Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details

Nicolaus Copernicus Gesamtausgabe

[Nicolaus Copernicus: Complete Edition]

Ed. by Folkerts, Menso / Nobis, Heribert M. / Kirschner, Stefan / Kühne, Andreas

    Overview

    Aims and Scope

    Herausgegeben von Heribert M. Nobis, Menso Folkerts, Stefan Kirschner und Andreas Kühne

    Die neue, kritische und kommentierte Gesamtausgabe der Werke von Nicolaus Copernicus erscheint seit 1973. Das Editionsprojekt, ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs gestartet, war in der Nachkriegszeit zum Erliegen gekommen. Nur die ersten beiden Bände dieser ersten Edition konnten erscheinen. Allerdings hinterließen die Copernicus-Forscher Franz und Karl Zeller sowie Hans Schmauch Vorarbeiten für weitere Bände, die der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ins Leben gerufenen Copernicus-Forschungsstelle zur Verfügung gestellt wurden. Seit 1989 befindet sich diese Forschungsstelle im Institut für Geschichte der Naturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München.
    Herausgeber der Gesamtausgabe sind Heribert M. Nobis, Menso Folkerts, Stefan Kirschner und Andreas Kühne.
    In Zusammenarbeit mit der Copernicus-Forschungsstelle der Polnischen Akademie der Wissenschaften wurde in München ein zentrales Copernicus-Archiv aufgebaut.

    Zum Index zu Band II der Nicolaus Copernicus Gesamtausgabe (De revolutionibus. Libri sex. Kritischer Text. Besorgt von Heribert Maria Nobis und Bernhard Sticker. Hildesheim 1984)

    Zur Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften der Universität Hamburg

    Zum Historischen Seminar der Ludwig Maximilians Universität München

    Details

    AKADEMIE VERLAG

    Work Overview

    More ...

    Comments (1)

