eine 2001 gegründete Expertengruppe der UN-Statistikabteilung, die Washington Gruppe, betraut.36 Im Jahre 2011 veröffentlichten WHO und Weltbank den World Report on Disability, der das Thema „Behinderung“ auf globaler Ebene aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, u. a. in Form einer quantifizierten Betrachtung (WHO & The World Bank 2011). Das Problem der Vergleichbarkeit der Daten sprechen die AutorInnen zwar offen an, dennoch wird die Vielfalt körperlicher und sozialer Zustände in die Faktizität globaler und regional disaggregierter Maßzahlen gegossen: Je nach Datengrundlage haben 15,3 bzw. 15,6 Prozent der Weltbevölkerung schwere oder moderate Behinderungen und 2,9 bzw. 2,2 Prozent schwere Behinderungen (WHO 2011 & The World Bank: 28, 30). Über die Kommunikation dieser Zahlen erhält die globale Kategorie der Menschen mit Behinderungen einen Anstrich von Faktizität, der die Kontingenz der kategorialen Grenzziehungsprozesse auf globaler Ebene verschleiert (Heintz 2016). Die Universalität von Behinderung wird gleichermaßen gebrochen und bestätigt: Auf der einen Seite werden über die Einführung von Schwellenwerten Subkategorien geschaffen, so dass es zu einer Art Re-Kategorisierung (Fourcade 2016: 186 ff.) kommt, bei der (schwere oder moderate) „Behinderung“ sichtbar gemacht und „Funktionsfähigkeit“ aus dem Beobachtungsraum ausgeschlossen wird. Auf der anderen Seite spannt die Kategorie der Menschen mit (schweren oder moderaten) Behinderungen einen globalen Beobachtungsraum auf, der alle Menschen mit einem bestimmten Maß an eingeschränkter Funktionsfähigkeit umfasst. Innerhalb dieses Raumes werden Unterschiede dann als interne Differenz vergleichend beobachtet.

4 Making up „indigene Völker“

4.1 Die Institutionalisierung der Personenkategorie der „indigenen Völker“

Ähnlich wie im Fall der Menschen mit Behinderungen waren auch die „indigenen Völker“ im Kontext der Vereinten Nationen bis in die 1970er Jahre keine relevante Kategorie – wenngleich Indigene unter dem Label der „indigenous populations in independent countries“ im Umfeld der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in den 1950er Jahren zum Gegenstand politischer Maßnahmen und rechtlicher Erwartungen wurden (vgl. zum Folgenden ausführlich Bennani 2015; 2017). Während die ILO aus einer dem Entwicklungs- und Modernisierungsdenken verhafteten Perspektive ganz unterschiedliche Völker, Gruppen und Gemeinschaften in Nordamerika, Lateinamerika, Australien, Asien sowie einigen bereits unabhängigen Staaten Afrikas und Asiens als „nicht-integrierte“, „prekäre“, „traditionelle“, gar „primitive“ „indigene Bevölkerungen“ in einen geteilten Horizont der Beobachtung und des Vergleiches brachte (C107, ILO; Rodríguez-Piñero 2005), wurden im Umfeld der Mutterorganisation innerstaatliche Differenzen unter dem Schlagwort der „minorities“ verhandelt, und zum Gegenstand eines (frühen) Rechtediskurses (Mazower 2004).

Als die Kategorie der „indigenen Bevölkerungen“ die Vereinten Nationen in den 1970er Jahren erreichte, geschah dies in einem dynamischen weltpolitischen und aktivistischen Umfeld, innerhalb dessen sich die kategoriale Logik geradezu in ihr Gegenteil verkehrte: Während im integrationistischen ILO-Diskurs der 1950er Jahre „indigene“ und „nicht indigene“ Bevölkerungsgruppen in ein hierarchisches Verhältnis zueinander gesetzt wurden und die Beobachtung von Differenz in erster Linie auf deren Beseitigung abzielte, wurde die kategoriale Unterscheidung nun auf Dauer gestellt und indigene Differenz anerkannt, gestärkt, gar zum Rechtsanspruch erklärt. Als „Türöffner“ erwiesen sich auf der einen Seite der „Kampf gegen Rassismus und rassistische Diskriminierung“, der auf der Agenda der Weltorganisation einen prominenten Platz einnahm (Müller 2014). So finden sich erste Verweise auf „indigene Bevölkerungen“ in einer UN-Experten-Studie zu Racial Discrimination in the Political, Economic, Social and Cultural Spheres (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/307, Minde 2007:13 f.). Eine daran anschließende umfassende Studie zum Problem of Discrimination against Indigenous Populations erfasste die rechtliche und soziale Lage indigener Bevölkerungen in 37 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen im Detail (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1986/7 und Add. 1–4). In der Abschlusserklärung der ersten UN-Weltkonferenz zum Kampf gegen Rassismus und rassistische Diskriminierung 1978 in Genf werden indigene Völker explizit erwähnt und nicht nur mit eigenen Paragraphen, sondern auch mit eigenen Rechten ausgestattet (UN Doc. A/CONF. 92/40). Dass das Indigene sich nachhaltig im organisationalen Gefüge der Vereinten Nationen verankern konnte, lässt sich auf der anderen Seite auf die Präsenz einer sich rapide internationalisierenden indigenen aktivistischen Bewegung zurückführen (Niezen 2003). Stark beeinflusst vom antikolonialen Diskurs der Zeit konstituierte sich diese auf der Grundlage einer Selbstbeschreibung als (noch kolonialisierte) „indigene Völker“, die nach Selbstbestimmung und Befreiung von politischer und kultureller Fremdbestimmung strebten – und die diese Forderungen auch an die internationalen Organisationen richteten (Engle 2010).

Ein entscheidender Institutionalisierungsschritt lässt sich in der Einrichtung einer Arbeitsgruppe zu indigenen Bevölkerungen im Jahr 1981 ausmachen (Sanders 1989). Sie war in der Hierarchie der Vereinten Nationen recht niedrig angesiedelt, dennoch erwies sich die Schaffung eines spezialisierten kommunikativen Forums für Indigene in verschiedener Hinsicht als folgenreich: Erstens führte die Initiierung eines „indigenen Ortes“ zu einer Vervielfältigung von Kommunikationen, die die Kategorie der „indigenen Bevölkerungen“ aktualisierte (Muehlebach 2001). Zweitens sah das Mandat der Arbeitsgruppe die Ausarbeitung eines Rechtsdokuments vor, das ein Set genuiner „Indigenenrechte“ formulieren sollte – und führte letztlich zu Verabschiedung der UN Declaration on the Rights of Indigenous Peoples (UN Doc. A/RES/61/295) im Jahr 2007. Und schließlich ermöglichte die inklusive Ausrichtung der Arbeitsgruppe, die für Indigenenorganisationen leicht zugänglich war, die direkte Einflussnahme wie auch eine intensive Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteure (Niezen 2003). Selbst- und Fremdbeschreibungen begannen sich einander anzunähern.

Nachdem die Kategorie des Indigenen in den 1970er Jahren Resonanz zu erzeugen begann, setzte in den 1990er Jahren ein regelrechter Institutionalisierungsschub ein (Morgan 2011): ILO-Konvention No. 169concerning Indigenous and Tribal Peoples in Independent Countries (C169, ILO) trat als revidierte und an die Forderungen des indigenen Aktivismus angepasste Konvention 1991 in Kraft; die Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärte das Jahr 1993 zu dem International Year of the World’s Indigenous People, auf das zwei International Decade[s] of the World’s Indigenous People (1995–2004 und 2004–2014) folgten. Im Jahr 2000 wurde das UN Permanent Forum on Indigenous Issues eingerichtet, das als beratendes Gremium des Wirtschafts- und Sozialrates in der Hierarchie der Vereinten Nationen relativ hoch angesiedelt ist. Mit der Declaration on the Rights of Indigenous Peoples 2007 (UN Doc. A/RES/61/295) wurden schließlich indigene Kollektivrechte anerkannt, und die World Conference on Indigenous Peoples 2014 bildete den bisherigen Höhepunkt internationaler Aufmerksamkeit. Die Verbreitung spezialisierter Kommunikationen über Indigene wurde begleitet von einem Prozess des kategorialen Mainstreaming. Indigene diffundierten auch in neue Themenfelder und wurden zu einer jener Kategorien, anhand derer „rationalisierte Andere“ die Welt gewissermaßen einer Zweit-Beobachtung unterziehen.

