Alexander Horn. 2014. „…Mein ist die Sprache.“ Sprachkritik und Sprachkonzept Alfred Kerrs

Constanze Spieß 1
  • 1 Karl-Franzens-Universität, Institut für Germanistik, Mozartgasse 8/1, A-8010 Graz, Austria
Constanze Spieß
AlexanderHorn2014„…Mein ist die Sprache.“ Sprachkritik und Sprachkonzept Alfred Kerrs (Philologische Studien und Quellen 246)BerlinErich Schmidt352 S.

Die Dissertationsschrift von Alexander Horn mit dem Haupttitel „…Mein ist die Sprache“ befasst sich mit der Sprachkritik und dem Sprachkonzept Alfred Kerrs. Sie ist in den Bereich der linguistischen Sprachkritik-Forschung einzuordnen, der sich vor allem mit Formen von Sprachkritik in den Medien (z. B. Printmedien oder social media), mit Sprachkritik in der alltäglichen öffentlich-politischen Sprachpraxis oder mit Sprachkritik im Alltagssprachgebrauch befasst (vgl. Bücker u. a. 2015). Die vorliegende Arbeit geht auf die publizistischen sowie auch auf die literarisch-ästhetischen Textformate Alfred Kerrs ein und nimmt deren sprachkritisches Potenzial in den Blick.

Der Aufbau des Buches ist klar strukturiert: Die Arbeit folgt einer Gliederung in neun Kapiteln, die von einer Einleitung und einem Literaturverzeichnis gerahmt werden. In der Einleitung werden das Ziel der Arbeit – die Offenlegung des Sprachverständnisses Kerrs auf der Basis seiner sprachkritischen Reflexionen in verschiedenen publizistischen und literarischen Textformaten – vorgestellt sowie zentrale Termini geklärt, die der Verfasser anhand eines der Arbeit zugrundeliegenden Analysemodells erläutert. In diesem Modell differenziert Horn zwischen Sprachbewusstheit als explizitem Sprachwissen und Sprachbewusstsein, das auf intuitivem Sprachwissen basiert (vgl. S. 8). Über Letzteres verfügt jeder Sprecher/jede Sprecherin einer Sprachgemeinschaft. Sprachbewusstheit auf der einen und Sprachbewusstsein auf der anderen Seite sind die zwei Seiten der Medaille, die Kerrs Sprachkritik auszeichnen. Im Zusammenhang mit der Unterscheidung von Sprachreflexion „als Nachdenken über Sprache“ und Sprachkritik als Reflexion mit „operationaler Zielgerichtetheit“ (S. 10) erwähnt Horn sehr knapp verschiedene Formen und Arten von Sprachkritik. Er bezeichnet Kerrs Sprachkritik als publizistische bzw. feuilletonistische Sprachkritik, die sich zum einen als ästhetische Sprach- und Erkenntniskritik und zum anderen als ethisch-moralische Sprachkritik ausprägt und eine gewisse Nähe zur philosophischen und literarischen Sprachkritik aufweist. Dabei betont er, dass Kerrs Sprachkritik keine wissenschaftliche oder gar linguistisch fundierte Form von Sprachkritik sei (S. 13), eine umfassende Analyse seiner sprachkritischen Äußerungen in den verschiedenen Publikationsformen Kerrs aber schließlich dazu führen würde, sein Sprachkonzept nachvollziehen und konturieren zu können (Kap. 7). Dementsprechend geht Horn auf die sprachkritischen Äußerungen in den verschiedenen Gattungen ein, beginnend bei Kerrs Sprachgebrauchskritik des feuilletonistischen Journalismus (hier insbesondere Theaterkritiken im Feuilleton, Kap. 3) über die Kritik des politischen Sprachgebrauchs (Kap. 4) bis hin zur daraus resultierenden Erkenntniskritik (Kap. 5) im Sinne einer Unmöglichkeit, durch alltäglichen Sprachgebrauch zu Erkenntnis zu gelangen (S. 191, Kap. 6). Das Erlangen von Erkenntnis durch Sprache – so Kerr – sei nur durch eine individuell-künstlerische Sprachform möglich, die Horn in Kap. 7 als Realisierung des Kerr’schen „Stil-Traums“ (S. 245) ausführlich darstellt. Gerahmt wird die Analyse der Kerr’schen Sprachkritik durch eine prägnante Bezugnahme auf historisch-politische Ereignisse sowie auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandelprozesse (Kap. 1, 2 und 8), die sich u. a. auf die deutsche Presse der damaligen Zeit – und damit mehr oder weniger direkt auch auf das Schreiben Kerrs – auswirkten. So zeigte sich der wirtschaftliche Aufschwung der Gründerzeit in der Auflagenhöhe und im Umfang der Zeitungen. Dass zunehmend mehr berichtenswerte Informationen vorhanden waren, die den Umfang der Zeitungen steigerten, lag nicht zuletzt an den technischen Neuerungen von Telegraphie und drahtloser Nachrichtenübermittlung. Horn zeigt nicht nur, wie Kerr sprachlich auf politische und gesellschaftliche Ereignisse seiner Zeit Bezug nimmt oder diese (sprachkritisch) kommentiert, sondern er macht auch deutlich, wie die politischen Ereignisse in den 30er Jahren, d. h. die Machtergreifung der Nationalsozialisten, schlussendlich zum Sprachverlust Kerrs führen, was Kerr selbst in der Novelle „Der Dichter und das Meerschweinchen“ thematisiert.