    Please log in or register to comment.
    Log in
    • Einige Anmerkungen zu Felix Schmeidlers „Inhaltlicher Kom-mentierung des Hauptwerks von Copernicus“ (Nicolaus Coper-nicus Gesamtausgabe, Band III/1, 1998). Von Ed Dellian, Berlin. Vorbemerkung: Die 1973 begonnene, bis heute nicht abgeschlossene „Nicolaus Copernicus Gesamt-ausgabe“ soll das Werk des Nicolaus Copernicus vollständig dokumentieren und er-läutern. In Band III/1 (erschienen 1998) hat sich der Astronom Felix Schmeidler (1920-2008) dazu das Ziel gesetzt, das sogenannte „Hauptwerk“ des Copernicus „durch Erklärungen für heutige Leser verständlich zu machen“ (so zu lesen im Vor-wort Felix Schmeidlers, datiert August 1998). Aber schon im ersten Satz wird der Leser irritiert. Es heißt da einleitend: „Coper-nicus wird viel gerühmt, doch selten gelesen. Mit diesen Worten hat Fritz Rossmann das Vorwort seiner 1948 erschienenen Edition des Commentariolus eingeleitet. Er hat diese Tatsache wohl mit Recht darauf zurückgeführt, dass das Hauptwerk von Copernicus stark mit Mathematik beschwert und nur eindringlichem Studium zugäng-lich ist“. Wer, so fragt der Leser, ist Fritz Rossmann? Was ist der „Commentariolus“? Ist es das „Hauptwerk“ des Copernicus, von dem anschließend die Rede ist? Schmeidler wendet sich offensichtlich, entgegen seiner behaupteten Absicht, an ein Fachpublikum, das Fritz Rossmann als Astronomen des 20. Jahrhunderts, und das den Commentariolus als ein kleines, dem Copernicus zugeschriebenes Büchlein kennt, welches keineswegs dessen Hauptwerk ist, sondern ihm vorausging. Der Stil dieser Einleitung ist philologisch, essayistisch und von geisteswissenschaftlichem Bil-dungsanspruch geprägt. Der Autor biedert sich mit einem Nebensatz bei denen an, die mit Mathematik wenig Freude haben, so dass gleich hier das Motto desavouiert wird, welches dem Hauptwerk, um das es gehen soll, voran steht. Es ist der griechi-sche Spruch, der nach der Überlieferung über dem Eingang zu Platons Akademie in Athen zu lesen war; frei übersetzt: Zutritt nur für Mathematiker! Copernicus bekräftigt das, indem er an anderer Stelle betont, er habe als Mathematiker für Mathematiker geschrieben. An den Kommentator schmeidler richtet sich deshalb die Frage: Wie kann ein „stark mit Mathematik beschwertes“, für Mathematiker geschriebenes Werk dem Nichtmathematiker verständlich gemacht werden? Die Frage bleibt unbeant-wortet. Ich denke, dass die Schmeidlersche Kommentierung ihr Ziel verfehlt hat, und will das nachfolgend im Einzelnen zeigen. 1. In Schmeidlers „Einleitung“ (im Anschluss an das erwähnte Vorwort) sind 12 „Grundsätze“ angeführt, nach denen der Kommentator bei seiner Arbeit vorgegangen sein will. Dazu ist Folgendes anzumerken: 1.1. In Punkt 1 teilt Schmeidler mit: „Im Prinzip wurde der Band II/1 der Nicolaus Co-pernicus Gesamtausgabe von 1984 kommentiert. Es sind aber auch Bemerkungen zu den früher erschienenen Kommentaren eingefügt worden, wo das ... als zweck-mäßig erschien“. Der erste Satz ist missverständlich: Schmeidler will doch nicht einen Band der Ni-colaus Copernicus Gesamtausgabe kommentieren, sondern ein Werk des Coperni-cus. Der Autor setzt stillschweigend voraus, dass der Leser weiß: Der genannte Band II/1 enthält den lateinischen Originaltext des 1543 in Nürnberg gedruckten, Co-pernicus zugeschriebenen Werkes „De revolutionibus orbium coelestium“. Schmeidlers zweiter Satz deutet an, dass er frühere Kommentierungen nach Gut-dünken teils herangezogen, teils ignoriert hat. Welche Teile das betrifft und welche Überlegungen den Kommentator dabei geleitet haben, erfährt der Leser nicht. Der Kommentator erklärt im Weiteren, er habe auch „Unklarheiten des Original-manuskripts durch Bemerkungen erläutert“. Was das konkret heißen soll, bleibt of-fen. Zwar erfährt man hier (eher beiläufig), dass es überhaupt ein Manuskript gibt, und dass da „Unklarheiten“ bestehen. Aber welche? Und mit welchem Maßstab er-kennt sie der Kommentator? Hält er womöglich das Druckwerk für verlässlicher als das Manuskript? 