Es lassen sich verschiedene Faktoren identifizieren, die den Institutionalisierungsprozess der Kategorie begünstigten: Erstens erwies sich das weltkulturelle Umfeld für die Kategorie als hochgradig anschlussfähig. Auch wenn jene diskursiven Strömungen, die den innerorganisationalen Aufstieg zunächst ermöglicht haben – nämlich der Kampf gegen Rassismus, rassistische Diskriminierung sowie der Entkolonialisierungsdiskurs – in den 1990er Jahren vergleichsweise an Bedeutung verloren haben, fanden sich „indigene Völker“ auch im zeitgenössischen Umfeld bestens zurecht. So trugen sowohl der Bedeutungsgewinn eines globalen Diskurses über (nachhaltige) Entwicklung als auch die weltgesellschaftliche Lobpreisung kultureller Diversität, die diese – parallel zur biologischen Diversität – zu einem unhinterfragten Eigenwert erklärt, zum innerorganisationalen Aufstieg der Indigenen bei (Muehlebach 2001). Zweitens hatte sich nicht nur die Kategorie, sondern auch deren Ausprägungen in den organisationalen Routinen der Organisation festgesetzt: Indigene waren nicht nur Thema, sondern auch Produzenten von Kommunikationen. Die Indigenenbewegung blieb von einer starken Präsenz, und Personen indigener Herkunft begannen vermehrt auch Leistungsrollen zu übernehmen. Schließlich kann – neben der Rolle von Diskursen und Akteuren – auch auf die Eigenlogik von Kategorien verwiesen werden. Kategorien repräsentieren eine Ordnung, die auf der Unterscheidung von Ähnlichkeit und Differenz beruht. Sind diese hochgradig institutionalisiert, führen sie gewissermaßen den Zwang zur Unterscheidung mit sich – sind sie weniger institutionalisiert, verführen sie zumindest zur (kontextabhängigen) Unterscheidung. Hat sich eine kategoriale Unterscheidung erst einmal etabliert, wird die Welt (auch) aus ihrer Perspektive in den Blick genommen (s. o.).

4.2 Die Etablierung kategorialer Grenzziehungen und deren globale Ausweitung

Dass Indigene – wenn auch unter den wandelnden Begriffen „indigenous populations“, „indigenous people“ und „indigenous peoples“ – kategoriale Eigenständigkeit erlangen und sich als Wirklichkeitsbereich etablieren können, ist das Ergebnis mannigfacher Prozesse kategorialer Grenzziehungsarbeit. Wir zeigen im Folgenden, wie die Kategorie des Indigenen sich in der bereits etablierten kategorialen Ordnung im Umfeld der Vereinten Nationen einfügen und von „Nachbarkategorien“ abgrenzen konnte. Anschließend fokussieren wir die Fragen, wie kategoriale Einheit hergestellt und trotz einer Ausweitung der kategorialen Grenzen aufrechterhalten werden konnte.

.0.4 Splitting: Die Kategorie und ihre Nachbarn

Die Kategorie der „indigenen Völker“ ist – und das offenbart bereits die Wortbedeutung des lateinischen Begriffs „indigenae“, der die „zuerst dagewesenen“ bezeichnet – immer auf ihr konstitutives kategoriales Gegenüber bezogen, nämlich die „später kommenden“ europäischen Kolonisatoren bzw. deren Nachfahren. Neben diesem „genetischen“ Gegenüber gewinnt sie ihre (sich wandelnden) Konturen jedoch auch in Relation zu „älteren“ „Nachbarkategorien“, die sich im politisch-rechtlichen Sprachgebrauch der Vereinten Nationen bereits etabliert hatten: Auf der einen Seite war das die Kategorie der (Angehörigen von) „nationalen und ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheiten“ und auf der anderen Seite die Kategorie des „Volkes“.

Die Kategorie der „Minderheiten“ war in dem politischen Diskurs der Weltorganisation seit ihrer Gründung präsent und zwar im Kontext eines menschenrechtlichen Diskussionszusammenhangs (Mazower 2014). „Indigene Bevölkerungen“ wurden zumindest teilweise als „Minderheiten“ mitgeführt, wenngleich ihnen der Anspruch auf Minderheitenrechte im Kontext eines integrativen Paradigmas, das auf Integration und nicht auf differente Rechte setzte, häufig abgesprochen wurde. Erste Bemühungen, „Indigene“ von „Minderheiten“ zu trennen, lassen sich in den 1970er Jahren beobachten. So fiel etwa die Entscheidung, in dem Abschlussdokument der ersten Weltkonferenz zum Kampf gegen Rassismus und rassistische Diskriminierung Paragrafen zu Minderheiten und zu indigenen Völkern zu differenzieren, erst während des Aushandlungsprozesses des Deklarationstextes (Minde 2007: 22 ff.). Demnach sind Indigene eben keine Minderheiten in einem nationalstaatlichen Kontext, sondern unabhängige Kollektive mit distinkten Kulturen, die im Prozess der Kolonisation ihrer Länder beraubt wurden, zu diesen jedoch noch immer eine besondere Beziehung aufwiesen.

Als Referenzpunkt bezog sich der indigene Aktivismus, der stark vom Entkolonialisierungsdiskurs beeinflusst war, auf die Kategorie des „Volkes“, die im internationalen Diskurs anerkannt und vor allem mit dem Recht auf Selbstbestimmung der Völker assoziiert wurde (Fisch 2011). Wenngleich nicht genau definiert, bestand Konsens darüber, dass Begriff und Rechtsanspruch vor allem auf die Situation der im klassischen Überseekolonialismus kolonialisierten abhängigen Gebiete, nicht aber auf Kollektive im Inneren von Siedlerstaaten Anwendung finden sollten. Diesem Verständnis jedoch setzten indigene AktivistInnen die Interpretation entgegen, auch Indigene seien kolonialisierte Völker. Einige Aktivisten wie der Gründer des International Indian Treaty Council, Jimmie Durham, gingen in dieser Interpretation so weit, dass sie sich gegen eine Differenzierung von „indigenen“ und „nicht-indigenen“ Völker wandten: Der Begriff der “indigenous peoples“ so argumentierte Durham im Jahre 1977, sei “just a nonsense phrase“ für „colonized people who are not officially colonized according to the UN standards of who is colonized“ (Durham, zit. nach Crossen 2014: 67). Durchsetzen konnte sich jedoch die (weniger radikale) Unterscheidung zwischen „ehemals kolonialisierten Völkern” und „indigenen kolonialisierten Völkern”, die in der Unterscheidung von „Dritter Welt” und „Vierter Welt” ihre semantische Verdichtung fand (Manuel & Posluns 1974; kritisch Dunbar-Ortiz 1984). Die Abgrenzung zwischen beiden Kategorien wurde nicht allein anhand politischer Kriterien getroffen. Vielmehr betonte George Manuel, Gründer des World Council of Indigenous Peoples, auch kulturelle Differenz (Manuel & Posluns 1974: 5): Während die dritte Welt der jungen postkolonialen Nationalstaaten als „darker imitation of the world of their colonial masters“ erscheine (Manuel, zit. nach Hall 2003: 239), hielten Indigene eine genuine Kosmovision lebendig, die in ihrer konstitutiven Verbindung zu Land und einer kollektivistischen Organisation von Gesellschaft zum Ausdruck käme.

