Hilke Elsen. 2013. Wortschatzanalyse

Alexander Horn 1
  • 1 Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Germanistisches Seminar, Leibnizstraße 8, D-24118 Kiel
Alexander Horn
HilkeElsen2013Wortschatzanalyse (UTB 3897)Tübingen, BaselA. Franckex, 244 S.

Mit dem vorliegenden Einführungswerk in die Wortschatzanalyse gibt die Verfasserin „einen praktisch orientierten Überblick“ (S. XI), der als Begleitlektüre für Seminare im Masterstudium bzw. Hauptseminare geeignet ist. Das Buch ist didaktisch klug in zwei Teile sowie 14 Kapitel gegliedert, wodurch es dem Umfang eines Semesters entspricht. Während sich der erste Teil den Grundlagen widmet, wird im zweiten Teil beispiel- und praxisnah in die Analyse eingeführt. Logisch und nachvollziehbar sind die einzelnen Kapitel strukturiert: Einer theoretischen Einführung folgen Anwendungsgebiete bzw. Beispielanalysen. Im Unterkapitel „Offene Fragen“ werden sowohl umfassende Forschungsfragen, die eher nicht von Studierenden beantwortet werden können (vgl. Kap. 4 oder 7), als auch Anregungen für mögliche Seminar- oder Hausarbeitsthemen aufgezeigt. Beschlossen wird jedes Kapitel durch in der Regel umfassende Literaturhinweise; am Ende des Bandes befindet sich ein Register.

Elsens Einführung zeichnet sich durch ihre Orientierung an der Praxis und die Fülle an Beispielen aus. Dieser Vorzug wird bereits in den ersten Kapiteln deutlich, die sich aufeinander folgend mit den strukturellen, inhaltlichen und historischen Aspekten des Gegenstandes ‚Wortschatz‘ beschäftigen. Das erste Kapitel ist der Form gewidmet; hier werden sowohl Fragen zur Morphologie als auch zu den verschiedenen Arten der Wortbildung geklärt. In knapper Form werden – jeweils mit Beispielen veranschaulicht – die verschiedenen Wortbildungsarten des Deutschen vorgestellt; für eine erste Auseinandersetzung wäre womöglich eine Visualisierung etwa in Form eines Strukturbaumes hilfreich gewesen (vgl. z. B. Lühr 2000: 149). Didaktisch sinnvoll ist die Diskussion von Problemfällen wie Steuerhinterzieher, deren Wortbildungsart nicht eindeutig bestimmt werden kann.

Das zweite Kapitel setzt sich mit der Semantik auseinander, wobei sowohl grundlegende Sprachzeichenmodelle vorgestellt als auch – nachdem der Begriff der Bedeutung eingeführt wurde – die semantischen Relationen wiederum an Beispielen erläutert werden. Als Beschreibungsansätze werden neben Wortfeldern die Merkmals- bzw. Komponentenanalyse sowie die Prototypensemantik skizziert. Dabei unterlässt es Elsen allerdings, explizit darauf hinzuweisen, dass es sich bei einem Prototypen um den – vereinfachend – besten mentalen Vertreter einer Kategorie handelt. In einem Einführungswerk sollte dieser wichtige Hinweis erwähnt werden.

Den lexikalischen Wandel nimmt die Autorin im dritten Kapitel in den Blick. Zunächst grenzt Elsen den Begriff der Etymologie von dem der Volksetymologie ab. Als einen Faktor für die Verbreitung neuen Wortschatzes bzw. neuer Bedeutungen stellt sie neben der Veränderung von Bedürfnissen einzelner oder ganzer Gruppen im Folgenden auch die Medien heraus. Die verschiedenen Arten des Bedeutungswandels fächert sie anschließend wiederum ebenso übersichtlich auf, wie sie auch die Unterscheidung zwischen Fremdwort, Lehnwort und Lehnprägung verdeutlicht. Die Fragen bzw. möglichen Arbeitsanregungen bleiben in diesem Kapitel eher allgemein und ohne konkrete Problematisierung; allerdings weist Elsen darauf hin, dass die historisch angelegte Wortschatzkunde „in der heutigen Zeit mit dem Fokus auf synchrone Fragestellungen ein bisschen zu kurz kommt“ (S. 51) und zeigt so Defizite auf.