1.2. In Punkt 6 liest man, dass „sprachliche Unterschiede oder Änderungen nicht kommentiert“ wurden, wenn sie „sachlich unwesentlich waren“. Das bezieht sich wohl auf Unterschiede zwischen Manuskript und Druckwerk. Aber was ist hier, und nach welchem Maßstab, „sachlich unwesentlich“, was nicht? 1.3. Laut Punkt 8 hat der Kommentator „Einfügungen und Streichungen nicht kom-mentiert, wenn sie nur geringfügig abweichende Formulierungen waren“ (gemeint ist: „zur Folge hatten“). Auch hier geht es vermutlich um Differenzen zwischen dem Manuskript und dem Druckwerk. Wiederum ist die Frage: Was heißt „geringfügig“? Bei Streichungen (im Manuskript) müsste mindestens untersucht werden, wer sie mit welcher Intention vor-genommen hat: Copernicus selbst? 2. Auf die „Einleitung“ folgt Kapitel 1 der Kommentierung mit der Überschrift „Die Ent- stehungsgeschichte von „De revolutionibus“. Aus dem Text Felix Schmeidlers geht aber ein entscheidender Aspekt dieser Ge-schichte nicht hervor: 2.1. Der Kommentator behandelt als „Hauptwerk“ des Copernicus das 1543 im Druck erschienene Buch mit dem Titel „De revolutionibus orbium coelestium“. Entstanden ist dieses Druckwerk aber in Nürnberg ohne Mitwirkung des Copernicus, der, alt und krank, im fernen Frauenburg lebte. Zugrunde lag dem Druck auch nicht ein Auto-graph des Copernicus, sondern eine Handschrift von Rheticus, angefertigt als angeb-liche Abschrift des Autographs. Diese Abschrift ist verloren. Ob sie das Autograph korrekt wiedergab, weiß man also nicht. Da aber das dreihundert Jahre lang eben-falls verloren geglaubte Autograph ca. 1840 aufgefunden wurde und seither bekannt ist, lässt sich feststellen, dass es in einer Vielzahl von Fällen nicht mit dem Druck-werk von 1543 übereinstimmt. Das dürfte dann auch für die Vorlage dazu gelten. Was also ist das wahre „Hauptwerk“ des Copernicus? Das bleibt hier unbeant-wortet. Für den Kommentator ist es gar keine Frage, als „Hauptwerk“ das gedruckte Buch von 1543 anzusehen, obwohl doch das Autograph (in der Handschrift von Co-pernicus) dem Autor gewiss sehr viel näher steht. 2. 2. Felix Schmeidler untersucht hier im wesentlichen, „wie das Hauptwerk von Co-pernicus zeitlich entstanden ist“. Er stellt dazu die Frage: „Wann hat Copernicus die erste Anregung erhalten, an das heliozentrische Weltbild zu denken?“ Diese Fragestellung ist aufschlussreich. Sie zeigt: Der Kommentator hält von vornherein Copernicus für den Vertreter eines „heliozentrischen“ Weltsystems, d. h. eines Systems, in dem der Mittelpunkt der Sonne der ruhende zentrale Mittelpunkt der Umlaufbewegungen ist. Diese „Zentralkörperhypothese“ ist aber bekannterma-ßen nicht die Grundlage der Copernicanischen Kosmologie. Setzt man sie – wie der Kommentator – dennoch voraus, so verführt sie zu groben Interpretationsfehlern, wie im einzelnen zu zeigen ist: 2.2.1. Felix Schmeidler ignoriert mit seiner Hypothese den „Commentariolus“ des Co-pernicus. Dort heißt es in der „tertia petitio“, dass der Mittelpunkt der Umlaufbewe-gungen, den Copernicus den Mittelpunkt der „Welt“ nennt, nahe beim, aber keines-wegs im Mittelpunkt der Sonne liegt: „Circa Solem esse centrum mundi“. Schmeidler ignoriert auch, dass man dieselbe Formulierung in dem Druckwerk von 1543 findet, in Buch I Kapitel 10: „Circa (Solem) ipsum esse centrum mundi“. Im