Auch wenn die Überzeugung, dass „Indigene” als eigenständige Personenkategorie von „Minderheiten” und „Völkern” unterschieden werden müssten, sich im Laufe der 1970er und 1980er Jahre im politischen Diskurs verfestigte, blieb ihr Status als „Volk” bis in die 2000er Jahre umstritten. Um diese wirkmächtige Begrifflichkeit setzte ein Jahrzehnte andauernder Klassifikationskampf ein. Während AktivistInnen sich als „indigenous peoples“ verstanden, lehnten (einige) Staaten und internationale Organisationen diesen Begriff hartnäckig ab. Bis in die 1990er Jahre galten Indigene als „indigenous populations“, also als Bevölkerungsgruppen innerhalb nationalstaatlicher Zusammenhänge. In den 1990er Jahren etablierte sich der Begriff „indigenous people“, der aus „Bevölkerungen“ „Menschen“ werden ließ, jedoch den kollektiven Charakter indigener Sozialorganisation ausblendete. Den „Kampf um das ,s‘, der „Menschen“ zu „Völkern“ machte, gewannen indigene AktivistInnen erst in den 2000er Jahren. Seit der Verabschiedung der Deklaration über die Rechte indigener Völker 2007 hat sich dieser Sprachgebrauch etabliert.

.0.5 Lumping: Die Herstellung kategorialer Einheit

Wenngleich sich der Bedeutungsgehalt von Kategorien immer auch durch das ergibt, was sie nicht sind, beruht Kategorienbildung doch auch auf der Festlegung von manifesten Eigenschaften und dem Versuch, Substanz zu fixieren. Was hält die Kategorie zusammen? Gerade vor dem Hintergrund, dass Indigene im Kontext der Vereinten Nationen auf keine kategoriale Geschichte zurückblicken konnten, war eine Definition des Gegenstandes vor allem in den 1970er und 1980er Jahren ein zentrales Anliegen. So hatte es die UN, als sie „indigene Bevölkerungen“ dann als eine relevante Kategorie in den Blick nahm, mit einer anderweitig schon institutionalisierten, schon globalisierten, schon generalisierten Kategorie zu tun. Sie war im lateinamerikanischen Kontext und in der ILO bereits etabliert, und der sich internationalisierende indigene Aktivismus verschaffte ihr nicht nur eine neue Präsenz, sondern eine ganz eigene Faktizität. Im organisationalen Umfeld der UN jedoch musste sie an etablierte Beobachtungsroutinen angeschlossen und definitorisch bestimmt werden. Wenngleich der „kategoriale Kern“ und die Kategorie stabil die „Nachkommen der ersten Bevölkerung eines Landes“ bezeichnet, sind sowohl die Bedeutungen, die mit der Kategorie assoziiert werden, als auch die Grenzziehungsmechanismen flexibel. Dies lässt sich an einem Wandel der Definitionen illustrieren, die nicht nur den Einfluss einer internationalen Indigenenbewegung – und eine damit einhergehende kategoriale Aufwertung – abbilden, sondern, damit einhergehend, auch eine Öffnung kategorialer Grenzen. Für die Definitionsfrage einschlägig ist die nach dem UN-Sonderberichterstatter José Martinez-Cobo benannte Studie, die genau genommen zwei Definitionen enthält: eine frühe Arbeitsdefinition aus dem Jahr 1972, die als Voraussetzung für „a certain degree of comparability in the content of the information collected“ interpretiert wird (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 21), und einen späteren Entwurf aus dem Jahre 1983, der eigentlich, gewissermaßen als Ergebnis der Studie, eine verbindliche Definition „from the international point of view“ repräsentieren sollte (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1983/21/Add. 8).

Die Definition von 1972 lautete folgendermaßen:

“Indigenous populations are composed of the existing descendants of the peoples who inhabited the present territory of a country wholly or partially at the time when persons of a different culture or ethnic origin arrived there from other parts of the world, overcame, and, by conquest, settlement or other means, reduced them to a non-dominant or colonial condition; who today live more in conformity with their particular social, economic and cultural customs and traditions than with the institutions of the country of which they now form part, under a State structure which incorporates mainly the national, social and cultural characteristics of other segments of the population which are predominant.” (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 34)

Im Kern schloss diese Definition an eine etablierte Vorstellung vom Indigenen an: Indigene Bevölkerungen wurden als Nachfahren der vorkolonialen Bevölkerung eines bestimmten Gebietes betrachtet, die ihr Leben nach eigenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Sitten und Traditionen ausrichten – also kulturell distinkte Populationen im Kontext von Staaten. Allerdings war diese Bestimmung des Indigenen frei von den negativen Konnotationen, die für den integrationistischen Diskurs der ILO der 1950er Jahre charakteristisch waren: Verweise auf die „Primitivität“ der Indigenen waren ebenso verschwunden wie die Subdifferenzierung indigener Bevölkerungen anhand ihres Grades bereits erreichter Integration. Stattdessen spiegelte sich eine latente Kolonialismuskritik in der Definition: Eroberung und Besiedlung hätten in der „imposition of political, economic and cultural dependence of a ‚metropolitan‘ power which exploited land, goods and peoples to its own advantage“ resultiert (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 41). Die Marginalisierung indigener Bevölkerung finde ihre Fortsetzung „under a State structure which incorporates mainly the national, social and cultural characteristics of other segments of the population which are predominant“ (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 34). Cobo ging jedoch nicht so weit wie die AktivistInnen, auch die aktuelle Position indigener Bevölkerungen in unabhängigen Nationalstaaten explizit als „colonial condition“ zu bezeichnen. Dennoch ist es aus seiner Perspektive die „non-neutral state structure“ (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 44) und nicht die „Primitivität“ der Indigenen, die „protective measures in their favour, affording them special rights and services“ (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 44) notwendig machten. Die Grenzen der Kategorie scheinen auf den ersten Blick recht eng gezogen, insofern Cobo die Situation des Überseekolonialismus in den Fokus rückt, bei der die Eroberer „of a different culture or ethnic origin […] from other parts of the world“ seien (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 34); anderenfalls handle es sich um ein „problem between indigenous populations.“ (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/L. 566: § 39) Dieser engen Bestimmung zum Trotz thematisierte die Cobo-Studie auch die Indigenen Skandinaviens sowie asiatische (nicht aber afrikanische) Gruppierungen.

Als Cobo 1983 einen zweiten Definitionsversuch präsentierte, tat er das ganz ausdrücklich vor dem Hintergrund eines erstarkenden indigenen Aktivismus und offizieller Institutionalisierungsbemühungen innerhalb der neu gegründeten Arbeitsgruppe zu Indigenen. Diese sei auch der Ort, an dem eine offizielle Definition zu erarbeiten sei; Cobo präsentierte „only tentative concepts and criteria for placing on the table a merely preliminary and provisional efforts on the basis of what are felt to be the relevant criteria.” (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1983/21/Add. 8: §§ 366 f.) Diese lauteten:

„Indigenous communities, peoples and nations are those which, having a historical continuity with pre-invasion and pre-colonial societies that developed on their territories, consider themselves distinct from other sectors of the societies now prevailing in those territories, or part of them. They form at present non-dominant sectors of society and are determined to preserve, develop and transmit to future generations their ancestral territories, and their ethnic identity, as the basis for their continued existence as peoples, in accordance with their own cultural patterns, social institutions and legal systems.” (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1983/21/Add. 8: § 379)

Trotz der offensichtlichen Parallelen zu dem ersten Definitionsvorschlag – etwa dem Verweis auf vorkoloniale Gesellschaften, eigene Institutionen und Strukturen oder eine gegenwärtig nicht-dominante Position – zeigen sich auch neue Akzentsetzungen. Diese bilden offensichtlich den Einfluss des indigenen Aktivismus ab. Cobo spricht beispielsweise nicht mehr von „indigenen Bevölkerungen“, sondern von „indigenen Gemeinschaften, Völkern und Nationen“ und betont die Bedeutung, die Länder der Ahnen und ethnische Identität für den Fortbestand als Völker haben. Er aktualisierte damit eine typische Argumentationsfigur des indigenen Aktivismus, die den Vorwurf des Ethnozids impliziert.