Die einzelnen Kapitel bauen aufeinander auf und nehmen jeweils eine spezifische Form von Sprachkritik in den Blick. So befasst sich Kap. 3 mit Kerrs Journalismuskritik, die er u. a. als Sprachkritik formulierte. Kap. 4 geht auf die Kritik Kerrs am Sprachgebrauch seiner Kollegen ein; in diesem Zusammenhang beschreibt Horn neben anderem die Kritik an der Konventionalisierung der vielfach verwendeten Ausdruckseinheiten schnellebige Reichshauptstadt, schnellebige Zeit (S. 122, 124) sowie Schatten vorauswerfen (S. 136) als Formen sowohl von Journalismus- als auch von Sprachgebrauchskritik. Der Autor geht so weit zu sagen, dass Kerr „diese wiederholt auftretende Redewendung [Schatten vorauswerfen, Erg. CS] als gleichzeitig konformistische und in ihrer Wirkung überhöhende Phrase ansieht und ablehnt“ (S. 136). Mittels Kritik an der Sprache verfolgt Kerr damit jedoch zugleich auch eine Kritik an der Sache, nämlich am Habitus seiner Feuilletonkollegen, was durch die linguistische Analyse offengelegt wird.

Kap. 5 bezieht sich auf die Kritik des politischen Sprachgebrauchs. Hier wird in anschaulicher Weise die Kritik Kerrs am politischen System der Kaiserzeit und der Weimarer Republik sowie am Nationalsozialismus nachgezeichnet, wobei zuweilen nicht immer zwischen Sach- und Sprachkritik getrennt wird (z. B. S. 157–158), vielleicht auch nicht getrennt werden kann. Eine weitere Form von Kritik, die in den untersuchten Texten offensichtlich ist, wird als Kritik mittels Sprache bezeichnet, durch die ebenfalls eine Offenlegung sprachlicher Manipulationen erreicht wird (S. 163). Die Kritik der Sprache des Nationalsozialismus erfolgt in erster Linie durch Wortkritik, die sich nicht nur auf politische Reden, sondern auch auf die Sprache in Filmen bezieht. Der Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit von den Nationalsozialisten verwendeten, verschleiernden Euphemismen und deren Funktion.

In Kap. 6 zeigt Horn, inwiefern Sprachkritik bei Kerr häufig auch als ein „Zweifel an den Möglichkeiten einer sprachlichen Vermittlung“ aufzufassen ist (S. 191). So spricht Kerr der Alltagssprache Erkenntnismöglichkeit ab. Erkenntnis durch Sprache ist für ihn nur im Rahmen einer künstlerisch gestalteten und individuell geformten Sprache möglich. Dieses individuelle, ästhetisch gestaltete Sprachideal sieht er in seinem „Stil-Traum“ verwirklicht, der zum Gegenstand des siebenten Kapitels wird. Die Verwirklichung des „Stil-Traums“, so der Verfasser, zeige sich auf verschiedenen sprachlichen Ebenen: Auf der Ebene der Lexik wird der Autorschaftsstil deutlich durch die Benennungspraxis (Benennungsvielfalt durch die Verwendung von Neologismen), auf der Ebene der Syntax zeigt er sich durch syntaktische und textuelle Verkürzungen, und schließlich auf der Ebene der sprachlichen Variation tritt er durch den Bezug auf Dialekte und den Dialektgebrauch in Erscheinung.