Die Varietätenlinguistik ist Thema des vierten Kapitels. Zunächst unterscheidet Elsen die Standardsprache von der Umgangssprache; auf die gelegentlich vorgenommene Unterscheidung zwischen Umgangssprache und Alltagssprache (vgl. Elspaß 2005: 29) weist sie nicht hin. Sodann skizziert Elsen den sich im Verlauf der zweiten Lautverschiebung ausdifferenzierenden deutschen Dialektraum. Im Anschluss an die diatopische Gliederung werden auch Beispiele für die diastratische und diaphasische Unterteilung der Varietäten – Soziolekte oder Fachsprachen – vorgestellt. Die offenen Fragen im abschließenden Unterkapitel erweisen sich für eine Umsetzung im Seminar oder in einer Hausarbeit als deutlich schwieriger als in anderen Kapiteln; systematische Wortschatzanalysen, die der Frage nachgehen, ob das frühe und systematische Vorlesen deutscher Kinderbücher von Muttersprachler_innen den Schuleinstieg erleichtern, sind in einem Seminarkurs sicher nur schwer zu leisten – obgleich sie eine ebenso reizvolle Herausforderung wie didaktische Notwendigkeit darstellen. Ebenso ist das Problem der sich verändernden Dialektkompetenz kaum seriös von Studierenden zu lösen. Hier werden Aufgaben eher für die Wissenschaft, weniger für die Lehre formuliert.

Als Überleitung von den Grundlagen zur Analyse fungiert das fünfte Kapitel, welches sich der Methodik widmet. Die gängigen Erhebungsmöglichkeiten – wie Beobachtung oder Verwendung von Korpora – werden ebenso wie Fragen der Qualitätssicherung oder Methodik diskutiert, reflektiert und problematisiert. Studierende, die etwa für eine Abschlussarbeit selbst eine Erhebung planen, erhalten an dieser Stelle durch diesen hilfreichen Überblick eine praktische Anleitung.

Der Analyseteil beginnt mit einem Kapitel, in welchem „in das Erstellen von Wörterbüchern und damit in die Lexikographie“ (S. 87) eingeführt werden soll. In ihrer Übersicht zu den Wörterbuchtypen unterscheidet Elsen zwar u. a. Valenzwörterbücher, etymologische Wörterbücher, Neologismenwörterbücher, Großwörterbücher oder auch Kollokationswörterbücher usw. (wobei sie nicht erklärt, was unter Kollokationen verstanden wird), sie führt jedoch keine konkreten Beispiele an. Hingegen werden bei den angeführten Wörterbuchportalen die Internetadressen angegeben. Die Varianten im Aufbau eines Wörterbuches – sowohl in der Makro- als auch in der Mikrostruktur – werden zwar übersichtlich skizziert, aber auch an dieser Stelle wären Verweise auf konkrete Wörterbücher hilfreich gewesen, zumal die Einführung ansonsten durch ihre reichhaltigen Beispiele besticht. Im Zusammenhang mit der Wortverwendung führt Elsen im Kapitel „Wörter im Kopf“ sehr ausführlich und detailliert in die neurokognitiven Grundlagen und die Sprachverarbeitung ein. Hier werden sowohl Untersuchungsmethoden zur Gehirnaktivität als auch die unterschiedlichen Theorien zur Funktionsweise des Gehirns dargestellt.

An die Ausführungen zur Sprachverarbeitung knüpfen die Kapitel acht und neun sinnvoll an, die zunächst den Wortschatz von Kindern und anschließend den von Jugendlichen thematisieren. Der Verlauf des Spracherwerbs wird angemessen knapp, aber verständlich dargestellt. In die unterschiedlichen Theorien zum Spracherwerb (u. a. Piaget oder Clark) wird kontrastiv eingeführt. Nachdem die Funktion von Jugendsprache beschrieben wurde, werden an Beispielen deren Kennzeichen nachgewiesen – in einem späteren Unterkapitel geht Elsen noch einmal ausführlicher auf die Ebene der Lexik ein. Dazwischen schließt sie an ihre grundsätzlichen methodischen Ausführungen aus dem fünften Kapitel an, die sie nun für das Beispiel Jugendsprache sowohl konkretisiert als auch reflektiert. Ebenso setzt sie sich wohlüberlegt mit der wissenschaftlichen Fundiertheit der zahlreichen jugendsprachlichen Wörterbücher auseinander.