Damit einher ging ein Trend zur „De-Essentialisierung“. So gewann in dieser Arbeitsdefinition das Verhältnis indigener Bevölkerungen zu sich selbst an Bedeutung. Wenngleich „objektive“ Züge wie eine nicht-dominante Position im staatlichen Gefüge und eigene „kulturelle Muster, soziale Institutionen und Rechtssysteme“ erwähnt wurden, waren es auch „subjektive“ Aspekte wie Selbstbeobachtung von Differenz („consider themselves distinct“), der Wunsch zu deren Aufrechterhaltung („determined to preserve, develop and transmit“) sowie Identität („ethnic identity“), die als zentrale Merkmale hervorgehoben wurden. Die Schwerpunktverlagerung zur Selbstbeschreibung, spiegelt ein konstruktivistisches Verständnis von Ethnizität: „Social scientists“, betonte Cobo, „have reached the conclusion that ethnic groups can be characterized only by the distinctions which they themselves perceive between themselves and other groups with which they have to interact“. (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1983/21/Add. 8: § 375) Für das Anliegen einer Definition indigener Völker implizierte dies, dass von der Ebene der Beobachtung erster Ordnung auf die Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung umgestellt wurde: Die Aufgabe lautete nicht mehr in erster Linie, „objektive“ kategoriale Grenzziehungskriterien zu bestimmen, sondern vielmehr, „(inter-)subjektive“ Grenzziehungsprozesse zu beobachten. Cobo ging in seinen Überlegungen noch einen Schritt weiter, indem er – ganz in Einklang mit aktivistischen Forderungen – „the sovereign right and power to decide who belongs to them, without external interference“ betonte, die den indigenen Gemeinschaften zukämen (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1983/21/Add. 8: § 382).

Diese Tendenz zur Anerkennung eines Rechts auf Selbstbeschreibung indigener Völker verfestigte sich in den folgenden Jahren – und gipfelte schließlich in dem Verzicht auf festlegende Fremdbeschreibungen, die als Verletzung des Rechts auf Selbstbeschreibung interpretiert wurden. Zwar war das Anliegen, die Zielgruppe zu definieren, in den ersten Sitzungen der UN Working Group on Indigenous Populations unübersehbar – schließlich würde kategoriale Zugehörigkeit über den Anspruch oder Nicht-Anspruch auf die zu proklamierenden Indigenenrechte entscheiden. Dennoch wurden schon in den 1980er Jahren Stimmen laut, die sich explizit gegen die Aufnahme einer formalen Definition in den Deklarationstext aussprachen, und das waren vor allem die Stimmen indigener AktivistInnen (vgl. Barsh 1986: 375 f.). Im Jahr 1996 formulierten diese eine gemeinsame Erklärung, in der sie für eine Abstinenz der Deklaration in Sachen Definition plädierten, obschon sie die von Cobo vorgeschlagene Arbeitsdefinition im Prinzip bestätigten (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1996/21). Wenngleich diese Position bis zuletzt nicht unwidersprochen blieb, verfestigte und generalisierte sie sich im Lauf der 1990er Jahre. Der 2007 verabschiedete Text der Declaration on the Rights of Indigenous Peoples (UN Doc. A/RES/61/295) schließlich enthält – im Unterschied zur Behindertenrechtskonvention – keine Definition, sondern verschiebt in Artikel 33 die Bestimmung von Indigenität in den Bereich der Selbstbeschreibung: „Indigenous peoples have the right to determine their own identity or membership in accordance with their customs and traditions.“ (UN Doc. A/RES/61/295: Art. 33.1)

.0.6 Boundary Crossing, Boundary Shifting und die Ausweitung des Beobachtunghorizontes

Die Kategorie des Indigenen etablierte sich also bis in die 1990er Jahren als wirkmächtige Unterscheidung, die ihre Eigenwirklichkeit auch in Abgrenzung zu der Nachbarkategorie der „Minderheiten“ erlangte. Im Zuge des Institutionalisierungsprozesses kam es nicht nur zu einer Aufwertung der Kategorie, sondern auch zu einer sukzessiven Ausweitung des Beobachtungshorizontes: Während Völker in Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland den „Kern“ der Kategorie ausmachten, kam es an den kategorialen Rändern zu Expansionsbewegungen. So wurden auch die skandinavischen Sami (bereits in den 1970er Jahren) und immer mehr Völker auf dem asiatischen und dem afrikanischen Kontinent (in den 1990er Jahren) als „indigene Völker“ beobachtet (Niezen 2003; Muehlebach 2001; Igoe 2006). Für die Ausweitung der kategorialen Grenzen maßgeblich waren in diesem Fall jedoch nicht die globalen ExpertInnen der Vereinten Nationen. Vielmehr kann die Diffusion von Selbstbeschreibungen als zentraler Globalisierungsmechanismus identifiziert werden.

Diese breite Bewegung des „becoming indigenous“ von Völkern, Gruppen und Gemeinschaften in Afrika und Asien blieb jedoch nicht unwidersprochen, sondern resultierte in Klassifikationskämpfen, die sich um die Zuordnung von Einheiten dies- oder jenseits der kategorialen Grenze entfalteten: Handelte es sich tatsächlich um „Indigene Völker“, oder nicht doch um „Minderheiten“? Während der neue Fokus auf Selbstbeschreibungen auf der einen Seite ihre „Indigenisierung“ legitimierte, unterschieden sich die „neuen Indigenen“ in relevanten Hinsichten von den „klassischen Indigenen“. Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Geschichten der Kolonialisierung ließen sich weder die Kriterien der zeitlichen Priorität noch der historischen Kontinuität mit den ersten Bewohnern mühelos anwenden. Auch die Unterscheidung zwischen „indigenen“ und anderen „marginalisierten“ Minderheiten erwies sich als konfliktreich, insofern sie nicht mehr an „Rasse“ gekoppelt war. So wandten sich nicht nur die VertreterInnen (einiger) Staaten, sondern auch globale ExpertInnen zunächst gegen die Verortung der „neuen Indigenen“ auf der indigenen Seite der Unterscheidung:37 In diesem Sinne sprach sich etwa Alfonso Martinez, Sonderberichterstatter der UN Working Group on Indigenous Populations, gegen einen „inflationären Gebrauch“ der Kategorie aus (vgl. UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1995/27). Er bezweifelte „the relevance of the concept of ‘indigenousness’ to refer to any possible case of ‘State-oppressed peoples’ […] in the particular context of today’s Afro-Asian and Pacific States” (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1995/27: § 73) und sprach sich dafür aus, „to reestablish a clear-cut distinction” (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1995/27: § 73).

„Indigenous peoples […] are not ,minorities‘ under United Nations usage and possible practical action […]. By the same token, ethnic and national minorities are not be considered ›Indigenous peoples‹ in the United Nations context.” (UN Doc. E/CN. 4/Sub. 2/1995/27: § 81)

Diesen Einwänden (und individuellen Streitfällen) zum Trotz sollte sich in den Folgejahren die Erwartung institutionalisieren, dass „Indigene Völker“ weltweit, also auch in Afrika und Asien, zu identifizieren seien.