Widerspruch zu dieser eindeutigen Position des Copernicus setzt der Kommentator stets voraus, die-ser habe die Sonne in den Mittelpunkt des Systems gestellt. Als Folge seines Miss-griffs interpretiert Schmeidler z. B. auf S. 19 die Schwerkraft irrig (gegen Newton!) als „Eigenschaft“ der Himmelskörper und zieht daraus den weiteren falschen Schluss, „dass die Sonne das unbewegte Zentrum der Bahnen der Planeten ist“. Freilich muss er gleich anschließend einräumen, dass diese hypothetische Vor-aussetzung, sobald man die mathematischen Details der Copernicanischen Lehre untersucht, gar nicht erfüllt ist. Anstatt aber folgerichtig die Zentralkörper-Hypothese als falschen Ausgangspunkt der Kommentierung zu erkennen und zu verwerfen, fa-buliert Schmeidler, Copernicus habe diese Hypothese lediglich „in der Ausarbeitung der Einzelheiten seiner Lehre nicht in voller Strenge beibehalten können“, so dass er stattdessen ad hoc die Annahme eingeführt habe, „dass der Mittelpunkt der Bahnen der Planeten ein wenig außerhalb der Sonne liegt“. Nun ist aber die angebliche ad-hoc-Annahme das Gegenteil der heliozentrischen Hypothese, die Schmeidler dem Copernicus a priori unterstellt. Es ist nicht nachvoll-ziehbar, dass Copernicus mitten in seinem Werk seine Position in dieser entschei-dend wichtigen Frage um 180 Grad verändert haben soll, ohne das weiter zu erläu-tern. In Wahrheit enthüllt Schmeidlers richtige Feststellung, wonach in Copernicus’ System „der Mittelpunkt der Bahnen ein wenig außerhalb der Sonne liegt“, dass es sich eben nicht um ein „heliozentrisches“ System handelt. Das haben schon viele an-dere so bemerkt (Dijksterhuis 1950; Arthur Koestler 1959; Noel M. Swerdlow 1976). Die Wahrheit ist: Copernicus hat niemals und nirgends je den Terminus „heliozen-trisch“ verwendet oder ein solches „heliozentrisches“ System vertreten. Wer das den-noch behauptet, wird wie Felix Schmeidler (nicht nur) durch die besagten „Einzel-heiten“ eines Besseren belehrt. Übrigens widerspricht sich Schmeidler hinsichtlich der Zentralkörper-Hypothese auch selbst. Auf S. 87 (zu P. 19,27) schreibt er nämlich ganz richtig: „Das Wort ‚circa’ beweist, dass Copernicus sich darüber klar war, dass die Sonne nicht genau im Zen-trum der Bahnen der Planeten steht. Diese Tatsache war später für Kepler ein ent-scheidender Grund, die copernicanische Lehre für verbesserungsbedürftig zu hal-ten“. In der Tat, so ist es. Keplers „Verbesserung“ bestand darin, die Sonne entschie-den als Zentrum des Systems anzunehmen, was sie bei Copernicus eben nicht ist. Man sieht hier, wie wichtig dieser Punkt für die Entwicklung der Astronomie war bzw. ist: Nicht Copernicus, sondern Johannes Kepler ist der wahre Begründer des moder-nen Heliozentrismus. Das teilt der Kommentator, wie gezeigt, zwischen den Zeilen selbst mit. Dennoch bleibt er dabei, die Lehre des Copernicus doch immer wieder ge-gen die historische und systematische Wahrheit als „heliozentrisch“ zu bezeichnen und falsch zu beschreiben, indem er (unter Missachtung aller mechanischen Prinzi-pien) die Ruhestellung der Sonne im Mittelpunkt dieses Systems behauptet. 2.2.2. Felix Schmeidler missdeutet die Beziehung, die zwischen der Lehre des Co-pernicus und derjenigen des Pythagoreers Philolaos von Kroton besteht. Von Philola-os weiß man, dass er das Sonnensystem als rotierendes Vielkörpersystem be-schrieb, in dem alle Planeten, aber auch Sonne und Erde um ein immaterielles Zen-trum kreisen. Philolaos’ Bezeichnung für dieses Zentrum übersetzen manche mit „Zentralfeuer“, andere als „Herd des Kosmos“. Copernicus bezieht sich mehrfach und ohne Einschränkung auf diese Lehre. Der Kommentator Schmeidler, da er