Horn erhebt den Anspruch, dass seine Analysen aus linguistischer Perspektive erfolgen und dementsprechend verwendet er zur Analyse des Sprachmaterials linguistisches Vokabular. Dies wird jedoch nicht immer klar umrissen oder theoretisch verortet. Unklar bleibt zum Beispiel der von ihm verwendete Textsortenbegriff, den er synonym zum Terminus Gattung gebraucht. Darüber hinaus wird nicht ganz deutlich, welchen Stilbegriff er seiner Analyse zugrunde legt. Theoretisch nicht hergeleitet bzw. nicht reflektiert werden der Dialekt- bzw. der Mundartbegriff. So wird nur implizit thematisiert, auf welchen sprachstrukturellen Ebenen sich Mundart bzw. Dialekt bei Kerr manifestieren bzw. auf welche Ebenen er genau Bezug nimmt, wenn er in seinen Schriften den Dialektgebrauch erörtert oder gar Dialektgebrauch im Medium der Schrift imitiert. Horn begründet den Dialektgebrauch zur Realisierung des „Stil-Traums“ damit, dass Kerr „an den Dialekten vielmehr neue, letztlich unmittelbarere Ausdrucksmöglichkeiten [faszinierten] […]. Vor allem sah er in den Dialekten eine Urtümlichkeit und damit Natürlichkeit aufgehoben, derer die Standardsprache entbehre“ (S. 277). Horn spricht von der „inszenierte[n] Instrumentalisierung des Dialektgebrauchs“ (S. 287). Dabei handele es sich nicht um authentisches Sprachmaterial, das Kerr in Theaterkritiken einsetzt, sondern um Nachahmungen von Dialektgebräuchen. Inszenierung von Dialekt liegt nach Horn vor, wenn für den Dialektgebrauch in ästhetischen Texten plädiert wird (vgl. S. 285) und diese Forderung mittels dialektaler Ausdrücke in den eigenen Schriften umgesetzt wird, um zu ironisieren oder zu kritisieren (S. 286). Dialekt wird damit nicht mehr spontansprachlich gebraucht, sondern strategisch eingesetzt, und damit wird imitierter Dialekt im Rahmen der Schriften Kerrs zu einem kritischen Instrument. Nicht ganz plausibel ist die These Horns, dass „Alfred Kerr […] die verschiedenen Dialekte in ihrer reichen Verwendungsvielfalt und Ausdrucksfülle [nutzte]“ (S. 287). Nicht ganz nachvollziehbar ist diese These deswegen, weil sich die dialektale Ausdrucksfülle in erster Linie im mündlichen Sprachgebrauch u. a. gerade auch durch Prosodie zeigt, was durch eine ästhetisch intendierte Verschriftlichung (ohne Anmerkungen zur Prosodie) sicher nicht eingefangen werden kann. In diesem Zusammenhang hätte sich die Leserin eine theoretische Erörterung des Phänomens der Dialektinszenierung gewünscht.

Die einzelnen Analysen sprachkritischer Äußerungen durch den Verfasser fallen unterschiedlich aus, was zum einen durch den Gegenstand begründet ist. Zum anderen aber gewinnt man den Eindruck, dass der Verfasser der vorliegenden Arbeit nicht immer deutlich genug zwischen Sach- bzw. Personenkritik und Sprachkritik bei Kerr unterscheidet. Dies zeigt sich u. a. im Kapitel zur Journalismuskritik, wenn es um die Kritik an Max Reinhardt geht (vgl. z. B. Kapitel 3.3).