Was ermöglichte ein solches Lumping der „neuen Indigenen“, im Zuge dessen Unterschiede zugunsten von Ähnlichkeiten in den Hintergrund zu treten begannen – und zwar ohne die kategorialen Grenzen grundsätzlich zu destabilisieren? In Anlehnung an Loveman und Muniz (2007) lässt sich der zugrundeliegende Prozess als „boundary shifting“ fassen: Es kam zu einer Reakzentuierung und Diversifizierung der kategorialen Grenzen, und das Konzept der „Indigenität“ veränderte sich so, dass es Indigene weltweit zu erfassen begann. Von den multiplen Definitionsmerkmalen wurden vor allem die besondere Beziehung zum Land und die Marginalisierung der eigenen Kultur betont. Auch wenn koloniale Erfahrung und zeitliche Priorität kategorienkonstitutive Elemente blieben, traten sie in den Hintergrund bzw. wurden nur selektiv aktualisiert. Die „Triebfeder“ für diesen Prozess der Grenzverschiebung kann erstens auf der Ebene der Diffusion von Selbstbeschreibungen ausgemacht werden. Die breite Verfügbarkeit und Institutionalisierung der Kategorie der „indigenen Völker“ regte einen Prozess des „Making up indigenous peoples“ an, von dem ausgehend sich ein „Looping Effect“ (Hacking 2006) entfalten konnte, der zu einer Reakzentuierung der kategorialen Grenzen beitrug. Es wurde also nicht an den etablierten Grenzziehungskriterien festgehalten, was einen Ausschluss der neuen Indigenen aus dem kategorialen Rahmen zur Folge gehabt hätte. Dass sich nicht ein normativer, sondern ein kognitiver Erwartungsstil durchsetzte, kann zweitens mit dem Verweis auf die Prominenz weltgesellschaftlicher Diskurse begründet werden. Zu denken ist hier nicht nur an die Legitimierung identitärer Selbstbeschreibung, sondern auch an den weltgesellschaftlichen Aufstieg der Diskurse um kulturelle und biologische Vielfalt, die mit einem Bedeutungsverlust des Diskurses um (Ent-)Kolonialisierung einherging. Schließlich kann auch der bereits erreichte hohe Institutionalisierungsgrad der Kategorie der „indigenen Völker“ als eine Hintergrundbedingung für die Möglichkeit der Verschiebung kategorialer Grenzen interpretiert werden. Erst nachdem sich die kategoriale Unterscheidung als solche etabliert hatte und nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt wurde, war es möglich, auch „ungewöhnliche“ Einheiten in den kategorialen Raum zu inkludieren, ohne die Einheit der Kategorie als solche zu erschüttern.38 Auch wenn die Expansion des kategorialen Raumes durchaus auf Widerstände stieß, verfestigte sich bis in die 2000er Jahre die Vorstellung, dass die „indigene Welt“ sich über Afrika, Asien, Zentral- und Südamerika und die Karibik, die Arktis, Zentral- und Osteuropa, die russischen Föderation, Zentralasien und Transkaukasien, Nordamerika und den Pazifik erstrecke – so die offizielle Einteilung von sieben indigenen Weltregionen.

5 Fazit: „Making up people“ in der Weltgesellschaft

Ausgangspunkt unseres Beitrags war die Beobachtung einer zunehmenden Diversifizierung der Weltgesellschaft und die Frage nach dem globalen „making up people“: Wie etablieren sich Personenkategorien in Politik und Recht zu legitimen Unterscheidungen, wie werden sie institutionalisiert und mit Hilfe welcher Mechanismen wird ihre Reichweite globalisiert? Anhand explorativer Analysen ausgewählter Dokumente internationaler Organisationen haben wir die Institutionalisierungs- und Globalisierungsgeschichte von „Menschen mit Behinderungen“ und „indigenen Völkern“ rekonstruiert. Im Folgenden werden die Ergebnisse zusammengefasst und miteinander verglichen, um anschließend daraus erste Rückschlüsse auf zentrale Mechanismen der Entstehung globaler Personenkategorien ziehen zu können sowie offene Fragen und den weiteren Forschungsbedarf zu beschreiben.

Etablierung kategorialer Grenzen: lumping und splitting

Seit den 1970er Jahren begannen sich die Kategorien „Menschen mit Behinderungen“ und „indigene Völker“ in den Beobachtungsroutinen internationaler Regierungsorganisationen als eigenständige Problem- und Wirklichkeitsbereiche zu etablieren und von verwandten Themenfeldern abzugrenzen. Die Dynamik zunehmender Institutionalisierung verstärkte sich auch aufgrund der zunehmenden Präsenz von (nationalen und internationalen) Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen. Die Mitglieder der Personenkategorien, die bislang vorwiegend kommunikativer Themenfokus waren, wurden selbst aktiv und stiegen in die Leistungsrollen auf. In den 1980–90er Jahren fanden Menschen mit Behinderungen und Angehörige indigener Völker auf diese Weise auch in internationalen Organisationen Anerkennung als ExpertInnen, und es kam zu einer stärkeren Kongruenz zwischen Klassifizierten und Klassifikatoren. In einem engen Wechselspiel von bereits etablierten weltkulturellen Erwartungen und neuen Perspektivierungen etablierten sich die Kategorien als distinkte Unterscheidungen und wurden – im Sinne eines „Looping-Effekts“ (Hacking 2006) – mit neuen Erwartungen assoziiert.

Der veränderte Fokus spiegelt sich in beiden Fällen auch in einer Neuakzentuierung der Kriterien der Grenzziehung. Sowohl im Fall der Menschen mit Behinderungen als auch bei den indigenen Völkern wurde die kategoriale Einheit durch die Betonung der gemeinsamen Exklusionserfahrungen erzeugt, die die Angehörigen beider Kategorien teilen. Es war der Kampf gegen Diskriminierung, in dessen Umfeld die beiden Kategorien Resonanz zu erzeugen begannen. Entsprechend wurde in den Definitionsversuchen der 1970er Jahren die Lebensweise indigener Völker entgegen früherer Negativstereotype nicht mehr als „primitiv“ oder „unterentwickelt“ beschrieben und die Menschen mit Behinderungen nicht mehr als „minderwertig“. Die politische Wahrnehmung der beiden Kategorien verschob sich also dahingehend, dass sie nicht (mehr) als Problem für die Mehrheitsgesellschaft beschrieben wurden, sondern eher ihr Ausschluss durch die Mehrheitsgesellschaft in Form von Diskriminierung thematisiert wurde.

In beiden Fällen bleibt also die Mehrheitsgesellschaft bzw. die durch sie (re)produzierten Normalitätsvorstellungen zentrale Abgrenzungsfolie. So gewinnen die Kategorien ihre Eigenständigkeit nicht nur durch die Differenzierung von Nachbarkategorien wie „chronisch Kranken“ bzw. „Minderheiten“ oder „kolonialisierten Völkern“, sondern auch in ihrer Kontrastierung mit „dem Normalen“, nämlich dem rationalen, funktions- und leistungsfähigen gesunden Körper bzw. westlich geprägten Modernitätsvorstellungen, die spezifische Erwartungen an das Individuum und seine Einbettung in Gesellschaft transportieren. Für die Herstellung der Kategorie der indigenen Völker allerdings sind – im Unterschied zur Kategorie der „Menschen mit Behinderungen“ – weltgesellschaftliche Strukturen und Erwartungen konstitutiv, und sie erscheint als genuin globale Kategorie39: Lokale Bevölkerungen wurden erst im gewaltvollen Prozess der westlichen Kolonisation zu „Ureinwohnern“, im Zuge dessen hegemoniale Strukturen und Deutungen weltweite Verbreitung fanden und in Form westlich geprägter Nationalstaaten auf Dauer gestellt wurden. Gleichzeitig konstituiert sich die Kategorie der „indigenen Völker“ im 21. Jahrhundert in expliziter Abgrenzung zu zentralen weltkulturellen Erwartungen, steht sie doch für Gemeinschaft statt Individualität, Spiritualität statt Rationalität und die Infragestellung der Trennung von „Natur“ und „Kultur“. „Weltgesellschaft“ und „indigene Völker“ scheinen sich in gewisser Weise sogar wechselseitig zu bedingen, denn man kann vermuten, dass wohl auch die Indigenen für die Weltgesellschaft eine Art Kontrastfolie darstellen, vor deren Hintergrund sich Vorstellungen von Normalität in der westlichen Moderne erst etablieren konnten (ähnlich Tennant 1994).