Copernicus irrig die Hypothese vom ruhen-den Zentralkörper Sonne unterstellt, bemerkt nun, dass Philolaos dieses Konzept gar nicht teilt – und kommt so zu dem Fehlurteil, Copernicus habe sich „zu Unrecht“ auf Philolaos bezogen (S. 183 Zeile 14 v. u.; S. 187 Zeile 4 v. u.). Freilich: Ohne sein Vor-Urteil hätte Schmeidler sehen können, dass Copernicus, eben weil auch er, ge-nau wie Philolaos, das Zentrum des Systems nicht im Mittelpunkt der Sonne sah, sich völlig zu Recht auf diesen Pythagoreer stützt, ja, dass Copernicus’ mehrfache Bezugnahme auf Philolaos die Übereinstimmung beider Lehren in diesem wesentli-chen Punkt geradezu bestätigt. Diese Feststellung ist für das Verständnis der gesam-ten Wissenschafts- und Kulturgeschichte der Menschheit seit 2500 Jahren von über-ragender Bedeutung. Sie lehrt, dass uraltes Wissen von der wahren Verfassung des Weltsystems vor Jahrtausenden schon existierte, verloren ging, aber wiedergefunden werden kann und wiedergefunden wurde – gerade auch von Copernicus. Dass Schmeidler sich selbst auch hier widerspricht, indem er dieser letzteren Sicht-weise dann auf S. 77 (zu P. 4,37) zustimmt, macht die Sache nicht besser. Er schreibt hier in offenem Widerspruch zu dem, was man auf S. 183 und 187 liest, Co-pernicus berufe sich „mit Recht“ (!) auf Philolaos, „weil dieser annahm, dass sich in der Mitte der Welt ein Zentralfeuer befinde, um das die Erde, die Sonne und die an-deren Planeten kreisen“. Wie man sieht, entzieht Schmeidler hier seiner Zentralkörper-Hypothese und zu-gleich damit seiner wiederholten Behauptung, Copernicus lehre ein „heliozentrisches System“, eigenhändig den Boden! 3. Schmeidlers Kommentierung behandelt in Kapitel 3 „Die bisherigen Kommentare“. Der Leser versteht nicht recht, weshalb der Autor eine Kommentierung bereits exis-tierender Kommentierungen für nötig hält, wenn er doch „das Hauptwerk des Coper-nicus“ selbst kommentieren will. Auffällig ist: Schmeidler kommentiert die Arbeiten seiner Vorgänger überaus kursorisch. Er geht nirgends wirklich ins Detail und füllt seinen eher philologisch-essayistischen Text mit bloßen unwissenschaftlichen Mut-maßungen, autoritativen Pauschalurteilen und Leerformeln an (Beispiele: S. 9 Mitte: „Es ist denkbar (!), dass Rheticus hoffte …“; „es dürfte ihm bekannt gewesen sein (!), dass …“. S. 10 oben: „Es kann mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass …; S. 10 unten: „Nobis hat die Vermutung (!) geäußert, dass …“; S. 11 oben: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass …“; S. 11 Mitte: „Im Ganzen ist der Kommentar für die Dinge, die darin behandelt sind, sehr nützlich und lesenswert“; dann aber so-gleich im Anschluss: „Die Vollständigkeit und Systematik des Kommentars von Bara-nowski lässt jedoch mancherlei (?) Wünsche (?) offen“. S. 14 Mitte: „Manche (? Wel-che?) der kulturgeschichtlichen Parallelen, die Rosen sah, sind sehr spekulativ und wenig plausibel. … Es sind Rosen auch gelegentlich sachliche Missverständnisse (welche?) und Rechenfehler (welche?) unterlaufen“. Dennoch bezeichnet Schmeidler (S. 14 unten) „den Kommentar von Rosen als den besten, der in der bisherigen Lite-ratur erschienen ist“. Gleich anschließend freilich stellt er eine Arbeit von Swerdlow und Neugebauer vor, die „für jeden, der die mathematischen Verfahren von Coperni-cus in allen Einzelheiten verstehen will, von unschätzbarem Wert“ (!) sei. 4. Kapitel 4 endlich enthält – so die Überschrift - Schmeidlers „Inhaltliche Kommen-tierung des Hauptwerks von Copernicus“. Ich beschränke meine Kritik auf die erste Seite (S. 17 des Buches), weil sie charakteristisch für den Stil und die Mängel des gesamten Schmeidlerschen