Die morphologischen und semantischen Besonderheiten der Lexik in den Fachsprachen zeigt Elsen an den Beispielen Rechtssprache und medizinische Fachsprache auf, deren Auswahl sie mit der Relevanz für die Bevölkerung begründet. Dabei weist sie einleitend nicht nur auf die unterschiedliche Bedeutung einzelner Wörter in der Fach- und Allgemeinsprache hin – „Botanisch haben Rosen Stacheln und Kakteen Dornen.“ (S. 147) –, sondern ebenso auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen Fächern, die sie mit Hilfe statistischer Erhebungen zu Wortbildungstypen nachvollziehbar belegt. Während Elsen im Folgenden am Beispiel der Rechtssprache insbesondere darauf hinweist, dass hier Lexeme sowohl in fachlicher als auch in standardsprachlicher Bedeutung auftreten und damit die Allgemeinverständlichkeit der Rechtstexte sichern sollen, verdeutlicht sie am medizinischen Fachwortschatz neben den Wortbildungstypen u. a. die Merkmale von Arzneimittelnamen.

Nach einer kurzen Einführung in die Medien- bzw. Pressesprache analysiert Elsen sehr umfassend und über eine Analyse des Wortschatzes hinausgehend zwei Leitartikel aus der SZ sowie der BILD. Während die Analyse des SZ-Leitartikels insgesamt sehr gut nachvollziehbar ist, ist dies beim BILD-Text nicht gesichert, da der Text nicht vollständig wiedergeben ist.11 Zudem wäre eine Abbildung der Zeitungsseite hilfreich gewesen, zumal Elsen gezielt auf die Besonderheiten des BILD-Layouts – „die unausgewogene typographische Gestaltung“ – hinweist, die das Druckbild nachahmt:

„Der Fließtext wirkt allein optisch schon zerrissen durch unterstrichene, fettgedruckte und Kapitälchen-Passagen und verschiedene Kombinationen davon, ohne dass ein sinngemäßer Einsatz dieser Hervorhebungen auszumachen wäre. Statt Orientierungshilfe zu bieten verwirren solche typographischen Variationen.“ (S. 178)

Vollkommen zu Recht (siehe u. a. Straßner 1999: 45 oder Boenisch 2007: 140) weist Elsen auf Auffälligkeiten im Hinblick auf die Zeichensetzung bei der BILD hin: „Vor allem Ausrufezeichen stehen oft bei Aussagen […]“ (S. 178). Belegt wird die Feststellung mit zwei Nachweisen. Auch an dieser Stelle hätte ein vollständiger Abdruck eine bessere Einsicht vermittelt, zumal bereits sowohl in der Überschrift als auch in der Unterüberschrift jeweils ein Ausrufezeichen verwendet wird.

Vergleichbare Einschränkungen gelten für einzelne Analysen zur Automobilwerbung im folgenden Kapitel; auch hier werden nicht alle untersuchten Werbeanzeigen abgebildet. Da Elsen insbesondere aber auf den Stellenwert der „Aufmachung“ (S. 205) hinweist, wäre es wünschenswert, alle analysierten Anzeigen als Abbildung zu sehen. Insgesamt wird die Kreativität der Werbesprache an zahlreichen Kunstwörtern, Sprachspielen und Namen nachgewiesen. Den persuasiven Charakter der Werbesprache stellt Elsen am Beispiel einer Fastfood-Kette heraus. Wiederholte Hinweise der Verfasserin darauf, „wie ungesund Fastfood ist und dass McDonald’s-Hamburger im Vergleich zu Konkurrenzprodukten nicht einmal schmecken“ (S. 194) oder dass McDonald’s sich durch schlechte Qualität und „relativ“ hohe Preise (vgl. ebd.) bzw. „Qualitätsmakel und gar nicht so niedrige[ ] Preise“ (S. 195) auszeichne, wirken im Rahmen einer Einführung in die Wortschatzanalyse zumindest in dieser Häufung redundant.