Bedeutungsverschiebungen: Vom Defizit zur Diversity

Die zunehmende Betonung von Diskriminierungs- und Ausschlusserfahrungen veränderte nach und nach auch die Bedeutung der beiden untersuchten Kategorien, die schließlich seit den 1980er Jahren immer seltener im Kontext wohlfahrtsstaatlicher bzw. entwicklungspolitischer Maßnahmen thematisiert, sondern kommunikativ an den Menschenrechtsdiskurs angeschlossen wurden. Hierbei ging es jedoch in beiden Fällen nicht einfach nur um die Einforderung der Gewährung allgemeiner und gleicher Rechte auch für Menschen mit Behinderungen und indigene Völker, sondern um eine „Pluralisierung der Menschenrechte“, d. h. die Anerkennung einer grundlegenden Differenz und eine damit verbundene Respezifizierung auf die Problemlagen der beiden Personengruppen hin. Indigene Völker betonten in diesem Zusammenhang deutlicher ihre Einzig- und Andersartigkeit und proklamierten ihre Rechte auf Selbstbestimmung, distinkte Institutionen und Differenz. Diese Interpretation entsprach der im UN-Kontext in den 1990er Jahren etablierten normativen Leitidee der „Cultural Diversity“ (Müller & Zifonun 2015). Menschen mit Behinderungen beschrieben sich zwar auch als Bestandteil menschlicher Vielfalt und forderten Anerkennung ihrer besonderen Leistungen und Fähigkeiten, im Gegensatz zu den indigenen Völkern dominiert aber bei ihnen bis heute der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion.

Mit dieser zunehmenden Vermenschenrechtlichung beider Kategorien ist auch eine Kulturalisierung ihrer Bedeutung verbunden: Im Fall der Menschen mit Behinderungen wurde ein stark körperbezogenes sowie Medizin- bzw. Diagnose-orientiertes Verständnis von Behinderung durch das sog. „soziale Modell“ abgelöst bzw. ergänzt, dem zufolge Behinderung vor allem auf durch die Umwelt und Gesellschaft verursachten Benachteiligungen basiert. „Indigenität“ wurde von Fragen der Abstammung resp. der zeitlichen Priorität stärker entkoppelt und der Fokus verschob sich hin zu kulturellen Praktiken, Diskriminierungserfahrungen und individueller und kollektiver Identität. Im Unterschied zur Kategorie der „Menschen mit Behinderung“, die – zumindest in radikaler Auslegung des sozialen Modells – ausschließlich in Relation zu Gesellschaft zu denken ist und im Zuge eines Abbaus von Barrieren und gelungener Inklusion in eine diverse Gesellschaft obsolet werden würde, operiert die Kategorie der „Indigenen Völker“ stärker mit Vorstellungen kategorialer Essenz und indigener Identität. Ihre Existenz ist folglich auf Dauer gestellt, und es ist auch keine Gradualisierung kategorialer Grenzziehungen zu beobachten.

Ganz in diesem Sinne führte das Recht zur Selbstkategorisierung im Fall der Indigenen zu einer Proliferation von Selbstbeschreibungen über die etablierten Grenzen der Kategorie hinaus. Ein vergleichbarer Prozess des selbstbestimmten „making up“ behinderter Menschen lässt sich bis heute nicht beobachten. Die Grenzen der Kategorie der Menschen mit Behinderungen haben sich zwar auch ausgedehnt, und es können heute wesentlich mehr Personen darunter subsumiert werden, gleichzeitig handelt es sich dabei um Fremdbeschreibungen, die mit der Selbstwahrnehmung vieler Menschen nicht übereinstimmen. Aufgrund des immer noch bestehenden Defizitcharakters der Kategorie und der damit verbundenen Stigmatisierung bezeichnen sich Menschen nach wie vor ungern selbst als behindert, und entsprechende Klassifikationskämpfe werden, wenn überhaupt, eher bzgl. der Zugehörigkeit zu den Nicht-Behinderten geführt (z. B. im Sport: Müller 2017).

Going Global: Mechanismen der Globalisierung von Personenkategorien

Die Vermenschenrechtlichung beider Kategorien lässt sich als eine Art Globalisierungsmechanismus deuten, der in beiden Fällen zum Tragen kam: So wirkte der thematische Anschluss beider Kategorien an den Menschenrechtsdiskurs aufgrund seines globalen Bezugs bereits als Katalysator für die Expansion des Anwendungsbereichs von Menschen mit Behinderungen und indigenen Völkern. Ergänzend waren aber in beiden Fällen noch weitere, unterschiedliche Mechanismen an der Ausweitung der kategorialen Reichweite beteiligt. Im Fall der „indigenen Völker“ war es vor allem die Diffusion von Selbstbeschreibungen, die zu einer Ausweitung des geographischen Beobachtungsraums führte. „Indigene Völker“ werden heute nicht mehr nur in den Amerikas, Australien und Neuseeland, sondern auch auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent identifiziert. Mit dieser räumlichen Ausweitung verbunden war auch eine sachliche Akzentverschiebung, durch die vor allem eine naturverbundene Lebensweise betont wurde, während Zugehörigkeitskriterien wie Kolonialisierungsgeschichte und „ethnische Differenz“ in den Hintergrund rückten.

Im Gegensatz dazu erfolgte die Globalisierung der Kategorie der „Menschen mit Behinderungen“ primär in einer Art „top-down“-Prozess, der sehr stark auf der Logik der Standardisierung und Quantifizierung beruhte. Die kontingente Vorstellung von „Behinderung“ als medizinisches und später auch bio-psycho-soziales Phänomen wurde in den Klassifikationen der WHO als Expertengremium (ICIDH) mit universeller Geltung verankert und aus der Perspektive einer internationalen Organisation auf die ganze Welt übertragen. Zur Ausweitung des kategorialen Beobachtungsraums sowie zur Operationalisierung der Unterscheidung wurden also medizinische Fachleute und statistische ExpertInnen eingesetzt, mit deren Hilfe Behinderung weltweit einheitlich mess- und beobachtbar gemacht werden sollte. Über konzeptuelle Entscheidungen und die Auswahl von Indikatoren, die sowohl Vorstellungen individueller Funktionsfähigkeit als auch optimaler gesellschaftlicher Bedingungen transportieren, werden weltkulturelle Erwartungen an „Individuen“ und „Staaten“ reproduziert und auf einen globalen Kontext übertragen. Während also die Kategorie der „indigenen Völker“ durch ihre kollektivistische Ausrichtung und die Betonung distinkter Kosmovisionen westliche Prinzipien eher zu irritieren scheint, verweist die Standardisierung der Kategorie der Menschen mit Behinderung auf die Prozesse, über die sich westliche Prinzipien – ganz im Sinne des Neo-Institutionalismus – global verbreiten.

Die Ergebnisse unserer explorativen vergleichenden Analysen zur Etablierung zwei globaler Personenkategorien liefern also bereits erste wichtige Hinweise über den Ablauf und die Mechanismen, die mit der Institutionalisierung kategorialer Grenzen auf globaler Ebene verbunden sind. So ließen sich vor allem im Prozess der Kategorienbildung große Ähnlichkeiten feststellen, die unter anderem den Anschluss an relevante weltgesellschaftliche Prinzipien, die Rolle sozialer Bewegungen und die Betonung von Diskriminierungs- und Ausschlusserfahrungen betreffen. Die Politisierung kategorialer Differenzen scheint also – ähnlich wie die Kategorienforschung für die nationale Ebene gezeigt hat – in enger Verbindung zur (Re-)Produktion (globaler) sozialer Ungleichheit zu stehen.

Auffällig ist die gleichzeitige Kulturalisierung beider Kategorien, die in ähnlicher Form bereits bei den globalen Personenkategorien „Rasse“ und „Geschlecht“ beobachtet wurde (vgl. Heintz 2017; Müller 2014). Hier spiegelt sich die zunehmende Bedeutung identitäts- und anerkennungspolitischer Positionen in der internationalen Politik und gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Rolle biologische und medizinische Festlegungen sowie verkörperte Differenzen bei der Institutionalisierung globaler Personenkategorien prinzipiell (noch) spielen. Diesbezüglich stehen genauere Analysen und Vergleiche der verschiedenen Kategorien noch aus. Das gilt auch für die verschiedenen Globalisierungsmechanismen der Kategorien und die damit verbundene Frage, in welchen Fällen der weltweite Einsatz standardisierter Klassifikationsschemata wie bei den Menschen mit Behinderung noch diskutiert wird. Inwiefern unterscheiden sich hiervon z. B. die Bemühungen der UN um eine die Bemühungen der UN um Statistiken mit international vergleichbaren „ethnic-racial“ Klassifikationen?