Fazit

Bisherige linguistische Arbeiten zum Themenbereich Sprachkritik sind zu einem Großteil in den Bereichen öffentliche Kommunikation (insbesondere öffentlich-politischer Sprachgebrauch), Sprache und neue Medien oder Sprachdidaktik zu verorten (vgl. Dieckmann 2012; Kilian, Niehr & Schiewe 2010; Arendt & Kiesendahl 2011, 2015). Sie beziehen sich eher selten auf Sprachkritik im Kontext feuilletonistischen, publizistischen oder ästhetischen Schreibens, so dass die vorliegende Dissertationsschrift Brücken zwischen Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft schlägt und diesbezüglich eine Lücke füllt.

Das Anliegen der Arbeit, aus linguistischer Perspektive Kerrs sprachkritische Reflexionen und das den Reflexionen zugrunde liegende Sprachkonzept zu analysieren, wurde vom Verfasser eingelöst. Es hätte stellenweise aber durchaus etwas deutlicher konturiert werden können, indem z. B. die unterschiedlichen sprachlichen Ebenen, auf denen Sprachkritik realisiert werden kann, sowie die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen Sprachkritik erfolgt, ausführlicher vorgestellt worden wären. Ansätze dazu sind in der Einleitung der Dissertationsschrift gegeben, sie werden allerdings nicht systematisch im Laufe der Arbeit aufgegriffen. Mit einer systematischen Erfassung von (linguistischer) Sprachkritik hätte deutlicher gezeigt werden können, dass die Sprachkritik als Untersuchungsfeld ein vielgestaltiger Bereich ist, der ausgesprochen komplex ist, eben weil sie aus verschiedenen Perspektiven erfolgt.

Trotz der genannten Kritikpunkte handelt es sich insgesamt um eine gut lesbare, klar strukturierte Arbeit, die an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft anzusiedeln ist. Ihr kommt das Verdienst zu, zwischen zwei Bereichen, die sich im Laufe der Zeit auseinander entwickelt haben, verbindend zu wirken, indem der gemeinsame Gegenstand – die Sprache – in das Zentrum der Beschreibung gerückt wird. Durch die Analyse der Sprachthematisierungen und sprachkritischen Äußerungen Kerrs zeigt Horn, welche kulturelle, ästhetische, politische sowie gesellschaftliche Rolle Sprache zukommt.

Literatur

  • Arendt, Birte & Jana Kiesendahl (Hg.). 2011. Sprachkritik in der Schule. Theoretische Grundlagen und ihre praktische Relevanz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Arendt, Birte & Jana Kiesendahl. 2015. Sprachkritische Kommentare in der Forenkommunikation – Form, Funktion und Wirkung. In: Jörg Bücker, Elke Diedrichsen & Constanze Spieß (Hg.). Perspektiven linguistischer Sprachkritik. Stuttgart: ibidem, 159–198.

  • Bücker, Jörg, Elke Diedrichsen & Constanze Spieß (Hg.). 2015. Perspektiven linguistischer Sprachkritik. Stuttgart: ibidem.

  • Dieckmann, Walther. 2012. Wege und Abwege der Sprachkritik. Bremen: Hempen.

  • Kilian, Jörg, Thomas Niehr & Jürgen Schiewe. 2010. Sprachkritik. Ansätze und Methoden der kritischen Sprachbetrachtung. Berlin: De Gruyter.

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  • Arendt, Birte & Jana Kiesendahl (Hg.). 2011. Sprachkritik in der Schule. Theoretische Grundlagen und ihre praktische Relevanz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Arendt, Birte & Jana Kiesendahl. 2015. Sprachkritische Kommentare in der Forenkommunikation – Form, Funktion und Wirkung. In: Jörg Bücker, Elke Diedrichsen & Constanze Spieß (Hg.). Perspektiven linguistischer Sprachkritik. Stuttgart: ibidem, 159–198.

  • Bücker, Jörg, Elke Diedrichsen & Constanze Spieß (Hg.). 2015. Perspektiven linguistischer Sprachkritik. Stuttgart: ibidem.

  • Dieckmann, Walther. 2012. Wege und Abwege der Sprachkritik. Bremen: Hempen.

  • Kilian, Jörg, Thomas Niehr & Jürgen Schiewe. 2010. Sprachkritik. Ansätze und Methoden der kritischen Sprachbetrachtung. Berlin: De Gruyter.

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