Kommentars ist. 4.1. Unter der Abschnitts-Überschrift „Buch 1“ behandelt Schmeidler zunächst nicht das Buch I von „De revolutionibus“, sondern einige Unterschiede zwischen diesem und dem Autograph. Was von beidem „kommentiert“ werden soll, bleibt hier unklar, zumal der Leser den kommentierten Text hier nicht vor Augen hat. Diese Anlage des Werkes (zu kommentierender Text in Band II, Kommentar in Band III der Gesamtaus-gabe) macht einen wesentlichen Mangel aus und ist verantwortlich dafür, dass die sogenannte Kommentierung sich weithin in essayistischen Wiederholungen des Ur-sprungstextes erschöpft. 4.2. Abs. 3 beginnt mit dem Satz: „Das erste Kapitel von Buch I begründet die Mei-nung, dass die Welt die Gestalt einer Kugel hat“. Die Aussage ist irreführend. 4.2.1. Copernicus lässt keinen Zweifel, dass er nicht „Meinungen“ begründet, son-dern den Anspruch hat, objektiv die „wahre Verfassung“ des Weltsystems zu be-schreiben. Das wird in der gesamten Copernicus-Literatur richtig so gesehen. Schmeidler aber verwischt und unterdrückt mit seiner Formulierung die elementare Differenz des Copernicanismus zu der subjektivistisch-relativistischen, anthropozen-trischen Weltanschauung, die nur Meinungen kennt, aber keine objektive Wahrheit. 4.2.2. Was meint Copernicus mit der „Welt“, die die Gestalt einer Kugel hat? Das hät-te ein Kommentar wohl aufzuklären. Schmeidler aber lässt den Leser mit dieser Fra-ge allein. 4.2.3. Zwar fährt der Kommentator hier fort, indem er die „Lehre von der Kugelgestalt des Himmels“ anführt – freilich wiederum, ohne zu erklären, was denn in diesem Zu-sammenhang der „Himmel“ sein soll. 4.2.4. Im Weiteren kommt Schmeidler auf die „Tatsache, dass die Erde eine Kugel ist“, zu sprechen. Was hier und im Ganzen fehlt, ist Aufklärung darüber, dass und weshalb die Kugelgestalt von „Welt“, „Weltall“, „Himmel“ und „Erde“ relevant sein soll für die anschließende These von der Kreisförmigkeit der Bahnen aller Bewegungen im (gleichfalls von Schmeidler nicht näher erläuterten) „Weltall“. 4.2.5. Schmeidler behauptet, die Forderung kreisförmiger Bahnen im Weltall folge ei-ner „von Aristoteles als Dogma aufgestellten Meinung“. Unerwähnt lässt er, dass dasselbe „Dogma“ von anderen Autoren ausdrücklich Platon zugeschrieben wird, aber auch, dass die Kreisform keineswegs nur „Meinung“ und „Dogma“ ist, sondern eine (vor Jahrtausenden schon erkannte) sehr einfache, sinnfällige und notwendige, weil aus den mechanischen Gesetzen folgende Konsequenz gleichförmiger Bewe-gungen um einen Mittelpunkt (Beispiel Rad), wie Copernicus sehr wohl weiß (man vergleiche die Bemerkung am Ende von Buch I Kapitel 5 über die Umlaufgeschwin-digkeiten um einen Mittelpunkt, der unbewegt bleibt, während die Dinge in seiner Umgebung ihn mit von innen nach außen zunehmender Geschwindigkeit umkreisen). 4.2.6. Schmeidler schreibt: „Es ist bezeichnend, dass Copernicus die Kreisförmigkeit der Bahnen im Weltall … ausführlich begründet hat“. Aber: Wofür ist das „bezeich-nend“? Die Frage bleibt offen. Tatsächlich ist die häufige Verwendung solcher flos-kelhafter Leerformeln „bezeichnend“ für den essayistischen Stil des Kommentators. 