Schließlich stellt sich die generelle Frage nach der Funktion globaler Personenkategorien für die Weltgesellschaft: Warum und wozu braucht die Weltgesellschaft ein offenbar immer breiter werdendes Repertoire an Personenkategorien? Wir vermuten, dass globale Personenkategorien vor allem für die Entstehung eines globalen Sozialraums entscheidend sind, der sich nicht nur auf der Grundlage von „Entwicklungsgrad“ oder „Kultur“ differenziert, sondern kategoriale Grenzziehungen aufspannt, die diese gerade transzendieren, und innerhalb derer Menschen weltweit miteinander verglichen werden können. Mit Blick auf „Menschen mit Behinderungen“ und „indigene Völker“ weist außerdem vieles darauf hin, dass es sich in diesen beiden Fällen auch um kategoriale Außenabgrenzungen handeln könnte, die zur Festigung und Selbstvergewisserung der in den 1960er Jahren entstehenden postkolonialen internationalen Gemeinschaft beigetragen haben könnte. So lassen sich die Zuschreibungen von Behinderung und Indigenität möglicherweise als „Othering“ im Prozess der Globalisierung verstehen, vor deren Hintergrund die Normalität nicht-behinderter und nicht-indigener Mitglieder der Weltgesellschaft überhaupt erst erkennbar wurde. Gleichzeitig fungieren beide Kategorien um aktuellen Diskurs um Diversität und Vielfalt als zentrale Pfeiler für die weltgesellschaftliche Selbstvergewisserung, diesem neuen Leitbild zu entsprechen.

Die vorgestellten Analysen und Überlegungen zeigen, wie fruchtbar die Verbindung zwischen der Soziologie der Personenkategorien und der Weltgesellschafts- und Globalisierungsforschung für die Entwicklung einer neuen Forschungsperspektive ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass bzgl. der globalen Personenkategorien noch sehr viele Fragen offen sind und ein umfassender Forschungsbedarf zu den genauen Abläufen sowie zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Institutionalisierungs- und Globalisierungsprozessen der verschiedenen Kategorien besteht. Darüber hinaus stellen sich außerdem zahlreiche Fragen bzgl. der Diffusion der globalen Personenkategorien sowie ihrer nationalen bzw. lokalen Implementierung und damit verbundenen möglichen Widerständen und Persistenzen kulturell spezifischer Deutungsmuster kategorialer Differenz. Alles in allem stellen die globalen Personenkategorien ein neues, bisher noch weitgehend unerforschtes Untersuchungsfeld dar, dessen Analyse wichtig ist für das Verständnis einer immer diverser werdenden Weltgesellschaft und der weltweit zunehmenden identitären und politischen Bedeutung von Personenkategorien.

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Footnotes

2

 Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist eine dezidiert weltgesellschaftstheoretische Perspektive: Wir verstehen unter „Welt“ einen globalen Beobachtungs- und Kommunikationszusammenhang und damit einen eigenständigen Untersuchungsgegenstand, der mehr umfasst als nur die Summe der Nationalstaaten und deren Beziehungen untereinander.

3

 Diese Entwicklung wird in der Literatur unter dem Begriff „Pluralisierung der Menschenrechte“ diskutiert (vgl. Mégret 2008).

4

 Für mögliche Hintergründe des „Scheiterns“ der Globalisierung der „poor people“ vgl. Fox Piven & Cloward 1977.

5

 Zur konflikthaften Institutionalisierungsgeschichte der „LGBTIQ-people“ Girard 2008.

6

 Vgl. hierzu die Annahmen der ethnomethodologischen Membership Categorization Device (Schegloff 2007).

7

 Die weltkulturelle Institutionalisierung globaler Kategorien impliziert nicht notwendigerweise, dass diese in allen Weltgegenden und auch auf der Ebene individueller Identifikationsprozesse gleichermaßen Bedeutung aufweisen. Aus der Perspektive des Neo-Institutionalismus ist im Gegenteil eher eine „lose Kopplung“ von Formal- und Aktivitätsstruktur zu erwarten (Meyer et al. 2005: 99 f.).

8

 Die hier präsentierten Überlegungen sind das Ergebnis einer explorativen Vorstudie, die wir im Zuge der Antragstellung eines Forschungsprojekts durchgeführt haben, dessen Ziel eine systematische Untersuchung der Bedingungen und Mechanismen bei der globalen Institutionalisierung von Personenkategorien ist. Im geplanten Projekt wollen wir anhand von sieben ausgewählten Fallbeispielen die Voraussetzungen und Mechanismen dieser Konstruktionsprozesse rekonstruieren und miteinander vergleichen. Die Fallauswahl erfolgte nach dem Prinzip des theoretical sampling (Glaser & Strauss 1967), das auf „konzeptuelle Repräsentativität“ abzielt, um das untersuchte Phänomen der globalen Personenkategorien analytisch vollständig erfassen zu können (Strauss & Corbin 1996: 149). Die Auswahl umfasst zwei ältere Kategorien (sex/gender, race), zwei relativ junge Kategorien (indigenous people(s), people with disabilities), eine „gescheiterte“ Kategorie (poor people), eine im Institutionalisierungsprozess befindliche Kategorie (LGBT people) und Religion als eine in vielerlei Hinsicht gegenläufige Kategorie.

9

 Für die Entstehung von Behinderung vgl. Fuchs 2002; für die Indigenen vgl. Rodríguez-Piñero 2005.

10

 Auch wenn, darauf machen die critical whiteness studies aufmerksam, vor allem jene Menschen, die von der unmarkierten Normalität des Weiß-Seins abweichen, auf mannigfache Weise rassifiziert werden.

11

 Ein weiterer Faktor für die Fallauswahl war Praktikabilität: So lagen für den Fall der Institutionalisierung der Indigenen-Kategorie bereits ausführliche Vorarbeiten vor (Bennani 2017).

12

 Zum Phänomen der Identitätspolitik vgl. Fraser 1998.

13

 Für eine umfassende Liste der ausgewählten Dokumente siehe Online-Anhang.

14

 Hierfür konnten wir auf einen Datensatz aus dem mittlerweile abgeschlossenen DFG-Projekt „Die Beobachtung der Welt. Der Beitrag von internationalen Statistiken und UN-Weltkonferenzen zur Entstehung einer globalen Vergleichsordnung, 1949–2009“ zurückgreifen (https://www.unilu.ch/fakultaeten/ksf/institute/soziologisches-seminar/forschung/die-beobachtung-der-welt/). Dafür danken wir Bettina Heintz.

15

 Im Online-Anhang findet sich eine Übersicht mit den wichtigsten Eckpunkten (und den dazugehörenden Texten) der begrifflichen Institutionalisierung der beiden Personenkategorien der „Menschen mit Behinderungen“ und der „indigenen Völker“ innerhalb der UN und ihrer Tochterorganisationen.

16

 Ein Auszug des verwendeten Codeschemas findet sich in Tab. 2 des Online-Anhangs.

17

 Dieser globale Konsens ist historisch durchaus variabel, wobei kurzfristige Ereignisse jedoch nicht überbewertet werden sollten. So ist z. B. der Rückzug der USA aus dem UN-Menschenrechtsrat keineswegs ein Beleg für den Bedeutungsverlust der Menschenrechte als globale Erwartungsstruktur. Entsprechend legitimierten die USA diese Entscheidung selbst mit Verweis auf die Wiederherstellung der „Legitimität“ des Menschenrechtsrats (vgl. Ross 2018).