Die lexikalischen Besonderheiten der Kinderliteratur im Unterschied zur Literatur für Erwachsene (vgl. das letzte Kapitel) arbeitet Elsen im dreizehnten Kapitel heraus. Wesentlich erscheint zunächst ihr am Beispiel des Grüffelo veranschaulichtes Plädoyer, nur Texte in Originalsprache für eine Wortschatzanalyse zu verwenden und nicht auf Übersetzungen zurückzugreifen, da Übersetzungen „häufig von den Autor/innen bewusst gesteuerte Assoziationen“ einbüßten (S. 209). Im Anschluss zeigt sie sehr schön, wie sich die Wortbildung – in der Regel Simplizia, oft Konkreta, durchsichtig und wenig komplex – von der Wortbildung in der Erwachsenenliteratur unterscheidet; insbesondere Kunstwörter verdeutlichen die Kreativität der Jugendliteratur. Zudem weist Elsen auf das Desiderat hin, Kinderliteratur gestaffelt nach Altersgruppen und unterschieden nach Autoren detaillierter zu untersuchen.

Die Erwartungen an das letzte Kapitel „Wörter in der Literatur“ werden nicht ganz erfüllt, da Elsen sich in ihren Analysen vorwiegend auf Science Fiction- und Fantasy-Literatur beschränkt. Zwar bieten insbesondere diese Genres ebenso zahlreiche wie anschauliche Beispiele, die Elsen auch umfangreich vorführt, dennoch hätte ein geweiteter Blick die Vielgestaltigkeit der Literatur angemessener abgebildet, zumal Vorarbeiten zu anderen Autoren (Goethe, Schiller, T. Mann, Morgenstern, Bernhard u. a.) vorhanden sind, die Elsen gleichwohl zahlreich in den Literaturangaben nachweist (zu ergänzen etwa Erben 1996).

Hilke Elsen hat mit ihrem grundlegenden Lehrbuch ein gut lesbares Einführungswerk für das Masterstudium bzw. Hauptstudium vorgelegt, das sich auch für das Selbststudium eignet. Die Kapitel sind durchdacht miteinander verknüpft und verbinden angemessen die diskutierten theoretischen Grundlagen mit exemplarischen Analysen. Insbesondere durch die konsequente Praxisorientierung empfiehlt sich das Buch für den universitären Einsatz.

Literatur

  • Boenisch, Vasco. 2007. Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert – und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt. Köln: Halem.

  • Elspaß, Stephan. 2005. Sprachgeschichte von unten. Untersuchungen zum geschriebenen Alltagsdeutsch im 19. Jahrhundert. Tübingen: Max Niemeyer.

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  • Erben, Johannes. 1996. Vorstöße und Verstöße. Versuch einer Einschätzung von A. Kerrs Neologismen (Theaterkritiken 1905–1933). In: Werner König & Lorelies Ortner (Hg.). Sprachgeschichtliche Untersuchungen zum älteren und neueren Deutsch. FS für Hans Wellmann zum 60. Geburtstag. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 1–11.

  • Lühr, Rosemarie. 2000. Neuhochdeutsch. 6. durchges. Aufl. München: Wilhelm Fink.

  • Straßner, Erich. 1999. Zeitung. 2. veränd. Aufl. Tübingen: Max Niemeyer.

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Footnotes

1

So wird etwa in der Analyse aus Zeile 253 des Textes zitiert (S. 181); abgedruckt sind jedoch nur 25 Zeilen.

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  • Boenisch, Vasco. 2007. Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert – und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt. Köln: Halem.

  • Elspaß, Stephan. 2005. Sprachgeschichte von unten. Untersuchungen zum geschriebenen Alltagsdeutsch im 19. Jahrhundert. Tübingen: Max Niemeyer.

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  • Erben, Johannes. 1996. Vorstöße und Verstöße. Versuch einer Einschätzung von A. Kerrs Neologismen (Theaterkritiken 1905–1933). In: Werner König & Lorelies Ortner (Hg.). Sprachgeschichtliche Untersuchungen zum älteren und neueren Deutsch. FS für Hans Wellmann zum 60. Geburtstag. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 1–11.

  • Lühr, Rosemarie. 2000. Neuhochdeutsch. 6. durchges. Aufl. München: Wilhelm Fink.

  • Straßner, Erich. 1999. Zeitung. 2. veränd. Aufl. Tübingen: Max Niemeyer.

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