4.2.7. Schmeidler führt Copernicus’ Festhalten an der Kreisförmigkeit der Bahnen da-rauf zurück, dass „wegen der geringen Genauigkeit der Messinstrumente keine Grün-de bestanden, die Kreisförmigkeit der Bahnen im Weltall zu bezweifeln“. Dieser Kommentar ist eine für Schmeidler typische, willkürlich ad hoc erfundene Begründung einer unhaltbaren Hypothese, die behauptet, dass die Bahnen in Wirk-lichkeit nicht genau kreisförmig seien. Dem steht entgegen: Erstens folgt die Kreisförmigkeit der Bahnen um den Mittel-punkt aus zwingenden mechanischen Gesetzen; Abweichungen von der Kreisform in Richtung elliptischer Bahnen ergeben sich, wie Newton gezeigt hat, nur dann, wenn man die Bewegungen nicht auf den geometrischen Bahnmittelpunkt bezieht, sondern auf die dazu exzentrisch stehende Sonne (Kepler). Zweitens kann von einer „gerin-gen Genauigkeit der (damaligen) Messinstrumente“ in dieser pauschalen Weise kei-ne Rede sein. Vielmehr erstaunt den heutigen Leser die generelle Präzision der da-maligen Messungen immer von neuem. Selbst die Präzisionsmessungen Tycho Bra-hes, mit denen Kepler dann die Ellipsenform der Bahnen um die Sonne (!) erkannte, waren mit keinen anderen Messinstrumenten gewonnen worden, als denen, die auch 50 Jahre davor zu Copernicus’ Zeit schon in Gebrauch waren. 4.3. Im letzten Absatz auf S. 17 erwähnt Schmeidler das für die Bewegungslehre und die Astronomie, aber auch für die weltanschaulichen Konsequenzen des Copernica-nismus entscheidend wichtige Problem, „dass jede Bewegung von relativer Natur ist. Es kann entweder der eine oder der an-dere beteiligte Körper bewegt sein. Folglich müsse geprüft werden, ob alle am Him-mel beobachteten Bewegungen wirklich stattfinden, oder ob sie teilweise dadurch zu-stande kommen, dass auch die Erde bewegt ist“. Ob und wie diese Unterscheidung möglich ist, teilt Schmeidler nicht mit. Er ver-schweigt, dass Copernicus, weil wahre Bewegung nicht anders, als relativ zu wahrer Ruhe festgestellt werden kann, richtig den als unbeweglich, d. h. ruhend angenom-menen „Himmel“ zum „Bezugssystem“ wählt, ganz so, wie Isaac Newton 150 Jahre später (cum grano salis) den Fixsternhimmel. Copernicus’ Lehre widerlegt also das von Aristoteles herrührende „Relativitätsprinzip“ der Bewegung: Danach sollte es nur bewegliche Körper als Bezugssysteme geben, so dass eine Entscheidung, ob der ei-ne oder der andere Körper bewegt ist, generell unmöglich wäre (Ernst Mach als dog-matischer Relativist begründete 1883 mit diesem Dogma seine reaktionäre Behaup-tung, die aristotelisch-ptolemäische Auffassung, wonach die Erde ruht, und die Co-pernicanische Lehre von der bewegten Erde seien „gleich richtig“!). Felix Schmeidlers oberflächlicher und deshalb wissenschaftlich unqualifizierter Kommentar ignoriert die weltanschauliche Relevanz der Bewegungslehre: Kann der Mensch die objektive Wirklichkeit und Wahrheit erkennen? Der Kommentator sieht nicht, dass hier eine anthropozentrisch-skeptizistische Ideologie gegen den kosmi-schen Wahrheitsanspruch des Copernicus bzw. der Wissenschaft überhaupt steht, und dass Copernicus mit der Erkenntnis der Realität eines absolut ruhenden Bezugs-systems der Bewegung die Frage (ebenso wie Newton 150 Jahre später) zugunsten der Wahrheitsfähigkeit des Menschen klärt, weil mit diesem ruhenden Bezugssystem die Unterscheidung von wirklich und scheinbar möglich und die Wahrheit erkennbar wird. So bleibt der eingangs (S. VII) erhobene Anspruch Schmeidlers, „dieses monu-mentale Werk durch Erklärungen für heutige Leser verständlich zu machen“, auch an dieser entscheidenden Stelle uneingelöst. Zusammengefasst: Schmeidlers sogenannter Kommentar zum Hauptwerk des Copernicus ist im We-sentlichen ein philologischer Essay, geschrieben aus der subjektiven Perspektive dieses Autors, belastet mit offen widersprüchlichen Aussagen zu zentralen Proble-men der Astronomie und der Wissenschaft überhaupt. Die Arbeit ist aus den vorste-hend im einzelnen dargelegten Gründen nicht geeignet, den Leser zuverlässig über den Inhalt der authentischen Lehre des Copernicus zu informieren. Ed Dellian, Berlin, 31.12.2018/01.01.2019

      posted by: Ed Dellian on 2019-01-02 12:16 PM (Europe/Berlin)