18

 Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Behindertenkategorie ihren Ursprung in Europa hat. Ähnlich wie bei der Entstehung der Kategorie der „Kranken“ im 19. Jahrhundert (Herzlich & Pierret 1987) scheint auch die „Erfindung“ der „Behinderten“ eine Folge bestimmter historischer Entwicklungen in den Bereichen Erwerbsarbeit und Medizin zu sein (Ingstad & Reynolds Whyte 1995). In einigen Ländern des globalen Südens gibt es dagegen offenbar erst seit kurzem übergreifende Bezeichnungen für Menschen mit verschiedenen Behinderungsarten (z. B. bei den Massai in Kenia, vgl. Talle 1995).

19

 Die sich veränderte Wahrnehmung behinderter Menschen und die Entstehung eines neuen Oberbegriffs spiegeln sich innerorganisationell auch in der Namensgeschichte der International Society for Crippled Children wider. So änderte sie 1939 ihren Namen in The International Society for the Welfare of Cripples, wurde 1960 zur International Society for the Rehabilitation of the Disabled und schließlich 1972 zu Rehabilitation International. Sowohl in Bezug auf die Etablierung des Themas Behinderung auf globaler Ebene als auch für die Zusammenführung der verschiedenen Behinderungsarten unter einen gemeinsamen Interessenverband spielte diese sehr frühe internationale Organisation eine wichtige Rolle (vgl. Groce 1992).

20

 Im Unterschied zu den bisher erwähnten Organisationen, handelt es sich bei der ILO um eine internationale Regierungs-Organisation, die bereits eine ständige Einrichtung des Völkerbundes war. Seit 1946 ist sie eine Sonderorganisation der UN.

21

 Hier spiegelt sich die konstitutive Bedeutung der Erwerbsarbeit für die Entstehung der Kategorie „Behinderung“.

22

 „Gesundheit“ war als Ziel der UN bereits in ihren Gründungsdokumenten verankert worden (1 UNTS XVI: Art. 13 Nr. 1b), Art 55 b), Art. 57 und Art. 62), und es wurde 1948 eine eigene Tochterorganisation dafür gegründet: die Weltgesundheitsorganisation, WHO (Inoue & Drori 2006).

23

 So z. B. der Bericht zur Social Rehabilitation of the Physically Handicapped (UN Doc. 6E/CN.5/197) von 1950, dessen Zielgruppe vor allem Mediziner und nicht die Betroffenen selbst waren.

24

 Z. B. in Form des International Year for Disabled Persons 1981, der UN Decade of Disabled Persons (1982–1992), der ILO Convention 159 zur Vocational Rehabilitation and Employment of Disabled Persons 1983 (C159, ILO) als erstem verbindlichen Menschenrechtsvertrag, in dem behinderte Menschen erwähnt wurden, sowie mit der Veröffentlichung statistischer Handbücher zur weltweiten Messung von Behinderung (z. B. Disability Statistics Compendium, 1990 (UN Doc. ST/ESA/STAT/SER.Y/4).

25

 Ausführlicher zu dieser Vermenschenrechtlichung von Behinderung sowie den genauen Argumentationsmustern im Vergleich zu den indigenen Völkern vgl. Bennani & Müller i. E.

26

 Die Bezeichnungen für das, was heute häufig als „mental retardiert“ oder „Lernbehinderung“ beschrieben wird, haben sich im Lauf der Zeit stark verändert: Während im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien noch die Rede von „idiocy“ und „feeble-mindedness“ war, wurde daraus später „mental subnormality“, „mental handicap“, dann „learning difficulties“ und schließlich „learning disabilities“ (Jenkins 1998: 8).

27

 In ähnlich aufgebauten personenkreisspezifischen UN-Deklarationen, wie z. B. gegen Rassen- oder Geschlechterdiskriminierung finden sich nämlich im Unterschied zu den Menschen mit Behinderungen keine expliziten Definitionen der jeweiligen Bezugsgruppen (vgl. Müller 2016).

28

 In den Verhandlungen hatten sich die Behinderten-NGOs zum International Disability Caucus (IDC) zusammengeschlossen und waren mit insgesamt zwölf Sitzen stimmberechtigt.

29

 Diese Merkmale sind aber nicht als Ausschlusskriterien gedacht. Demnach lassen sich auch Personen mit „short-term impairments“ als Menschen mit Behinderung kategorisieren (Della Fina 2017: 99).

30

 Auch wenn der Kommentar im ICIDH die Komplexität der Beziehung zwischen den drei Ebenen betont, verfestigen Visualisierungen und Text doch den Eindruck einer Kausalbeziehung.

31

 Da Behinderung hier nicht mehr als fixer Zustand beschrieben wird, sondern keine eindeutigen Abgrenzungen mehr zwischen Behinderung und Normalität festgelegt werden, lässt sich die WHO-Definition aus einer normalismustheoretischen Perspektive als Strategie des flexiblen Normalismus deuten (vgl. Link 2006; Waldschmidt 1998: 14 f.).

32

 Zur Implementierung der Behinderten-Klassifikation in verschiedene nationale bzw. lokale Kontexte fehlen derzeit noch entsprechende Studien. Wenn wir hier von einer „globalen Diffusion“ der Kategorie sprechen, ist damit lediglich die Verbreitung der kategorialen Benennungspraxis auf der Ebene der staatlichen Bürokratie bzw. des Gesundheitssystems gemeint, nicht aber deren Interpretation und Adaption in den jeweiligen nationalen/lokalen Kontexten. Angesichts massiver kultureller und materieller Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern ist hier lediglich eine „lose Kopplung“ von formaler Anpassung und faktischer Implementierung anzunehmen.

33

 Internationale Quantifizierungs- und Standardisierungsbemühungen sind im Feld der Behinderung sehr viel ausgeprägter als bei anderen globalen Kategorien wie z. B. „Rasse“ oder „Indigenität“.

34

 Es handelt es sich hierbei um eine Zusammenarbeit von Weltbank und Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME), in deren Verlauf globale Daten zur Weltgesundheitslage generiert und in unregelmäßigen Berichten publiziert werden, vgl. http://www.worldbank.org/en/topic/health/publication/global-burden-of-disease-generating-evidence-guiding-policy; http://www.healthdata.org/gbd [Zugriff 25.07.2018].

35

 Ein Überblick über Indikatoren, Daten und Operationalisierung findet sich unter http://www.who.int/healthinfo/survey/en/ [Zugriff 25.07.2018].

36

 Die Fragensets wurden in verschiedenen Kontexten bereits getestet. Es handelt sich um Fragen, die in Zensusbefragungen oder Surveys zum Einsatz kommen und v. a. auf Selbsteinschätzungen beruhen sollen. (Altman 2016).

37

 Der (teilweise anhaltende) Widerstand der betroffenen Staaten verweist auf die antizipierte Bedrohung nationalstaatlicher Souveränität und entsprechende nationalstaatliche Interessen. Im Folgenden liegt der Fokus weniger auf konfligierenden Interessen und Machtbeziehungen als vielmehr auf der Frage nach Plausibilisierungsstrategien, auf denen ein erfolgreiches Lumping aufruht.

38

 Dass die kategorialen Grenzen poröser und „Selbstbeschreibung“ zum zentralen Kriterium für die Zuweisung des Status als „indigenem Volk“ wurden, impliziert jedoch keinesfalls eine Beliebigkeit kategorialer Mitgliedschaften. So scheiterte der Versuch der namibischen Rehoboth Baster-Gemeinschaft, die Nachkommen niederländischer und französischer Siedler und einheimischer Frauen waren, sich von internationalen Gremien als „indigen“ anerkennen zu lassen (Niezen 2003).

39

 Wir danken einer/m der GutachterInnen für diesen Hinweis.

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  • WHO & The World Bank, 2011: World Report on Disability. URL: http://www.who.int/disabilities/world_report/2011/en/ [Zugriff: 19.01.2018].

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The Zeitschrift für Soziologie publishes peer-reviewed articles from all areas of sociology, aiming to represent both the diversity of empirical research as well as the plurality of theoretical traditions. Founded in 1971, the journal aims to represent the discipline as comprehensively as possible, inviting contributions from sociologists regardless of their conceptual affinities and orientations.

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